Titel: Beiträge zur Untersuchung der Lederfette.
Autor: Schmitz-Dumont, W.
Fundstelle: 1895, Band 296 (S. 259–264)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/ar296054

Beiträge zur Untersuchung der Lederfette.

Von Dr. W. Schmitz-Dumont.

(Schluss der Abhandlung S. 233 d. Bd.)

Die Wirkung des Thranes auf Haut bezieh. Leder ist eine doppelte, auf der einen Seite die eines Fettes, auf der |260| anderen die eines Gerbstoffes. Die gerbenden Eigenschaften sind nach Fahrion47) darauf zurückzuführen, dass bei dem Gerben mit Thran, dem Sämischgerbeprocess, zunächst eine Oxydation der ungesättigten Fettsäuren48) zu Oxyfettsäuren stattfindet und dann diese sich mit der thierischen Faser zu Leder verbinden. Wesentlich scheint dabei zu sein, dass diese Oxyfettsäuren im status nascens zur Wirkung auf die thierische Faser kommen, denn mit Degras, d. i. also mit einem Thranproduct, in welchem die ungesättigten Verbindungen bereits theilweise oder gänzlich oxydirt sind, konnte Fahrion keine vortheilhafte Gerbung erzielen. Da nun die Jodzahl ein Maass für den Gehalt an ungesättigten Säuren und damit für die Oxydationsfähigkeit eines Thranes ist, so gibt die chemische Analyse in der Jodzahl einen Anhalt zur Beurtheilung des Gerbevermögens von Thranen. Eitner49) hat bei Versuchen über das Gerbevermögen verschiedener Thransorten gefunden, dass Dorschthran sehr gut, Robbenthran gut, Haifischthran schlecht gerbt. In den Sämischgerbereien setzt man dem Robbenthran Walthran zu, um die Gerbung zu verlangsamen. Diese Thatsachen stimmen vollauf zu der Abhängigkeit des Gerbevermögens von der Jodzahl; denn Dorsch- und Robbenthrane haben Jodzahlen im Allgemeinen zwischen 120 und 160, solche von Walfisch und Delphinen Jodzahlen unter 10050); für Haifischthran fehlen noch Angaben über die Jodabsorption.

Desgleichen hat sich ein Zusammenhang zwischen Jodzahl und dem Ausharzen der Thrane aus dem Leder gezeigt. Nach Fahrion's Erfahrungen sind die harzigen Flecken auf dem Leder sehr reich an Oxyfettsäuren, es müssen somit hauptsächlich die ungesättigten Verbindungen an dieser Erscheinung betheiligt sein, und dementsprechend fand sich, dass Thrane mit hoher Jodzahl (150 bis 190) weit mehr ausharzen als solche mit niederer. (Vgl. unten die Notizen über Degras.)

Aus Jodzahl, Verseifungszahl, specifischem Gewicht der Thrane oder dem Schmelzpunkte der Fettsäuren wird sich nur in seltenen Fällen, selbst wenn frische und reine Producte vorliegen, ein Schluss auf ihre Abstammung ziehen lassen, da diese Factoren durch die leichte Veränderlichkeit der Thrane, insbesondere durch Oxydation und Polymerisation der ungesättigten Verbindungen51), während der Gewinnung, Verarbeitung (Kochen des Thranes) und Aufbewahrung stark verändert werden, z.B. nimmt mit fortschreitender Oxydation bezieh. Polymerisation die Jodzahl ab und die Dichte zu. Noch weniger sind die vielfach empfohlenen Färbungen der Thrane mit Salpetersäure, Schwefelsäure, Phosphorsäure, Zinnchlorid u.s.w. geeignet, Aufschluss über die Gattung des Thranes zu geben, da sie an und für sich schon wenig verschieden durch Cholesterin, Lippochrome und andere zufällige Beimischungen verursacht werden. Geschmack und Geruch sind bei einiger Uebung noch am ehesten geeignet, Robben-, Leber- und Fisch thran unterscheiden zu lassen. Die hier untersuchten Robbenthrane zeigten alle einen specifischen, unangenehmen Geruch und einen unangenehmen, fast etwas süsslichen Geschmack. Die Fischthrane besassen schwachen am in artigen Geruch und die Leberthrane gleichfalls einen specifischen, nicht näher definirbaren Geruch und Geschmack. Durch Alter und Unreinigkeiten werden jedoch auch diese Merkmale oft verdeckt.

Nur die Fischthrane zeigen sich hier durch höhere Dichte und höheren Schmelzpunkt der Fettsäuren von den übrigen verschieden. Diese auf dem höheren Gehalt an Stearin und Palmitin beruhenden Merkmale werden indess bei solchen Fischthranen fehlen, welche zwecks Gewinnung von Fischtalg durch Kälte und Absetzenlassen möglichst von jenen beiden festen Fetten befreit worden sind.

Für den Gerber ist die Frage nach der Abstammung des Thranes nebensächlich, und die Untersuchung braucht ihn im Allgemeinen nur aufzuklären über enthaltene minderwerthige Zusätze und allenfalls noch über Gerbevermögen und Neigung zum Ausharzen.

Zu Verfälschungen kommen wohl ausschliesslich Mineral- und Harzöle in Verwendung, da Pflanzenöle im Preise höher stehen als die geringeren Thrane. Für den Nachweis der Mineral- und Harzöle im Thran ist der natürliche Gehalt der Thrane an unverseifbarem Fett nicht störend, da er nur bei dunklen Thranen 1 Proc. übersteigt. Sehr dunkle zeigten 2 bis 3 Proc. Zu gleichen Zahlen führten die Bestimmungen von Fahrion52); nur bei zwei Haifischthranen fand er einen abnorm hohen Gehalt von 4;44 und 5,27 Proc. Letzteres sind indessen Ausnahmen, und man wird bei einem 3 Proc. übersteigenden Gehalt an unverseifbarem Fett eine Fälschung annehmen dürfen. Uebrigens werden die in betrügerischer Absicht gemachten Zusätze von Mineralöl kaum weniger als 10 bis 5 Proc. betragen, da sonst der durch die Fälschung zu erzielende Gewinn illusorisch wird.

Die unverseifbare Fettsubstanz besteht meistens nur theilweise aus Cholesterin. Bei einigen Thranen blieb diese Substanz nach Abdestilliren des Petroläthers hellgelb bis farblos in blättrig-krystallisirtem Zustande zurück und schmolz erst über 100°; bei anderen zeigte sie sich manchmal als gelbe, wachsartige, überwiegend aber als braungelb bis dunkelbraun gefärbte syrupdicke Masse. Wenn auch bei den erstgenannten Thranen das Aeussere des Unverseiften und der Schmelzpunkt auf Cholesterin deuteten, so wurde doch bei diesen gleich wie bei den anderen das Unverseifte im Reagenzglase mit Essigsäureanhydrid acetylirt und aus Alkohol umkrystallisirt. Den geringen Mengen des Unverseiften entsprechend wurden diese Operationen mit sehr kleinen Mengen des Anhydrids und Alkohols (0,5 cc etwa) ausgeführt. Nach einmaligem Umkrystallisiren aus Alkohol wurde, mit Ausnahme von zwei Fällen, eine flockig-krystalline Substanz erhalten. Dieselbe wurde auf minimalen Filtern (0,5 cm Radius) gesammelt, mit einigen Tropfen Alkohol gewaschen, mit Aether gelöst, die Lösung auf einem Uhrglas verdampft und aus dem gegewogenen

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Tabelle V. Degras.*)

Textabbildung Bd. 296, S. 261
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Rückstand unter der Annahme, dass er aus Cholesterylacetat bestehe, der Cholesteringehalt berechnet. Die so gefundenen Zahlen sind in der Tabelle aufgeführt, sollen indessen nicht den eigentlichen Cholesteringehalt (vgl. im analytischen Theil über Cholesterinbestimmung) bedeuten, sondern nur die Anwesenheit dieses Körpers beweisen. Diese acetylirten Substanzen gaben ausnahmslos schon direct, mit besonderer Schärfe aber nach dem Verseifen mit alkoholischer Kalilauge die Salkowsky'sche Cholesterinreaction. Die Verseifung wurde ausgeführt durch Zugabe von etwa 0,5 cc alkoholischer Kalilauge zu der von der Wägung her auf dem Uhrglase befindlichen Substanz und Eindampfen auf dem Wasserbade.

Die flüssigen Bestandtheile des Unverseifbaren sind jedenfalls Kohlenwasserstoffe, entstanden durch geringe Zersetzung der Thrane, insbesondere beim Kochen.53)

Degras (Tabelle V) ist zur Zeit ein Sammelname für Lederschmiermittel sehr verschiedener Zusammensetzung, deren gemeinschaftliche Basis eine Emulsion von oxydirtem Thran und Wasser ist. Der Fabrikation nach lassen sich drei Arten unterscheiden: Degras nach französischem Verfahren, Weissgerberdegras und Kunstdegras.54)

Degras nach französischem Verfahren, als Moellon, Sämischmoellon, Moellon pure im Handel, soll eigentlich nur die wässerige Emulsion des durch den Sämischgerbprocess oxydirten Thranes sein, wie sie gewonnen wird durch Auspressen der vorher in Wasser eingelegt gewesenen fertig gegerbten Häute. Dieses Product der einmaligen Pressung, „premier torse“, zeigt einen besonders hohen Gehalt an Oxyfettsäuren (Degrasbildnern). Sein eigenthümlicher, manchmal fast aromatisch zu nennender Geruch erinnert nur noch schwach an den des Thranes. Vielfach wurden die abgepressten fertigen Leder nochmals mit Thran getränkt und wieder abgepresst, um eine weitere Menge des werthvollen Degras aus dem Leder zu gewinnen; selbstverständlich war diese Pressung weniger reich an Oxyfettsäuren. Als nun die im Rückgang befindliche Sämischgerberei den Bedarf an Degras nicht mehr decken konnte, wurde derselbe in eigenen Fabriken auf Grund des Sämischprocesses dargestellt, wobei für Ledererzeugung geringwertige Büffel-, Schaf- und Ziegenfelle immer wieder mit Thran getränkt und nach genügend vorgeschrittener Oxydation des Thranes abgepresst wurden. Derartig gewonnener Degras bildet gegenwärtig den Hauptbestand des Handelsartikels. Seitdem durch die Arbeiten Fahrion's55) klargestellt ist, dass die typischen Bestandtheile des Degras, die Degrasbildner, stickstoffreie, durch Oxydation der ungesättigten Fettsäuren des Thranes entstandene Oxysäuren sind, und dass die Bildung derselben nicht auf eine specifische Wirkung der Hautfaser, sondern auf die der Oxydation durch den Luftsauerstoff günstige, feine Vertheilung des Thranes in der Haut zurückzuführen ist, hat man versucht, die Oxydation des Thranes auch auf anderem Wege durchzuführen. Zu diesem Zwecke wird durch den mit oder ohne Wasser erhitzten Thran Luft hindurchgepresst; bei einem anderen Verfahren wird der Thran mit erhitzter Luft in Kammern fein zerstäubt; bei den Degras einer Fabrik, welche Oxyfettsäuren nach patentirtem Verfahren darstellt, lässt sich aus der hohen Säurezahl vermuthen, dass sie durch Mischen von Thran mit diesen Oxyfettsäuren erhalten werden. Diese auf anderem Wege als durch Sämischgerbung fabricirten Lederschmieren kommen als Degras, Kunstdegras, oxydirter Thran, Emulsionslederfett und unter anderen Bezeichnungen auf den Markt. Analytisch lassen sie sich von den eigentlichen Degras nicht unterscheiden. Ueber die Verwendbarkeit und die Erfolge dieser Präparate in der Lederindustrie konnte noch kein maassgebendes Material gesammelt werden. Nach ihrer chemischen und physikalischen Beschaffenheit ist von ihnen jedenfalls die gleiche Brauchbarkeit wie von Sämischdegras vorauszusetzen, und die verschiedentliche Agitation gegen dieselben ist wohl nur als eine geschäftliche Polemik aufzufassen.

Die als Weissgerberdegras bezeichneten Producte unterscheiden sich von den bisher besprochenen durch höheren Wassergehalt und unverkennbar durch die bedeutende Menge Asche; daneben weisen sie oft noch beträchtlichen Gehalt an Seifen und Hautresten auf, so dass die analytische Untersuchung einen Weissgerberdegras direct als solchen kennzeichnet. Im Weissgerberdegras sind 20 bis 40 Proc. Wasser, etwa 3 Proc. Asche und etwa ebenso viel Seife und Hautreste56) vorhanden, während in den anderen Wasser selten 20 Proc. übersteigt, Asche und Hautreste nur einige Zehntelprocente betragen und Seife schlechthin fehlt.57)

Diese unterschiedliche Beschaffenheit des Weissgerberdegras rührt von der anderen Darstellung her, dem sogen. „deutschen Verfahren“ der Degrasfabrikation. Hierbei werden die Leder zur Entfernung des Fettüberschusses in lauwarme Potaschenlösung eingelegt und durch nachfolgendes Ausringen das von der Lauge emulgirte Fett als Weissbrühe erhalten. Auf Zusatz von Schwefelsäure scheidet sich eine schmierige Fettschicht aus, welche nach dem Waschen mit Wasser den Weissgerberdegras darstellt. Die von dem Fett abgeschiedene, noch geringe Mengen Fett enthaltende Flüssigkeit wird Urläuter genannt. Als Curiosum sei erwähnt, dass ein Gerber auch dieses Abfallproduct zum Fetten von Leder benutzte. Eine uns von diesem zugesandte Probe zeigte sich als trübe, hellgraugelbe, dünne Flüssigkeit von fauligem, sehr schwach thranigem Geruch und alkalischer Reaction. Die Analyse ergab:

Wasser 96,63 Proc.
Fett 1,29 dunkelbraun, dickflüssig
Fettsäuren als Seife
gebunden

1,44

Asche 0,60
––––––––––––
99,96 Proc.

Die Asche enthielt abzüglich der CO2:

SO3 4,06 Proc.
Cl Spur
CaO 13,25 Proc.
MgO 1,52
Na2O 81,17
–––––––––––––
100,00 Proc.
|263|

Als gleichartiges, werthloses Product erwies sich ein Weissgerberdegras aus einer Gerberei in Mauter, Steiermark. Diese trübe, gelbbräunliche, moderig riechende, alkalische Flüssigkeit setzte sich zusammen aus:

Wasser 95,62 Proc.
Fett 1,82 dunkelbraun, zäh-schmierig
Fettsäuren als Seife
gebunden

2,14

Asche 0,41
–––––––––––
99,99 Proc.

Die Asche enthielt abzüglich der CO2:

SiO2 0,60 Proc. (Sand)
SO3 7,96
CaO 10,50
MgO 0,45
Na2O 80,49
–––––––––––
100,00 Proc.

Die eigene Wirkung des Degras auf die damit behandelten Leder ist in der Hauptsache zurückzuführen auf drei Factoren:

1) Die vorzügliche Emulgirung des Fettes mit dem Wasser, welche das Eindringen des äusserst fein vertheilten Fettes in das nasse Leder bedeutend befördert. Die gute Emulgirung ist bedingt durch die Gegenwart der Oxyfettsäuren.58)

2) Auf eine durch einen Gehalt an weder oxydirten noch polymerisirten Thranbestandtheilen bewirkte Nachgerbung des Leders, welche das Leder geschmeidig macht.

3) Auf die Wirkung der oxydirten Fettbestandtheile (Oxyfettsäuren bezieh. deren Verbindungen), welche, nur mechanisch von dem Leder aufgenommen, demselben den milden vollen Griff geben.

Dieser von Fahrion auf die unvortheilhafte Verwendung von Degras zur Sämischgerbung gegründeten Ansicht von der rein mechanischen Wirkung59) der Degrasbildner steht eine andere gegenüber, welche gerade diesen Degrasbildnern einen nachgerbenden Einfluss zuspricht. Als Stütze dieser Vermuthung konnte in der vorhandenen Litteratur nur eine Beobachtung von F. Simand60) aufgefunden werden.

Simand behandelte Lederstücke mit Moellon, dessen Gehalt an Oxyfettsäuren festgestellt war; nach 6 Wochen wurde das nicht gebundene Fett mit Petroläther extrahirt und aus seiner Menge und den darin enthaltenen Oxyfettsäuren die Menge der vom Leder gebundenen Fettbestandtheile berechnet. Es fand sich so, dass 66,76 Proc. des vom Leder zurückgehaltenen Fettes aus Oxyfettsäuren bestanden. Hieraus indess den Schluss zu ziehen, dass ganz besonders die Degrasbildner des angewandten Moellons von der Hautfaser gebunden worden seien, ist nicht zulässig, da während der 6 Wochen, welche zwischen dem Schmieren des Leders und der Extraction liegen, höchst wahrscheinlich noch Oxydationsvorgänge des Moellons stattfinden, durch welche obige rechnerische Beziehung des extrahirten Fettes auf das ursprünglich verwandte sehr fraglich wird. Jedenfalls hat zur Zeit die Ansicht Fahrion's die meiste Wahrscheinlichkeit für sich.

Als Kennzeichen eines guten Degras galt früher nur der Gehalt desselben an Oxyfettsäuren. Im Anschluss an die Zusammensetzung des nach dem Pressverfahren aus Sämischleder gewonnenen Abfallfettes, des eigentlichen Naturdegras, wurde von einem guten Degras bei 20 Proc. Wassergehalt ein Minimum von 12 Proc. Oxyfettsäuren gefordert.

Fahrion hat nun noch auf einige andere für die Beurtheilung eines Degras wesentliche Punkte hingewiesen: Der Gehalt an Oxyfettsäuren nimmt zu mit der Berührungsdauer zwischen Thran und Leder; gleichzeitig reichert sich indessen auch der Gehalt an stickstoffhaltigen Bestandtheilen, aus dem Leder stammend, im Thran an, wodurch der Degras eine syrupöse oder gelatinöse Beschaffenheit annimmt und weniger leicht in das Leder eindringt. Dieser die Güte des Degras herabsetzende Factor ist also zu berücksichtigen, ehe auf Grund eines hohen Gehaltes an Oxysäuren die Qualität als vorzüglich anerkannt wird.

Ferner soll ein guter Degras nicht mehr als 25 Proc. als Oelsäure berechnete freie Fettsäuren in der wasserfreien Substanz enthalten, weil nach Fahrion's Erfahrungen bei höherem Gehalt ein grosser Theil der festen Fettsäuren nicht in das Leder eindringt und verloren geht.

Da die Neigung zum Ausharzen bei Degras ebenso wie bei Thran durch die Menge der ungesättigten Verbindungen gesteigert wird, so ist für einen guten Degras nur ein gewisses Maximum derselben, gemessen durch die Jodzahl, zulässig; Fahrion hat diesbezüglich nach seinen Versuchen für die Jodzahl des wasserfreien Degras als oberste Grenze 100 festgesetzt.

In der Praxis wird der reine, nur aus oxydirtem Thran und Wasser bestehende Degras meist noch mit Talg versetzt. Mit Rücksicht hierauf werden bereits talghaltige Degras von vielen Fabriken in den Handel gebracht. Durch diesen Zusatz werden die Interessen des Käufers nicht geschädigt, vorausgesetzt, dass nicht durch schlechte Arbeit während des Mischens der Talg im fertigen Product sich in Knöllchenform ausgeschieden hat. Fahrion hat darauf aufmerksam gemacht, dass in diesem Falle der Talg beim Schmieren auf der Oberfläche des Leders zurückbleibt.

Durch Zusatz des billigen Mineralöls und Wollfettes wird indess der Geldwerth des Degras herabgesetzt, und da diese Werthverminderung wohl nie durch entsprechende Aenderung des Verkaufspreises ausgeglichen wird, so ist der Consument derartiger Degras geschädigt. Eitner hat öfter darauf hingewiesen, dass gerade die so beliebten und als bestes Product bevorzugten französischen Degras mit Mineralöl und Wollfett versetzt werden. Auch die hier untersuchten Producte französischer Abstammung enthielten mit Ausnahme eines einzigen Mineralöl und zum Theil auch Wollfett.61)

Auffallend sind die Degras Nr. 1, 2, 3, 6, 7 durch ihre ungemein hohe Säurezahl; sämmtliche entstammen derselben Fabrik. Gegenüber der Forderung Fahrion's von weniger als 25 Proc. freien Fettsäuren (als Oelsäure berechnet) für einen guten Degras wäre es von ganz besonderem Interesse gewesen, etwas über die Wirkung dieser 52,38 bis 59,82 Proc. freie Säuren haltenden Producte auf das Leder zu erfahren; leider fehlte es auch hier an Beobachtungen aus der Praxis.

Von Zeit zu Zeit tauchen, zumeist unter sehr volltönenden Namen, Präparate auf, welche durch die Reclame als billige und überlegene Ersatzmittel für Degras angepriesen |264| werden, bei chemischer Untersuchung sich indess als werthlose, oft auch als schädliche Producte herausstellen. Es sei hier nur auf den „consistenten Thran“, ein Gemisch von Vaselinöl mit einem durch Kalk verseiften Thran, und auf das „Corroϊne“62), ein mit Wasser emulgirtes Gemisch von Vaselinöl und Wollfett, hingewiesen.

Im Anschluss mögen noch die gegenwärtigen Preisnotirungen einer Anzahl Lederfette gegeben sein. Wenn auch dieselben, besonders für Thran, beträchtlichen Schwankungen unterliegen, so erlauben doch die hier angeführten immerhin einen Einblick in das gegenseitige Werthverhältniss der Fette.

Die folgenden Preise gelten für 100 k verzollte Waare franco Station Dresden:

Australischer Schaftalg 55 bis 57 M.
Prima-Rindstalg 56 65
Secunda-Rindstalg 52 58
Geringe hellfarbige Schweinefette 51
Cochin-Cocusöl 57
Ceylon „ 52,5
Hamburger Cocusöl 48
Palmkernöl 44,5
Palmöl, Prima-Lagos 48,5
„ Popotogo 46,5
Cottonöl 41,5 47
Leinöl 52 64
Mineralöl 16,5
Russisches Lederöl 39 42
Prima-Vaselinöl 48 50
Vaselinelederfett 50 54
Robbenthran, abgeklärt gelbblank 44
„ braunblank 44
„ hell 45
Dreikronenthran 43,5
Leberthran, braun 44,5
Dorschthran, gelbblank medicinal-
artig

57

Dorschthran, braunblank 51
Neufundlandthran, weiss 61
„ sehr hell, fast
geruchlos

48

Japan-Fischthran, röthlichtrüb 29
Ostsee-Fischthran, hell 43
„ „ braun 36
Walthran, braun 27
„ röthlich 32
Degras, je nach Güte des verwandten
Thranes und Talges

56


66

Oxydirter Thran 55
Oxydirtes Emulsionslederfett 60

Chemisches Laboratorium der Forstakademie Tharand.

|260|

Deutsche Gerberzeitung, 1892 Nr. 33, Zeitschr. f. angew. Chem., 1891 S. 172.

|260|

Nach neueren Untersuchungen Fahrion's kommt hier besonders die Jecorinsäure, C18H30O2, in Betracht. Chem.-Ztg. 1893 S. 684.

|260|

Der Gerber, 1893 S. 243 und 255.

|260|

Nach Moore, J. Amer. Chem. Soc., 1889 S. 11 und 155, Benedikt, Analyse der Fette, 1892 S. 367: Walthran 80,9, Delphin 76,8 bis 99,5, Kiefernöle von Delphinen 30,9 bis 49,6. Benedikt gibt nach Mills für Robbenthrane nur 91 bis 95, während hier nur einer der untersuchten weniger als 120, nämlich 89,1, zeigte.

|260|

Fahrion, Chem.-Ztg., 1893 S. 434. Bei einem Thran sank die Jodzahl von 193,7 auf 163;9, während die Dichte von 0,933 auf 0,943 und der Gehalt an Oxyfettsäuren von 0,6 Proc. auf 4,8 Proc. stieg. Vgl. auch Eitner, Der Gerber, 1890 S. 171, 1893 S. 257.

|260|

Zeitschr. f. angew. Chem., 1893 S. 140.

|261|

Vgl. „Analysen“ von R. Ruhsam, D. p. J. 1883 285 233.

|262|

Vgl. E. Dieckhoff, „Entstehung von Kohlenwasserstoffen aus ungesättigten Bestandtheilen der Thrane“, D. p. J. 1893 287 41. Engler und Singer, Ber. d. d. chem. Gesellsch., Bd. 26 S. 1449.

|262|

Wie schon erwähnt, wird in Amerika auch das Wollfett als Degras bezeichnet.

|262|

Deutsche Gerberzeitung, 1892 Nr. 33 u. f.: Fahrion erhielt Degras auch bei Anwendung von Baumwollentricotstoff an Stelle der thierischen Haut.

|262|

Vgl. die Analysen von F. Simand in Der Gerber, 1890 S. 254.

|262|

Spuren von Kalkseifen können allerdings durch Einwirkung der Fettsäuren auf geringe in der Haut vom Aeschern her zurückgebliebene Kalk mengen sich bilden und mit dem Fett ausgepresst werden.

|263|

Oxyfettsäuren besitzen die Fähigkeit, mit Wasser dauernde Emulsionen zu bilden, in ganz hervorragendem Maasse.

|263|

Zeitschrift für angewandte Chemie, 1891, und Deutsche Gerberzeitung, 1892.

|263|

Der Gerber, 1890 S. 266.

|263|

Geringe Mengen Wollfett können auf natürlichem Wege in den Degras gelangen durch Verwendung sehr fetthaltiger Schaffelle bei der Fabrikation.

|264|

Der Gerber, 1895 S. 85.

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