Titel: Umlegung eines Dampfschornsteins bei beschränktem Raume.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 294/Miszelle 2 (S. 190–191)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj294/mi294mi08_2

Umlegung eines Dampfschornsteins bei beschränktem Raume.

Bei Erweiterung der Bahnhofsanlagen der Station Crimmitschau i. S. handelte es sich neben dem Abbruch einiger industrieller Anlagen auch um die Beseitigung zweier Dampfschornsteine, indess war nur für einen derselben freier Raum zum Umlegen vorhanden. Dieser Schornstein war auf 4 m hohem Postament von quadratischem Grundrisse etwa 35 m hoch aufgeführt, hatte ein Schornsteinlichtes von 85/85 cm, im Postamente ein Aussenmaass von 3,25 m, im Kopfe ein solches von 1,15 m.

Für das Umlegen dieses Schornsteines war nur eine Richtung möglich, zu der in etwa 50 m Entfernung die Bahn rechtwinkelig vorüberführte. Um nun zu vermeiden, dass die rollenden Schornsteintrümmer den Bahnkörper erreichten, wurde vor demselben zunächst ein Damm aufgeworfen, der Schornstein selbst aber nicht in Bodenhöhe, sondern über dem Postamente umgekippt.

Nachdem alle Oeffnungen in den Umfassungen des Postamentes, auch das Lichte desselben, bis auf den ins Auge gefassten Drehpunkt gehörig ausgemauert waren, damit das Postament beim Kippen nicht vorzeitig oder einseitig zerdrückt wurde, geschah das Umlegen in einfachster Weise so, dass das Schornsteinrohr in der der Fallrichtung zugekehrten Seite zunächst angespitzt wurde, während auf der entgegen gesetzten Seite in den Ecken 12 m lange Steifen, die mit Zapfen in langgeschlitzten Schrillen (sogen. Erdlocken) untergeführt waren, angetrieben wurden. Das Ausspitzen wurde gleichmässig bis nahe an die Mitte des Schornsteinquerschnittes fortgesetzt, die Steifen weggezogen und die sich im Lager bildenden Risse mit Keilen geschlossen, bis sich der Schornstein langsam im ganzen Verbände zu neigen begann und, bei einer Winkelrichtung von etwa 60° angekommen, das Postament nach rückwärts umstiess. Da hiermit die Spannung in der fallenden Röhre mit einem Male aufgehört hatte, bauchte sich diese in der Mitte tief aus, während das Kopfende beinahe lothrecht aus dieser Richtung abfallend aufschlug.

Die rollenden Schornsteintrümmer hatten den Bahnkörper nicht erreicht und die beabsichtigte Fallrichtung genau eingehalten. Die ganze Arbeit wurde nach der Mittheilung von Adolf Müller in Crimmitschau von 4 Arbeitern in 1½ Tagen ausgeführt.

Hierzu bemerkt E. Witte in Bielefeld: Bei der Frage der Umlegung eines Dampfschornsteines bei beschränktem Raume sprechen verschiedene Factoren mit und zwar: 1) will man von dem Kamin einen Schutthaufen haben, so wird derselbe auf 3 bis 4 bis 5 m von unten unterminirt und auf Eisenkeile gestellt, von denen aus man dann den Schornstein fast auf 1 mm genau nach irgend einer Seite hin umwerfen kann, ohne dass Stützen u.s.w. verwendet werden. Voraussetzung hierbei ist, dass der Schornstein immerhin in seinem oberen Theile noch so gut ist, dass ein Durchschlagen in 2 oder 3 Stücke nicht zu befürchten ist, da sonst dieselben in alle Windrichtungen aus einander reissen. 2) Bei oben beschriebener Art ist es ferner von Wichtigkeit, ob in der Nähe des umzuwerfenden Schornsteins Maschinen, Dampf-, Wasser-, Gasleitungen, werthvolle Scheiben, Schaufenster u.s.w. vorhanden sind, die eine Erschütterung ohne Schaden meistens nicht vertragen können, denn der Druck auf den Erdboden, wie er durch das Umwerfen eines hohen Dampfschornsteins hervorgebracht wird, stellt sich meist anders, als dies von Theoretikern ausgerechnet wird. Ich habe selber die Erfahrung gemacht, dass Dampfleitungen geplatzt, Fenster zersprungen und selbst an der Betriebsmaschine Verrenkungen vorgekommen sind.

Das sicherste Mittel, einen Kamin abzutragen, ist, denselben |191| Stück für Stück von oben abzubrechen und das Material innen hinabzuwerfen und zwar so, dass man unten in den Kamin ein Loch bricht, in welches man starke Kanthölzer legt, die den Stoss des fallenden Materials abschwächen und dasselbe meist heil herausbringen. (Deutsche Bauzeitung vom 3. November 1894.)

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