Titel: Neuerungen in der Tiefbohrtechnik.
Autor: Gad, E.
Fundstelle: 1894, Band 291 (S. 79–81)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj291/ar291023

Neuerungen in der Tiefbohrtechnik.

Von E. Gad in Darmstadt.

(Schluss des Berichtes S. 62 d. Bd.)

Mit Abbildungen.

Das System des Schachtabbohrens nach Kind und Chandron hat die Firma Haniel und Lueg in Düsseldorf neuerdings dadurch, dass statt der vollen Cuvelage-Ringe die Tubbings in angepassten Sectionen eingebaut werden, auf wesentlich grössere Schachtdurchmesser anwendbar gemacht. Wenn zur Zeit die Anciens Etablissements Cail in den Gruben von Anzin zwei Schächte, 37 m von Achse zu Achse entfernt, 91 m tief nach dem Poetsch'schen Gefrierverfahren abteufen, weil dies Verfahren allein die erforderliche Schachtweite des einen Schachtes von 5 m – der zweite soll nur 3,60 m weit werden – erlaube, so trifft dies nicht mehr zu, da die Haniel und Lueg'schen Schächte bereits Weiten von 5,60 m erreicht haben. Dass trotzdem unter Umständen Poetsch'sche Gefrierschächte mit Vortheil Anwendung finden können, soll nicht bestritten werden.

Textabbildung Bd. 291, S. 79
Ueber Neuerungen beim Schachtbohren im Braunkohlengebirge veröffentlicht H. Lueg in der Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Preussischen Staat, 1893 Bd. 41 Heft 2, Mittheilungen, die sich an die Mittheilung in Bd. 35 1887 des genannten Blattes über tiefe Steinkohlen- und Salzschächte im schwimmenden Gebirge anschliessen.

Es handelt sich vor allem um die glücklichen Schachtausführungen im J. 1892, unter Ueberwältigung vieler Schwierigkeiten, die besonders der zu durchsinkende stark blähende Thon bereitete, und zwar erstens von Schacht II auf Grube „Neue Hoffnung“ bei Pömmelte, etwa 52 m im Ganzen tief, wovon etwa 40 m in Tubbings, oben 5,35 m, unten 4,25 m weit im Lichten; zweitens Credner-Schacht auf Grube Ottilie Kupferhammer bei Oberröblingen am See, 32,5 m in Tubbings, oben 4,70 m weit beginnend; drittens Schacht III der Gewerkschaft Ernst zu Düderode bei Seesen am Harz, etwa 56 m tief, wovon etwa 33 m in Tubbings von oben 5,10 m und unten 4,35 m lichter Weite. Auf Moosbüchsen durfte bei allen drei Bohrungen verzichtet werden, weil der Schachtfuss fest in das Braunkohlengebirge eingebaut werden konnte. Einen grossen Vortheil bietet das Einbringen der Tubbings in Segmenten noch dadurch, dass Ringe in Theilen sich unter die Ringsäule unterziehen lassen, während ganze Ringe stets oben auf die Ringsäule aufgesetzt werden müssen, in welch letzterem Falle es zum Einpressen der Cuvelage oft eines sehr hohen Druckes bedarf.

Diesen Mittheilungen schliesst sich die Beschreibung der Schachtstopfbüchse von Haniel und Lueg (D. R. P. Nr. 65012), Fig. 6, an, die sich schon z.B. in den Kaliwerken zu Aschersleben bei einem Schacht bei sechsfacher Anwendung bei 20 at äusserem Druck bewährt hat. Die Einrichtung charakterisirt sich dadurch, dass die beiden obersten Ringe a und b eines Satzes stopfbüchsenartig über einander greifen und sich um ein gewisses Maass in einander auf und ab schieben können. Dadurch ist eine gewünschte Beweglichkeit, sowie die Möglichkeit erlangt, dass sich beim Einbau des Tubbings eine gewisse Abweichung in der Höhe ausgleichen lässt, ohne eines Pressringes zu bedürfen. Der Dichtungsring c lässt sich auch durch eine andere Liderung ersetzen.

Textabbildung Bd. 291, S. 79
Eine für das Schachtbohren sehr wichtige Erfindung ist die Schachtsumpfung nach Tomson (Fig. 7), welche in der dargestellten Form 1891 zum Aussumpfen des versoffenen Schachtes I der Grube Preussen bei Galunen auf 225 m Teufe angewendet ist. Die Bühne a wurde mit den beiden communicirenden Thoncylindern b und dem Pulsometer c an dem Drahtkabel d über die Rolle e an der Spitze des Bohrthurms in die Tiefe gelassen, welche Beförderung auch für Arbeiter und Material verwendbar |80| war. Der Dampf zum Betriebe des Pulsometers wurde durch die Röhre f zugeführt. Das Ausschöpfen der durch den Pulsometer mit zugesetztem und noch zusetzendem Schachtwasser gefüllten Thoncylinder geschah durch die Schöpfeimer g an den Drahtkabeln h über die Rollen i im Bohrthurm durch Dampfmaschinen, wie sie gerade zu Gebot standen. Ein Wasserzusatz bis 1500 l in der Minute lässt sich bis 400 m durch diese Einrichtung leicht bewältigen, da man 3 bis 5 cbm Wasser in der Minute heben kann. In vielen Fällen wird man es also in der Hand haben, mit Hilfe dieser Vorrichtung einen nassen Senkschacht behufs Abteufung von der Sohle aus frei zu machen.

