Titel: Ueber Calciumcarbid und Acetylen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 296 (S. 20–23)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/ar296006

Ueber Calciumcarbid und Acetylen.

Mit Abbildung.

I. Theil.

Die Elektrochemie hat einen neuen grossen Erfolg errungen dadurch, dass es ihr gelungen ist, die Herstellung der Verbindung CaC2 des Calciumcarbids in annähernd reinem Zustande und im Grossen durchzuführen.

Die Wichtigkeit des Calciumcarbids besteht, soweit sich vorläufig übersehen lässt, in der Thatsache, dass es mit Wasser eine Zersetzung nach folgender Gleichung erleidet:

CaC2 + 2H2O = Ca(OH)2 + C2H2.

Es entstehen also Kalkhydrat und Acetylen. Damit tritt das Acetylen in den Kreis der Gase, welche leicht zugänglich und in beliebigem Maasse erzeugbar sind, während es bisher in grossem Maasstabe gar nicht, in kleinem schwer darstellbar war. Die Schwierigkeit, mit der seine Darstellung bis jetzt verbunden war, erklärt, dass ausgearbeitete Wege zu seiner Nutzbarmachung noch fehlen, aber es ist kein Zweifel, dass ein so überaus reactionsfähiger Körper der mannigfaltigsten Anwendung fähig und berufen ist eine grosse Rolle in der chemischen Industrie zu spielen.

Die technische Darstellung des Calciumcarbids schliesst sich eng an die des Carborundums an.1)

Auch hier ist es die Hitze des elektrischen Flammenbogens, welche die Bildung des Körpers veranlasst. Die Reaction CaO + 3 C = CaC2 + CO, welche unter diesen Verhältnissen verwirklicht wird, ist unabhängig von irgend welchen elektrischen Einwirkungen des verwendeten Stromes, und wird ausschliesslich bedingt durch die enorme Temperatursteigerung, welche die Vernichtung eines grossen Quantums elektrischer Energie auf einer kleinen Strecke veranlasst. Jede andere Vorrichtung, welche die Erzeugung von Temperaturen gegen 3000° gestattet, würde eine gleiche Eignung wie der elektrische Ofen besitzen.

Genau das Gleiche gilt von dem Siliciumcarbid, dem Borcarbid und anderen in analoger Weise gewonnenen Körpern. Wir stehen einer Gruppe von Reactionen gegenüber, die in ausgezeichneter Weise auf dem Gebiete der thermischen Processe den Grundsatz illustrirt, dass bei jeder Arbeitsleistung der Quantitätsfactor der Arbeitsgrösse für den Umfang, der Intensitätsfactor aber für den Charakter der erreichbaren Wirkung maassgebend ist, dass also eine Vermehrung des Quantitätsfactors eine Vermehrung der Production, eine Steigerung des Intensitätsfactors aber eine neue wissenschaftliche bezieh. technische Möglichkeit bedeutet.

Das Calciumcarbid ist gleichzeitig von zwei Seiten bearbeitet worden. Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus hat es Moissan studirt (vgl. 1895 295 69), seine technische Herstellung ist von Thomas L. Willson in Spray, N. C., ausgearbeitet worden.

Ueber das Willson'sche Verfahren besitzen wir eine Mittheilung von Wyatt (Engineering and Mining, 1894 S. 566), wonach Willson den von ihm patentirten Lichtbogenofen (Amerikanisches Patent Nr. 492377 vom 21. Februar 1893) zur Darstellung benutzt. Wir geben eine Skizze dieses Ofens nebenstehend wieder. Derselbe besteht aus dem Chamottemantel A, in welchem der Kohle- oder Graphittiegel B steht, beide ruhen auf einer als Stromzuführung dienenden Eisenplatte. Der Tiegel ist mit einer Kohleplatte verschlossen, durch welche die stabförmige zweite Kohleelektrode hindurchgeführt ist. Die im Willson'schen Patent erhobenen fünf Patentansprüche laufen sämmtlich darauf hinaus, dass der Tiegelboden mit reducirbaren Substanzen beschickt werden soll, welche mit so viel Kohlepulver gemischt sind, dass die Bildung eines Bades von geschmolzener Substanz verhindert wird, dessen Kochen Schwankungen im Widerstand des Flammenbogens veranlassen würde. Daneben wird durch die in jedem einzelnen Patentanspruch wiederkehrende Betonung des zwischen getrennten Elektroden übergehenden Flammenbogens, welcher unmittelbar über der in Reaction zu bringenden Masse liegt, der Ofen gegenüber dem Cowles'schen und verwandten Ofenformen deutlich unterschieden.

Textabbildung Bd. 296, S. 20

Es sind für die Vernichtung einer grossen Summe elektrischer Energie zwei principielle Möglichkeiten gegeben: Die eine ist der Lichtbogen, den Moissan und angeblich Willson benutzen, der andere ein Kurzschluss, gebildet entweder durch das in Reaction tretende Material oder durch einen Kohlestab, der darin eingebettet ist. Beide Verfahren haben Vortheile und Nachtheile.

Der Lichtbogen muss frei in einem besonders angeordneten kleinen Ofen brennen; legt man ihn mitten in das Material hinein, welches schmelzen und reagiren soll, so treten leicht Kurzschlüsse ein, welche ein Nachreguliren und damit beständige Beaufsichtigung nöthig machen.

Dass es zweckmässig sein sollte, im Sinne des Willson'schen Patentes durch grosse Mengen zugesetzten Kohlestaubes die Schmelzung zu hindern, muss bezweifelt werden. Es muss speciell im Falle des Calciumcarbids wenigstens ein Backen des Materials durch den schmelzenden Kalk statthaben, und es resultirt als Ergebniss schliesslich ein mit den Tiegelwänden fest zusammenklebender mit Kohlestaub in weitem Maasse verunreinigter Carbidklumpen.

Willson scheint auch gar nicht nach seinem patentirten Verfahren zu arbeiten. Er erschmilzt nach den Angaben Wyatt's Calciumcarbid aus einem Gemisch von 12 Th. Kohle- mit 20 Th. Kalkpulver. Bei reinem Aetzkalk und reinem Kohlenstoff wäre das theoretische Verhältniss 12,8 : 20. Er geht also jedenfalls von einem Material aus, das dem stöchiometrischen Mengenverhältniss sehr nahe kommt. Dem entspricht auch, dass das von ihm gelieferte Calciumcarbid, nach einer Anzahl Proben zu urtheilen, durchaus grau und krystallinisch ist und somit im Aussehen von |21| jenen schwarzen, zusammengefritteten Massen erheblich abweicht, die man in einem kleineren Apparat, der nach dem Schema seines Ofens eingerichtet ist, bei Ueberschuss an Kohle aus einem Kalk-Kohlegemisch leicht erzeugt. Auch nach anderer Hinsicht wollen die Wyatt'schen Angaben nicht recht zu einer Benutzung des Willson patentirten Verfahrens stimmen. Wyatt gibt an, dass zur Production von 1 t Calciumcarbid 180 elektrische 12 Stunden lang geleistet werden. Es kann das im Zusammenhange wohl nur so verstanden werden, dass Willson Dynamos von einer effectiven Leistung von rund 130 Kilo-Watt benutzt. Nach einer anderen Wyatt'schen Angabe liegt die Stromstärke zwischen 4000 und 5000 Ampère, das entspricht bei 130 Kilo-Watt einer Spannung von 26 bis 33 Volt. Unter Berücksichtigung des Spannungsverlustes in der Leitung bleibt dann für den Lichtbogen ein Betrag, der zwar allenfalls ausreicht, aber doch so gering ist, dass die Annahme berechtigt erscheint, es werde bei dem Willson'schen Verfahren thatsächlich ein Kurzschluss durch die glühende Masse eventuell mit kleinen cascadenartigen Flammenbögen innerhalb derselben erzielt.

Der ganze Willson'sche Ofen macht nach der Patentzeichnung nicht den Eindruck eines Apparates, der in grösserem Maasstabe zu benutzen ist. Es ist zwar – obgleich die Masse angeblich nicht in Fluss kommen soll – eine Abstichöffnung vorgesehen, aber es fehlt jede Andeutung, wie eine continuirliche Zufuhr von Material statthaben soll, und die Grössenverhältnisse der einzelnen Theile stehen mit einer nach Tonnen rechnenden Production in argem Widerspruch. Haltbarkeit des Ofens, Abführung der gebildeten, mit den staubförmigen Reagentien und Reactionsproducten beladenen Gasmassen u. ä. bilden eine Reihe von Momenten, die, namentlich in Rücksicht auf die im Folgenden wiedergegebenen Mittheilungen Moissan's über seine Lichtbogenöfen, zu der Vermuthung führen, dass die zweifellos eminenten Erfolge Willson's wohl nicht unter Benutzung seiner patentirten Ofenconstruction erreicht sind. Es darf vermuthet werden, dass seine Anordnung das Princip des Kurzschlusses benutzt. Dies bietet den Vortheil, dass die difficilen und wenig dauerhaften Oefen überflüssig sind, welche ein frei brennender Lichtbogen erfordert, da die bearbeitete Substanz um die Wärmequelle dicht herumgehäuft werden kann und die erzeugte Wärme unmittelbar empfängt, so dass die Ofenwände nur massigen Temperaturen ausgesetzt werden. Diese Anordnung nöthigt allerdings für gleiche Arbeitsleistung zu grösseren Stromstärken und damit zu kostspieligeren und unhandlicheren Zuleitungen, gestattet aber ein grösseres Quantum Substanz gleichzeitig in Reaction zu bringen und einen continuirlichen Process in einfacher Weise durchzuführen.

Die Cowles'schen Patente variiren diese Principien in mannigfaltiger Weise, während die Moissan'schen Mittheilungen die Construction und Eigenheiten der eigentlichen Lichtbogenöfen in ausgedehntem Maasse beleuchten.

Moissan's Versuche umfassen Ströme, die mit Maschinen von 4 bis zu 300 erzeugt wurden, und machten die Benutzung sehr verschiedener Oefen erforderlich, da mit wachsender Strommenge die Anforderungen an den Ofen jedesmal stiegen. Anfangs benutzte Moissan einen Block aus gebranntem Kalk, in dem eine kleine Höhlung ausgearbeitet war, in welche die Substanz entweder direct oder in einem Graphittiegel eingeführt wurde. Darüber lag ein Deckel, gleichfalls aus Aetzkalk, der eine entsprechende flachere Aushöhlung enthielt. Die Elektroden liefen durch Rinnen, die halb im Deckel, halb im Hauptblock ausgespart waren. Sie waren ausserhalb des Ofens an Stativen schiebbar befestigt. Für Ströme bis 125 Ampère und 60 Volt genügten die folgenden Dimensionen. Hauptblock: 18 cm, 15 cm, 8 cm; Deckel: 18 cm, 15 cm, 6 cm. Für stärkere Ströme (bis 75 Volt und 450 Ampère) wurde der Ofen von 18 auf 22 bis 25 cm verlängert. Da ein Hauptgewicht bei Moissan's Versuchen auf Reinheit der erzeugten Präparate fiel, wurden Elektroden vom härtesten Retortengraphit, der einer besonderen sorgsamen Reinigung zuvor unterworfen wurde, gewählt. Die Elektroden maassen für kleine Ströme (30 bis 40 Ampère, 55 Volt) 20 cm bei 12 mm Durchmesser, für 120 Ampère und 50 Volt 40 cm bei 16 bis 18 mm Durchmesser; für 40 bis 45 40 cm bei 27 mm Durchmesser. Bei schwächeren Strömen empfiehlt sich, beide Elektroden gut anzuspitzen, für stärkere die eine eben, die andere spitz zu machen.

Benutzt man Einsatztiegel, so werden dieselben zweckmässig aus gepresstem Retortenkohlepulver gemacht, für die Elektroden werden Aussparungen am Rande eingeschnitten. Der Tiegel muss auf Magnesia gestellt werden, damit er nicht in Berührung mit dem Kalke des Ofens unter Bildung von Calciumcarbid zerstört werde. Seine Wände berühren die Ofen wand nicht, sondern lassen einen ringförmigen Zwischenraum.

Der Ofen hat das Missliche, dass passende Blöcke aus Aetzkalk namentlich im Winter schlecht zu erhalten sind. Es liegt nahe, ihn durch einen Ofen aus Kalkstein zu ersetzen. Dadurch wird die Beschaffung zwar erleichtert, es tritt aber der Nachtheil auf, dass die entstehende Kohlensäure zum grossen Theil durch die enorme Temperatur zerfällt, ohne beim Entweichen aus dem Ofen wieder vollständig zu verbrennen, so dass ein continuirlicher Kohlenoxydstrom von einem solchen Kalksteinofen ausgeht.

Für die Kalksteinöfen gibt Moissan folgende Dimensionen: Für Maschinen von 4 Deckelstück und Hauptblock gleichmässig: 18 cm, 15 cm, 10 cm; für 45 Hauptblock: 15 cm, 20 cm, 30 cm, Deckel: 10 cm, 20 cm, 30 cm; für 100 Hauptblock: 20 cm, 35 cm, 30 cm, Deckel: 15 cm, 35 cm, 30 cm. Ein solcher Ofen hält 6 bis 7 Operationen aus.

Der verwendete Block muss vorher in der Wärme sehr gut getrocknet und dann mit Eisenbändern verschnürt werden, damit er nicht Risse bekommt. Vor dem Trocknen werden im Hauptblock und im Deckel Hohlräume genau wie beim Aetzkalkofen ausgearbeitet. Die Führung der Elektroden, die Stellung des Tiegels auf eine Lage von Magnesia, die Trennung von Tiegelwand und Ofenwand durch einen Zwischenraum von 1 bis 2 cm kommen gleicher Weise in Anwendung. Auch die Elektroden haben die gleichen Dimensionen wie beim Aetzkalkofen. Für Ströme von über 100 wählt man sie 50 cm lang bei 40 mm Durchmesser, für 200 bis 300 geht man mit dem Durchmesser zweckmässig bis 50 mm.

Die benutzten Tiegel sind aus gepresstem Retortenkohlepulver oder aus Magnesia. Für 45 benutzt Moissan Tiegel von 6 cm Höhe und 6 cm Durchmesser mit Einschnitten von 3 cm Länge, für Ströme von 90000 Watt solche von einem inneren Durchmesser von 7,5 cm, bei |22| einem äusseren Durchmesser von 9 cm und einer äusseren Höhe von 10 cm ohne Aussparungen für die Elektroden.

Für Ströme von 100000 Watt und darüber sind diese Oefen in Folge der enormen Verdampfung des Kalkes und der stromweisen Entbindung von Kohlensäure und Kohlenoxyd schwer benutzbar. Man kleidet deshalb in diesem Falle den Ofen zweckmässig mit Kohleplatten aus; da diese Kohleplatten aber in Berührung mit dem Kalke sofort zu Calciumcarbid gelöst werden würden, schiebt man zwischen Ofenwand und Kohleverkleidung Magnesiaplatten von 1 cm Stärke, da Magnesia durch Kohle bei keiner Temperatur reducirt wird. Die Magnesia wird durch Glühen, Behandeln mit Ammoncarbonat und Waschen gereinigt, darauf mit Wasser geformt; gepresst, getrocknet und geglüht.

Diese mit Magnesia- und Kohleplatten abwechselnd ausgekleideten Oefen sind sehr leistungsfähig, aber natürlich niemals frei von Kohlensäure, die dem Ofenmaterial entstammt, und von Wasserdampf, der trotz aller vorgängigen Trocknung in dem Ofen doch immer in kleiner Menge auftritt. Für Reactionen, bei welchen die Abwesenheit dieser Gase bezieh. ihrer Umsetzungsproducte wünschenswerth ist, verlegt Moissan die Reaction deshalb in ein Kohlerohr von 5 bis 40 mm Weite, das den Elektrodenraum senkrecht zum Lichtbogen durchsetzt und durch die Bestrahlung seiner Aussenseite die gewünschte Temperatursteigerung erfährt. Das Rohr muss etwa 1 cm unter dem Lichtbogen und 1 cm über dem Boden der Aushöhlung liegen, um die stärkste Erhitzung zu erfahren. Es kann, wenn einerseits der Kohledampf vermieden, andererseits der Verdampfungspunkt der Magnesia nicht überschritten werden soll, mit Magnesia ausgefüttert werden. Bedauerlicher Weise ist es anscheinend unmöglich, diese Kohlerohre völlig dicht zu halten, ihre Porosität bei hoher Temperatur ist durch keinen Ueberzug von Carbiden des Siliciums, Bors oder ähnlicher Körper aufzuheben.

Für die Verwirklichung von Reactionen in Gasströmen hat diese Ofenform entschieden grosse Vortheile, sie ist aber recht complicirt. Statt das Rohr von aussen zu bestrahlen, wäre es einfacher, ein Kohlerohr in die Leitung einzuschalten und mit der Stromstärke so lange hinaufzugehen, bis die gewünschte Temperatursteigerung erzielt ist. Das Abbrennen der Contacte liesse sich bequem verhüten, indem man dem Kohlerohre an den Stellen, an welchen die Stromzufuhr statthat, bei durchgehend gleicher Weite der Bohrung wesentlich grössere Wandstärke gäbe. Moissan legt Werth darauf, dass durch Neigung dieses Rohres gegen die Horizontale dieser Rohrofen zu einem continuirlich wirkenden umgestaltet werden kann, in welchen man auf der einen Seite Substanz einführt, die auf der geneigten Fläche geschmolzen abläuft. Mit einem Strom von 600 Ampère und 60 Volt gelang es ihm auf diese Weise leicht in 1 Stunde 2 k Chrom zu schmelzen. Es erscheint wahrscheinlich, dass derselbe Effect unter Vermeidung der Benutzung des mühsam herzustellenden Ofens in der im Vorstehenden besprochenen Weise durch Stromzufuhr direct zu dem Kohlerohr zu erzielen wäre. Eine Vervollkommnung des Ofens in Rücksicht auf continuirliche Production erzielte Moissan schliesslich durch Theilung des Flammenbogens, so dass die unter der Wirkung des ersten Bogens geschmolzene Masse durch einen zweiten und dritten Flammenbogen im Flusse erhalten wird, während sie über die geneigte Seite des Reactionsraumes hinabgleitet.

An dieser Stelle wird das Verhältniss der beiden Oefen zu Grunde liegenden Principien des Moissan'schen und des Cowles'schen denn die Oefen, welche auf der Erhitzung eines festen Leiters beruhen, gehen alle auf den Cowles'schen Aluminiumofen zurück – vielleicht am deutlichsten.

Wo die höchste erreichbare Temperatur gefordert wird, ist es zweckmässig, den Flammenbogenofen zu wählen, weil derselbe die bequemere Möglichkeit gibt, auf einer äusserst kurzen Strecke ein Maximum von Energie in Wärme umzusetzen; wo aber nur Temperaturen zwischen 2000 und 3000° verlangt werden, wird man für Production in grossem Maasstabe den erhitzten Widerstand – eventuell in Rohrform – vorziehen, weil derselbe den continuirlichen Betrieb unmittelbarer und einfacher ermöglicht.

Aus den Moissan'schen Mittheilungen sei schliesslich noch die interessante Bemerkung herangezogen, dass, unbeschadet dem Umstände, dass die Temperatursteigerung des Flammenbogens durch die Verdampfung der Kohle nach oben jedenfalls begrenzt ist, die Temperatur mit wachsender Grösse der elektrischen Energie dauernd wächst. Moissan vermochte Vanadiumoxyd mit Kohle bei 400 Ampère und 70 Volt nicht, bei 70 Volt und 1000 Ampère aber leicht zu reduciren. Die Annahme erscheint danach berechtigt, dass die Verdampfung der Kohle in Flammenbögen mittlerer Stärke nur als eine langsame Verdunstung aufzufassen ist, und dass die Temperatur, bei welcher jede weitere Zufuhr von Wärme nur zur Veränderung des Aggregatzustandes und nicht mehr zur Temperatursteigerung verwandt wird, der Kochpunkt der Kohle – unter Atmosphärendruck – wenn überhaupt, dann höchstens in den allerstärksten bis jetzt benützten Flammenbögen erreicht wurde.

Um von diesen Betrachtungen über die elektrischen Oefen wieder zu dem Calciumcarbid und seinem Zersetzungsproduct, dem Acetylen, zurückzukehren, so verspricht das Acetylen in erster Linie eine Bedeutung für die Gasindustrie zu gewinnen. Es ist naturgemäss, dass ein Kohlenwasserstoff von 92,3 Proc. Kohlenstoffgehalt einen hohen Carburations- und Leuchtwerth besitzen muss; an seine Benutzung konnte aber früher nicht gedacht werden, da es an geeigneten Methoden der Darstellung fehlte. Seine älteste Gewinnung ist die durch Davy aus Kohlenstoffkalium und Wasser. Wöhler gewann 1836 aus Kohle und Zinkcalcium ein Carbid, welches mit Wasser Acetylen entwickelte. Später zeigte Berthelot seine Bildung im Flammenbogen, wenn dieser in einer Wasserstoffatmosphäre zwischen Kohlespitzen überging, und seine Gewinnung aus den Producten der unvollständigen Leuchtgasverbrennung durch Vermittelung seiner Silber- oder Kupferverbindung. Für den Laboratoriumsgebrauch wurde gelegentlich die Abspaltung von Salzsäure aus dem Aethylenchlorid benutzt. Auf elektrochemischem Wege lässt sich Acetylen durch Elektrolyse seiner Dicarbonsäuren, der Fumar- und Maleinsäure, gewinnen. Zur Herstellung grösserer Mengen gab Maquenne (Comptes rendus, Bd. 115 S. 558) ein Verfahren. Nach ihm wird frisch gefälltes Bariumcarbonat mit Kohle- und Magnesiumpulver in der Muffel geglüht. Es entsteht in erträglicher Ausbeute Bariumcarbid, das bei der Zersetzung mit Wasser Acetylen liefert. Die Reaction verläuft explosionsartig und das |23| gebildete Product gibt in Folge Nebenbildung von Bariummetall ausser Acetylen viel Wasserstoff. W. Travers (Proc. Chem. Soc., Bd. 118 S. 15) ersetzte das Bariumcarbonat durch Chlorcalcium und das Magnesium durch Natrium. Aus einem Gemisch von 4 Th. Chlorcalcium, 1 Th. Gaskohle und der entsprechenden Menge Natrium vermochte er 16 Proc. Ausbeute an Calciumcarbid zu erzielen.

Diese sämmtlichen Methoden boten für eine technische Verwerthung keinen Anhalt.

Sofort nach dem Bekanntwerden des Willson'schen Verfahrens zur Herstellung des Calciumcarbids haben Vivian B. Lewes (Journal of Gaslighting) und W. Hempel (Märkischer Verein von Gas- und Wasserfachmännern 1895) den Carburations- und Leuchtwerth des Acetylens untersucht.

Nach Hempel gibt ein Brenner mit einem Stundenconsum von

35 l Acetylen eine Leuchtkraft von 45 Vereinskerzen
45 l 62
67 l 97
82 l 138
92 l 143

nach Vivian B. Lewes:

151 l Acetylen eine Leuchtkraft von 212 Vereinskerzen
(5 Cubikfuss) (240 engl. Kerzen)

Der Carburationswerth ist nach Lewes gleich dem Leuchtwerth. Demgegenüber veranlasst Benzol, welches unter den bisher üblichen Carburationsmitteln die erste Stelle beansprucht, für 1 g eine Aufbesserung des Gases für 1 cbm um 0,17 bis 0,21 Kerzen. Daraus berechnet sich ein stündlich erfordertes Quantum von etwa 170 g Benzol für eine Flamme, die bei 151 l Stundenconsum eine Helligkeit von 212 Kerzen geben soll. Da das specifische Gewicht des Acetylens 0,91 beträgt, so ist der Carburationswerth des Acetylens, also auf gleiche Gewichte bezogen, ein wenig geringer als der des Benzols, während er auf gleiche Volumina bezogen ausserordentlich viel kleiner ist. Das Acetylen müsste sich also billiger stellen als das Benzol, um es als Carburationsmittel ersetzen zu können. Dies ist, wie aus den im Folgenden gemachten Angaben ersichtlich ist, einstweilen recht unwahrscheinlich. Es ist aber nicht zu verkennen, dass Acetylen ausserordentliche Vorzüge hat, welche es befähigen das Benzol zwar nicht zu verdrängen, aber es zu ergänzen. Benzol ist eine Flüssigkeit von dem relativ hohen Siedepunkt von 80°. Diejenige Menge, welche ein Gas davon aufzunehmen vermag, ist durch die Temperatur begrenzt. Wo also Flammen von sehr hoher Leuchtkraft verlangt werden, in mittleren und kalten Klimaten, ist deren Aufbesserung auf die verlangte Lichtstärke bei centraler Carburation mit Benzol nicht mehr erreichbar. In diesem Falle wird das bei allen praktisch in Frage kommenden Temperaturen gasförmige Acetylen das Benzol wirksam ergänzen können, da es den anderen Carburationsmitteln, von Benzol abgesehen, weit überlegen ist.

(Fortsetzung folgt.)

|20|

Vgl. D. p. J. 1893 290 95 und 1894 294 * 144.

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