Titel: Neuerungen in der Kabelfabrikation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 291 (S. 90–93)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj291/ar291026

Neuerungen in der Kabelfabrikation.

Von Emil Guilleaume.1)

Mit Abbildungen.

Nachfolgend bringen wir einen sehr anregenden Vortrag zum Abdruck, welchen Emil Guilleaume, der Director des Karlswerkes der Firma Felten und Guilleaume in Mülheim am Rhein, im August 1893 auf dem Chicagoer Meeting der American Society of Mechanical Engineers gehalten hat, welche gleichzeitig eine Abtheilung des internationalen Ingenieur-Congresses bildete. Wir flechten Hinweise auf Verwandtes in früheren Bänden von D. p. J. ein.

Mit der ungeahnten Ausdehnung, welche die Anwendung der Elektricität durch das Telephoniren und die elektrische Beleuchtung und Kraftübertragung erfahren hat, und ebenso mit der sich dabei herausstellenden dringenden Nothwendigkeit, einen grossen Theil der Leitungen unterirdisch zu verlegen, hat die Kabeltechnik in den letzten Jahren eine erhöhte Bedeutung gewonnen. Von der Aufmerksamkeit, welche derselben zugewendet wird, geben die vielen bezüglichen Patente beredtes Zeugniss, welche die Spalten der Patentliste füllen. Es würde hier zu weit führen, alle Erfindungen, welche sich auf verbesserte Kabelanordnungen beziehen, in den Kreis unserer Betrachtung zu ziehen; dem grösseren Theile derselben ist eine praktische Bedeutung kaum zuzusprechen, und von dem kleineren Theile, welcher praktisch erprobt ist, dürfte nur einem geringen Procentsatze die Bedeutung einer wirklich epochemachenden Erfindung beizumessen sein.

Wenngleich die Benennung „Kabel“ auf eine seilartige Anordnung hinweist, in welcher die Telegraphenkabel (welche anfänglich auch Telegraphenseile genannt wurden) und Telephonkabel fast ausschliesslich hergestellt werden, so hat man diese Benennung in neuerer Zeit auch auf – namentlich bei elektrischen Lichtanlagen verwendete – isolirte Röhren und Stangen angewandt, welche sich nicht wie ein Seil aufrollen lassen und auch nur in verhältnissmässig kurzen Stücken hergestellt werden können (wie z.B. die bekannten Ferranti-Kabel; vgl. auch 1890 277 * 452).

Jedes zu Leitungszwecken dienende Kabel. besteht in der Hauptsache aus der Kabelseele (einer oder mehreren isolirten Leitungen) und der dieselbe gegen äussere Einflüsse und mechanische Beschädigung schützenden Armatur oder Bewehrung.

1) Die Kabelseele.

Die Kabelseele zerfällt in die Leitung (den leitenden Kern) und die isolirende Hülle. Das Kabel kann nur eine, oder auch mehrere Leitungen enthalten.

Jede Leitung kann aus einem einzelnen Drahte oder aus mehreren zu einer Litze oder einem Seile vereinigten Drähten bestehen. Die Drähte können einen runden oder einen anders geformten Querschnitt haben; sie werden fast ausschliesslich aus Kupfer hergestellt und nur ausnahmsweise aus Bronze oder aus Stahl, wenn ausser der Leitungsfähigkeit auch noch Ansprüche an die Zugfestigkeit der Leitung gestellt werden.

Wesentliche Fortschritte sind in der Herstellung von Kupferdraht zu Leitungszwecken namentlich in Bezug auf dessen Reinheit und eine dem entsprechende hohe Leitungsfähigkeit zu verzeichnen. Während man sich früher mit einer Leitungsfähigkeit von 90 Proc. von der des reinen Kupfers begnügen musste, steht jetzt Kupfer mit einer mehr als 100procentigen Leitungsfähigkeit zur Verfügung, welches also reiner ist als das seiner Zeit von Matthiessen als rein angenommene und seinen Reinheitsbestimmungen als Norm zu Grunde gelegte Kupfer.

Beachtenswerthe Neuerungen in Betreff der Leitung sind ferner bezüglich der Form des Leiters durchgeführt worden. So hat sich die Firma Felten und Guilleaume in Mülheim a. Rh. ein Telephonkabel patentiren lassen, in dessen Adern zwecks Verringerung der Capacität der leitende Draht einen dreieckigen, oder einen rechtwinkeligen, oder einen sternförmigen Querschnitt hat und schraubenförmig verdreht ist, so dass die isolirende Hülle nur die Kanten des Leiters berührt, während die gedrehten Flächen desselben mit der isolirenden Hülle schraubenförmige Luftkanäle bilden. Diese Firma gibt auch bei Lichtkabeln den die Leitung bildenden Drähten statt des runden einen kreisabschnittförmigen Querschnitt, so dass die Hohlräume, welche sich bei Verwendung runder Drähte nicht vermeiden lassen, wegfallen und ein ganz dicht geschlossener Kupferkern und dem entsprechend ein kleinerer Kabeldurchmesser erzielt wird. Von anderer Seite hat man versucht, Lufträume in den Kabeladern in der Weise zu schaffen, dass man den Leitungsdraht in seiner Längenrichtung in Wellen- oder Zickzackform verknickte; doch darf diesen Versuchen kaum eine praktische Bedeutung zugesprochen werden.

Die isolirende Hülle oder kurz die Isolation stellt den bei Weitem wichtigsten Theil eines elektrischen Kabels dar und bietet dem Erfindungsgeiste des Kabeltechnikers das ergiebigste Arbeitsfeld. An die Isolation werden die mannigfachsten Anforderungen gestellt, welche sich oft sehr schwer mit einander vereinigen lassen. Je nach der Verwendung des Kabels zum Telegraphiren oder zum Telephoniren, für elektrische Beleuchtung oder für Kraftübertragung, werden mehr oder minder hohe Ansprüche an den Isolationswiderstand der isolirenden Hülle, deren Capacität und deren Widerstand gegen Spannungselektricität gestellt; die Isolirung soll die beanspruchten Eigenschaften auf möglichst unbegrenzte Dauer bewahren; sie darf in der Wärme nicht zu weich, in der Kälte nicht zu hart und spröde werden; sie soll zu allen Zeiten und in allen Lagen des Kabels den Leiter centrisch einschliessen; es werden Ansprüche gestellt an die Zugfestigkeit, an die Widerstandsfähigkeit gegen Druck, an die Abmessungen und das Gewicht des Kabels, welche für die Wahl und die Zusammensetzung der isolirenden Hülle mitbestimmend sind; und schliesslich spielt sehr oft auch der Preis eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Anfangs, als es sich nur um Kabel für Telegraphenzwecke handelte, bediente man sich ausschliesslich der Guttapercha und des Gummi zum Isoliren der Leitungsdrähte, und auch jetzt noch wird für Unterseekabel hauptsächlich Guttapercha verwendet. Die guten Eigenschaften beider Materialien sind genügend bekannt; beide sind aber sehr theuer, und bei Guttapercha hat man noch mit dem Uebelstande zu rechnen, dass sie schon bei massiger Erwärmung weich wird und dann den Leiter durchsacken lässt, d.h. ihn nicht mehr in seiner centralen Lage in der Ader zu erhalten vermag. Bei Telegraphenkabeln liegt diese Gefahr vor in tropischen Klimaten, oder wenn sie den Sonnenstrahlen ausgesetzt, oder in warmen Räumen (Tunneln, Schächten, Arbeitsräumen u.s.w.) verlegt sind; bei elektrischen Lichtkabeln, wenn sich – was bekanntlich öfter vorkommt – der Leiter im Betriebe erwärmt. Gummi kann höhere Temperaturgrade vertragen, ohne sich zu verändern, aber es ist ein sehr kostspieliges Material, und in vielen Fällen ist es auch der Preis, welcher die Verwendung von Guttapercha und Gummi ausschliesst, namentlich bei elektrischen Lichtkabeln mit grossen Kupferquerschnitten.

Für Hausleitungen, wie überhaupt für Leitungen mit kleinerem Querschnitt, wird reines Gummi öfters verwendet, nachdem man den Leiter vorher mit Seide oder mit Baumwolle umsponnen hat.

Die Neuerungen in Bezug auf Gummi und Guttapercha beschränken sich in der Hauptsache auf die Einrichtungen für die Reinigung des Rohmaterials und für das Ueberziehen des Leiters, ferner auf neue Gummimischungen und neue Isolationsmethoden. Gummiadern haben gewöhnlich 2 oder 3 Gummiüberzüge; bei 3 Ueberzügen besteht der erste aus reinem Paragummi, der zweite – Separator genannt – ist ohne Schwefel, und endlich der dritte – Jacket genannt – mit einem Schwefelzusatz. Solche Adern in verschiedener Anordnung und mit verschiedenen Gummimischungen sind im Handel bekannt als „Hooper-Adern“, „Okonite-Adern“, „Kerit-Adern“, „Neptunit-Adern“ u.s.w.

In Folge des hohen Preises von Guttapercha und Gummi und angesichts der mit der sich rasch ausbreitenden Anwendung der Elektricität gesteigerten Nachfrage nach billigeren Leitungskabeln wurden die Kabelfabrikanten dazu gedrängt, sich nach billigerem Ersatz für Guttapercha und Gummi umzusehen. Erste Bedingung dabei war, dass das Ersatzmaterial nicht allein billig sei, sondern auch in jeder gewünschten Menge zur Verfügung stehe und die Eigenschaften besässe, welche den verschiedenen Verwendungszwecken entsprächen, nämlich für telephonische Zwecke niedere Capacität, für elektrische Beleuchtung die nöthige Widerstandsfähigkeit gegen etwaige Erhitzung des Leiters und gegen hohe Betriebsspannung. Zahllos sind die |91| beim Forschen in dieser Richtung gemachten Erfindungen und nachgesuchten Patente; bei allen handelt es sich um die Verwendung von besonders zubereiteten Mineral- und Pflanzenarten und Harzen, Wachsarten u. dgl. bezieh. von Mischungen dieser Stoffe mit anderen, namentlich kohlenstoffreichen Stoffen. Alle sind aber mehr oder weniger schlechter Ersatz für Guttapercha und Gummi; ihnen fehlt mehr oder minder die elastische Zähigkeit; sie sind zum Theil wenig wärmebeständig, oder sie werden mit der Zeit rissig und brüchig.

Den ersten wirklichen Erfolg erzielte man, als man darauf kam, die vorgenannten Oele, Harze und Wachsarten in Verbindung mit faserigem Material zu verwenden, indem man den Leiter mit Garn umspann oder umflocht, oder ihn mit Band, später mit Papier bewickelte und diese Umspinnung, Umflechtung oder Bewickelung mit Oel, Harz, Theer oder Wachs oder mit aus solchen zusammengesetzten Mischungen tränkte. Durch die Umspinnung, Bewickelung oder Beflechtung des Leiters bleibt dessen centrale Lage gesichert und durch das Tränken mit den genannten Stoffen bezieh. Mischungen wird die wünschenswerthe Isolirfähigkeit erreicht. Für einige Zwecke bedarf es der Tränkung nicht und wird die trockene Umspinnung, Umflechtung und Bewickelung allein genügende Isolation ergeben. So war denn in der Faser-, Band- und Papierisolation, getränkt oder trocken, ein billiges und doch gut isolirendes Material gefunden, mit welchem sich weiter arbeiten liess, und welches dann im Laufe der Jahre mehr und mehr vervollkommnet worden ist.1)

Da alle Faserisolation, auch wenn dieselbe getränkt wird, mehr oder weniger hygroskopisch ist, so ist sie sorgfältig gegen Eindringen von Feuchtigkeit zu schützen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man die Kabelseele mit einem Bleimantel umgibt, welcher zugleich einen gewissen Schutz gegen mechanische Beschädigung gewährt. Solche sogen. Bleikabel werden jetzt in den verschiedensten Anordnungen von fast allen grösseren Kabelfabrikanten mit mehr oder weniger gutem Erfolge hergestellt.

Mit der wachsenden Bedeutung des telephonischen Verkehrs und dem immer dringender werdenden Bedürfnisse, auch auf grösseren Entfernungen durch Kabel sprechen zu können, sah man sich genöthigt, der Capacität mehr Aufmerksamkeit zu schenken; man hatte nämlich gefunden, dass gewisse Schwierigkeiten, welche dem Telephoniren durch längere Kabelstücke entgegenstanden, nur durch Herabminderung der Capacität beseitigt werden konnten (vgl. 1893 289 41). Die schädliche Wirkung der Capacität tritt schon auf kürzeren Kabelstrecken zu Tage, indem die Lautwirkung gegenüber der auf Luftlinien sehr geschwächt erscheint, und daher hatte man es schon fast aufgegeben, durch längere Kabel zu sprechen. Den Kabelfabrikanten war somit die Aufgabe gestellt, Kabel zu erfinden mit möglichst niedriger Capacität, in denen also der Leiter in einer Weise zu isoliren war bezieh. mit einem Isolirmittel zu umgeben war, welches in Bezug auf Capacität die günstigsten Ergebnisse haben würde. Obenan in dieser Beziehung steht bekanntlich die atmosphärische Luft2), dann kommt Papier, dann Paraffin (bei dem die Capacität doppelt so gross ist wie bei Luft), dann Baumwolle, Seide, Gummi, Guttapercha und endlich Glas mit einer 6- bis 10fach höheren Capacität als Luft. Danach würde also ein Kabel, in welchem der Leiter ganz von Luft umgeben wäre, in Bezug auf Capacität die besten Resultate ergeben; da aber der Leiter ohne eine Unterstützung der einen oder der anderen Art nicht central gehalten werden kann, so wird dasjenige Kabel das beste sein, in welchem der Leiter in dem lufterfüllten Raume mittels einer Unterstützung von möglichst geringen Abmessungen central gehalten wird, und in welchem auch diese Unterstützung aus einem Material mit möglichst geringer Capacität besteht, oder in welchem der Leiter so geformt ist, dass er die isolirende Hülle mit einem möglichst kleinen Theile seines Umfanges berührt. Von dieser letzteren Möglichkeit ist eingangs gesprochen und auf die Verminderung der Capacität durch Verwendung dreieckigen, rechteckigen oder sternförmigen Drahtes, oder durch Wellen oder Verknicken des Drahtes in seiner Längenrichtung hingewiesen worden. In der anderen Richtung sind verschiedene Versuche gemacht worden, welche sich in der Hauptsache wie folgt gruppiren lassen, nämlich:

a) Aufziehen von perlartigen Körpern (Fortin-Herrmann), kugelförmig oder auch anders geformt, aus Holz, Hartgummi, Glas u.a.m., auf den Leitungsdraht.

b) Umwickeln des Leitungsdrahtes in schlanker Spirale mit Garn oder Bindfaden, die einzelnen Windungen oder Schläge weit genug aus einander für die Bildung von Lufträumen.

c) Eine offene Umflechtung des Leitungsdrahtes mit Garn oder Bindfaden, wobei zwischen den sich kreuzenden Fäden rautenförmige Lufträume entstehen.

d) Eine Durchflechtung der verschiedenen Leitungsdrähte mit Garn, wobei die einzelnen Drähte durch die Garnfäden von einander getrennt werden und zugleich Lufträume entstehen.

e) Erzeugung von Lufträumen in dem Isolirmaterial (meistens Papier) durch Kräuseln, Riffeln, Durchlochen oder Aufpressen von erhabenen Figuren.

f) Schraubenförmige Verdrehung eines zusammengelegten Materialstreifens (Papiersteg), so dass sich spiralige Luftkanäle bilden zur Aufnahme der Leitungsdrähte, wie in Fig. 1.

Textabbildung Bd. 291, S. 91
Die unter f) vorgeschlagene Lösung des Problems ist eine Erfindung der Firma Felten und Guilleaume, und thatsächlich sind mit Felten und Guilleaume's Patent-Bleikabeln mit Papier- und Luftisolation die besten Ergebnisse erzielt worden. Bei diesen Kabeln ist die Capacität herabgemindert auf 0,04 Mikrofarad für 1 km (0,06 Mikrofarad für 1 engl. Meile) bei einer Temperatur von + 15°C. (60° F.); während sie bei einem im Uebrigen gleichen Kabel mit Gummiisolation 0,3 und mit Faserisolation 0,1 bis 0,2 Mikrofarad für 1 km beträgt. Es ist daher möglich, durch ein Papierkabel mit Lufträumen auf eine entsprechend grössere Entfernung mit derselben Klarheit zu sprechen. Dabei ist die Raumbeanspruchung der einzelnen Adern im Kabel die denkbar kleinste und die Gruppirung derselben eine übersichtliche und gedrängte.

Ein weiterer Factor bei der Beurtheilung der Brauchbarkeit eines Telephonkabels ist dessen Inductionslosigkeit, da das Auftreten von inducirten Strömen bekanntlich die Ursache des so störenden Mithörens des auf den Nachbardrähten Gesprochenen ist. Da, wo das Doppelleitersystem eingeführt ist und also ohne Erde gesprochen wird, hat man mit diesen störenden Inductionserscheinungen nicht zu rechnen; wo es aber aus dem einen oder anderen Grunde nicht möglich ist, für jeden Theilnehmer zwei Drähte im Kabel vorzusehen, wo man vielmehr gezwungen ist, die Erde als Rückleitung zu benutzen, ist es unbedingt nöthig, bei der Kabelanordnung dafür zu sorgen, dass die störenden Einflüsse der Induction auf ein Minimum zurückgeführt werden. Die in dieser Richtung an den Kabelfabrikanten herantretende Aufgabe ist mehr oder weniger vollkommen in nachstehender Weise gelöst worden, nämlich:

Textabbildung Bd. 291, S. 91
Textabbildung Bd. 291, S. 91
a) Man hat die Adern in bestimmten Abständen im Kabel oder auch in den Verbindungsmuffen gekreuzt, ähnlich wie man es für den gleichen Zweck bei offenen Leitungen thut. Diese Lösung erscheint aber wenig empfehlenswerth, weil sie die Fabrikation der Kabel sehr verwickelt macht und den gewünschten Zweck nur unvollkommen erreicht.

b) Ein anderer Vorschlag, um ein möglichst rechtwinkeliges Kreuzen der Adern zu erreichen, ging dahin, zwei Adern in möglichst kurzer Drehung mit einander zu verseilen.

c) Derselbe leitende Gedanke liegt der Erfindung der sogen. Solenoid(Lugo)-Kabel zu Grunde, in denen ein Theil der Adern um die anderen gewickelt ist.

d) Am vollkommensten erreicht man den Zweck jedenfalls durch Umwickeln der Adern mit Stanniol bei Anordnung einer geeigneten Anzahl nicht isolirter Erddrähte zwischen den Adern, wie dies Fig. 2 zeigt. Die Stanniolbeläge sammeln die inducirten Ströme und da sie unter einander und mit den Erddrähten in |92| leitender Berührung sich befinden, leiten sie die Ströme an Erde und machen sie unschädlich. Freilich ist nicht zu übersehen, dass durch den Stanniolbelag die Capacität etwas erhöht wird.

Beachtenswerth ist das in Fig. 3 abgebildete 28aderige Telephonkabel des Reichspostamtes, welches sowohl als Einleiter-, als auch als Doppelleiterkabel benutzt werden kann. Zu dem Ende sind die 28 Adern in 7 Gruppen zu je 4 Adern eingetheilt; die mit getränkter Faser isolirten Adern sind mit Stanniol umwickelt und die 4 Adern jeder Gruppe um einen nicht isolirten Erddraht verseilt. Diese Kabel haben sich vorzüglich bewährt, so dass Felten und Guilleaume neuerdings nach der gleichen Anordnung Kabel mit ihrer Patent-Papierisolation mit Lufträumen in der Weise ausgeführt haben, dass in den kreuzförmigen Papiersteg ein Kupferstreifen eingelegt ist, welcher die inducirten Ströme sammelt und zur Erde ableitet.

Am sichersten verhütet man Störungen durch inducirte Ströme dadurch, dass man die Adern in Schleifen schaltet und für jeden Abonnenten 2 Adern im Kabel vorsieht, wie bereits eingangs gesagt. Der allgemeineren Einführung solcher Doppelleiterkabel haben bisher der grössere Querschnitt und der höhere Preis derselben im Wege gestanden. Dieses Hinderniss ist durch Felten und Guilleaume's Patent-Papierkabel mit Lufträumen so gut wie ganz beseitigt, da ihre Doppelleiterkabel der beschriebenen Anordnung sehr gedrängt sind und einen nur wenig grösseren Querschnitt haben, auch nicht viel mehr kosten als die bisher verwendeten Einleiterkabel; zugleich vereinigen diese Kabel die denkbar niedrigste Capacität mit fast gänzlicher Inductionslosigkeit. Die Verbindungen sind bei diesen Kabeln nicht schwer herzustellen; jeder mit dem Verbinden von Papierkabeln vertraute Löther kann sie machen, da die Ausführungsweise der Arbeit sozusagen dieselbe ist.

Papierkabel mit Lufträumen lassen sich auch ebenso vortheilhaft für Telegraphenzwecke verwenden; nur sind selbstredend die Abmessungen der Leitung, der Isolation und mithin des ganzen Kabels entsprechend stärker. Durch die niedrige Capacität wird die so oft zu Störungen Anlass gebende Uebertragung von einem Leiter auf den anderen verhütet oder doch geschwächt; es lässt sich auch eine grössere Sprechgeschwindigkeit bei gleichen Abmessungen bezieh. die gleiche Sprechgeschwindigkeit mit geringeren Abmessungen und dadurch eine erhöhte Rentabilität der Telegraphenlinie erzielen.

Ein völlig neues Feld hat sich für den Kabelfabrikanten aufgethan durch die rasche Entwickelung der elektrischen Beleuchtung und Kraftübertragung unter Anwendung hochgespannter Ströme. Die Anforderungen, welche an solche Kabel gestellt werden, sind wesentlich verschieden von denen, welche bei der Herstellung von Telegraphen- und Telephonkabeln bestimmend sind. Die concentrischen und biconcentrischen Kabel ausgenommen, spielt bei der Isolation die Capacität eine weniger wichtige Rolle als die Gefahr des Durchschlagens und die des Warmwerdens des Leiters.

Getränkte Faser und Papier werden mit Vorliebe für die Isolation von Lichtkabeln verwendet, namentlich seitdem mit immer höher gespannten Strömen gearbeitet wird, was eine möglichst dichte und doch zähe und elastische Isolation bedingt, welche Eigenschaften- kein anderes Isolirmaterial in sich vereinigt. Bei der grossen Verschiedenheit der erhältlichen Papiersorten ist es eine heikle Sache, die richtige Sorte zu treffen, und kann bei der Auswahl nicht vorsichtig genug zu Werke gegangen werden. Bei dem zum Isoliren zu verwendenden Papiere ist auf niedrige Capacität und gute Isolirfähigkeit zu sehen; zudem muss es stark genug sein, um den Zug in den Wickelmaschinen aushalten zu können; es muss fest und dicht und doch geschmeidig und aufnahmefähig für das Imprägnirmittel sein.

Da sich mit einer verhältnissmässig dünnen Papierbewickelung das Verlangte erreichen lässt, so erzielt man mit einer Papierisolation den kleinsten Durchmesser, das geringste Gewicht und den billigsten Preis des Kabels.

2) Die Armatur oder Bewehrung.

Bei Kabeln mit Guttapercha- und Gummiadern bezweckt die Bewehrung – zumeist mit Eisen- oder Stahldrähten – in der Hauptsache einen Schutz gegen mechanische Beschädigung auf dem Transporte, beim Verlegen und nach dem Verlegen (bei unterirdischen Kabeln im Falle von Nachgrabungen; bei Tunnel- und anderen oberirdischen Kabeln durch den Betrieb und sonstige Arbeiten in der Nähe des Kabels; bei Fluss- und Unterseekabeln durch schleppende Anker; felsigen und unebenen Lagergrund). Bei Tiefseekabeln ist es von Wichtigkeit, dass die Bewehrungsdrähte unbeschadet ihrer Tragfähigkeit bezieh. Bruchfestigkeit möglichst dünn sind; in dieser Richtung hat man wesentliche Fortschritte gemacht, d.h. in der Erzeugung von verzinkten Stahldrähten mit grosser Bruchfestigkeit. Während man bis vor etwa zwei Jahren noch Drähte mit einer Bruchfestigkeit von 90 bis 95 k für 1 qmm verwendete in einer Dicke von 2,4 mm, nimmt man jetzt Draht mit einer Bruchfestigkeit von 130 bis 135 k für 1 qmm in einer Dicke von nur 2,0 mm, und selbst 1,8 mm starker Draht wird verwendet mit einer Bruchfestigkeit von 160 bis 165 k für 1 qmm. Die Drähte werden mit einer eigenen Mischung überzogen, um sie gegen die zerstörende Einwirkung des Seewassers zu schützen; und der Zerstörung der Guttapercha durch die Teredo und andere ihr feindliche Thierchen beugt man erfolgreich vor durch eine Umwickelung der Kabelseele mit Messingband.

Bei Kabeln mit Faser- und Papierisolation, welche bekanntlich hygroskopisch sind, hat die Bewehrung noch die besondere Aufgabe, das Eindringen von Feuchtigkeit in das Kabelinnere zu verhüten. Derartige Kabel erhalten daher ausnahmslos einen Bleimantel und über diesem noch eine weitere Bewehrung von Draht oder Eisenband, wenn eine mechanische Beschädigung zu befürchten ist oder besondere Ansprüche an die Zugfestigkeit des Kabels gestellt werden.

Neuerungen in Bezug auf den Bleimantel beziehen sich – die verschiedenen neuen Constructionen von Bleikabelpressen nicht zu rechnen – hauptsächlich auf die Erzielung eines möglichst wasserdichten Bleimantels, welcher diese Wasserdichtheit auch unter allen Umständen behalten muss trotz der rauhen Behandlung beim Auf- und Abrollen, beim Verlegen oder Spannen und Aufhängen, wie auch gegenüber der schädlichen Einwirkung chemischer Verunreinigungen des Bodens, in welchem das Kabel verlegt ist. Um das Blei widerstandsfähiger gegen schädliche mechanische und chemische Einwirkungen zu machen, wird ihm bisweilen ein kleiner Procentsatz (meistens 3 Proc.) Zinn zugesetzt; auch ordnet man über dem einen Bleimantel noch einen zweiten an mit einer Asphaltschicht zwischen den beiden Bleimänteln.

Guttapercha- und Gummikabel pflegt man als Regel nur dann mit einem Bleimantel zu versehen, wenn sie als Einführungsdrähte und in Stationen Verwendung finden.

Textabbildung Bd. 291, S. 92
Textabbildung Bd. 291, S. 92
Wo auf einen möglichst kleinen Kabeldurchmesser und auf eine glatte Oberfläche des Kabels besonderer Werth gelegt wird, wendet man statt der runden Drähte flache Bewehrungsdrähte an (wie beispielsweise Felten und Guilleaume es bei den Telegraphen- und Telephonkabeln für die Deutsche Reichstelegraphie gethan haben), oder man bewickelt die Kabel mit Eisen- oder Stahlband.

Unterirdische Bleikabel für Telegraphie und Telephonie erhalten öfter über dem Bleimantel noch eine verzinkte Drahtbewehrung, für welche meistens runde Drähte oder, wenn man einen kleinsten Durchmesser und eine glatte Oberfläche des Kabels erzielen will, flache Drähte verwendet werden, wie bei dem in Fig. 4 im Querschnitte abgebildeten Kabel.

Felten und Guilleaume haben neuerdings auch eine Drahtbewehrung eingeführt, bei welcher jeder Draht über den Nachbardraht greift, so dass ein Draht den anderen festhält. Diese Art der Bewehrung hat namentlich bei dem von dieser Firma construirten Untersee-Telephonkabel mit Lufträumen den Zweck, jeden Zug oder Druck von aussen, welcher die Kabelseele beschädigen könnte, aufzunehmen. Wie aus dem in Fig. 5 gebotenen Querschnitte eines solchen Kabels ersehen werden kann, liegt die Kabelseele ganz geschützt in einem gewissermaassen unzerdrückbaren Rohre.

Bleikabel für elektrische Beleuchtung werden vorzugsweise mit Eisenband bewehrt; und wenn das Eisenband in Asphalt eingedrückt wird und dann noch eine mit Asphalt getränkte Garnumspinnung erhält, so bietet diese Art der Bewehrung den denkbar sichersten Schutz gegen jede schädliche äussere Beeinflussung.

Ueber die bedeutenden Fortschritte, welche im Verlegen von submarinen Kabeln und in den dabei zur Verwendung kommenden Apparaten, Maschinen und sonstigen Einrichtungen, sowie in der Ausführung von unterirdischen Kabelführungen (Kanälen, Röhren, Kasten u. dgl.) gemacht sind, hat sich der |93| Vortragende nicht weiter ausgelassen, um nicht die für seinen Vortrag gesteckten Grenzen zu überschreiten. Diejenigen, welche ein besonderes Interesse daran haben, finden das Gewünschte in den zahlreichen Veröffentlichungen über diesen Gegenstand in den Fachzeitschriften.

Es liesse sich auch noch viel mehr über ein so interessantes Thema wie das der Kabeltechnik sagen, aber das Gesagte dürfte genügen, um darzuthun, was auf diesem Gebiete geschehen ist, und um den Weg für weitere Fortschritte anzudeuten.

Vgl. S. 58 und 81 d. Bd.

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Vgl. Papierisolation der Norwich Insulated Wire Co., 1892 283 188; Celluloseisolation von Perci und Schacherer, sowie von Thame, 1892 283 188 und 1892 286 143; Isolation in Papierröhren von Raworth, Callender und Webber, 1892 286 * 143; Cook, Isolirung durch Faserstoffe und durch Kautschuk u. dgl. zugleich 1894 291 * 40.

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Luftisolation von Davidson und von Siemens und Halske vgl. 1892 285 302; von Felten und Guilleaume, 1893 287 72.

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