Titel: Directe Nutzbarmachung der chemischen Energie der Kohle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 295/Miszelle 12 (S. 95–96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj295/mi295mi04_12

Directe Nutzbarmachung der chemischen Energie der Kohle.

Die Zeitschrift für angewandte Chemie bringt über die directe Erzielung mechanischer Energie aus Kohle auf kaltem Wege folgende Mittheilung:

W. Borchers versuchte, Kohlenoxyd in einer Kupferchlorürlösung mittels atmosphärischen Sauerstoffes unter Gewinnung elektrischer Energie zu verbrennen.

Ein Glasgefäss wurde durch zwei Glasplatten, welche nicht ganz bis auf den Boden reichten, in drei Zellen geschieden. In die beiden äusseren Abtheilungen wurden Kupferrohre zum Einleiten des Kohlenoxydes eingehängt; in die mittlere Abtheilung tauchte eine Kohlenglocke ein, welcher Luft zugeleitet wurde. Als Elektrolyten dienten Kupferchlorürlösungen. Das anfangs benutzte Kohlenoxyd wurde später durch Leuchtgas ersetzt. Saure Kupferchlorürlösungen gaben bessere Resultate als alkalische. Bei Anwendung von stark durch Kohlensäure verunreinigtem Kohlenoxyd, saurer Kupferchlorürlösung und Luft ergab sich:

Aeusserer Wider-
stand in Ohm
Spannung
in Volt
Stromstärke
in Ampère
0,1 0,050 0,500
1 0,200 0,200
5 0,275 0,060
10 0,300 0,040
20 0,400 0,020
50 0,400 0,008

Es wurden nun die Verhältnisse für eine günstige Kohlenoxydabsorption noch dadurch zu verbessern gesucht, dass die äusseren Zellen mit Kupferspänen und Blechschnitzeln gefüllt wurden. Unter Benutzung eines dem Steinkohlengeneratorgase ähnlichen Gasgemisches gelang es schliesslich, bei geringem äusseren Widerstände (Kurzschluss, bei eingeschaltetem Messwiderstande) Ströme bis zu 0,64 Ampère zu erhalten, während bei Vergrösserung des äusseren Widerstandes die Spannung 0,56 Volt wurde. Der in dem Elemente nach Abzug aller Zwischenreactionen verbleibende Vorgang CO + O = CO2 sollte theoretisch Spannungen bis 1,47 Volt liefern können. Man würde also 27 Proc. der Energie dieses Brennstoffes in Elektricität überführen können. Als statt Kohlenoxyd in dem Apparate Steinkohlenpulver verwendet wurde, ergab sich:

Aeusserer Wider-
stand in Ohm
Spannung
in Volt
Stromstärke
in Ampère
0,1 0,040 0,40
1 0,170 0,20
5 0,250 0,05
10 0,270 0,04
50 0,300 0,01

Kohlenstoff allein sollte bei seiner Oxydation zu Kohlendioxyd eine Stromspannung von etwa 2 Volt liefern; 0,3 Volt wären also nur 15 Proc. der Gesammtenergie. Dazu kommt, dass selbst bei Aufrechterhaltung einer lebhaften Flüssigkeitsbewegung bald eine Stromschwächung eintritt, wie sie bei Benutzung von Kohlenoxyd bezieh. Leuchtgas nicht beobachtet wurde. Da ferner anzunehmen ist, dass die allmähliche Verunreinigung der Lösungen eintritt, selbst wenn die vollständige Oxydation der Kohlen als erwiesen zu betrachten wäre, so scheint eine Vergasung der Kohlen mit darauf folgender Oxydation der unvollständigen Verbrennungs- und Destillationsproducte in Gaselementen vorläufig der einzig Erfolg versprechende Weg zum Ziele.

Bestätigung und Erweiterung der Versuche werden mit grossem Interesse erwartet.

(Nach einer Mittheilung Paul Winand's in Philadelphia an die Elektrotechnische Zeitschrift vom 10. Januar 1895, S. 35, tauchte der Gedanke – Kohlenoxyd bezieh. Generatorgas elektrolytisch auf den Sauerstoff der Luft durch Vermittelung einer Kupferchlorürlösung einwirken zu lassen – schon im J. 1887 auf. Wir lassen die Mittheilung hier folgen.

„Damals besprachen Ingenieur H. Coullery und ich die Frage der elektrolytischen Verwendung der Verbrennungsenergie der Kohle, und wir kamen genau zu demselben Schluss wie Dr. Borchers, nämlich dass eine directe Oxydation wegen der Unreinheit des zur Verfügung stehenden Materials wohl niemals eine praktische Bedeutung erhalten würde, dass aber der indirecte Weg mittels Anwendung von Generatorgas weit bessere Aussichten gewähre und dass zu diesem Zwecke Kupferchlorürlösungen wegen ihrer Absorptionsfähigkeit die zweckmässigsten Elektrolyte sein dürften.

Wir konnten nirgends bezügliche Angaben finden. Der nächstliegende praktische Vorschlag, den wir fanden, war ein Patent von A. Bernstein, in welchem die Verwendung von Wasserstoff beschrieben war. Angesichts der Mangels an Angaben in der Litteratur legten wir die Sache Prof. R. Clausius vor, welcher uns jedoch abrieth, praktisch brauchbare Resultate zu erwarten. Auch theilten wir unsere Ansichten Prof. W. Spring und Prof. Ed. Stebler mit. Die Versuche schienen nicht ermuthigend zu sein, und wir vermutheten, dass die von Helmholtz entdeckte Erscheinung, dass nämlich auch reversibele, galvanische Ketten eine höhere oder geringere EMK besitzen mögen als der thermochemischen Energie entspricht, hier vielleicht nachtheilig zur Geltung komme.

Obwohl ich unsere Misserfolge durchaus nicht als maassgebend ansehen möchte, so befürchte ich doch, dass die Untersuchungen Dr. Borchers' nur ein theoretisches Interesse haben |96| werden und dass die wirthschaftlich so wichtige directe Umwandelung der Affinität der Kohle für Sauerstoff in elektrische Energie auf einem anderen, noch unentdeckten Wege wird bewirkt werden müssen.“)

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