Titel: Abschmelzvorrichtungen, System Vorreiter und Dr. Müllendorff.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 296/Miszelle 4 (S. 168)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/mi296mi07_4

Abschmelzvorrichtungen, System Vorreiter und Dr. Müllendorff.

Die Bleistreifen, welche fast allgemein als Abschmelzvorrichtung zur Sicherung gegen übermässige Erwärmung elektrischer Leitungen und zu anderen Zwecken üblich sind, besitzen die vielfach beklagte Eigenschaft, dass sie ihren Schmelzpunkt im Laufe der Zeit in Folge der eintretenden Oxydation des Bleies erhöhen. Auch genügt erfahrungsmässig schon eine verhältnissmässig schwache Oxydhaut, um bei nicht zu starken Bleidrähten ein Abtropfen des geschmolzenen Bleis bei wagerechter Lage zu verhindern, wenn nicht eine Erschütterung ein Zerreissen der Haut herbeiführt.

Ferner müssen die Bleistreifen beiderseits in Klemmen aus nicht oxydirbarem Material eingelöthet werden, da bei einem blossen Klemmcontact in Folge der Oxydation des Bleis der Leitungswiderstand an der Verbindungsstelle bald so gross werden würde, dass eine übermässige Erhitzung der Klemmen eintritt.

Beide Uebelstände haben dazu geführt, an Stelle des Bleis reines Zinn oder eine nicht oxydirbare Legirung zu verwenden. Der allgemeinen Einführung des reinen Zinns haben sich indessen die unverhältnissmässig hohen Mehrkosten sowie sein explosionsartiges Schmelzen hindernd in den Weg gestellt. Bei Legirungen dagegen ist der Umstand wohl zu beachten, dass bei Metallen, die in ihren specifischen Gewichten und Schmelzpunkten merklich von einander abweichen, in der Nähe des Schmelzpunktes der Legirung ein Saigerungsprocess eintritt, wobei sich die Bestandtheile der Legirung ihren specifischen Gewichten nach unter dem Einfluss der Schwerkraft anordnen. Natürlich ist hiermit eine völlige Veränderung des Schmelzpunktes unvermeidlich verbunden.

Da somit die beiden genannten Mittel nicht als eine einwurfsfreie Lösung des Sicherungsproblems zu betrachten sind, haben die Ingenieure Vorreiter und Dr. Müllendorff in Berlin eine Abschmelzvorrichtung erfunden, welche als eine endgiltige Erledigung dieser brennenden Frage zu betrachten sein dürfte. Bei diesen Sicherungen ist als Schmelzmaterial wieder reines Blei oder eine zwar oxydirbare, aber dem Saigerungsprocess nicht unterworfene Legirung verwendet, wobei jedoch eine Oxydation dadurch verhindert ist, dass das Schmelzmaterial mit einem nicht oxydirbaren Ueberzuge versehen, also z.B. vernickelt ist. Hierzu wird ein eigenartiges Verfahren von den Erfindern angewendet. Mit Hilfe der Galvanostegie lässt sich dieser Ueberzug nicht nur in constanter, sondern auch in so geringer Dicke herstellen, dass der Schmelzprocess durch denselben keinerlei Verzögerung erfährt. In der Nähe des Schmelzpunktes wird vielmehr dieser Ueberzug vermöge der Ausdehnung des Schmelzmaterials mechanisch zerrissen, und wenn dies in Folge der Ausdehnungscoëfficienten der gewählten Metalle auch nicht geschehen sollte, so ist doch bekannt, dass ein Metall selbst bei einer erheblich unter seinem Schmelzpunkte liegenden Temperatur dann zum Schmelzen gebracht wird, wenn es in feiner Vertheilung einem geschmolzenen Metalle zugesetzt wird.

Bei den Abschmelzvorrichtungen von Vorreiter und Dr. Müllendorff lässt sich daher die Schmelztemperatur, also auch die kritische Stromstärke, sobald sie einmal für eine Dimension empirisch bestimmt worden ist, mit grosser Zuverlässigkeit immer wieder erreichen und wird alsdann unabhängig von der Zeit constant bleiben. Auch lassen sich solche Abschmelzstreifen ohne weiteres mit Schrauben oder Klemmen unter Sicherung eines dauernd guten Contactes befestigen.

Mit Rücksicht auf die eminente Bedeutung dieses Factors für die Sicherheit gegen Feuersgefahr bei elektrischen Anlagen sollte die Anwendung solcher Abschmelzvorrichtungen nicht nur in den allgemeinen Sicherheitsvorschriften der städtischen Elektricitätswerke, der Sicherheitspolizei und der Feuerversicherungsgesellschaften zur Bedingung gemacht werden, sondern auch jede Behörde oder Privatperson, die sich des elektrischen Starkstroms zu irgend welchen Zwecken bedient, müsste ihrem Lieferanten die ausschliessliche Verwendung nur solcher Abschmelzvorrichtungen vorschreiben.

Schliesslich haben aber auch die elektrotechnischen Firmen selbst ein Interesse daran, jede Einrichtung zu benutzen, welche geeignet ist, die Betriebssicherheit einer Anlage zu erhöhen, das Vertrauen des Publikums zu kräftigen und dadurch den Consumentenkreis zu erweitern.

Die neuen Abschmelzvorrichtungen sind zum Patent angemeldet. (Mittheilung der Erfinder.)

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