Titel: Neuerungen an Vorrichtungen zum Anzeigen und Aufschreiben von Fahrgeschwindigkeiten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 295 (S. 208–211)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj295/ar295051

Neuerungen an Vorrichtungen zum Anzeigen und Aufschreiben von Fahrgeschwindigkeiten.

(Fortsetzung des Berichtes S. 183 d. Bd.)

Mit Abbildungen.

II. Pouget-Guillet's Fahrgeschwindigkeitsmesser.

Ein älterer Apparat von Pouget1), den der Erfinder mit dem Namen Chronotachyskop benannte, wurde auf französischen Bahnen und insbesondere auf der Paris-Mittelmeer-Bahn mit befriedigendem Erfolge verwendet, allein einer grösseren Verbreitung desselben stand sein hoher Anschaffungspreis entgegen. Hierdurch veranlasst, bestrebte sich Pouget im Vereine mit Guillet, einen Fahrgeschwindigkeitsmesser anzufertigen, der nach jeder Richtung den an einen solchen Apparat zu stellenden Anforderungen entsprechen sollte. Diese neue Anordnung wurde durch |209| Ingenieur P. Laborel ausführlich geschildert in Le Génie civil, 1894 S. 151, welcher Quelle wir in Nachstehendem folgen.

Der Gedanke, welcher der in Betracht stehenden Einrichtung zu Grunde liegt, ist auch schon von einer Reihe anderer Constructeure in verwandter Weise2) ausgenutzt worden und besteht darin, dass 1) die Flüssigkeitsmenge, welche eine Pumpe liefert, der Umdrehungsgeschwindigkeit des Pumpentriebrades proportional ist und dass 2) die Flüssigkeitsmenge, welche unter stets gleichbleibendem Drucke aus einem Gefässe abfliesst, ebenfalls proportional ist der Grösse des Querschnittes der Abflussöffnung. Veränderungen dieser einfachen Verhältnisse zufolge Temperaturunterschiede können erfahrungsmässig höchstens 0,02 Proc. betragen und dürfen für belanglos gelten, wenn als Flüssigkeit eine neutrale Magnesium-Chlorür-Lösung von 1,180 Dichtigkeit in Verwendung kommt, wie sie ihrer Frostbeständigkeit wegen häufig für Gaszähler benutzt wird, oder wenn, wie es in der frostfreien Jahreszeit anstandslos geschehen kann, reines Wasser zur Anwendung kommt.

Textabbildung Bd. 295, S. 209

Der am Führerstande angebrachte, an zwei Trägern P P (Fig. 9) festgeschraubte Apparatkasten hat zwei Zifferblätter, und zwar oben ein kleineres, das einer gewöhnlichen Uhr entspricht und die Zeit angibt, mit Stunden- und Minutenzeiger, unten ein grösseres, hunderttheiliges, das Stundenkilometer darstellt, mit nur einem Zeiger. Der letztere weist während der Fahrt der Locomotive stets auf jenen Theilstrich, welcher der jeweiligen Fahrgeschwindigkeit entspricht; überläuft er dabei den Theilstrich 100, so gibt er natürlich 101, 102, 103 u.s.w. Kilometer Fahrgeschwindigkeit an. Die Zeigervorrichtung im Innern des Gehäuses e e1, welches auch das Registrirwerk birgt, steht mit dem zweiten Haupttheile der Einrichtung, welcher die Locomotivgeschwindigkeit auf den ersten zu übertragen hat, durch die zwei Rohre T1 und T2 in Verbindung.

Die Anordnung der beiden zusammenwirkenden Theile ist in Fig. 10 ersichtlich gemacht. Das auf den Tragrahmen der Locomotive entsprechend befestigte Gussgestell Y trägt drei Ständer Q, Q1 und Q2, in welchen einerseits das zur Bewegungsübertragung zunächst erforderliche Räderwerk und andererseits die dreifache Kurbelwelle A A1 gelagert sind. Das erstere besteht aus der Frictionsscheibe G, deren Drehachse n (Fig. 10 bis 13) in zwei Lagern H und H1 ruht, die ein Flacheisen B steif mit einander verbindet; aus dem Lagerstücke H1 steht seitlich ein Zapfen m vor und dieser lagert im Ständer Q (Fig. 10 und 11). Die Scheibe G, deren Aufgabe es ist, von einem der Locomotivräder durch Reibung in Umdrehung versetzt zu werden, kann somit ihre Lage dem Umfange des betreffenden Rades, das selbstverständlich ohne Bremse sein muss, anpassen und wird hierin durch zwei in der Zeichnung nicht dargestellte Federn unterstützt, welche an dem Locomotivgestelle befestigt sind und die, die Scheibe G von rückwärts umgreifend, das Stück H H1, d.h. also die Achse n, kräftig nach abwärts, nämlich gegen den Radreifen des in Betracht kommenden Locomotivrades, pressen. Auf der Drehachse n der Scheibe G steckt das Triebrad i (Fig. 10 und 12), welches in das Kammrad k eingreift; letzteres lagert im Ständer Q1 und überträgt gleichfalls mittels eines Getriebes die von G bezieh. vom Locomotivrad empfangene Bewegung auf das Rad r, d. i. auf die Achse A A1. Auf der dreifach gekröpften Achse A A1 hängen wechselständig die Kolbenstangen dreier Pumpen P, P1 und P2, die während der Fahrt der Locomotive durch die geschilderte Uebertragung angetrieben werden und aus dem Behälter R Flüssigkeit mittels der Saugventile b, b1 und b2 (Fig. 14) entnehmen und mit Hilfe der Druckventile b3, b4 und b5 durch das Rohr T1 (Fig. 10 und 14) in den Cylinder E unter den dicht schliessenden, aber trotzdem sehr leicht beweglichen Kolben K pressen. Der Cylinder E ist fast seiner ganzen Länge nach aufgeschlitzt, doch bleibt dieser Schlitz f vom Kolben K, solange sich dieser auf dem tiefsten Punkte, d.h. in seiner Ruhelage, befindet, vollkommen verschlossen.

Textabbildung Bd. 295, S. 209

Wenn aber die Pumpen Flüssigkeit nach E pressen, muss natürlich K im Cylinder aufwärts steigen, wodurch, wie es beispielsweise in Fig. 10 dargestellt erscheint, der betreffende Theil des Schlitzes frei wird und die in E eingetretene Flüssigkeit in den Umhüllungscylinder e1 e1 austreten lässt, wo sie bei J durch das Rohr T3 wieder in den Vorrathsbehälter R zurückgelangen kann. Sobald bei einem solchen Vorgange K so hoch gegangen ist, dass die gesammte einströmende Flüssigkeit |210| durch den freigewordenen Schlitz wieder seinen Ausweg findet, gelangt er in Ruhe; wird die Flüssigkeitsmenge grösser, so steigt K wieder höher, wird sie geringer, so geht K so viel niederwärts, bis der Ausflusschlitz genügend verkleinert wurde. Die Weite des Ausflusschlitzes kann aufs genaueste regulirt werden, zu welchem Zwecke das Steigrohr des Kolbens K aus zwei, ähnlich den Theilen eines Hahnes in einander geschliffenen Cylindern E und E1 besteht, die beide an gleicher Stelle geschlitzt sind. An dem inneren Cylinder ist ein Arm X angebracht, mit dessen Hilfe E rechts oder links gedreht werden kann, wodurch es möglich wird, den Schlitz nach Bedarf zu erweitern oder zu verengen.

Textabbildung Bd. 295, S. 210

Die vorgedachte auf und nieder gehende Bewegung von K ist, wie leicht zu ersehen, zufolge der getroffenen Anordnung und der schon eingangs erwähnten Grundgesetze stets proportional der Fahrgeschwindigkeit der Locomotive selbst. Es erübrigt also nur, die Kolbenbewegungen in geeigneter Weise auf die Anzeige- und auf die Schreibvorrichtung fortzupflanzen. Diese Aufgabe erfüllt eine mit K verbundene Zahnstange t, welche durch den Deckenabschluss des Cylinders E in den oberen Theil e e (Fig. 9 und 10) des Apparatkastens hinaufragt. Hier befindet sich eine genau gehende Uhr U, welche sowohl die beiden vor dem Zifferblatte C laufenden Zeiger antreibt, als auch die Schreibtrommel T innerhalb 6 Stunden einmal herumdreht. An der Mantelfläche der benannten Trommel wird der zur Aufnahme der Controlniederschrift erforderliche Papierstreifen durch Haftstifte befestigt, und in gleicher Weise muss der Streifen für jede Fahrt wieder erneuert werden.

Wie dann die am Kolben K (Fig. 10) befestigte Zahnstange t ihr Auf- und Niedergehen weiter fortpflanzt, lassen die Fig. 10 und 16 bis 19 deutlich ersehen. Die Zähne von t greifen in das Rädchen r1 ein und drehen also die Achse a1, auf welcher noch zwei Zahnräder r2 und r4 (Fig. 16 und 17) festsitzen; davon steht r2 im Eingriff mit einem Zahnrad r3, auf dessen Drehachse a2 der vor der Stundenkilometer-Kreistheilung C1 (Fig. 9) laufende Zeiger Z sitzt, wie es in Fig. 19 noch besonders herausgezeichnet ist. Das zweite auf a1 sitzende Rad r4 greift aber wieder in eine senkrecht geführte Zahnstange t2 (Fig. 10, 16, 17 und 18) ein, und diese ist an ihrem oberen Ende an einer Hülse h (Fig. 16 bis 18) festgemacht, welche sich an der Gleitstange q leicht verschieben lässt und den Schreibstift d trägt. Der letztere, ein Silberstift, wird von einem Arm gehalten, welcher an h und zwar an einem Führungsstängelchen durch eine Klemmschraube s1 befestigt ist und sich auch verlängern oder verkürzen lässt, wie Fig. 18 zeigt; mit Zuhilfenahme der Schrauben s1, s2 und s3 kann daher die Lage von d nach allen Richtungen hin leicht und genau regulirt werden.

Der mit Bleiweiss überzogene Papierstreifen, auf welchem der Schreibstift die Controlcurven darzustellen hat, ist der Länge nach mit 100 Strichen bedruckt, welche je 1 mm von einander abstehen und mit der Kreistheilung C1 (Fig. 9) übereinstimmend die Geschwindigkeiten von 1 bis 100 Stundenkilometer darstellen; desgleichen besitzt der Streifen eine vorgedruckte Theilung der Höhe nach durch senkrechte, mit Ziffern versehene Striche, die je 2 mm von einander abstehen und Minuten darstellen, weil sich auch die Papiertrommel mit einer Geschwindigkeit von 2 mm in der Minute bewegt. Bei Anbringung eines neuen Streifens ist derselbe stets so anzustecken, dass das Merkzeichen an der Papiertrommel, welches die Lage des Schreibstiftes anzeigt, mit jenem Minutenstriche am Papier, welcher der augenblicklichen Zeit bezieh. der Stellung des grossen Zeigers am Uhrblatt C (Fig. 9) entspricht, zusammenfalle.

Um etwa an der Lage des Schreibstiftes etwas zu reguliren, was allerdings nur in den seltensten Fällen nöthig werden kann, ebenso aber ganz regelmässig bei jedesmaligem Auswechseln des Papierstreifens muss der versperrte Deckel des Apparatkastens geöffnet und das Uhrwerk sammt der Papiertrommel ausgehoben und wieder eingesetzt werden, was sich leicht bewerkstelligen lässt; beim Zuschliessen des Deckels treten alle abgehoben gewesenen Theile wieder an ihren gehörigen Platz. Das Reguliren des Ausflusschlitzes lässt sich auch ohne vorausgehendes Oeffnen des Apparatkastens und selbst während der Fahrt mit Hilfe eines besonderen Schlüssels vornehmen. Es muss jedoch hierzu ein Zeitraum gewählt werden, in welchem die Locomotive mit möglichst gleichmässiger, d.h. gleichbleibender Geschwindigkeit fährt; die richtige Geschwindigkeit wird dann mittels eines Tourenzählers festgestellt und danach der Zeiger des Theilkreises für die Stundenkilometer auf die entsprechende Ziffer des Theilkreises vor oder zurück gerückt und zugleich der Ausflusschlitz so einregulirt, dass der Zeiger seine Lage nicht mehr ändert.

Schliesslich käme hinsichtlich der inneren Anordnung des Apparates noch nachzutragen, dass die Registrirvorrichtung sowohl als die Cylinder E und E1 im Gehäuse |211| nicht steif befestigt sind, sondern durch eine Spiralfeder F gehalten werden, deren Aufgabe es ist, die Erschütterungen während der Fahrt möglichst auszugleichen und unschädlich zu machen. Die Pumpen und ebenso die Uebertragungsmechanismen sammt der Frictionsscheibe befinden sich selbstverständlich gleichfalls unter einem blechernen Schutzkasten.

Die vorstehend geschilderten Pouget'schen Apparate kommen fast 50 Proc. billiger als die der älteren Form.

(Schluss folgt.)

|208|

Vgl. Revue général des chemins de fer vom zweiten Semester 1882 S. 462 und eine eigene Broschüre über den Gegenstand: „Chronotachymeter“ von Ponget Louis, Post- und Telegraphen-Generalinspector in Montpellier, bei Grollier et fils in Montpellier.

|209|

Vgl. z.B. Small und Naughéon 1887 263 * 72.

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