Titel: Dermatine, ein kautschukartiges Erzeugniss.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 292/Miszelle 2 (S. 302)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj292/mi292mi13_2

Dermatine, ein kautschukartiges Erzeugniss.

Unter dem Namen Dermatine wird in jüngster Zeit ein englisches Product bei uns eingeführt, welches alle Maschinenfachleute interessiren dürfte. Unter Benutzung eines Aufsatzes von F. Wallenstein in der Allgemeinen Oesterreichischen Chemiker- und Techniker-Zeitung, 1892 Nr. 4, der das Material in England eingehend studirte, sind wir (Glaser's Annalen vom 1. September 1893) in der Lage, folgendes hierüber mittheilen zu können.

Der Erfinder der Dermatine ist Maximilian Zingler, ein geborener Oesterreicher und Mitglied der Chemical Society in London, die englischen Patente werden von einer Actiengesellschaft ausgeübt, der derzeit einzigen Fabrik dieses Materials.

Dermatine ist unter die kautschukähnlichen Producte zu klassificiren, wenngleich es im Gebrauch von Kautschuk sehr verschieden ist.

Das Neue in der Fabrikation liegt hauptsächlich in der Verwendung kohlensaurer Magnesia – zur Compensirung des Vulkanisirungsschwefels – was die Hauptursache ist, dass die Producte jedem atmosphärischen Einflüsse widerstehen und mit der Zeit nicht brüchig werden, wie es Gummi waren stets thun, in denen die Säure nicht neutralisirt wird, die sich aus dem Vulkanisirungsschwefel zu entwickeln pflegt. Dermatine macht nicht den gewöhnlichen Vulkanisirungsprocess durch, sondern einen davon verschiedenen Veredelungsprocess. Ferner ist in der Dermatinefabrikation die Verwendung von ozonübertragenden Lösungsmitteln, wie Benzol, Naphta, Camphoröl, Terpentin ausgeschlossen, was zur Folge hat, dass sich in dem fertigen Product keine langsamen Oxydationsprocesse abspielen können, welche in Lederbänden, Gummizügen, Hanfseilen sehr oft einen raschen Verfall der Zugfestigkeit u.s.w. herbeiführen.

Die Fabrikation von Dermatine geschieht in der Weise, dass die verschiedenen Rohmaterialien zwischen Stachelwalzen zerkleinert werden, worauf ein Mischen nach gewissen Gewichtsverhältnissen und ein gleichmässiges Durcharbeiten des Gemisches, zuerst in Knetapparaten, dann zwischen Gleitwalzen folgt.

Diese durch hochgespannte Wasserdämpfe geheizten Walzen drehen sich im selben Sinne und sind ähnlich den Appreturkalandern der Textilfabriken construirt. Dadurch, dass das gemischte Material zwischen denselben bei hoher Temperatur und starkem Druck wiederholt zu dünnen Bändern ausgewalzt wird, erreicht die Gleichmässigkeit des Gemenges eine besondere Vollendung.

Es folgt nun die Herstellung der verschiedenen Artikel in Pressformen unter hydraulischem Druck auf Zugbänken, zwischen kalibrirten Walzen u.s.w. Es würde zu weit führen, die Herstellung der verschiedenen Artikel bis ins Einzelne zu verfolgen; dieselbe geschieht in der Hauptsache unter Beachtung der zwei Gesichtspunkte:

1) Anwendung sehr starken hydraulischen Druckes;

2) Einwirkung verhältnissmässig hoher Hitzegrade. Ferner wird noch das Princip eingehalten, jeden Dermatine-Artikel unter solchen Bedingungen zu erzeugen, die weit über der im Gebrauch geforderten Festigkeitsbeanspruchung liegen. So wird zum Beispiel für die Erzeugung der Treibriemen die zur Verwendung gelangende Hanffasereinlage vorerst einem Beizverfahren unterworfen, welches deren Dehnbarkeit so viel wie möglich aufhebt. Das präparirte Gespinnst, das mit Dermatine überkleidet werden soll, wird unter sehr starker Spannung gearbeitet und das Ueberkleiden mit Dermatine unter hohem Druck zwischen kalibrirten Walzen und auf einem Spanntisch bei einer Spannung vorgenommen, grösser als diejenige, welche der Riemen bei seinem Gebrauch als Krafttransmission zu übertragen berufen ist. Das schliessliche Veredelungsverfahren geschieht bei einer Temperatur von nahezu 200° unter fortwährender Aufrechterhaltung der Spannungsbeanspruchung bis wieder zur vollständigen Erkaltung. Es ist klar, dass sich in einem so hergestellten Riemen alle inneren Verschiebungen bereits vollzogen haben, welche in einem Lederriemen während des Gebrauches eintreten und die lästigen Dehnungen hervorrufen; da ein solcher Riemen ferner kautschukartig dicht und homogen ist, so können Temperatur- und Feuchtigkeitswechsel demselben nichts anhaben.

