Titel: Umlegen eines Schornsteins.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 296/Miszelle 4 (S. 215–216)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/mi296mi09_4

Umlegen eines Schornsteins.

In Folge einer Einladung der Firma Alphons Custodis in Düsseldorf hatten sich viele Mitglieder der Eisenhütte in Ratingen eingefunden, um dem Umlegen eines alten Schornsteins in einer dortigen Papierfabrik beizuwohnen. Der umzuwerfende Schornstein war in den 50er Jahren gebaut worden und zwar aus gewöhnlichen Ziegelsteinen, hatte eine Gesammthöhe von 35 m, wovon 5 m auf den quadratischen Sockel und die übrigen 30 m auf den achteckigen Schaft entfielen; die obere Lichtweite betrug 1,5 m und die obere Wandstärke 25 cm. Das Postament hatte eine Seitenbreite von 3,5 m bei einer Wandstärke von 1 m und hatte die aufsteigende quadratische Oeffnung im Sockel einen Durchmesser von 1,5 m. Das Sockelgesims war mit Haustein abgedeckt, ebenso der Kopf, der auch noch eine gusseiserne Bekrönung besass. Der bauliche Zustand war im allgemeinen gut; es musste die Beseitigung des Schornsteins erfolgen, um Raum zu gewinnen.

Das Umwerfen geschah in der Weise, dass, nachdem auf der freien Seite die Fallrichtung angegeben war, der untere Theil des Sockels ausgebrochen wurde. Gegen 4½ Uhr war das Ausbrechen so weit vorgeschritten, dass nur noch die hintere Hälfte des Sockels stand; es war zu bemerken, dass der Schornstein sich nach der Fallrichtung schon ein wenig geneigt hatte. Trotzdem ein heftiger Wind wehte, blieb der Schornstein noch so lange stehen, bis der Sockel bis über die Mitte hinaus ausgebrochen war. Dann sah man, wie der Schornstein sich langsam neigte, bis er, in einem Winkel von 60° zur Erde angelangt, einen Querriss zeigte. Von dem Moment an nahm die Fallgeschwindigkeit schnell zu, und als derselbe in einem Winkel von 45° zur Erde stand, brach er in mehrere Stücke aus einander, die alle in der Fallrichtung zur Erde gelangten.

Die Besichtigung der Trümmer ergab, dass nur ein geringer Theil der Steine zerbrochen war, trotzdem die Qualität des Steinmaterials (es war Feldbrand) dies wohl nicht erwarten liess. Die Fugen hatten sich fast durchweg so gelöst, dass nur geringe Mengen Mörtel an den Steinen haften blieben und somit das Abputzen der Reststeine nur wenig Zeit und Mühe veranlassen wird. Zu bewundern war die ausserordentliche Sicherheit, mit welcher die markirte Fallrichtung eingehalten |216| wurde, trotzdem, wie schon bemerkt, der Wind stark wehte und ein Abtreiben aus der Fallrichtung zu erwarten war. Die ganze Arbeit nahm nur wenig Zeit in Anspruch, sie hat noch den Vorzug, billiger zu sein, als wenn man den Kamin von oben herunter hätte abtragen lassen. (Stahl und Eisen.)

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