Eine interessante Tiefbohrung ist bei Scranton, Nordamerika, 20 cm weit, 119 m tief, statt mit einer Diamantbohrung durch Rotirung von Stahlschrotkörnern in einem Ringkanal niedergebracht, was in dem amerikanischen hard pan gewiss angängig ist, doch in Europa nur mit grosser Vorsicht versucht werden dürfte.

Ueber eine artesische Brunnenbohrung bei Galveston, Texas, Nordamerika, ist neuerdings eine etwas unklare Notiz durch die Blätter gelaufen. Im Eingang derselben ist die Tiefe mit 915 m angegeben, während später von einer erbohrten Tiefe von 936,580 m gesprochen wird. Die Bohrung soll die Wasserschicht, welche aus Tiefen von 250 bis 410 m durch 13 artesische Brunnen die Stadt mit für häusliche Zwecke ungeeignetem Wasser versieht, verfehlt haben, scheint aber auf gutes Wasser trotz der Aufwendung von 5000 Dollar auch nicht getroffen zu sein. An Rohrweiten sind angegeben: auf 17 m Tiefe viereckige Verrohrung von 550 mm Seitenlänge des Querschnittes; darin und bis 265 m Tiefe ein Rohr von 375 mm lichter Weite; dann bis 366 m ein Rohr von 300 mm Weite; ferner bis 720 m ein 225 mm weites Rohr; schliesslich eine viereckige Verrohrung von 125 mm Seitenlänge des Querschnitts bis zu 936,580 m Tiefe. Es ist leider nicht angegeben, wie die viereckige Verrohrung auf diese Tiefe eingebracht ist.

Textabbildung Bd. 291, S. 80
Eine Bohrgesellschaft „Gustavshall“ hat sich in der Provinz Hannover gebildet, um auf Kalisalze zu bohren. Die Bohrungen haben bereits in den Bezirken Wehmingen, Wirringen und Bolrum (Kreis Hildesheim) begonnen.

In Bezug auf das Stollenbohren ist die Stollenbohrmaschine von J. Fitz in Myslowitz, O. S. (D. R. P. Nr. 67795 vom 12. Juni 1892), Fig. 8, sehr beachtenswerth.

Die Bohr- bezieh. Schrämwerkzeuge a drehen sich ausser um ihre eigene Achse b noch um eine allen gemeinschaftliche Achse c. Die gallische Kette d übermittelt die Bewegung auf die Werkzeuge. Der Wagen e trägt den Motor, der durch Elektricität, aber auch durch Dampf oder Pressluft betrieben werden kann. Das Schneckenrad f übermittelt den selbständigen Vorschub des Wagens mit dem Bohrgeräth je nach Fortgang der Bohrung. Man bohrt in einer Stunde 2 m Kohle im Durchmesser 3 m tief, wobei die gebrochene und geschrämte Kohle mit Hand oder mit Transportbändern aufgeräumt werden kann.

Textabbildung Bd. 291, S. 80
Der oben unter 10) als Ausstellungsobject in Chicago aufgeführte elektrische Gesteinsbohrer von R. M. Jones, Salt Lake City, Utah, der sich bereits bewährt hat, lässt sich besonders gut auf den Dreifüssen von Ingersoll oder Rand montiren. Für Arbeiten unter Tage werden verschiedene Gleichströme von 125, 250 oder 500 Volt angewandt. Bei einer Probe sind mit 224 Volt und 10 Ampère, also mit etwa 3 , im harten schwarzen Kalk ein Bohrfortschritt von 15 cm in der Minute erreicht. Der Apparat ist bei eigenem Gewicht von nur 125 k im Stande, auf 60 m in jeder Bohrrichtung Bohrkerne von 25 mm Stärke zu erbohren.

Ein anderer elektrischer Gesteinsbohrer ist von William A. G. Birkin in Nottingham, England, erfunden und hat das amerikanische Patent Nr. 494053 vom 21. März 1893 erhalten.