Auch die Dampfkolbenüberzüge, Stopfbüchseneinlagen, Dichtungsringe u.s.w. werden unter sehr hohem Dampfdruck und einer Temperatur von nahezu 200° C. behandelt, bevor sie die Fabrik verlassen. Ebenso machen die Kolbenstulpen, Ventilbeliderungen, Schläuche für Oelpumpen und andere Apparate der Oel- und Fettindustrie ein besonderes Härtungsverfahren durch, welches als Fabrikgeheimniss gewahrt wird.

Jedenfalls scheint das Verfahren die genannten Artikel ausserordentlich ölfest zu machen, denn es ist nahezu ausschliesslich Dermatine, was man in englischen und schottischen Oelfabriken in Anwendung findet. Dermatine-Artikel dieser Sorte sind hornartig hart, jedoch elastisch, wenngleich selbst bei starkem Druck nicht viel in der Form nachgebend. Die Kanten dieser Gegenstände, z.B. Pump cups, sind scharf und hart, aber biegsam, gut druckelastisch, aber fast gar nicht zugelastisch.

Dermatine-Dichtungsringe sind dem äusseren Ansehen nach Gummi-Dichtungsringen sehr ähnlich, -Treibriemen haben Farbe und Ansehen von lohgarem Leder, -Schläuche und -Dichtungsschnüre geben einem Zug elastisch nach, Treibriemen sind nahezu dehnungsunfähig, Ventileinsätze, Manschetten, Pump cups, sind sehr formfest, und nur starkem Druck gegenüber verhalten sie sich wie elastische Körper. Ein Ledersurrogat aus Dermatine, welches in London bereits viel auf Schuhsohlen verarbeitet wird, welche 3- bis 4mal länger als Ledersohlen halten sollen, stellt biegsame, wenig elastische, aber sehr dichte und zähe Platten vor, welche in Farbe und Griff dem Leder sehr ähnlich sind.

Oel und Fett jeder Art, besonders aber Erdöl, ruinirt, wie bekannt, Kautschuk in der kürzesten Zeit, indem das Fett von dem betreffenden Kautschukgegenstand begierig aufgesaugt wird. Der Gegenstand erweicht zu einer zähen Schmiere.

Die Einwirkung von Erdöl, freier Oelsäure u.s.w. macht das Leder besonders bei hoher Temperatur, ferner auch bei Einfluss von Feuchtigkeit rasch spröde und brüchig. Pumpenbeliderungen aus Dermatine dauerten im Allgemeinen 6mal länger, als solche aus Leder oder Kautschuk, und solche Dermatine-Artikel sind da heute noch in Betrieb, wo Leder als Dichtungsmaterial in wenigen Tagen zu Grunde ging.

Man findet Dermatine aber auch in Fabriken rein mechanischer Richtung. So laufen in den Werken von W. Armstrong in Elmswick bereits eine Anzahl Transmissionsriemen aus Dermatine. Diese haben eine geringere Steifigkeit als Lederriemen von gleicher Dimension, sind biegsam und zähe bei hohen Wärme- und Kältegraden. Ein Dermatine-Riemen wird von heissem Dampfe oder andauernder Feuchtigkeit nicht beeinflusst und kann sowohl unter Wasser, als auch in einer Atmosphäre von gespanntem Dampf oder in trockener heisser Luft arbeiten.

Die Zugfestigkeit von Dermatine-Riemen ist durchschnittlich 4,572 engl. Pfd. auf den Quadratzoll, gegen 3,572 Pfd. für bestes Leder oder 35 k zu 27 k auf 1 qcm; das ist etwa 30 Proc. mehr. Diese Versuche sind bei David Kirkaldy and Son in London ausgeführt.

Die mit der Einführung des neuen Materials in Deutschland betraute Firma ist Calm und Bender in Berlin SO.

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