Titel: Zur Einführung einheitlicher Gewinde in die Feintechnik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 286/Miszelle 2 (S. 166–167)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj286/mi286mi07_2

Zur Einführung einheitlicher Gewinde in die Feintechnik.

Nach einer Mittheilung aus der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt – veröffentlicht in der Zeitschrift für Instrumentenkunde vom October 1892 – soll die auf den September d. J. nach München berufene, aber vereitelte Versammlung von Sachverständigen aus dem Deutschen Reiche, Oesterreich, der Schweiz u.s.w. neuerdings zur Berathung und Beschlussfassung nach München berufen werden; die Berathungen sollen sich auf folgende fünf Punkte erstrecken: 1) Gewindeform, 2) Ganghöhen, 3) Backenbohrer, 4) Bolzenlängen, Köpfe u.s.w., 5) Prüfung und Beglaubigung von Schneid zeugen und von Lehren. Die Reichsanstalt hat den Theilnehmern eine kurze Auseinandersetzung über diese Punkte übersandt, welche wir im Nachfolgenden zum Abdruck bringen mit dem Bemerken, dass die technische Abtheilung der Physikalisch – Technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg Aeusserungen zur Sache von jedem Fachmanne mit grossem Dank entgegennimmt.

1) Gewindeform. Im Juni 1890 ist auf Anregung der Reichsanstalt eine Versammlung von Fachmännern in Frankfurt a. M. zusammengetreten, um Festsetzungen behufs Einführung einheitlicher Befestigungsschrauben in die Feinmechanik und Elektrotechnik zu treffen. Dabei bildete die Gewindeform den Gegenstand eingehender und ausgedehnter Berathungen (vgl. 1891 271 23 191). Gegen die vorgeschlagene scharfe Gangform wandten sich der Vertreter des Vereins deutscher Ingenieure und ein Mechaniker; sie erklärten sich für die abgeflachte Form und machten zu Gunsten ihrer Ansicht geltend, dass bei abgeflachtem Gewinde 1) die schneidenden Kanten der Schneidzeuge widerstandsfähiger seien, 2) der Kern der Schrauben und Bohrer gegen Abdrehen leichter geschützt werden könne. Alle anderen Theilnehmer waren jedoch der Ansicht, dass auch bei dem scharfen Gewinde genügende Festigkeit der Schneidkanten und des Kernes vorhanden sei; zudem erklärten die anwesenden Schraubenfabrikanten, mit beiden Gewinden gleich gut arbeiten zu können; auch führten mehrere Inhaber mechanischer Werkstätten an, dass sie in ihrer Praxis mit dem scharfen Gewinde sehr zufriedenstellende Erfahrungen gemacht hätten. Im Hinblicke auf diese Erwägungen, sowie darauf, dass das scharfe Gewinde leichter messbar ist als jedes andere und hierdurch |167| die Festhaltung der Normalität wesentlich erleichtert wird, entschied man sich mit überwiegender Mehrheit für diese Gangform. Dabei war man der Meinung, dass sich beim Gebrauche der Schneidzeuge eine leichte Abrundung der Gänge bald von selbst einstellen und deshalb sowohl die Bohrer, als die Schrauben des Handels eine schwache Abrundung am Kopfe und am Boden der Gänge zeigen werden.

Nachdem die Frankfurter Versammlung noch den Gangformwinkel von 53° 8', sowie die Reihenfolge der Durchmesser und Steigungen festgesetzt hatte, ersuchte sie die Reichsanstalt, die Anfertigung der nöthigen Normalschneidzeuge einzuleiten. In Folge dessen wurde eine Reihe geeigneter Werkzeugfabrikanten veranlasst, sich mit der Herstellung derselben zu befassen; andererseits liess die Reichsanstalt eine Reihe von Bohrern anfertigen, um sie an einige bedeutende Werkstätten behufs Erprobung abzugeben. Als man nach vielen Schwierigkeiten endlich Anfangs dieses Jahres die Probestücke angefertigt hatte, erhoben gerade diejenigen Fachmänner, welche früher am eifrigsten für die scharfe Gangform eingetreten waren, entschiedenen Widerspruch gegen die nunmehr vorliegenden Gewinde. Sie erklärten, durch den Anblick der fertigen Bohrer in ihrer früheren Meinung erschüttert und zu der Ueberzeugung gelangt zu sein, dass die scharfkantigen Gewinde sich in der Praxis nicht bewähren würden.

Die Reichsanstalt hat betreffs der Einzelheiten der Normen sich von vornherein einer eigenen Stellungnahme enthalten, vielmehr die Entscheidung hierüber den in der Praxis wirkenden Sachverständigen überlassen. Aber, abgesehen davon, dass einige Fachmänner nach wie vor an der scharfen Gangform festhielten, erschien es angesichts der hervorgetretenen Widersprüche auch unzulässig, das einmal Festgesetzte ohne Anstellung objectiv beweisender Versuche aufzugeben. Man liess daher in drei grossen Fabriken mittels scharfgängiger, sowie entsprechend abgerundeter und abgeflachter Bohrer Schneideisen und mit deren Hilfe massenweise Schrauben anfertigen; dabei liess man nun die auf die Herstellung von je 1000 Stück aufgewendete Zeit, die verhältnissmässige Menge des Ausschusses und die Zahl der mit einem Schneideisen gefertigten Schrauben ermitteln. Es ergab sich, dass das scharfgängige Gewinde, wenigstens für Durchmesser bis zu 4 mm abwärts, theurer arbeitet als ein solches mit abgerundeten oder abgeflachten Gängen. In den scharfen Kehlen der Schneideisen setzen sich leicht Späne fest, welche die Gänge zerreissen und so die Schrauben unbrauchbar machen; das Schneideisen wird in Folge der grossen Gangtiefe sehr angestrengt und bricht deshalb bei der Schlankheit seiner Zähne doppelt leicht. Dazu kommt, dass die Arbeit verhältnissmässig langsam fortschreiten kann, auch von den Drehern eine grössere Uebung und Aufmerksamkeit verlangt, als im Durchschnitte vorhanden ist. Zieht man schliesslich noch in Betracht, dass die scharfen Kanten der Schrauben sehr empfindlich sind gegen die bei der Reinigung, Verpackung und Beförderung unvermeidlichen Stösse, so musste man die gegen das scharfe Gewinde erhobenen Einwände als zutreffend anerkennen und zugestehen, dass die Erwartungen, wonach die bei dem Gebrauche der Schneideisen und Bohrer von selbst eintretende Abrundung der Kanten hinreichenden Schutz gegen jene Nachtheile bieten sollte, sich nicht bewahrheitet haben.

Nunmehr lag noch der Ausweg vor, das scharfgängige Gewinde grundsätzlich anzunehmen, aber gewisse Toleranzen für die Gangform bei den Schneidzeugen des Gebrauches festzusetzen, so dass deren Gänge thatsächlich abgerundet werden. Damit würde man aber nicht nur doppelte Normen einführen, sondern es würden auch dann die äusseren Durchmesser der für die Anfertigung der Schneid eisen bestimmten Bohrer, sowie der sämmtlichen Schrauben hinter denjenigen der Normalgewinde um nicht unerhebliche Beträge zurückbleiben, da man darauf bestehen müsste, dass die Summe des Bolzen- und des Kerndurchmessers bei jenen Bohrern denselben Werth hat wie bei dem entsprechenden scharfgängigen Normalgewinde. Bei solcher Sachlage musste man die vorläufigen Normen vom Juni 1890 aufgeben und durch ein weniger tiefes, abgerundetes oder abgeflachtes Gewinde ersetzen. Zwischen diesen beiden hatte sich bei den vorerwähnten Versuchen ein Unterschied nicht gezeigt; das abgeflachte scheint aber den Vorzug zu verdienen, weil seine Bohrer leichter herzustellen, auch in einfacherer Weise auf ihre Normalität zu prüfen sind; dazu tritt, dass mit dessen Annahme ein vollständiger Anschluss an das Gewinde des Vereins deutscher Ingenieure erreicht wird. Legt man die ursprünglichen Normen zu Grunde und vermindert nach dem Vorgange des genannten Vereins die ideale Gangtiefe am Grund und an der Spitze um je ⅛ ihres Betrages, so ergibt sich ein Gewinde, welches sich bei den vergleichenden Versuchen zum Schraubenschneiden, sowie zum Bohren von Muttern brauchbar gezeigt hat.

