Titel: Die Anwendung der Elektricität zum Verstählen von Eisen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 292/Miszelle 3 (S. 239–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj292/mi292mi10_3

Die Anwendung der Elektricität zum Verstählen von Eisen.

Das Verfahren, mittels Cementirens Eisen in Stahl zu verwandeln oder seine Oberfläche zu härten, ist schon lange bekannt, doch scheint es, als ob es niemals völlig verstanden worden wäre. Réaumur war der erste, der in das Geheimniss einzudringen versuchte, aber seine Arbeit war weit davon entfernt, Klarheit in die Sache zu bringen. Die verschiedenen Zuthaten, bestehend aus Kohle, und die Anwendung von Salz, Leder, Hornabfällen u.s.w. dienten nur dazu, die Wissenschaft zu täuschen, ohne einen weiteren Erfolg zu erzielen.

Jules Garnier kam auf den Gedanken, dass die Anwendung des elektrischen Stromes, bei welchem die Kohle die Anode und das Metall die Kathode bildet, zu günstigeren Ergebnissen führen könne.

In den Comptes Rendus beschreibt er seine ersten Versuche, die er folgendermaassen anordnete: In eine feuerbeständige Röhre legte er einen Kohlenstift und einen Metallstab, der 0,1 Proc. Kohle enthielt, mit den Enden an einander stossend. Das Ganze wurde in wagerechter Lage in einem Flammenofen erhitzt, während gleichzeitig eine Gramme-Maschine den elektrischen Strom lieferte, welcher mit seinem positiven Pol an die Kohle geleitet wurde und durch das Metall wieder austrat. Das Bestreben war dahin gerichtet, die Moleküle der Kohle durch die Hitze beweglich zu machen und dadurch mit dem elektrischen Strom dieselben überzuführen und zwar derart, dass es mit einer geringen Spannung zu erreichen ist.

Um den Widerstand zu überwinden, genügte ein Strom von 7 Volt und 55 Ampère, der drei Stunden lang durchgeschickt wurde. Nach dieser Behandlung wurde der Stahl schnell aus der Röhre gezogen und im Wasser abgekühlt. Das der Kohle entgegengesetzte Ende hatte einen solchen Härtegrad erreicht, dass man damit leicht Glas ritzte; bei der Bearbeitung mit einer Schmirgelscheibe zeigte sich der Stahl bis auf eine Tiefe von 10 mm gehärtet. An dem anderen Ende, der Berührungsfläche mit der Kohle, war die Kohle rauh geworden. Der Versuch wurde bei einer Temperatur von etwa 900 bis |240| 1000° im Maximum ausgeführt, weil bei geringer Steigerang der Temperatur das Cementiren so rasch erfolgte, dass das Metall zu schmelzen begann.

Um bei diesem Verfahren möglichst wenig Energie zu verbrauchen, wurde die Kohle durch eine Stange des gleichen Stahls, der gehärtet werden sollte, ersetzt; die beiden Stangen waren in diesem Fall durch einen Zwischenraum von 1 cm von einander getrennt, der mit Holzkohle sorgfältig ausgefüllt war. Unter diesen Bedingungen war es möglich, einen Strom von 2,5 Volt und 55 Ampère anzuwenden. Auch dieser Versuch war nach drei Stunden beendet und man fand, dass die Stange, welche die Anode gebildet hatte, unverändert geblieben war, während die andere Stange, die als Kathode diente, auf eine beträchtliche Tiefe gehärtet war, besonders auf der unteren Seite, welche Schmelzspuren aufwies; dies kam daher, dass die untere Seite mehr Hitze erhielt als die obere. Es empfiehlt sich, um eine gleichmässige Erwärmung zu erzielen, die Röhre, die den Stahl enthält, beständig zu drehen.

Nach den bis jetzt gemachten Versuchen ist es möglich, bei der Anwendung von etwa 2,5 Volt und 55 Ampère in kurzer Zeit Eisen in Stahl zu verwandeln.

R. L.

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