Titel: Das Telephon im deutschen Heere.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 294/Miszelle 3 (S. 47–48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj294/mi294mi02_3

Das Telephon im deutschen Heere.

Eine interessante militärische Uebung fand im September 1894 zwischen Berlin und Potsdam statt. Es handelte sich dabei um das Legen einer Telephonleitung im Trabe von Berlin nach Potsdam. Zu diesem Zwecke verliessen in frühester Morgenstunde zwei Cavalleriepatrouillen, jede bestehend aus 1 Uhlanenofficier und 2 Uhlanenunterofficieren, die eine Berlin, die andere zu gleicher Zeit Potsdam. Ausgerüstet war jede Patrouille mit einem completten Telephonapparat, den der eine Unterofficier in einem Lederüberzug auf der Brust trug, und einem Vorrath von ganz dünnem Stahldraht auf Rollen, jede Rolle mit 1000 m. Das Legen der Leitung begann in Berlin vom Wachgebäude auf dem Pionirübungsplatze an der Hasenheide aus, in folgender Weise: Nachdem das Ende des Leitungsdrahtes mit der im Wachhause bereits befindlichen Stadtleitung in Verbindung gebracht war, nahm der gleichzeitig mit dem Fernsprecher ausgerüstete Unterofficier die Rolle; sie in eine Art Klammer mit Handgriff steckend, so dass sie sich leicht in seiner Hand um sich selbst drehte, ritt er vielleicht 30 Schritte voraus und machte dann Halt. Inzwischen |48| hatte der zweite Unterofficier seine Lanze durch eine mit einer Gabel am Ende versehene Stange um die Hälfte verlängert. Der von der Rolle des ersten Unterofficiers ausgehende Draht wurde mit der Gabel gefasst bezieh. durch dieselbe geleitet, und dann von dem zweiten Unterofficier mit der verlängerten Lanze in die Kronen der am Saume der Hasenheide stehenden Bäume gelegt. Jetzt wurde Trab commandirt. Der Officier gab die Richtung an, nur solche Wege und Chausseen wählend, die zur Seite mit möglichst hohen Bäumen versehen waren. Der die Rolle führende Unterofficier immer 30 Schritte voran, der zweite den abgewickelten Draht immer in die Gipfel der Bäume werfend. War die Rolle ganz abgewickelt, also 1 km Leitung gelegt, so wurde gehalten. Der erste Unterofficier sass ab; um seine in die Erde gesteckte Lanze schlang er das Ende des Drahtes und dieses wieder verband er mit dem Apparat. Das Telephon war eingeschaltet und die Verständigung mit der Ausgangsstelle wurde nachgesucht. Der Anruf der letzteren wurde dadurch bewerkstelligt, dass der Unterofficier auf einem ganz winzigen Hörn ein kurzes Signal gegen eines der beiden am Telephon befindlichen Hörner blies. Er brauchte seinen Anruf nicht zu wiederholen, denn kaum war ein Signal gegeben, als auch schon ein gleiches Signal vom Abgangsort deutlich durch den Apparat ertönte.

Die mündliche Verständigung wurde nun ebenfalls geprüft, dann schleunigst der Apparat ausgeschaltet, der Draht einer neuen Rolle mit dem abgelaufenen verbunden und weiter ging es im Trab. Bei jedem Kilometer wiederholte sich Einschalten des Telephons und Nachsuchen der Verständigung. Bei Teltow trafen beide Patrouillen zusammen; Signale wurden durch die Apparate bei den Endpunkten gegeben, dann die Drähte mit einander verbunden, wobei die Apparate mit eingeschaltet blieben, und die Führer beider Patrouillen hatten die Genugthuung, mit anzuhören, wie die in Berlin und Potsdam an den Endapparaten stehenden höheren Officiere sich lobend über das schnelle Legen und sichere Functioniren dieser neuen Art von Fernsprecheinrichtung aussprachen. Dann wurde Befehl zum Aufheben der neuen Leitung gegeben. Beide Patrouillen machten den Weg, den sie gekommen, wieder zurück, dabei den Draht wieder einsammelnd. Das Legen der ganzen 30 km langen Leitung dürfte kaum 4 Stunden in Anspruch genommen haben.

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