Titel: Ueber elektrische Desinfection (Process Hermite).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 294/Miszelle 3 (S. 96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj294/mi294mi04_3

Ueber elektrische Desinfection (Process Hermite).

Der Process Hermite besteht bekanntlich in einer elektrolytischen Zersetzung des Meerwassers, wodurch eine Flüssigkeit von den Eigenschaften einer schwachen Chlorkalklösung gewonnen wird, die Defäcationsmassen und Kanalwässer desodorisiren und sterilisiren soll. Nach Hermite ist es Magnesiumhypochlorid, was in der Flüssigkeit erzeugt wird, und dieses Hypochlorid soll vor anderen durch seine desinficirende Kraft ausgezeichnet sein.

A. Lambert (Bulletin soc. chim. de Parts, 5. Juli 1894) stellt nun demgegenüber fest, dass Magnesiumhypochlorid genau denselben desodorisirenden Effect hat, wie jedes andere Hypochlorid bei gleichem Gehalt an disponiblem Chlor, dass es aber gegenüber Chlorkalk und Natriumhypochlorid (Eau de Javelle) den Nachtheil besitzt, sich ausserordentlich viel rascher, theils durch Bildung von Chlorid und Chlorat, theils durch Abgabe freien Chlors zu zersetzen. Während z.B. eine Lösung von Magnesiumhypochlorid von 13,88° (jodometrischer Titre) in 5 Tagen 35 Proc. von ihrem Gehalt an wirksamem Chlor verlor, büsste eine Lösung von Eau de Javelle von 13° nur 1½ Proc. unter gleichen Verhältnissen ein. Genau wie eine Lösung von Magnesiumhypochlorid verhält sich elektrolysirtes Meerwasser. Wenn sein Gehalt an wirksamem Chlor gering ist (bis etwa 0,5 g auf 11), so verschwindet dasselbe bei 8tägiger Aufbewahrung fast gänzlich. Ist ein höherer Gehalt an wirksamem Chlor vorhanden, so bleibt ein Theil erhalten, entsprechend dem Umstände, dass dann neben Magnesiumhypochlorid auch das beständige Natriumhypochlorid vorhanden ist.

Die praktisch verwendete Hermite'sche Lösung ist ferner nach Untersuchungen von Kelly (Report of M. Hermite's treatment of sewage), denen sich einige Versuche von Lambert's Mitarbeiter Arsandaux anschliessen, nicht im Stande, Defäcationen zu desodorisiren. Sie modificirt zwar den eigentlichen Fäcalgeruch, macht aber nicht geruchlos, geschweige dass eine völlige Zerstörung der Abfallstoffe stattfände. Diese unzureichende Wirkung ist ihrer starken Verdünnung (0,6 g wirksames Chlor im Liter) zuzuschreiben, da concentrirte Hypochloridlösungen die gewünschte Wirkung in vollem Umfange zeigen. Bezüglich der bakteriologischen Wirksamkeit der Hermite'schen Lösung bringt Lambert eine Zusammenstellung der stattgehabten Untersuchungen, welche überwiegend dafür sprechen, dass diese Flüssigkeit für die Zwecke einer raschen und zuverlässigen Desinfection in grossem Maasstabe unverwendbar ist. Eine eingehende Discussion der elektrischen Verhältnisse der Anlage- und Betriebskosten führt Lambert schliesslich zu dem Resultat, dass das Hermite'sche Verfahren, abgesehen von der Unvollkommenheit der bewirkten Sterilisation und Desodorisirung, wenigstens doppelt so theuer ist, als eine Desinfection mit Chlorkalk. Daneben wird bei letzterer noch die enorme Verdünnung der Fäcalstoffe mit Wasser vermieden, die ihren Werth sehr vermindert. Die nur für Flüssigkeiten anwendbare Modifikation des Hermite'schen Verfahrens, wonach die zu desinficirende Lauge mit etwas Chlornatrium direct durch den Elektrolysator geschickt werden soll, wird nach ihrer Wirksamkeit nicht näher beleuchtet.

H.

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