Am 25. Juli 1893 wurde in dem Salzbergwerke Ischl von der Firma Siemens und Halske eine Versuchsbohrung mit elektrischem Betriebe mittels einer Maschine von dieser Firma und einer umgeänderten nach Harrisson angestellt. Der Apparat von Siemens und Halske war nur 16 k schwer und arbeitete mit etwa 1 . In zähem und festem gypsigen Haselgebirge wurden 75 cm Bohrlänge in 5 Minuten erbohrt.

Ein neuer Gesteinsdrehbohrer für Dampfbetrieb ist von Thomas F. Farrell in Paterson, N. Y. (Amerikanisches Patent Nr. 489471 vom 10. Januar 1893), erfunden.

Eine Gesteinsbohrmaschine mit stossendem Werkzeug und die Steuerung bewirkenden Arbeitskolben von Rud. Meyer in Mühlheim a. d. Ruhr (D. R. P. Nr. 62028 vom 17. Juli 1891) ist in Fig. 9 dargestellt.

Am Umfange des Arbeitskolbens a sind gleichmässig Zu- und Ableitungskanäle b und c angebracht. Der Cylinder d besitzt einen ringförmigen Zuströmungskanal e, sowie mehrere Auspufföffnungen f. Die schraubenförmig gewundene Spindel g bewirkt durch ein Zahnrad und Klinken die Umsetzung des Bohrers während der Arbeit. Der Bohrer kann aber nötigenfalls durch eine Handhabe seine Umsetzung erhalten.

Die Bremsvorrichtung an Gesteinsbohrmaschinen von Carl Aug. Chaineux in Aachen (D. R. P. Nr. 60436 vom 21. März 1891), Fig. 10, beruht darauf, dass der den Bohrer tragenden Schraubenspindel a das Schneckenrad b |81| als Mutter dient. Diese kann durch mehr oder weniger tiefes Einpressen des Keiles c zwischen die in dem Schneckenrad b liegenden Bremsbacken d und e mehr oder weniger stark gebremst werden, wodurch ein mehr oder weniger starker Druck des Bohrers auf das Gestein ausgeübt wird.

Amerikanische Erfindungen sind noch folgende:

Streckenbohrer von James F. Butler in Scranton, Pa. (Amerikanisches Patent Nr. 489246 vom 3. Januar 1893).

Klaue für Gesteinsbohrmaschinen von H. Macomber in Chicago (Amerikanisches Patent Nr. 490152 vom 17. Januar 1893).

Vorgelege für Streckenbohrer von Martin Hardsoog in Ottumwa, Iowa (Amerikanisches Patent Nr. 493381 vom 14. März 1893).

Minirmaschine von Frank N. Slade in Columbus, Ohio (Amerikanisches Patent Nr. 493659 vom 21. März 1893).

Die Handbohrmaschine System Thomas (D. R. P. Nr. 67123), deren Vertrieb in den Händen der Firma Albert François Seraing in Belgien liegt, ist auf der Zeche Ewald bei Herten in Westfalen erprobt worden, wobei zwei Maschinen Thomas in 22 Arbeitstagen mit 9 Mann 60,50 laufende Meter, für 40,12 M. das laufende Meter abgebohrt haben, während 11 Handarbeiter in 23 Arbeitstagen nur 30,50 laufende Meter, für 43,31 M. das laufende Meter schaffen konnten; die Maschinenleistung beträgt mithin reichlich das Doppelte der Handarbeit.

Textabbildung Bd. 291, S. 81
Die genaue Beschreibung dieses Apparates befindet sich in der Oesterreichischen Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1893 Nr. 23 S. 287.

Dieselbe Nummer dieses Blattes macht auf den Besatzausstecher von Franz Kühn in Lehesten i. Th. aufmerksam, der bestimmt ist, im Bohrloch versagt habende Sprengstoffe gefahrlos zu entfernen.

In Nr. 19 des genannten Blattes vom 13. Mai 1893 theilt Franz L. Tirmann, Elektrotechniker der Dynamitgesellschaft Nobel in Wien seine dahin gehenden Versuche mit, dass beim Besatz von Sprengbohrlöchern darauf geachtet werden müsse, dass sich die Kraftleistungen des Dynamites nicht gegenseitig aufheben. Es bliebe z.B. eine Stahlplatte, die von beiden Seiten mittels gleichzeitig vermittelter elektrischer Zündung durch zwei gleich starke Dynamitpatronen angegriffen würde, völlig intact.

Schliesslich sei noch auf die sehr gründliche Arbeit Schrader's zu Eisleben: „Die neueren Fortschritte bei der Anwendung von Gesteinsbohrmaschinen und die Versuche mit kleinen Schrämmaschinen beim Mansfelder Kupferschieferbau“ in der Zeltschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im preussischen Staate, 1893 Bd. 41 Heft 2 S. 110 (vgl. D. p. J. 1893 287 303. 1891 279 57. 1890 276 267) aufmerksam gemacht.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: