Titel: Erdöl als Mittel gegen den Kesselstein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 292/Miszelle 3 (S. 264)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj292/mi292mi11_3

Erdöl als Mittel gegen den Kesselstein.

(Aus dem 1893er Jahresbericht des Berg. Dampfkessel-Revisionsvereins.)

Oberingenieur Vogt theilt über diesen Gegenstand Folgendes mit: „Soviel Hochachtung ich vor dem Erdöl habe, wenn es auf die Lampe gegossen wird oder als Brennmaterial Verwendung findet, so halte ich mich doch für verpflichtet, hier an dieser Stelle kräftigst vor der Benutzung des Erdöls gegen den Kesselstein zu warnen, nicht weil ich eine Wirkung des Erdöls auf den Kesselstein bestreite, sondern weil im Gegentheil seine Wirkung eine derartige ist, dass ein Defectwerden der Kessel, namentlich der in hiesiger Gegend noch zahlreich vorhandenen Aussenfeuerungskessel, sehr zu befürchten ist, dann aber auch noch aus anderen Gründen, auf die ich noch zu sprechen komme. Die Wirkung des Erdöls auf den Kesselstein ist nicht chemischer, sondern rein mechanischer Natur. Wird, wie es richtig ist, die mit Kesselstein besetzte Kesselwandung im kalten Zustande mit Erdöl gestrichen, so dringt es in den Kesselstein ein. Bei nachheriger Erwärmung des wieder mit Wasser gefüllten Kessels entweichen zuerst aus dem eingedrungenen Erdöl dessen leichtflüchtige Bestandtheile, und schliesslich verdampft es bei ungefähr 150° C. Durch das Entweichen der flüchtigen Bestandtheile und durch das nachherige Verdampfen des Erdöls wird der Kesselstein gelockert und gesprengt, so dass er von selbst von der Kesselwandung abfällt. Die abgefallenen Kesselsteinstücke und -stückchen werden von der Strömung des Wassers im Kessel; die naturgemäss nach derjenigen Stelle des Kessels hin ist, wo die stärkste Wasserverdampfung und die stärkste Erwärmung stattfindet, mitgerissen und lagern sich, zu Klumpen angehäuft, auf der Feuerplatte ab. Eine nothwendige und in hiesiger Gegend leider so sehr bekannte Folge hiervon ist, dass die Feuerplatte an der Stelle, wo der Klumpen liegt, gar nicht oder wenigstens zu schwach vom Wasser bespült werden kann, dadurch überhitzt wird und sich durchbeult oder aufreisst. Solche Ablagerungen von losgesprungenen Kesselsteinsplittern auf den Feuerplatten sind bei Innenfeuerungskesseln kaum zu befürchten, hier finden die Ablagerungen an einer Stelle des Kessels statt, die von den Heizgasen erst berührt wird, wenn diese eine niedrige Temperatur erreicht haben. Bei Locomotivkesseln finden die Ablagerungen vorwiegend auf dem Boden des Langkessels statt, wo sie aber vollends unschädlich sind, da die Wandungen des Langkessels gar nicht von den Heizgasen berührt, vielmehr von der Aussenluft abgekühlt werden.

Es ergibt sich hieraus wieder so recht die Nothwendigkeit, sehr vorsichtig umzugehen mit all derartigen Mittheilungen, mag die Stelle, welche ihre Wichtigkeit für alle Kesselbesitzer betont, auch noch so fett gedruckt sein, und mag die Quelle der Mittheilung herrühren, woher sie will. Eins passt eben nicht für alles!

Was mich weiter gegen die Benutzung des Erdöls als Kesselsteinlösungsmittel einnimmt, ist die grosse Gefahr, die mit der Anwendung dieses Mittels für die Arbeiter verbunden ist. Ist die Kesselwandung beim Anstreichen mit Erdöl nicht durch und durch erkaltet und ebenso das Mauerwerk des Kessels, so tritt eine Betäubung der Arbeiter in Folge der sich sofort entwickelnden leichtflüchtigen Bestandtheile des Erdöls ein, oder es erfolgt gar eine Entzündung, wenn nicht gut gereinigtes Erdöl Verwendung findet. Es sind schon so viele Unglücksfälle dieser Art durch die Benutzung des Erdöls in den Dampfkesseln vorgekommen, dass ich Ihnen mit der vollsten Ueberzeugung nur zurufen kann: Giessen Sie das Erdöl in die Lampen, aber verschonen Sie Ihre Kessel damit, zum Wohle der Arbeiter und nicht zum Schaden unserer Pfleglinge!“

Einen Beleg für die von Vogt hervorgehobene, mit der Benutzung von Erdöl verbundene grosse Gefahr bietet folgender, im 17. Geschäftsbericht des Rheinischen Dampfkessel-Ueberwachungsvereins mitgetheilter Unfall:

„Die Anwendung von Erdöl als Antikesselsteinmittel führte zur schweren Verletzung zweier Leute von dem Bedienungspersonal eines Dampfschiffs, von denen einer nach wenigen Stunden starb. Kurze Zeit nachdem der Kessel ausser Betrieb, war durch die Mannlöcher mittels einer Spritze Erdöl auf die mit Kesselstein bedeckten Wandungen aufgetragen, wobei sich, da die Kesselwandungen noch heiss waren, Erdöldämpfe bildeten. Die Bedienungsmannschaft hatte die strenge Weisung, den Kessel bis zur vollständigen Erkaltung stehen zu lassen und nicht zu befahren. Leider wurde diese Vorschrift nicht befolgt, und ein Mann führte ein brennendes Licht zum oberen Mannloch hinein, um die Wirkung des Erdöls zu beobachten; hierdurch entzündeten sich selbstverständlich die Erdöldämpfe, und eine lange Flamme schlug zu beiden Mannlöchern heraus, wobei derjenige Arbeiter, welcher in das obere Mannloch hineingeleuchtet hatte, und ein zweiter, welcher vor dem unteren Mannloch beschäftigt war, schwere Brandwunden erhielten.“

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