Titel: Ein neuer Phonograph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 292 (S. 238–239)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj292/ar292064

Ein neuer Phonograph.

Im elektrotechnischen Vereine in Berlin hielt A. Költzow einen Vortrag über einen von ihm erfundenen Phonographen, dem wir Folgendes entnehmen: Redner erwähnte den Phonographen von Edison, das Graphophon von Tainter und das Berliner'sche Grammophon. Wenn man an die Verwendung eines Phonographen denkt, so muss man dabei den praktischen Zweck im Auge haben und da bleibt wohl der Ersatz der Stenographie durch den Phonographen der Hauptzweck. Das Berliner'sche Grammophon ist für diese Zwecke überhaupt nicht zu gebrauchen, weil die Herstellung der Schallregister äusserst complicirt ist und grosse Sachkenntniss erfordert. Der Edison-Phonograph dagegen in seiner heutigen Construction ist noch sehr complicirt und noch sehr theuer, und das Graphophon von Tainter soll in Deutschland überhaupt nicht käuflich sein.

Der von A. Költzow gebaute Phonograph weist gegenüber dem Edison-Phonograph eine sehr einfache, billige und von jedem Laien zu handhabende Construction auf. Dieser Apparat nimmt Sprache, Gesang und Musik ebenso auf wie der Edison-Phonograph, jedoch mit viel einfacheren Mitteln. Das Einzeichnen der Schallwellen in den Cylinder geschieht mittels einer Membrane, an welcher ein Stift befestigt ist, oder auch durch ein sogen. kegelförmiges Schreibmesser. Das letztere hat den Vortheil, dass es sich nicht leicht abschleift und, wenn wirklich etwas abgeschliffen, nur gedreht zu werden braucht, um eine neue Schreibstelle zu haben.

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Der Wiedergabeapparat oder das Sprechwerkzeug ist ebenfalls eine Membrane, welche durch einen ungleicharmigen Hebel in Bewegung gesetzt wird, dessen kürzerer Arm einen Stift trägt, der in die eingezeichneten Schalleindrücke fällt. Durch diese Anordnung macht der längere Hebelarm an seinem Ende grössere Schwingungen, wodurch die Membrane ebenfalls in grössere Schwingungen versetzt wird und in Folge dessen lautere Wiedergaben erzielt werden. Für viele Zwecke wird zur Wiedergabe überhaupt keine Membrane verwendet, sondern eine gespannte Saite, welche zwar nicht so laut, aber dafür viel reiner und klarer wiedergibt.

Die Hauptsache eines Phonographen sind die Walzen, weil von deren Beschaffenheit die gute Wirkung eines solchen Apparates abhängt. Die Walzen bestehen bei diesem Apparate nicht aus Wachs, sondern aus einer sehr harten Seife. Dieselben werden in einer Messingform gegossen. Da die Masse sehr schwer schmilzt, so sind hohe Temperaturen, wie solche z.B. in den Tropen vorkommen, den Walzen durchaus nicht schädlich. Walzen, welche bei guter Behandlung 4000- bis 5000malige Wiedergaben aushielten, sind durchaus nicht selten.

Für Bureauzwecke, also als Ersatz der Stenographie, kann der Phonograph einfach mit der Hand gedreht werden, da Handbetrieb für Sprachwiedergaben vollkommen genügt. Zu Musik- und Gesangaufnahmen und -Wiedergaben ist natürlich ein äusserst regelmässig laufender Motor unbedingt nöthig.

Das Hineinsprechen geschieht durch einen kleinen Hartgummitrichter, Musikaufnahmen werden dagegen durch einen grossen Trichter gemacht. Es ist nicht ausser Betracht zu lassen, dass ein Schalltrichter, gleichviel aus welchem Material er besteht, den Ton verändert; deshalb ist auch der Phonograph nicht im Stande, genau so wiederzugeben, wie es der Wirklichkeit entspricht bezieh. wie ohne Trichter. Wiedergaben durch die Hörschläuche sind immer reiner und natürlicher.

Durch ganz einfache Mittel ist man im Stande, die phonographischen Laute durch Telephon zu übertragen. Man hat nur nöthig, auf den Wiedergeber des Phonographen ein Mikrophon zu setzen, dasselbe in geeigneter Weise mit dem Telephon zu verbinden, um die Laute auf beliebige Entfernungen zu hören.

Um eine Aufnahme auf dem Phonographen zu machen, muss natürlich der Cylinder etwas abgedreht werden, was der Apparat selbst besorgt. Für stenographische Zwecke wird man einen bedeutenden Walzenverbrauch vermuthen. Dies ist jedoch in Wirklichkeit nicht der Fall, denn die Walzen der besprochenen Apparate sind etwa 7 mm stark und können bis auf 2 mm verbraucht werden. Es stehen also 5 mm zu verbrauchende Masse zur Verfügung. Wenn man den Stichel nicht tiefer stellt, als nothwendig ist, so ist jedesmal 0,02 mm abzudrehen. Es entspricht dies bei einer Stärke von 5 mm einem 250maligen Abdrehen. Da eine Walze im Stande ist, jedesmal etwa 1000 Wörter aufzunehmen, so kann eine Walze für 250000 Wörter benutzt werden. Die Walze kostet bei einigermaassen grösseren Bestellungen 2,50 M., mithin kosten 1000 Wörter aufzuschreiben 1 Pf. Zu diesem Zwecke würde man sicher auch für 1 Pf. Papier gebrauchen. Ausserdem kann man die vorhandenen Späne sammeln und durch Schmelzen und Eingiessen in eine Form sich die Walzen selbst wieder herstellen.

Die Anschaffungskosten solcher Apparate sind ebenfalls gering, so dass deren Einführung in die Praxis nur eine Frage der Zeit sein kann. Reparaturen sind so gut wie ausgeschlossen.

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