Titel: Prüfung und Beglaubigung von Schrauben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 295/Miszelle 1 (S. 300)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj295/mi295mi13_1

Prüfung und Beglaubigung von Schrauben.

Nach einer Mittheilung der Physikalisch-technischen Reichsanstalt, Abtheilung II, in Charlottenburg, übernimmt die Anstalt die Prüfung und Beglaubigung von Schraubenspindeln nach Maassgabe folgender Bestimmungen:

§ 1. Die Prüfung hat den Zweck, die Grössen des Durchmessers, der Ganghöhe und der Gewindeform von Schrauben, Gewindebohrern u. dgl. zu ermitteln. Bezieht sich dieselbe auf Musterspindeln, welche das in der Anlage beschriebene Normalgewinde für Befestigungsschrauben nach metrischem Maasse darstellen, so kann sie mit einer Beglaubigung verbunden werden. – Mutterkörper sind von der Beglaubigung ausgeschlossen.

§ 2. Musterspindeln, welche zur Beglaubigung eingereicht werden, müssen folgenden Bedingungen entsprechen:

1) Die Spindel soll aus gutem Stahl angefertigt, jedoch nicht gehärtet sein. Sie muss aus einem Stiel, einem das Gewinde darstellenden Theil (Bolzen) und einem cylindrischen glatten Fortsatze bestehen, dessen Durchmesser gleich dem des Gewindekerns ist. Hierzu kann noch ein zweiter cylindrischer glatter Fortsatz vom Durchmesser des Gewindes treten. Das Ganze muss aus einem Stück gearbeitet sein.

2) Der Stiel soll im Allgemeinen cylindrische Form haben, er kann geriffelt, genarbt u.s.w. sein und muss eine freie ebene Fläche für die Aufnahme des Beglaubigungsstempels besitzen, deren Abmessungen mindestens betragen:

Bei einem Bolzendurch-
messer von

Parallel zur Achse

Senkrecht zur Achse
1 bis 3 mm 12 mm 2,5 mm
3,5 „ 5,5 „ 15 „ 4,5 „
6 „ 10 „ 17 „ 5,5 „
12 „ 24 „ 20 „ 7 „
26 „ 40 „ 30 „ 10 „

Durch diese Fläche darf der Stiel höchstens um ein Achtel seines Durchmessers geschwächt werden.

3) Der Bolzen muss mindestens acht vollständig ausgebildete Gänge aufweisen.

4) Das Gewinde soll, sofern der Durchmesser des Bolzens nicht, geringer ist als der des Stiels, von diesem durch eine Eindrehung getrennt sein.

5) Die Fortsätze müssen auf eine Länge von mindestens 3 mm genau cylindrisch sein; derjenige für den Gewindedurchmesser darf sich nicht unmittelbar an das Gewinde anschliessen, sondern muss durch eine Eindrehung, deren Breite ein bis zwei Ganghöhen beträgt, von demselben getrennt sein.

§ 3. Die Prüfung erfolgt durch mikrometrische Messung oder durch Vergleichung mit den Normalien der Reichsanstalt. Zur Beglaubigung ist Folgendes erforderlich:

1) Die Flanken des Gewindeprofils dürfen keine merkliche Abweichung von einer geraden Linie zeigen.

2) Die Breiten der Abflachung an der Spitze und am Boden des Profils sollen nicht erheblich von einander verschieden sein.

3) Die Ganghöhe darf im Mittel aus 10 Messungen an verschiedenen Stellen von ihrem Sollwerth höchstens um 0,002 mm abweichen.

4) Der Durchmesser des Bolzens, sowie der cylindrischen Fortsätze darf nicht grösser und höchstens um 0,03 mm kleiner sein als der Sollwerth; bei Schrauben von weniger als 2 mm Durchmesser beträgt diese Fehlergrenze nur 1,5 Proc. des Sollwerthes.

5) Die Gangtiefe darf nicht kleiner und höchstens um 0,02 mm grösser sein als der Sollwerth.

§ 4. Die Beglaubigung erfolgt durch Aufprägung eines Stempels, bestehend aus:

1) einem M zur Kennzeichnung des Gewindesystems (s. § 1),

2) einer laufenden Nummer,

3) dem Reichsadler.

§ 5. Für jede beglaubigte Musterspindel wird ein „Beglaubigungsschein“ ausgestellt, welcher bekundet, dass sie die im § 2 und 3 enthaltenen Bedingungen erfüllt.

§ 6. Werden Spindeln in Sätzen von mindestens 10 Stück mit systematisch abgestuften Durchmessern beglaubigt, so erhalten sie gleiche laufende Nummer und einen gemeinschaftlichen Beglaubigungsschein. Soll in diesem Falle ein etwa beschädigtes oder in Verlust gerathenes Stück durch ein neues mit derselben Nummer ersetzt werden, so ist dem Gesuch um Beglaubigung entweder das schadhafte Stück oder der Beglaubigungsschein für den ganzen Satz beizufügen.

§ 7. An Gebühren werden erhoben:

A) für Prüfung und Beglaubigung

1) einer Spindel mit einem Fortsatz 3,00 M.
2) zwei Fortsätzen 3,50

B) Ergibt die Prüfung, dass das betreffende Stück die Bedingungen des § 3 nicht hinreichend erfüllt und deshalb nicht beglaubigt werden kann, so werden die unter A angegebenen Gebühren je um 0,50 M. ermässigt erhoben. Dabei wird eine specielle Angabe über die Grösse der gefundenen Abweichungen nicht gemacht.

C) Bei gleichzeitiger Einsendung ganzer Sätze von mindestens 10 Stück erniedrigen sich die Gebühren um je 15 Proc. bei Sätzen von mindestens 18 Stück um je 20 Proc.; die letztere Ermässigung tritt auch ein, wenn 10 Gewinde von gleichen Abmessungen eingereicht werden.

D) Wenn die unter B erwähnte Angabe über die Grösse der gefundenen Abweichungen gewünscht wird, oder die Prüfung sich auf Schraubengewinde bezieht, bei welchen eine Beglaubigung von vornherein ausgeschlossen ist, werden die Gebühren nach Maassgabe der darauf verwendeten Arbeitszeit berechnet.

§ 8. Vorstehende Bestimmungen treten an Stelle derjenigen vom 8. Mai 1893 am 1. Juli 1894 in Kraft.

(Die Form des Gewindes ist 1894 293 74, Fig. 8, gegeben, wo sich auch die Tabelle über die Maasse der Schrauben befindet.)

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