Titel: Fleischimport.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 296/Miszelle 5 (S. 240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/mi296mi10_5

Fleischimport.1)

Nach einer Mittheilung von G. Linde in Köln an die Zeitschrift für die gesammte Kälteindustrie ist der Versuch der unter grossen Verlusten durchgeführten Einfuhr von gefrorenem Fleisch in den Städten Hamburg, Wien und mehreren rheinischen Städten vorläufig als gescheitert anzusehen. Die Ursachen dieser – bei den jetzigen hohen Fleischpreisen doppelt unbegreiflichen – Erscheinung sind nach Linde's Meinung folgende:

1) die Mangelhaftigkeit des Aufthauprocesses und das – hierdurch hervorgerufene – Misstrauen des Consumenten und Händlers,

2) die Erschwerung und Vertheuerung des Transportes, welcher noch in Eilfracht zu erfolgen hat, und

3) hauptsächlich die Regulative in den Städten mit städtischen Schlachthöfen, welche die Einfuhr so erschweren, dass sie gleich einem Verbot wirken.

Die während des Aufthauens auf der Oberfläche und im Inneren sich bildende Nässe erregt nämlich bei dem äusserst schwerfälligen und allen Neuerungen abholden Metzgergewerbe und den Consumenten von vornherein ein gewisses Misstrauen. Das hängende oder liegende Fleisch tropft während des Aufthauens und verliert die Eigenschaft, die natürliche Form eines Fleischstückes beizubehalten; es wird „schwabbelig“, wie etwa die Leber. – Linde beabsichtigt, Einrichtungen zu treffen, um die während des Aufthauens frei werdende Nässe zu beseitigen, und hofft dadurch dieser Ursache eines Vorurtheils den Boden zu entziehen.

In Bezug auf den Versandt in ganzen Ladungen hat die Erfahrung gezeigt, dass Eilfracht nöthig ist, wodurch die Fracht sich um das Dreifache erhöht. – Der preussische Eisenbahnminister soll allerdings vor einigen Monaten thunlichste Beschleunigung von Fleischsendungen in gewöhnlicher Fracht angeordnet haben, jedoch ohne Erfolg. Soviel ist sicher, dass durch die Eilfracht der Selbstkostenpreis sich um etwa 4 Pf. für 1 k in Köln erhöht.

Das hauptsächlichste Hinderniss für die Einfuhr gefrorenen Fleisches bilden aber die betreffenden Regulative in den Städten mit städtischen Schlachthöfen, die zu einer Zeit erlassen sind, als noch Niemand an die Möglichkeit dachte, gefrorenes überseeisches Fleisch einzuführen, oder die erlassen sind in der stillschweigenden Absicht, die Einfuhr zu verhindern. Linde's seit 8 Jahren gemachten Schritte, eine Erleichterung zu erzielen, hatten das Ergebniss, dass ihm aufgegeben wurde, das Fleisch nach dem Aufthauen sämmtlich auf das Fleischbeschauamt zu bestimmten, wenigen Tagesstunden zu fahren und dort von untergeordneten Organen in ungenügenden Räumen untersuchen zu lassen – trotz aller Atteste über bereits durch einen deutschen Thierarzt erfolgte Untersuchung! Diese Prohibitivmaassregeln bezwecken nur die Rentabilität der Schlachthofanlagen und einen Schutz des Metzgergewerbes und lassen die 90 Proc. der Bevölkerung, für welche um 20 bis 30 Proc. billigeres Fleisch eine Wohlthat wäre, ganz ausser Betracht.

Bevor nicht diese Bestimmungen fallen – wozu allerdings bei der jetzigen Strömung wenig Aussichten sind – kann ein ernsthafter Unternehmer nicht seine Thätigkeit und seine Mittel der Einfuhr gefrorenen Fleisches zuwenden. Die Vieh- und Fleischpreise werden deshalb vorläufig auf ihrer jetzigen Höhe bleiben.

G. Behrend in Hamburg glaubt, dass Wandel eintreten wird, wenn die Verladung von den australischen Gefrierhäusern mittels Schiffen, die mit Gefriermaschinen versehen sind, dort direct geschieht und wenn in Hamburg direct in Gefrierhäuser ausgeladen werden kann. Hamburger Importeure beabsichtigen, unmittelbar am Hafen grosse Gefrierhäuser zu erbauen, von welchen auch durch einen eigenen Schienenstrang die Eisenbahnverladung erfolgen sollte.

Die ersten Versuche haben nun freilich so gemacht werden müssen, dass australisches gefrorenes Fleisch in London gekauft, nach Hamburg befördert und in das Kühlhaus neben dem grossen städtischen Schlachthaus geschafft wurde. Dies musste vom Hafen aus zu Wagen geschehen. Erst dann trat man in Verhandlung mit den Schlachtern, die eine Reihe von Monaten in Anspruch nahm und resultatlos verlief. Darauf wurden in Hamburg einige Verkaufsläden eröffnet und durch die Importeure das Fleisch im Kleinhandel verkauft. Das geschieht noch jetzt. Der geschilderte Transport, der viele Monate dauernde Aufenthalt in den Gefrierräumen des Kühlhauses, der Zinsaufschlag u.s.w. verteuerten das Fleisch erheblich, so dass es theuerer verkauft werden musste, als bei ganz directer Abladung und eigenem Gefrierhause der Fall sein würde.

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Vgl. Heft 9 S. 215.

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