Titel: Ueber Mitisguss.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 285/Miszelle 3 (S. 119–120)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj285/mi285mi05_3

Ueber Mitisguss.1)

Im Berliner Verein der Maschineningenieure beantwortete – nach dem Vereinsorgan – der Eisenbahnbauinspector W. Kuntze einige Anfragen über Mitisguss wie folgt:

Die Eigenschaften des durch ein Tiegelschmelzverfahren hergestellten Materials entsprechen der Formgebung nach am meisten dem Rothguss, es ist beim Giessen so geschmeidig, dass es auch zierliche Formen gut ausfüllt und die gegossenen Stücke scharfe Abmessungen besitzen. Entsprechend der angewendeten hohen Wärme ist das Schwinden und Nachsaugen sehr erheblich. Die sonstigen Eigenschaften entsprechen genau denjenigen des Schmiedeeisens. Der gegossene Stab zeigt in der Bruchfläche grob krystallinisches Korn und ist bei der Bearbeitung ausserordentlich weich, er lässt sich mit Feile und Meissel leicht bearbeiten, da die sonst bei gegossenen, geschmiedeten oder gewalzten Stücken vorhandene härtere Oberflächenhaut fehlt. Ausserdem erträgt er jede Bearbeitung mit dem Hammer, man kann ihn kalt ausrecken, zur Feder abhämmern, auch wie Nieteisen zusammenstauchen. Warm gemacht, ist die Dehnbarkeit des Mitisgusses unbegrenzt, die Schweissbarkeit gleich der des leicht schweissbaren Eisens. Die Festigkeit gegossener Stäbe ist etwa 26 k/qcm, die Dehnung etwa 5 Proc. die Contraction etwa 20 Proc. Schmiedet man das Material unter dem Hammer warm aus, so nehmen jene Eigenschaften ganz bedeutend zu. Man kann eine Bruchfestigkeit von 40 k, eine Dehnung von 20 Proc. und eine Contraction von 50 Proc. ohne Schwierigkeit erreichen, also etwa die gleichen Zahlen, die für bestes zähestes Schweisseisen gelten. Erfahrungen über die Brauchbarkeit des Mitisgusses liegen insofern vor, als die königl. Eisenbahndirection für die Werkstätten in Berlin, Frankfurt und Guben in grösserer Menge Mitisgussgegenstände bezogen hat. Es mögen zur Zeit etwa 14000 Gusstücke im Gewicht von mehr als 13000 k und zum Preise von etwa 12000 M. zur Anlieferung gekommen sein. Da der Preis für die Gewichtseinheit noch hoch ist, konnten mit Vortheil nur kleinere Stücke bestellt werden, die sich ihrer schwierigen Herstellung wegen im Schmiede verfahren zu theuer und als Temperguss zu wenig zuverlässig gegen Bruch erwiesen hatten. Der Vortheil liegt hauptsächlich darin, dass, während hohle Gegenstände, nachdem sie voll ausgeschmiedet sind, durch Bohren und Fräsen fertig gestellt werden müssen, Mitisguss jede Form ohne Nacharbeit ergibt. Es wurden z.B. in grösserer Menge beschafft Laternenstützen, Schlosstheile, Dornschlüssel und Zungenkloben für Weichen. Das Material hat sich bis jetzt durchweg als zuverlässig bewährt. Einige kleine Stücke kosteten ungefähr den achten Theil des bisherigen Preises.

Eisenbahndirector Rustemeyer theilte mit, dass in den Personenwagen der Eisenbahndirection Bromberg behufs Heizung mit Dampf flache Rippenheizkörper aus Gusseisen von etwa 600 mm Länge und 250 mm Breite vorhanden seien; diese werden bei einem Wasserdruck von 8 bis 10 at gesprengt. Die bei Einführung der Normalheizung vorgenommene Steigerung des Dampfdrucks liess es wünschenswerth erscheinen, für diese Körper den widerstandsfähigeren Mitisguss zu verwenden. Der erste zur Probe gelieferte Körper konnte wegen poriger Stellen zwar keine Verwendung finden, zeigte im übrigen aber ein gutartiges Material, grosse Zähigkeit und Festigkeit. Bei Prüfung mit Druck traten bis 12 at keine bleibende Durchbiegungen ein, bei 20 at hatte sich der Körper in der Mitte um 11 mm bleibend durchgebogen und erst bei 32 at riss er an mehreren Stellen auf. Abgetrennte Rippen hatten einen glänzenden, grobkörnigen Bruch, der nach dem Ausschmieden fast stahlartig wurde. Das Material ist weich, zähe und lässt sich roth- und weisswarm verarbeiten. Abgetrennte Rippen konnten kalt rechtwinkelig umgebogen werden, ohne Schäden |120| zu zeigen. Der zweite Körper zeigte sich bei der Wasserdruckprobe bei 12 at vollkommen dicht. Der allgemeinen Verbreitung steht der etwas hohe Preis, 0,90 M. für 1 k, entgegen.

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Vgl. 1889 272 400.

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