2) Ganghöhen. Gegen die im J. 1890 festgesetzten Ganghöhen oder Steigungen (a. a. O.) sind nach zwei Richtungen hin Einwände laut geworden. Die stärkeren Gewinde sind als zu grob für viele Zwecke der Feinmechanik, die schwächeren wiederum als zu fein für die Elektrotechnik erachtet worden. Bei kürzlich stattgehabten Berathungen Berliner Fachmänner war man der Meinung, dass der erste Einwand für die allgemeinen Normen ausser Betracht bleiben dürfe, weil nur in wenigen Fällen für die stärkeren Befestigungsschrauben der Feinmechanik eine engere Steigung unbedingt nothwendig sei, es sich dann aber in der Regel nicht um massenweise herzustellende Fabrikschrauben handele. Die Aufstellung von Sondernormen für diese Fälle sei um so weniger angezeigt, als man vor allem dahin streben müsse, dass einem Durchmesser nur eine Ganghöhe zugeordnet werde, um die Zahl der Gewinde nicht unnütz zu vergrössern und so ihre Einführung zu erschweren. Dagegen erkannte man dem anderen Einwände volle Berechtigung zu und auch die Vertreter der Feinmechanik befürworteten die Einführung einer gröberen Steigung für die Durchmesser von 2 mm ab. Dabei kämen in Betracht

für den Durchmesser (D)
von

2

1,7

1,4

1,2

1

mm
die neuen Ganghöhen (S)
von

0,4

0,35

0,3

0,25

0,25

statt der früheren Gang-
höhen von

0,35

0,3

0,25

0,2

0,2

Mit dieser Anordnung würde man sich auch dem in der Kleinuhrmacherei gebräuchlichen Verhältnisse von D/S =5/1 bis zu 4/1 anschliessen.

Somit ergäben sich folgende Normen:

Durchmesser
mm
Steigung
mm
Kernstärke
mm
Abflachung
mm
10 1,4 7,9 0,175
9 1,3 7,05 0,162
8 1,2 6,2 0,150
7 1,1 5,35 0,137
6 1,0 4,5 0,125
5,5 0,9 4,15 0,112
5 0,8 3,8 0,100
4,5 0,75 3,375 0,094
4 0,7 2,95 0,087
3,5 0,6 2,6 0,075
3 0,5 2,25 0,062
2,6 0,45 1,925 0,056
2,3 0,4 1,7 0,050
2 0,4 1,4 0,050
1,7 0,35 1,175 0,044
1,4 0,3 0,95 0,037
1,2 0,25 0,825 0,031
1 0,25 0,625 0,031

3) Backenbohrer. Von einigen Seiten ist der Wunsch geäussert worden, für die Durchmesser der bei der Herstellung von Kluppenbacken zu benutzenden Bohrer gleichartige Vorschriften aufzustellen. Versuche über die zweckmässigste Wahl dieser Durchmesser sind an zwei Stellen eingeleitet worden.

4) Bolzenlängen, Köpfe u.s.w. Ebenso ist mehrfach angeregt worden, gleichartige Vorschriften über die gebräuchlichen Abmessungen der Bolzenlängen, Köpfe, Versenkungen, Schnitte u.s.w. der käuflichen Schrauben zu vereinbaren. Durch Umfragen konnten werthvolle Unterlagen über die in hervorragenden Werkstätten gebräuchlichen Abmessungen beschafft werden.

5) Prüfung und Beglaubigung von Schneidzeugen und von Lehren. Wenn die Normalität der Gewinde aufrecht erhalten werden soll, so muss jeder Betheiligte in der Lage sein, an der Hand von beglaubigten Lehren oder von beglaubigten Musterbohrern und Musterschneideisen eine Controle der Richtigkeit von Schrauben u.s.w. auszuführen. Dabei kommt es darauf an, einerseits über die geeignetste Form dieser Lehren und Musterschneidzeuge Bestimmung zu treffen, andererseits in jedem der betheiligten Länder eine oder bei Bedarf mehrere öffentliche Stellen mit diesen Beglaubigungen zu betrauen. In ersterer Beziehung liegen einige Vorschläge vor, doch kann eine öffentliche Versammlung hier zu endgültigen Beschlüssen nicht wohl kommen; vielmehr wird es zunächst den die Beglaubigungen übernehmenden Stellen überlassen bleiben müssen, mit Werkzeugfabrikanten über diese und weitere, etwa noch eingehende Vorschläge zu verhandeln und dieselben umfassenden praktischen Versuchen zu unterwerfen. Jedenfalls ist es aber nöthig, auch hierfür die Wünsche der verschiedensten Fachkreise festzustellen und zu erörtern.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: