Titel: Neuer Schornstein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 295/Miszelle 6 (S. 192)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj295/mi295mi08_6

Neuer Schornstein.

Der neue Schornstein der Zuckerfabrik in Kojaaka (Provinz Kiew, Russland) ist nicht nur wegen seiner schnellen Errichtung auf schwierigem Baugrunde, als auch wegen des Umstandes interessant, dass er unmittelbar nach seiner Fertigstellung, noch bevor er mit einem Blitzableiter versehen und in Gebrauch genommen werden konnte, von einem Blitzschläge einseitig in seiner vollen Länge aufgerissen worden ist.

Die genannte Zuckerfabrik hat während der Campagne 1893/94 in 54 Tagen 21887 t Rüben verarbeitet, also in 24 Stunden im Mittel 405 t. Die Menge der Zuckererzeugung beziffert sich auf 2622868 k, so dass 11,98 k weisser Krystallzucker aus 100 k Rüben gezogen wurden.

Die Fabrik besitzt zehn Dampfkessel von zusammen 1145 qm Heizfläche. Für dieselben war ein runder eiserner Schornstein von 1,5 m Durchmesser und 29 m Höhe, sowie ein rechteckiger gemauerter Schornstein von 32 m Höhe und 0,8 m Seitenlänge vorhanden. Bei der Hinzufügung eines neuen Kessels musste der schon unzulängliche Zug verbessert werden, so dass sich die Fabrik zur Errichtung eines neuen Schornsteines als Ersatz für die vorhandenen entschloss.

Der neue Schornstein musste des ungünstigen, von einer Wasserader durchzogenen Baugrundes wegen auf einem Rost gegründet werden, welcher aus 100 Pfählen von 7 bis 8 m Länge und 0,35 m Durchmesser und einem Abstande von je 0,8 m errichtet wurde. Der Rost hatte bei 8 m Seitenlänge somit 64 qm Grundfläche. Der Rost wurde bei Tag- und Nachtarbeit in 120 Stunden fertig gestellt.

Auf den Rostkopf wurde eine Betonschicht von 1 m Dicke aufgetragen und darauf das Fundament von 3 m und der Schornsteinfuss von 10 m Höhe gebracht. Hierzu wurden gewöhnliche Kiewer Ziegelsteine benutzt. Der Schornstein wurde dann in einer weiteren Höhe von 55 m aus gelochten Formsteinen hergestellt, welche aus Chemnitz bezogen waren.

Das Gesammtgewicht des Mauerwerkes betrug 850000 k, so dass jeder Rostpfahl mit 10,5 k auf 1 qc belastet war.

Die Arbeiten, welche am 21. Mai 1894 begannen, wurden am 30. Juni beendet, also in der kurzen Zeit von 75 Tagen.

Am 2. Juli Nachts traf den somit eben fertig gestellten Schornstein ein Blitzschlag, welcher eine bis zu 1,26 m breite Gasse von der Spitze des Schornsteines bis zu seinem Fusse riss. Zertrümmerte und sogar ganze Mauersteine wurden bis auf 80 m Entfernung fortgeschleudert. Ein Unfall für Menschen ist nicht eingetreten.

Der Blitz hatte sich den Weg gesucht, welchen die im Innern des Schornsteins vorgesehenen Steigeisen vorgeschrieben haben.

Es geht somit die Lehre aus diesem Ereigniss hervor, selbst beim Bau der Schornsteine ständig für einen den obersten Theil überragenden Blitzableiter zu sorgen.

Die sofort begonnene Ausbesserung des Schadens wurde in 20 Tagen, am 24. Juli, beendet. Man stellte nunmehr zuerst einen Blitzableiter auf.

Die Baukosten dieses Schornsteins gibt unsere Quelle – Le genie civil – zu folgenden Ziffern an:

Fundirung 108,41 Rubel
120 Roststäbe 1069,02
Grundung des Rostes 1392,72
103320 k Granitsteinschlag und
Sand

568,75

73000 Ziegel aus Kiew
21156 k Cement
21976 k gelöschter Kalk

3244,95

Arbeitslohn 761,01
Transportkosten 333,08
Lohn für Chemnitzer Arbeiter 604,75
14000 Specialsteine aus Chemnitz 6454,24
Transport derselben 2824,88
Blitzableiter 334,05
–––––––––––––––
insgesammt 17695,86 Rubel
oder 56526,46 Mark.

Mg.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: