Titel: Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 293 (S. 43–47)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj293/ar293011

Ueber Fortschritte in der Spiritusfabrikation.

(Fortsetzung des Berichtes S. 20 d. Bd.)

Eine neue Methode zur quantitativen Bestimmung der in den Vegetabilien vorkommenden Pentosane theilt E. Hotter in der Chemiker-Zeitung, 1893 S. 1743, mit:

Zur Controlirung der Fehling'schen Lösung empfiehlt Arthur Bornträger in der Zeitschrift für angewandte Chemie, 1893 S. 600, eine 0,5procentige Invertzuckerlösung, welche durch Inversion in der Kälte in folgender Weise bereitet wird: Man löst 19 g reiner Saccharose in Wasser und 10 cc Salzsäure von 1,188 spec. Gew. bei 15° (38procentig) oder 20 cc von 1,10 spec. Gew. bei 15° (20procentig) zu 100 cc. Nach dem Stehen über Nacht versetzt man 25 cc des Products mit etwas Lackmustinctur, neutralisirt mit Alkali und verdünnt zu 1 l. Diese Flüssigkeit enthält jetzt 0,5 g Invertzucker in 100 cc. Die zur Bereitung derselben verwendete reine Saccharose wird nach der Vorschrift von Herzfeld durch Fällen einer filtrirten Lösung von Hutzucker mit Alkohol in der Kälte, Waschen mit starkem Alkohol und Trocknen dargestellt.

Zum Nachweis höherer Alkohole im Weingeist empfiehlt Bardy, den Weingeist mit der 4,5fachen Menge gesättigter Kochsalzlösung und dem halben Volumen Wasser zu versetzen und mehrfach mit Schwefelkohlenstoff auszuschütteln. Der von dem Salzwasser getrennte Schwefelkohlenstoff wird mit etwas concentrirter Schwefelsäure versetzt; diese wird wieder vom Schwefelkohlenstoff getrennt, letzterer durch Aufblasen von Luft gänzlich entfernt, und nun zu der Schwefelsäure ein gleiches Volumen Eisessig gesetzt, worauf 15 Minuten am Rückflusskühler gekocht wird. Setzt man nun eine dem ursprünglichen Weingeistvolumen gleiche Menge gesättigtes Salzwasser zu, so scheiden sich die Essigäther des vorhandenen Butyl- und Amylalkohols in Form von Oeltröpfchen ab. Aus dem in einer engen, eingetheilten Röhre gemessenen Volumen kann man durch Multiplication mit 0,8 die Menge der ursprünglich vorhandenen höheren Alkohole finden. (Nach Zeitschrift für analytische Chemie, Bd. 32 S. 477; daselbst nach der Deutsch-Amerikanischen Apotheker-Zeitung, Bd. 13 S. 73.)

Ueber die Bestimmung des Terpentinöls im Alkohol, welche bei der zu gewerblichen Zwecken stattfindenden Denaturirung des Alkohols mit Terpentinöl in Frage kommen kann, hat J. Perl Untersuchungen ausgeführt. Dieselben zeigten zunächst, dass man durch Destillation über Kalk aus mit Terpentinöl denaturirtem Alkohol das Denaturirungsmittel in irgendwie wesentlichem Maasse nicht entfernen kann, dagegen erhielt der Verfasser sehr gute Resultate nach einer von ihm ausgearbeiteten Methode, welche auf der Thatsache beruht, dass terpentinölartiger Alkohol sich mit um so mehr Wasser ohne Trübung mischen lässt, je weniger Terpentinöl derselbe enthält. Abhängig sind die Resultate ausserdem noch von der Temperatur der Mischung und von dem Wassergehalt des Alkohols; diese beiden Factoren lassen sich indessen eliminiren, indem man die zu untersuchende Probe terpentinölhaltigen Alkohols mit einem Alkohol von bekanntem Gehalt an Terpentinöl auf gleichen Wassergehalt und gleiche Temperatur bringt. Die Endreaction ist sehr scharf, so dass man bei Wiederholung der Bestimmung jedesmal auf 1/20 cc das gleiche Resultat findet. (Chemiker-Zeitung, 1893 S. 1851.)

VIII. Allgemeines und Theoretisches.

Die Frage, welche Zucker arten und sonstige Stärkeumwandelungsproducte im Darrmalz vorkommen, bespricht Windisch in der Zeitschrift für Brauerei, Bd. 10 S. 1058. Er weist auf die abweichenden Resultate hin, zu denen die verschiedenen Forscher, welche diesen Gegenstand bearbeitet haben, gelangt sind. Jais (vgl. das Referat unter VII) acceptirt die Ergebnisse Düll's, welche im Widerspruch mit denen von Jalowecz stehen. Ehrlich behauptet, dass im Gerstendarrmalz Rohrzucker, Invertzucker (bezieh. Dextrose und Lävulose) und Maltose vorkommen, während Isomaltose nicht nachgewiesen werden konnte. Prior, welcher ähnlich wie Jais arbeitete, fand, dass sowohl der alkoholische, wie der wässerige Auszug Rohrzucker des Caramelmalzes Maltose, Invertzucker, Isomaltose und Dextrin enthielt. Danach müsste man im Stande sein, im Malze Maltose und Dextrin und auch Isomaltose nachzuweisen. Dass Düll der Nachweis von Maltose und Dextrin nicht gelungen ist, mag vielleicht an der Art des Nachweises mittels Phenylhydrazin liegen, welches unter diesen Verhältnissen offenbar nicht zureicht. Die Untersuchungen von Jais schweben, da sie sich in ihren Voraussetzungen auf die Düll'schen Ergebnisse stützen, ganz in der Luft, denn er acceptirt die Duschen Resultate so bedingungslos, dass er sogar die Zunahme der Reduction nach der Inversion nach Sachsse nicht auf Kosten des Dextrins, sondern des Gummis setzt, da Düll behauptet, dass das Malz kein Dextrin enthalte. Jedenfalls liegen die Verhältnisse über die im Malz vorgebildeten Zuckerarten und Stärkeabbauproducte überhaupt noch lange nicht klar, so dass neue Untersuchungen sich noch als unbedingt nöthig erweisen.

Anschliessend hieran erwähnen wir noch eine Arbeit von L. Lindet über die Bildung des Rohrzuckers während der Keimung der Gerste. Derselbe fand im Malze folgende Mengen Rohrzucker in Procenten der Gerste mit 10 Proc.

Wasser

Procent Rohrzucker in
der Gerste mit 10 Proc.
Wassergehalt
nach 46stündiger Keimung 0,99
70 „ 1,85
94 „ 2,20
118 „ 2,20
142 „ 2,31
166 „ 2,74
190 „ 2,74
214 „ 2,84
234 „ 3,09

Diese Mengen wurden im alkoholischen Auszug gefunden. |44| Beim Auslaugen mit Wasser fand der Verfasser dieselben Zahlen für den Rohrzuckergehalt, gleichzeitig gehen aber hierbei auch noch reducirende Zucker in Lösung, deren Menge im Malz in demselben Verhältniss zunimmt, wie der Rohrzucker. Die Menge der reducirenden Zucker betrug 2,72 bis 6,28 Proc. der Gerste. Der Verfasser beabsichtigt, in einer demnächstigen Arbeit das Verhältniss der während der Keimung verschwindenden Stärke zu dem gebildeten Rohrzucker näher darzulegen. (Nach Wochenschrift für Brauerei, Bd. 10 S. 1359.)

Ueber den Maischprocess theilt F. Griesmeyer im Journal für praktische Chemie, Bd. 48 S. 225, folgende Ansicht mit. Es gibt nur drei Dextrine, nämlich:

Amylodextrin αD = 186,8°, Red. = 9,08
Maltodextrin αD = 174,0°, Red. = 20,7
Achroodextrin αD = 195°, Red. = 0

Beim Maischprocess spaltet sich ein Theil des Moleküls der löslichen Stärke in Form von Amylodextrin ab, und von den 6 Amylingruppen des letzteren werden dann allmählich 4 Gruppen abgelöst und in Form von Maltose (oder Isomaltose?) weghydralisirt:

was übrig bleibt, ist Maltodextrin. Wir haben diese Anschauung der Vollständigkeit halber hier nach der Zeitschrift für angewandte Chemie, 1893 S. 617, mitgetheilt, obgleich dieselbe nach den neuesten Arbeiten Lintner's und seiner Mitarbeiter wohl kaum mehr haltbar sein dürfte.

Zur Charakterisirung der Zuckerarten schreibt O. Loew in den Landwirthschaftlichen Versuchsstationen, Bd. 41 S. 131. Nach Tollens sollen nur diejenigen Zuckerarten als solche gelten, die, mit Salzsäure gekocht, Lävulinsäure liefern. Der Verfasser hält diese Eintheilung für unberechtigt und erläutert dies an einem Beispiel. Er vertheidigt fern eiserne Formose und gährungsfähige Methose gegen verschiedene dagegen erhobene Einwände und erklärt zum Schluss, dass er nicht gesonnen ist, sich seine bescheidenen Verdienste in puncto Zuckersynthese rauben zu lassen. Er habe zuerst synthetischen Zucker unzersetzt in den Händen gehabt, habe die Zuckernatur der Substanz unzweideutig bewiesen und bei einem zweiten synthetischen Zucker die Alkoholgährung zum ersten Male sicher nachgewiesen.

Untersuchungen über eine aus Apfelpectin entstehende Zuckerart theilt B. W. Bauer in den Landwirthschaftlichen Versuchsstationen, Bd. 43 S. 191, mit, aus denen hervorgeht, dass bei der Hydrolyse des Apfelpectins Xylose entstand und damit der Schluss auf das Vorkommen des Xylons im Apfelzellsaftpectin bewiesen sein dürfte.

Ueber das Vorkommen von Dulcit in einem Rohrzucker indischer Herkunft, sowie über das Vorkommen von Sorbit in den Producten der Zuckerfabrikation berichtet Edmund O. v. Lippmann in den Berichten der deutschen chemischen Gesellschaft, Bd. 25 S. 3216.

Zur Kenntniss der Kohlehydrate der Flechten macht G. Nilson Mittheilungen. Er untersuchte mehrere Flechten und fand darin eine Galactose bildende Substanz, während das Lichenin nach der Inversion Dextrosazon gibt. Die Prüfungen auf Lävulose und auf Pentosen ergaben ein negatives Resultat. (Chemisches Centralblatt, 1893 Bd. 2 S. 942.)

Ueber die Einwirkung von Alkalien, Kalk und Baryt auf Glucose theilt H. E. Prinsen Geerligs Untersuchungen mit (Chemisches Centralblatt, 1893 Bd. 2 S. 1113).

Ueber die Reaction einiger Zuckerarten gegen Boraxlösung hat Ed. Donath Untersuchungen ausgeführt. Der Verfasser hatte früher das Verhalten von Glycerin zu Borax studirt und dabei gefunden, dass dasselbe sich dem Borax gegenüber wie eine Säure verhält. Aus diesem Verhalten schloss der Verfasser, dass diese Reaction auch den Zuckerarten zukomme. Er prüfte in dieser Richtung Saccharose, Dextrose, Lävulose, Maltose, Lactose, Raffinose, Mannit, also Zuckerarten, die ihrer Constitution nach den verschiedensten Gruppen angehören, und fand seine Annahme bestätigt. Der Verfasser nennt dieses Verhalten der Zuckerarten und des Glycerins gegen Borax „thermostroph“, da die Reaction beim Kochen verschwindet, beim Erkalten aber wieder eintritt. Es gelang jedoch nicht, die Zuckerarten auf diese Weise quantitativ zu titriren, da die Reaction, die überhaupt nur in concentrirten Lösungen eintritt, zu sehr von der Concentration der Lösung abhängig ist. Jedoch hofft der Verfasser noch auf dieses Verhalten der Zuckerarten gegen Boraxlösung eine quantitative Methode zu gründen. Da auch das optische Drehvermögen mancher Zuckerarten durch Boraxlösung beeinflusst wird, glaubt der Verfasser mit Bestimmtheit annehmen zu können, dass zwischen Borax und Zucker in wässeriger Lösung thatsächlich eine chemische Umlagerung unter Bildung eines neuen Körpers erfolge. (Chemiker-Zeitung, 1893 S. 1826.)

Ueber den Einfluss von Fluorverbindungen auf Bierhefen macht Effront in den „Comptes rendus“ im Anschluss an seine früheren Versuche (vgl. 1892 285 162) Mittheilungen über die weitere Fortsetzung dieser Versuche, welche zu folgenden Resultaten führten:

1) Bei einer Cultur der Hefe in Würze mit 200 bis 300 mg Fluorid wird das Vermehrungsvermögen der Hefen ausserordentlich geschwächt; dies zeigt sich bei den verschiedenen Hefen in verschiedener Weise. 2) Wenn man die Hefen vorher allmählich an hohe Quantitäten von Fluorverbindungen gewöhnt hat, d. i. an etwa 200 bis 300 mg im Liter, so kann man Würzen mit einem so hohen Gehalt an Fluoriden für alle Heferassen ohne Ausnahme als Culturflüssigkeiten benutzen. 3) Die Hefen erlangen durch allmähliche Behandlung mit steigenden Mengen Fluorid ein ganz beträchtliches Fermentativvermögen; dasselbe verzehnfacht sich etwa. Die Hefen werden mit Eigenschaften ausgestattet, die nach der Ansicht gewisser Physiologen bislang nur bestimmten Rassen zukamen.

Es wird noch hinzugefügt, dass die Versuche in der Praxis bezüglich der Alkoholausbeute Resultate ergeben haben, die bislang noch durch kein anderes Mittel erzielt werden konnten. (Nach Zeitschrift für Spiritusindustrie, Bd. 16 S. 375.)

Ueber die Wirkung des doppeltschwefligsauren Kalkes und des Kaliumdisulfits auf die alkoholische Gährung berichtet F. Ravizza in Le Staz. sperim. agr. ital., 1893 Bd. 24 S. 893. Entgegen den Behauptungen von P. Czeppel stellt der Verfasser Folgendes fest:

Kleine Mengen Calciumsulfit erniedrigen weder die Gährtemperatur, noch halten sie die Gährungen auf. Eine Einwirkung auf die Gährung tritt erst auf Zusatz von sehr grossen Mengen des Salzes ein, so dass die gute Zusammensetzung der Gährflüssigkeit dadurch vermindert werden |45| würde; der Gebrauch dieses Salzes, um die alkoholische Gährung in südlichen Ländern zu massigen, ist daher zu verwerfen. Kaliumdisulfit wirkt stärker hemmend auf die Gährung ein, als das Calciumsalz. (Nach Zeitschrift für Spiritusindustrie, Bd. 16 S. 399.)

Studien über Hefe veröffentlicht H. Elion im Centralblatt für Bakteriologie und Parasitenkunde, 1893 Nr. 2 und 3. Der Verfasser wollte durch seine Untersuchungen unter anderem eine Charakteristik der Hefenarten liefern, deren nähere Unterscheidung mit den jetzigen Hilfsmitteln noch immer grosse Schwierigkeiten bietet.

Bei den vorliegenden Untersuchungen wurde die Kohlensäureentwickelung bestimmt, wenn die Hefe mit einer Zuckerlösung unter gewissen Bedingungen zusammentrifft. Dieselben führten zu dem Ergebniss, dass auf diese Weise nicht nur Merkmale, welche durch die Cultur, sondern auch solche, die durch die Varietät bedingt werden, hervortreten. Hierdurch glaubt der Verfasser ein Mittel an der Hand zu haben, die Kohlensäureentwickelung zur Unterscheidung von Hefe Varietäten zu verwenden.

Ferner versuchte der Verfasser, mit Hilfe der Kohlensäureentwickelung die Gährungsenergie bezieh. das Gährungsvermögen der Hefe zu bestimmen. Nachdem er die bis jetzt gangbaren Definitionen von Gähr- und Triebkraft der Hefe kritisirt, schlägt er vor: unter Gährvermögen die Gesammtmenge Zucker zu verstehen, die die Hefe spaltet, während er die Gährwirkung, welche die Hefe in beschränkter Zeit zu äussern vermag, mit dem Ausdruck Gährungsenergie oder Gährkraft belegt. Bestimmte Einheiten von Zeit und Gewicht zur Messung der Energie zu wählen, hält der Verfasser vorläufig nicht für angebracht, hauptsächlich wegen der Schwierigkeit, das Trockengewicht der Hefe auf einwandfreie Weise zu bestimmen; ein Trocknen der Hefe und die Energie auf trockene Hefe umzurechnen, hält er nicht für angebracht.

Die Bestimmung der entwickelten Kohlensäure erfolgte sowohl gewichtsanalytisch, wie volumetrisch, und zwar wurde in beiden Fällen die von der Flüssigkeit absorbirte Kohlensäure ausgekocht. Beide Methoden lieferten übereinstimmende Zahlen. Der Verfasser benutzte seine Methoden ferner zur Prüfung der technischen Methoden von Hayduck und Meissl und kommt auf Grund seiner Versuche zu dem Schluss, dass beide Methoden keine genauen Resultate bieten und zur unrichtigen Beurtheilung der Hefe führen können. Bei näherer Prüfung der Hayduck'schen Methode ergab sich, dass, während die Gasentwickelung fortschreitet, die Kohlensäuremenge in der Flüssigkeit unter Umständen sehr wechseln könne und es möglich erscheinen lasse, dass auch während der Messung des frei werdenden Gases die Menge desselben, die in der Flüssigkeit zurückbleibt, nicht constant ist. Der Verfasser glaubt diesen Mangel bei seiner volumetrischen Methode, nach der die Kohlensäure, die in der Gährflüssigkeit gelöst ist, durch Kochen entfernt und mitbestimmt wird, beseitigt zu haben.

Was die Energieverhältnisse während der Gährung anbelangt, so wurde bestätigt, dass die Gährungsenergie, im Falle der Hefe nur Zucker und sonst keine Nährstoffe zur Verfügung stehen, bereits nach kurzer Zeit ihren Maximalwerth erreicht und dass schliesslich die Kohlensäureentwickelung ganz aufhört. Aus einer Anzahl Versuche ging hervor, dass die Verminderung der Energie sowohl vom Charakter der Hefe, wie von der Gährtemperatur bedingt wird und in erster Linie mit der von der Hefe entwickelten Thätigkeit zusammenhängt.

Auch auf Ermittelung des Einflusses der phosphorsauren Salze auf die Gährungsenergie erstrecken sich die Versuche des Verfassers. Der Verfasser führte nach seinen Methoden zwei Versuchsreihen durch, die eine mit, die andere ohne Zusatz von Nährsalzen. Die Versuche ergaben, dass die Anwesenheit von phosphorsauren Salzen die Gährungsenergie wesentlich erhöht, die verschiedenen Hefeproben aber ungleich beeinflusst. Es steht dies nach des Verfassers Ansicht in Zusammenhang mit dem physiologischen Zustand der Hefezellen, der wieder von vielen anderen Umständen, z.B. von den Bedingungen, unter denen die Hefe gezüchtet wurde, abhängt.

Die Gährungsenergie kann nach dem Verfasser nicht als Maass für die Triebkraft dienen, welches Urtheil sich auf eine grosse Menge Backversuche stützt, die vom Verfasser und Fachleuten ausgeführt wurden. Nur in äusserst beschränktem Maasse könnte vielleicht die Gährungsenergie zur Beurtheilung der Triebkraft einen Anhaltspunkt liefern, wenn es sich um Hefen handeln würde, von denen nur die Gährungsenergie verschieden ist, während sie in den übrigen Wirkungen dem Teige gegenüber sich völlig gleich verhalten.

Die Triebkraft der Hefe wird hauptsächlich von zwei Umständen beeinflusst, nämlich von der Varietät der Hefe und den Culturbedingungen.

Wie bereits erwähnt, benutzt der Verfasser auch die Gährungsenergie als Merkmal zur Unterscheidung von Hefen Varietäten. Die Gährungsenergie liefert in der That nach des Verfassers Versuchen sehr geeignete Merkmale, wenn dieselbe bei verschiedenen Temperaturen bestimmt wird. Wie die Versuche ergeben, verhalten sich die verschiedenen Hefenvarietäten hierbei sehr verschieden. Bei einigen liegt das Maximum der Gährungsenergie bei 30 bis 35°, während bei 40° die Gährkraft bedeutend geringer ist und ungefähr derjenigen bei 25° entspricht. Andere haben ihr Maximum bei 35 bis 40°; die Gährungsenergie bei diesen Temperaturen ist bedeutend grösser als bei 30°; auch entwickelten sie bei 45° noch eine sehr bedeutende Gährkraft. Schliesslich gibt es solche, bei denen die Gährungsenergie bei 40° ein wenig grösser gefunden wird als bei 30°. (Nach Wochenschrift für Brauerei, Bd. 10 S. 1169.)

Ueber gewisse Grundlagen der alkoholischen Gährung herrschen nach von Laer noch die grössten Unklarheiten, während wieder andere, auch für die Praxis sehr wichtige Punkte noch gar nicht genügend untersucht sind. Folgenden Satz hält der Verfasser für sicher bewiesen: „Es kann Gährung a) mit oder b) ohne Neubildung von Hefe stattfinden.“ a) Findet die Gährung mit Neubildung von Zellen statt, so ist die Kraft der Gährung (d. i. das Verhältniss des zersetzten Zuckers zur gebildeten Hefe) desto grösser, je vollkommener anaerob die Hefe leben kann; die Gährungsenergie (d. i. die in der Zeiteinheit zersetzte Zuckermenge) ist aber desto grösser, je reichlicher der Luftzutritt zur Hefe erfolgte. Bei reichlichem Luftzutritt bildet sich (ceteris paribus) meist mehr Hefe, immer aber solche von grösserer Gährungsenergie; unter gegebenen Umständen kann aber stets nur eine gewisse Maximalmenge von Hefe entstehen, b) Findet die Gährung ohne Neubildung von Zellen statt, so wird durch reichliche Luftzufuhr sowohl |46| die Kraft der Gährung, als auch die Gährungsenergie gesteigert.

Für weiterer Untersuchung bedürftig erklärt Verfasser folgende Fragen: 1) Ob im Falle a) der Alkohol von den sich neu bildenden oder nur von den nicht mehr reproductionsfähigen Zellen gebildet wird? 2) Ob im Falle a) und b) – falls sich vollständige Aërobiose herstellen lässt – der Zucker ohne Entstehung von Alkohol assimilirt wird? 3) Wie verhalten sich die reproductionsfähigsten Heferassen bei reichlicher Luftzufuhr? 4) Warum erleidet die Reproduction eine Einschränkung, wenn sie in zuckerhaltigen Lösungen erfolgt, und namentlich in Bierwürze? 5) Erzeugen gewisse Heferassen, bei Luftzutritt in Bierwürze wirkend, ungleich mehr Alkohol und mehr Hefe als unter gewöhnlichen Umständen? (Bull. Ass. Belge Chim. 1893, Bd. 7 S. 100. Nach Chemiker-Zeitung, 1893 Repertorium S. 264.)

Ueber die Beziehungen zwischen dem Gährungsprocess und dem Selbstverbrennungsprocess im Sonnenlichte macht E: Duclaux in den Annales de l'Institut Pasteur, 1893 Nr. 11, hochinteressante Angaben, worüber wir der Zeitschrift für Spiritusindustrie, Bd. 16 S. 405, das folgende Referat von Windisch entnehmen: Im Jahre 1887 zeigte der Verfasser in den Annales de l'Institut agronomique, dass die Dextrose und Lactose in alkalischer Lösung im Sonnenlichte langsam zu Kohlensäure und Alkohol wie bei der alkoholischen Gährung verbrennen unter Bildung kleiner Mengen Ameisensäure. Zwar wurden diese Producte nicht in denselben Mengenverhältnissen gebildet wie bei der Gährung (Alkohol nur 4 Proc. des Zuckers); die Thatsache war jedoch nichts desto weniger höchst interessant, dass diese Producte aus Zucker ohne Mitwirkung eines alkoholischen Fermentes entstanden. Diese Alkoholbildung findet auch in hermetisch verschlossenen Flaschen statt.

Der Verfasser hat nunmehr den Einfluss des alkalischen Agens und der einzelnen Zuckerarten auf die Art der Verbrennungsproducte der Kohlehydrate untersucht. Während er früher mit Kali oder Ammoniak alkalisch machte, benutzte er hierzu nunmehr Baryt oder Kalk. Der Zutritt der Kohlensäure zur Zuckerlösung wurde durch vorgelegten gebrannten Kalk verhindert. Die Flüssigkeiten bräunen sich, werden aber im Laufe der Zeit, wenn genügend Alkali vorhanden ist, wieder hell. Die äusseren Erscheinungen sind dieselben, gleichviel, ob die Alkalisation mit Alkalien oder alkalischen Erden vorgenommen wurde; jedoch sind in beiden Fällen die Reactionsproducte wesentlich verschieden. Es bildet sich im letzteren Falle kein Alkohol mehr, sondern Milchsäure, was um so merkwürdiger ist, als Milchsäure selbst bei Gegenwart von Kali durch Verbrennung im Sonnenlichte Alkohol zu liefern im Stande ist. Der Verfasser erklärt sich daher die Verbrennungsvorgänge folgendermaassen: Der Zucker liefert stets bei Verwendung jeglichen Alkalis Milchsäure; bei Verwendung von Kali liefert die Milchsäure aber weiter Alkohol, bei Verwendung von Baryt jedoch nicht.

Die Menge der auf diese Weise gebildeten Milchsäure beträgt ungefähr 50 Proc. des Zuckers. Es gibt Milchsäurefermente, die nicht so grosse Mengen Milchsäure liefern; die Analogie mit der Milchsäuregährung wird noch vollkommener dadurch, dass sich auch noch Kohlensäure entwickelt, ebenso bemerkenswerthe Mengen Essigsäure. Der Verfasser stellt für die nächste Zeit eine Arbeit von Kayser in Aussicht, die zeigen wird, dass es niemals Milchsäuregährung ohne gleichzeitig daneben herlaufende Essigsäuregährung gibt.

In derselben Arbeit von Kayser wird sich auch zeigen, dass die verschiedenen Milchsäurefermente bald Rechts-, bald Links-, bald inactive Milchsäure liefern können. Die Verbrennung im Sonnenlichte hat ganz ähnliche Ergebnisse geliefert, nur schien das Drehvermögen der Milchsäure abhängig von dem Drehvermögen des angewandten Zuckers. So lieferte die Maltose Rechtsmilchsäure und ein nach links ablenkendes Zinklactat; die Lävulose gab Linksmilchsäure und ein Rechtszinklactat; der Invertzucker lieferte inactive Milchsäure, die der Verfasser als ein Gemenge von Rechtsund Linksmilchsäure anzusprechen geneigt ist.

Diese Bildung activer Körper durch Verbrennung am Sonnenlicht ist eine höchst interessante Thatsache, doppelt interessant dadurch, dass die gebildeten Verbindungen das gleiche Drehungsvermögen besitzen wie der zersetzte Zucker. Die Mikroorganismen, deren Wirkung eine andere und gewissermaassen tiefergehende ist, haben oft gerade den entgegengesetzten Erfolg. Das Sonnenlicht baut den Zucker vorsichtiger ab und lässt die Molekülgruppirung bestehen.

Doch kann die Wirkung des Sonnenlichtes auch eine weitergehende sein; so enthält die Rechtsmilchsäure, die aus der Verbrennung der Maltose entstanden ist, stets eine gewisse Menge inactiver Milchsäure. Die angewandte Maltose war vorsichtig gereinigt und konnte keinen Zucker enthalten, der inactive Milchsäure zu liefern im Stande ist. Der Verfasser glaubt daher, dass diese Säure von der Maltose herrührt; es bleibt nur noch zu untersuchen, ob sie inactiv durch Compensation, d.h. ein Gemenge gleicher Theile Links- und Rechtsmilchsäure ist, wie dies bei der gewöhnlichen Gährungsmilchsäure der Fall ist, die auch aus activen Körpern entsteht; oder ob sie nicht vielmehr eine von Natur aus inactive Milchsäure ist, die in der Milchsäurereihe noch fehlt, die es aber ohne Zweifel geben muss.

Nicht nur am Schluss dieses Verbrennungsprocesses im Sonnenlicht sind die Analogien desselben mit dem Gährungsprocess bemerkenswerth; dieselben treten bereits im Anfange des Phänomens in die Erscheinung. So ist der Rohrzucker, so lange er nicht invertirt ist, für eine grosse Anzahl Zuckerfermente unangreifbar, vielleicht für alle; er widersteht auch der Verbrennung im Sonnenlicht. Wird er aber vorher der Sonne in saurer Lösung ausgesetzt, so wird er invertirt und verbrennt nachher in der Sonne, wenn man ihn alkalisch gemacht hat, wie die anderen Zucker. Die Wirkung der Sonne in saurer Lösung ersetzt also die Invertase der Mikroben1); die im Anfange der Verbrennung im Sonnenlichte entstehenden, braunen Producte gleichen bezüglich ihrer Zusammensetzung und Eigenschaften den im Erdboden existirenden Humussubstanzen; sie sind auch wie diese colloidal. Wenn ein Theil der Humussubstanzen des Erdbodens bakteriellen Ursprungs ist, so glaubt der Verfasser sicher, dass ein anderer Theil aus der Verbrennung von Kohlehydraten im Sonnenlichte |47| bei Gegenwart der Basen des Erdbodens herrührt. Ebenso wie sich die schwarze Erde am Sonnenlichte entfärbt, so wandeln sich die bei der Verbrennung von Zucker in alkalischer Lösung im Sonnenlicht gebildeten, braunen Substanzen allmählich wieder in farblose Verbindungen um. Jedenfalls hat man schon oft bakterielle Wirkungen verwechselt mit der Wirkung des Sonnenlichtes; im Grunde genommen wohnt beiden Wirkungsarten, trotz ihrer augenfälligen Verschiedenheiten, der gleiche Mechanismus inne.

Man darf mit Recht auf die weiteren Arbeiten der französischen Forscher gespannt sein.

Ueber die Gährung der Kleie berichten J. T. Wood und W. H. Willcox im Journal of the Soc. of the Chemical Industry Bd. 12 S. 422 bis 426. Bei der Vergährung der Kleie spielt die Hauptrolle das Bacterium furfuris. An der Gährung nehmen nur die Stärke und die stickstoffhaltigen Bestandtheile der Kleie, nicht aber die Cellulose theil. Die Stärke wird zuerst durch ein in der Kleie enthaltenes, nicht organisirtes Ferment, das Cerealin, in Glykose verwandelt. Bei der Gährung der Glykose entwickelt sich ein Gas, das 21,9 bis 42,4 Proc. Kohlensäure und Schwefelwasserstoff, 1 bis 3,6 Proc. Sauerstoff, 53,1 bis 28,2 Proc. Wasserstoff, 24,0 bis 25,8 Proc. Stickstoff und kein Methan enthält. Von Säuren sind in der vergohrenen Flüssigkeit Ameisensäure, Essigsäure, Buttersäure, Milchsäure, ausserdem noch geringe Mengen Trimethylamin. (Nach Wochenschrift für Brauerei, Bd. 10 S. 1101.)

Bakteriologische und chemische Untersuchungen über die schleimige Gährung veröffentlicht E. Happ im Centralblatt für Bakteriologie und Parasitenkunde, Bd. 14 Nr. 6. Wir entnehmen hierüber der Wochenschrift für Brauerei, Bd. 10 S. 1128, das Folgende: Verfasser beschreibt nach erschöpfender Behandlung der einschlägigen Literatur zwei Mikroorganismen, welche die Fähigkeit besitzen, in gewissen, vorher sterilisirten Flüssigkeiten eine sogen. schleimige Gährung hervorzurufen. Er nennt sie Bacillus gummosus und Micrococcus gummosus. Die Resultate der Arbeit sind im Folgenden kurz zusammengefasst: 1) Die schleimige Gährung wird veranlasst durch Mikroorganismen, da keimfreie Zuckerlösungen niemals schleimig wurden und durch Ueberimpfung der beiden beschriebenen Bakterien auf sterile Zuckerlösungen stets Schleimbildung hervorgerufen wurde. 2) Die Anwesenheit von Rohrzucker ist unbedingt nöthig. Bei dem Micrococcus gummosus kann der Rohrzucker auch durch Malzzucker ersetzt werden. Das Optimum des Gehaltes an Rohrzucker liegt bei 10 Proc. Lösungen anderer Zuckerarten werden nicht in schleimige Gährung durch die beiden Mikroorganismen versetzt. 3) Die schleimige Gährung wird durch Zusatz von Mineralstoffen befördert, jedoch ist deren Anwesenheit nicht unbedingt nöthig, da Zuckerlösungen ohne jeglichen Zusatz ebenfalls schleimig werden. Ebenso sind auch Eiweisstoffe, die von einzelnen Forschern zur Schleimbildung für erforderlich gehalten werden, dazu nicht nöthig. 4) Der Schleim scheint durch Zersetzung des Zuckers und nicht durch Quellung der Membran zu entstehen, da eine derartige Veränderung durch die verschiedensten Färbemethoden und auf andere Weise niemals zu erkennen war. 5) Der Schleim besteht aus einer in Wasser löslichen, in Alkohol und Aether unlöslichen Gummose von der Zusammensetzung (C6H10O5)n. Als Nebenproducte treten bei der schleimigen Gährung stets Mannit, Milchsäure, Buttersäure, Kohlensäure auf. Auch wird ein geringer Theil des Rohrzuckers in Traubenzucker verwandelt.

(Schluss folgt.)

|46|

Der Rohrzucker verbrennt also nicht direct im Sonnenlicht, er muss vorher invertirt werden, gerade wie bei seiner Vergährung mittels Hefe. Da die Maltose direct im Sonnenlicht verbrennt, so Hesse sich hieraus vielleicht schliessen, dass die Maltose auch durch Hefe direct vergohren wird und nicht, wie man vielfach anzunehmen schien, erst durch die Hefe invertirt wird. (Windisch.)

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