Titel: Strassenbahn mit Gasmotorenbetrieb.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1894, Band 294/Miszelle 4 (S. 264)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj294/mi294mi11_4

Strassenbahn mit Gasmotorenbetrieb.

Am 15. November ist in Dessau die überhaupt erste Strassenbahn mit Gasmotorenbetrieb dem Verkehr übergeben worden. Die Versuche, das Leuchtgas als Betriebskraft für Strassenbahnen zu verwenden, sind nicht neu. Als praktisches Ergebniss ging aus ihnen die Construction einer kleinen Locomotive mit Gas als Triebkraft hervor, die vor jeden Strassenbahnwagen gespannt wurde. In Deutschland war es Oscar Blessing in Leipzig, in Amerika Connelly in Chicago, welche sich der Lösung der Aufgabe zuwandten. Thatsächlich kamen in England und Amerika mehrere Linien mit Hilfe des neuen Motors in Betrieb. Eine wesentliche Verbesserung war es jedoch, als es dem inzwischen verstorbenen Dresdener Ingenieur Lürig gelang, einen Strassenbahnwagen zu construiren, bei welchem der Gasmotor unter einer Sitzreihe angeordnet werden konnte; durch sinnreiche maschinelle Vorrichtungen wird die Bewegkraft auf die Räder des Wagens übertragen. Der Motor ist nach dem Deutzer System construirt. Das zum Betrieb erforderliche Gas wird jedem Wagen nach dem bewährten Vorgang der mit Gas beleuchteten Eisenbahnwaggons in cylindrischen Behältern in verdichteter Form mitgegeben. Die Dessauer Wagen haben 12 Sitzplätze und 15 Stehplätze, einen Gasmotor des genannten Systems von 7 , sowie 3 Gasbehälter, deren Inhalt für eine Fahrt, von 12 km Länge ausreicht. Die Zündung erfolgt elektrisch, der Auspuff geschieht unsichtbar und geräuschlos. Die Fahrgeschwindigkeit ist behördlich mit 12 km in der Stunde festgesetzt, kann jedoch noch wesentlich gesteigert werden. Die Regulirung der Fahrt erfolgt durch einen Hebel am Führerstand. Die Aufnahme des verdichteten Betriebsgases erfolgt an den Endstationen, wo Vorrichtungen zur Verdichtung des Gases getroffen sind, das hier der allgemeinen Gasleitung entnommen wird. Die Verdichtungsstelle hat den Umfang etwa eines Bahnwärterhäuschens. Der Gasmotorwagen ist äusserlich nur durch die Schwungradverkleidung als solcher kenntlich. Man darf auf die Erfahrungen mit dem neuen Betriebsmittel gespannt sein, und es wäre zu wünschen, dass diesen Erfahrungen auch vergleichende Zusammenstellungen der Betriebskosten beigegeben werden. (Deutsche Bauzeitung, 1894 S. 596.)

-r.

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