Titel: Ueber die chemische Natur der Metallegirungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 296/Miszelle 3 (S. 301–302)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj296/mi296mi13_3

Ueber die chemische Natur der Metallegirungen.

Obgleich die Legirungen der Metalle sich der mannigfaltigsten Anwendung auf vielen Gebieten des Gewerbefleisses und nicht zuletzt in der Feinmechanik erfreuen, ist ihre wissenschaftliche Erforschung, die Erkenntniss ihrer Natur, bis heute auf einer verhältnissmässig niedrigen Stufe stehen geblieben. Die nicht zahlreichen Forscher, die sich die Frage nach ihrer Natur vorlegten und in etwas umfassenderem Maasstabe sich ihrer Bearbeitung annahmen, thaten es immer nur mit dem Hinblick auf die praktische Verwendbarkeit. Deshalb haben einzelne – nützliche oder schädliche – Eigenschaften dieser Körperklasse für sich eine ausgedehnte Untersuchung erfahren, wie z.B. die Frage nach der Schmelzbarkeit und der Abhängigkeit des Schmelzpunktes von der Zusammensetzung der Legirung oder die mannigfaltigen Saigerungserscheinungen. Dagegen hat man erst in den letzten Jahren angefangen, die Legirungen, wie andere Substanzen auch, bloss um ihrer selbst |302| willen, d.h. um ein möglichst umfassendes Bild von allen ihren physikalischen und chemischen Eigenschaften zu erhalten, und daraus, wenn möglich, eine Vorstellung über ihren molekularen Aufbau abzuleiten, beschreibend (im Kirchhoff'schen Sinne) zu verfolgen. Eine Zusammenfassung der bisher erzielten Ergebnisse dieser Arbeiten und eine auf diesen sich aufbauende Ansicht über die chemische Natur der Legirungen liegt in der Arbeit des Verfassers vor.

Nach einem Ueberblick über die Methoden, die zur Bildung von Legirungen führen, wird zunächst eine Parallele zwischen Lösungen und geschmolzenen Legirungen durchgeführt. Alle die Erscheinungen, die beim Auflösen von festen oder flüssigen Körpern in Flüssigkeiten auftreten, die beschränkte oder unbeschränkte Löslichkeit, die beim Mischen auftretenden Wärmeerscheinungen, die Theilung eines löslichen Körpers zwischen zwei anderen sich nicht mit einander mischenden Flüssigkeiten, ferner die Gesetzmässigkeiten bei der Erstarrung von Lösungen finden in vollständigster Weise bei den geschmolzenen Legirungen ihre Analogie. Bei der Untersuchung der Frage nach der Natur der fest gewordenen Legirungen scheiden naturgemäss diejenigen Fälle aus, in denen man Mittel hat, die Legirung als ein Gemenge verschiedener Substanzen zu charakterisiren. Für die Fälle der einheitlichen starren Legirungen aber bildet sich der Verfasser aus ihrem chemischen Verhalten eine Auffassung, die dahin geht, dass sie nicht chemische Verbindungen von der Art sind, dass in ihnen die Eigenschaften der Bestandtheile völlig verschwunden und ganz anderen Platz gemacht hätten. Diese Körper sind danach vielmehr den „Molekularverbindungen“ an die Seite zu stellen, also in eine Kategorie mit den krystallwasserhaltigen Salzen, den Doppelsalzen und den Metallammoniakverbindungen zu bringen. Das auf den ersten Blick Befremdende dieser Ansicht entkräftet der Verfasser mit dem Hinweis darauf, dass ja auch im freien Zustande die Metallmoleküle einatomig anzunehmen sind.

Dass die ganze Frage der Legirungen von diesem bestimmten Gesichtspunkt aus betrachtet wird, macht die Arbeit interessant und werthvoll. Es ist gelungen, nicht nur eine einheitliche Meinung über die Natur der Legirungen zu gewinnen, sondern auch sie in systematischen Zusammenhang mit anderen Körpergruppen zu bringen, so dass deren weiterschreitende Erforschung auch Licht in die Erkenntniss der Legirungen bringen wird. (Von Dr. F. Foerster. Naturwissenschaftliche Rundschau.)

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