Titel: Ueber Fortschritte auf dem Gebiete der Gerberei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 297 (S. 19–23)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj297/ar297010

Ueber Fortschritte auf dem Gebiete der Gerberei.

Von Dr. Johannes Pässler in Freiberg i. S.

Die Gerberei gehört zu denjenigen Gewerben, welche in früheren Jahren wenigen Veränderungen unterworfen waren und deren Ausübung von den betreffenden Gewerbtreibenden Jahrhunderte lang fast immer in derselben, zum grossen Theile sehr unrationellen Weise erfolgte, ohne dass wesentliche Verbesserungen getroffen wurden. Erst etwa seit 40 bis 50 Jahren, seitdem sich die Technik und die Verkehrsmittel in so ungeahnter Weise entwickelt haben und seitdem in neuester Zeit die Wissenschaft einen besseren Einblick in das Wesen des Gerbeprocesses verschafft und vor allen Dingen die verschiedenen Rohmaterialien und deren Eigenschaften genau studirt hat, seit dieser Zeit hat sich die Gerberei in grossartiger Weise entwickelt; so stellt dieselbe gegenwärtig z.B. im Deutschen Reiche hinsichtlich des Werthes der Productionsmenge die drittgrösste Industrie dar. Mit diesem Umschwünge ist zugleich aber eine Veränderung in der Art der Gerbereibetriebe erfolgt; während früher der Kleinbetrieb vorherrschte, wird jetzt |20| die Herstellung der verschiedenen Ledersorten zu einem grossen Theile von den kapitalkräftigeren Inhabern der Grossbetriebe ausgeführt und eine beträchtliche Menge der Kleinbetriebe ist dabei eingegangen. Diese Erscheinung, welche in keinem Gewerbe so deutlich zu Tage tritt, wie gerade in der Gerberei, ist nun nicht lediglich eine natürliche Folge der Entwickelung der Grossindustrie und nicht allein darauf zurückzuführen, dass das Kleingewerbe den Grossbetrieben gegenüber absolut concurrenzunfähig geworden ist. Diese Thatsache ist theilweise auch eine Folge davon, dass sich die Inhaber solcher eingegangener Kleinbetriebe in unserer Zeit des Fortschrittes den Errungenschaften der Technik und der Wissenschaft gegenüber vollständig zurückhaltend gezeigt haben und in Folge dessen von ihren Collegen, die sich den Neuerungen nicht verschlossen haben, überflügelt und zurückgedrängt wurden. Es wäre falsch, zu behaupten, dass der Kleinbetrieb in der Gerberei überhaupt jetzt nicht mehr existenzfähig sei; es ist nur nothwendig, dass der Inhaber vollständig auf der Höhe der Zeit steht und richtigen Gebrauch von den Neuerungen der Technik und den Forschungen der Wissenschaft macht.

Den ersten Anlass zu dem Umschwünge in dem Gerbereigewerbe gab die im Anfange und in der Mitte unseres Jahrhunderts sich so grossartig entwickelnde Maschinenindustrie, welche der Gerberei eine grosse Menge von Kraft- und Arbeitsmaschinen lieferte. Eine weitere rege Förderung erfuhr die Gerberei dadurch, dass verschiedene Männer der Wissenschaft begannen, sich mit diesem Gewerbe eingehender zu beschäftigen, und vor allen Dingen die Bohmaterialien, sowie die verschiedenen in der Gerberei auftretenden chemischen und physikalischen Processe näher studirten. Hier ist vor allem Prof. Dr. Knapp zu nennen, welcher die Gerberei vom wissenschaftlichen Standpunkte aus betrachtete, auf Grund seiner umfassenden Untersuchungen eine Theorie zur Erklärung des Gerbeprocesses aufstellte und interessante Aufklärungen über die Natur und das Wesen der Gerberei gab.1) Nach seiner Ansicht, die im Gegensatz zu allen früher, theilweise auch erst später entstandenen Theorien über das Leder steht, ist Leder keine chemische Verbindung von Haut und Gerbstoff, für welche Muntz2) dasselbe hält, sondern es besteht aus mehr oder weniger isolirten Fasern der Bindegewebsubstanz, die durch Zwischenlagerung der heterogensten Dinge: pflanzliche Gerbstoffe in mehr oder weniger verändertem Zustande, Fette, Salze, Seifen u. dgl., verhindert werden, beim Trocknen zusammenzukleben. Diese Knapp'sche Theorie, welche von den meisten Fachleuten jetzt als richtig anerkannt wird, unterscheidet sich von den übrigen Theorien vortheilhaft dadurch, dass sie die verschiedenen Zweige der Gerberei von einem allgemeinen Gesichtspunkte auffasst, während die anderen nur das Wesen der Lohgerberei erklären.

Die Knapp'schen Arbeiten sind es entschieden gewesen, welche auch andere Chemiker veranlasst haben, sich auf dem Gebiete der Gerbereichemie zu specialisiren. Es sind auf diese Weise eine Reihe von Laboratorien entstanden, in denen man sich ausschliesslich oder vorzugsweise mit gerberischen Fragen beschäftigt. In derartigen Anstalten wurden z.B. Methoden zur Untersuchung der verschiedenen in der Gerberei verwendeten Rohstoffe ausgearbeitet, um deren Gehalt an wirksamer Substanz, wie z.B. der Gerbmaterialien an Gerbstoff, zu ermitteln. Derartige Anstalten waren in Folge dessen im Stande, den Gerbern Klarheit über den Gerbstoffgehalt der von ihnen verwendeten Gerbmaterialien zu verschaffen; als in Folge der mannigfacheren Verwendung des Leders die bei uns gebräuchlichen Gerbstoffe, Eichen- und Fichtenrinde, nicht mehr ausreichten, suchte die chemische Wissenschaft nach Surrogaten und fand dieselben in einer grossen Anzahl namentlich ausländischer Pflanzen, wie z.B. in der Mimosenrinde, im Quebrachoholz u.s.w. Ferner zeigte die chemische Untersuchung der gebrauchten Gerbmaterialien, dass dieselben viel zu schlecht ausgenutzt werden und dass durch zweckmässige Extractionsanlagen eine bedeutend bessere Auslaugung zu erreichen ist. Wir sehen an diesen wenigen Beispielen, dass das Gerbereigewerbe, seitdem sich die Chemie eingehender mit demselben beschäftigt hat, bereits grosse Vortheile davon getragen hat, dass aber von den Fachleuten auf diesem Gebiete noch viel zu erforschen ist. Zu denjenigen Anstalten und Laboratorien, welche sich fast ausschliesslich mit Arbeiten aus der Gerbereichemie beschäftigen und welche dafür sorgen, dass die dabei erhaltenen Resultate genügend bekannt und in der Praxis nutzbringend verwerthet werden, gehören, nach dem Zeitpunkte ihres Entstehens geordnet: die unter der Direction von Wilhelm Eitner stehende, 1873 gegründete chemischtechnische Versuchsstation für Lederindustrie in Wien, welche zugleich auch Kurse für Gerbereichemiker abhält, das unter Leitung von Prof. Dr. v. Schroeder stehende Gerbereilaboratorium in Tharand, die bis jetzt als einzige bestehende deutsche Gerberschule in Freiberg i. S., an deren Spitze ebenfalls Prof. Dr. v. Schroeder mitsteht, sowie das mit dem Yorkshire College in Leeds verbundene Leather Industries Laboratory mit H. Procter als Leiter. Von französischen Chemikern haben sich namentlich Muntz und Jean mit Gerbereichemie beschäftigt und auf diesem Gebiete werthvolle Arbeiten geliefert. Wir finden aber ausser den genannten Fachleuten noch eine grosse Anzahl Chemiker, welche ebenfalls eifrig an der weiteren Ausbildung der Gerbereichemie arbeiten.

In Folgendem sollen in Kürze die Fortschritte, welche im Laufe der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiete der Gerberei zu verzeichnen gewesen sind, und die wissenschaftlichen Arbeiten, die nach dieser Richtung hin ausgeführt worden sind, übersichtlich zusammengefasst und kritisch betrachtet werden.

A. Rohhaut und Blösse.

Die thierische Haut bezieh. der Theil, welcher beim Gerbeprocess in Leder übergeführt wird, also die Lederhaut oder das Corium, sind früher nur sehr wenig untersucht gewesen; Rollet3) fand, dass dieselbe aus Bindegewebsfasern und der sie verbindenden Intercellularsubstanz besteht, welche beide Substanzen, besonders ihre Zusammensetzung und ihr Verhalten gegenüber verschiedenen anderen Substanzen, später von Reimer4) eingehender studirt worden sind. Stohmann und Langbein, ebenso auch Reimer haben Elementaranalysen der Blössentrockensubstanzen ausgeführt; |21| die dabei erhaltenen Resultate stimmen aber nicht vollständig mit denen überein, welche als Ergebnisse von umfangreichen, oftmals wiederholten und mit grosser Sorgfalt ausgeführten Untersuchungen in einer Arbeit v. Schroeder's und des Berichterstatters5) niedergelegt sind. Gelegentlich dieser Untersuchung wurde ausser der Zusammensetzung der Blössentrockensubstanz verschiedener Thiere auch die Zusammensetzung der nassen Blössen an Wasser, Fett, Asche und Hautsubstanz ermittelt. Diese Ermittelungen, deren Resultate hier nur in Kürze angegeben werden können, zeigten, dass der Trockensubstanzgehalt der Blösse abnimmt bezieh. der Wassergehalt steigt mit der Abnahme der Stärke und mit Zunahme der schwammigen Textur der Blösse. Die Elementaranalyse wurde namentlich deswegen ausgeführt, um zu prüfen, ob der Stickstoffgehalt in der Blössentrockensubstanz ein und derselben Haut und verschiedener Häute derselben Thiergattung constant ist, weil dann eine Grundlage zur Lederanalyse, wenigstens zur Analyse derjenigen Leder, die mit stickstoffreien Gerbstoffen (lohgare, fettgare, weissgare, sämischgare, mineralgare Leder) gegerbt sind, geschaffen wäre. Die genannten Autoren constatirten, dass der Stickstoffgehalt der wasser-, asche- und fettfreien Blössentrockensubstanz bei ein und demselben Individuum an den verschiedensten Stellen und bei Individuen derselben Thiergattung constant ist; es haben sogar die Blössentrockensubstanzen mehrerer Thiergattungen den gleichen Stickstoffgehalt. Die untersuchten Blössen liessen sich hinsichtlich des Stickstoffgehaltes in drei Klassen theilen, wobei das Nähere aus dem Originale ersehen werden muss. Nachdem von den genannten Verfassern die Constanz des Stickstoffgehaltes festgestellt worden war, kamen sie zu dem Schlusse, dass man im Stande ist, aus dem Stickstoffgehalte der wasser-, asche- und fettfreien Ledersubstanz zu berechnen, wie viel das betreffende Leder Hautsubstanz und gerbende Stoffe enthält: ein Vorschlag, welchen bereits früher Muntz6) gemacht hat, welcher aber noch nicht spruchreif war, weil man die Constanz des Stickstoffgehaltes zuvor noch nicht nachgewiesen hatte. Diese Methode, welche den Durchgerbungsgrad einer der genannten Lederarten zu bestimmen gestattet, ist von den Autoren bei späteren zahlreichen Analysen stets verwendet worden. Die Resultate der vollständigen Elementaranalysen zeigten, dass die Blössentrockensubstanzen (im asche- und fettfreien Zustande) verschiedener Thiere eine ziemlich gleiche Zusammensetzung besitzen.

In einem Artikel der Deutschen Gerberzeitung bespricht v. Schroeder7) die Einwirkung des Kochsalzes auf die Haut beim Salzen und bei der Kochsalzweiche und kommt vor allem zu dem Resultat, dass die von der Salzlösung gelöste Menge an Hautsubstanz gar nicht so bedeutend ist, als meist angenommen wird, und dass dieselbe gegenüber den Vortheilen der Kochsalzweiche nicht in Betracht kommen kann. Haenlein8) studirte den Einfluss des Kochsalzes auf die Fäulnissbakterien der Haut und fand, dass Kochsalz schon in 2procentiger Lösung einen hemmenden Einfluss auf die Entwickelung der Hautbakterien ausübt und namentlich die verflüssigenden Stäbchenbakterien vollständig tödtet, dass aber eine Lösung von 2 Proc. nicht hinreicht, um alle Fäulnissbakterien zu vernichten, und mithin auch nicht die Fäulniss auf die Dauer verhindern kann, sondern dass die volle antiseptische Wirkung erst bei stärkeren Concentrationen eintritt.

Was die Conservirung der Rohhäute, namentlich derjenigen für den Handel, anbelangt, so ist dieselbe in den letzten Jahren schon eine wesentlich bessere geworden und die Qualitätsverluste durch beginnende Fäulniss in Folge mangelhafter Conservirung sind geringer geworden. Es könnte jedoch hier im Interesse der gesammten Lederindustrie noch viel gebessert werden, wenn der Verkäufer bezieh. der Käufer der Häute sofort nach dem Schlachten die richtige Sorgfalt auf eine rationelle Conservirung verwenden würde; es wäre dies zugleich im Interesse der allgemeinen Hygiene. Vor allem müssten die Häute sofort von allen leicht zersetzlichen Substanzen, wie Blut, Mist, Fleisch, ferner von Hörn und Knochen befreit und dann mit Kochsalz, Carbolsäurelösung o. dgl. hinreichend conservirt werden. Dadurch würden dem Nationalvermögen alljährlich bedeutende Summen erhalten, welche jetzt in Folge Entwerthung der Häute durch beginnende Zersetzung verloren gehen.

In den gerberischen Fachschriften ist in den letzten Jahren sehr viel über den Werth und über die Bedeutung der Blössengewichtsbestimmungen gestritten worden, welche jetzt in jeder rationell geleiteten Gerberei zur Controle des Häutelieferanten (Blössenrendement) und zur Bestimmung des Lederrendements (bezogen auf Weissgewicht) ermittelt werden. Eitner9) zweifelt den Werth dieser Gewichtsbestimmungen für die Praxis stark an; wenn auch zugegeben werden muss, dass die Blössenrendements zuweilen keine zuverlässigen Zahlen liefern, so liegt dies aber in diesen Fällen an der Art der Ausführung. Es ist bei dieser Controle vor allen Dingen nothwendig, dass die Wägungen stets unter ganz gleichen Verhältnissen ausgeführt werden, damit vergleichbare Resultate erhalten werden; darauf ist auch vom Berichterstatter und von anderen Seiten10) wiederholt hingewiesen worden. Am empfehlenswerthesten ist es, wenn die Wägungen nach dem vollständigen Reinmachen und Wässern und nach 2stündigem Hängen vorgenommen werden.

B. Gerbmaterialien.

a) Lohgerberei.

Während früher in Deutschland, ebenso in einigen anderen Ländern, fast ausschliesslich die Eichenrinde, ausser dieser vielleicht noch die Fichtenlohe, als Gerbmaterial benutzt wurden, kommen jetzt noch eine Reihe anderer vegetabilischer Substanzen zum Gerben in Anwendung. In Folge der mannigfacheren Verwendung des Leders genügte die eigene Production an Gerbmaterial in unseren Eichenschälwaldungen nicht mehr und man sah sich zur Einfuhr ausländischer Producte unbedingt genöthigt; ferner suchte man auch nach gerbstoffreicheren Substanzen, da die Eichen- und Fichtenlohen immer noch verhältnissmässig gerbstoffarm sind. Durch die rasche Entwickelung der Verkehrsmittel wurde es dem Lederproducenten ermöglicht, aus allen Erdtheilen Surrogate für die heimischen Eichen- und |22| Fichtenrinden zu beziehen. Es vergeht jetzt kein Jahr, wo nicht mehrere neue Gerbmaterialien auf dem Markte angepriesen werden; sehr häufig ist das Schicksal derselben, dass sie sehr bald wieder vom Markte verschwinden, weil sie sich nicht für die Praxis eignen. Von einem neuen Gerbmaterial verlangt man vor allen Dingen, dass es billig zu beschaffen ist, dass es den Gerbstoff möglichst leicht abgibt und dem Leder keine nachtheiligen Eigenschaften ertheilt. Zu denjenigen ausländischen Gerbmaterialien, welche sich auf dem Markte zu erhalten vermochten, gehören vor allen Dingen die Valoneen oder Ackerdoppen, welche aus Kleinasien und Griechenland schon seit einer langen Reihe von Jahren zu uns kommen und namentlich gemischt mit Eichenrinde zur Herstellung von Sohl-, Vache- und Riemenleder Verwendung finden. Die Knoppern, die fast ausschliesslich in den Donauländern producirt werden, benutzt man in der Hauptsache nur in ihrer Heimat zur Herstellung von schweren Lederarten, während sie sich in Deutschland wenig Eingang verschafft haben; dies hängt mit der hässlichen Farbe, die dem Leder durch Knoppern ertheilt wird, mit dem verhältnissmässig hohen und dabei sehr stark wechselnden Preise dieses Gerbmaterials zusammen. In einzelnen Gegenden wird auch die Weidenrinde, welche im Gerbstoffgehalte der Eichenrinde mindestens gleichkommt, mit sehr gutem Erfolge als Gerbmaterial verwendet, und zwar gewinnt man für diesen Zweck sowohl Altholzrinde als auch die Rinde der jungen Korbweide. Da dieses Material, wenigstens die junge Rinde, das Leder sehr hell macht und andere günstige Eigenschaften besitzt, so wäre zu wünschen, dass man der Gewinnung desselben eine grössere Aufmerksamkeit zuwenden würde, damit dasselbe häufiger und in grösseren Mengen als jetzt auf dem Markte zu erhalten wäre.

Seit einer Reihe von Jahren wird aus Australien, neuerdings auch aus Afrika, ein sehr gerbstoffreiches Gerbmaterial in der Mimosen- oder Wattlerinde zu uns importirt, welche etwa 22 bis 40 Proc. Gerbstoff enthält und sich namentlich zur Herstellung von Sohlleder eignet. In England wird dieses schätzenswerthe Gerbmaterial schon vielfach verwendet, während es auf dem Continente noch nicht die ihm gebührende genügende Beachtung gefunden hat und daselbst mehr benutzt werden sollte, als es bis jetzt geschieht. Vor einigen Jahren wurde von Mexico und Californien aus ein Gerbmaterial unter dem Namen Cajotarinde oder Taroccarinde zu uns importirt, welches zunächst grosses Aufsehen erregte, jetzt aber schon vollständig vom Markte verschwunden ist. Diese Rinde fand bei den Gerbern wenig Anklang, weil der Gerbstoff derselben ziemlich schwer löslich war, das Leder hässlich roth färbte und sie trotz dieser schlechten Eigenschaften zu hoch im Preise stand.

Von Früchten sind im Laufe der letzten Jahre als Gerbmaterialien die Myrobalanen, Algarobilla und Dividivi empfohlen worden, von welchen namentlich die ersteren wegen ihres niedrigen Preises sich schnellen Eingang verschafft haben. Die Myrobalanen, deren Gewinnung in ihrer Heimat, Indien, von der dortigen Forstverwaltung sehr rationell betrieben wird, besitzen einen Gerbstoffgehalt von 18 bis 40 Proc. und eignen sich namentlich in der Unterledergerberei zum theilweisen Ersatz der Eichenlohe bezieh. der Valonea. Algarobilla (mit 35 bis 52 Proc. Gerbstoff) und Dividivi (mit 25 bis 51 Proc. Gerbstoff) sind sehr schätzenswerthe Gerbmaterialien, welche in ziemlich grossen Quantitäten aus Südamerika und Westindien nach Europa exportirt werden, aber bei uns in der Gerberei leider noch zu wenig, sondern zum grossen Theile in der Färberei Verwendung finden.

Von Gallen werden bis jetzt in der Gerberei nur die von einer kleinasiatischen Eiche abstammenden Rovegallen (Bassoragallen oder Sodomsäpfel) verwendet; die übrigen Gallen sind für diesen Zweck zu theuer. Diese Rovegallen, deren Gerbstoffgehalt etwa zwischen 22 bis 36 Proc. schwankt, eignen sich wegen der Leichtlöslichkeit ihres Gerbstoffes vorzüglich zum Vermischen mit dem Versetzmaterial, weil sich alsdann im Satz schnell starke Brühen bilden.

Vor 4 bis 5 Jahren brachte Nordamerika ein neues Gerbmaterial unter dem Namen Canaigre zu uns, welches vermuthlich noch eine grosse Zukunft hat. Dasselbe besteht aus den 2- und 3jährigen Wurzelknollen von Rumex hymenosepalus, welche in Nordamerika, namentlich in den Flussniederungen, in grossen Mengen angepflanzt werden; neuerdings werden auch in Afrika und in Hawai Anbauversuche mit Canaigre gemacht; Culturversuche, welche mit dieser Pflanze in Bosnien vorgenommen worden sind, gaben keine zufriedenstellenden Resultate. Die bis jetzt mit der Canaigrewurzel (20 bis 30 Proc. Gerbstoff) angestellten Gerbeversuche sind sehr günstig ausgefallen und diese würden sicher viele europäische Gerber veranlasst haben, dieses Material ständig zu verwenden, wenn der Preis (30 M. für 100 k) vorläufig nicht ein noch zu hoher gewesen wäre. In den letzten Jahren hat die Regierung der Vereinigten Staaten Nordamerikas sich der Canaigrecultur sehr angenommen, was auch Erfolg gehabt zu haben scheint, denn in dem letzten Jahre findet man auf dem Markte Angebote von Canaigre zu niedrigeren Preisen als früher. Es wäre im Interesse der Gerberei mit Freuden zu begrüssen, wenn man in Zukunft ein so gutes Gerbmaterial wie Canaigre für einen massigen Preis erhalten könnte. Eine Monographie über „Canaigre“ von Callingwood11) enthält die Geschichte, die botanische Charakteristik, chemische Studien und die Culturmethoden dieses Gerbmaterials.

Eine Anzahl verschiedener Hölzer sind in den letzten Jahrzehnten in die Reihe der Gerbmaterialien eingetreten; es sind dies das Holz der Eiche und der Edelkastanie, sowie das Quebrachoholz. Das Kernholz der ersten beiden Bäume enthält im höheren Alter einen nicht unwesentlichen Gerbstoffgehalt, welcher in Gegenden, wo diese Hölzer in grossen Mengen vorkommen und nicht vortheilhafter verwerthet werden können, technisch ausgenutzt werden kann. Dieses Holz wird in den meisten Fällen nicht direct als Gerbmaterial verwendet, sondern es werden daraus Extracte gewonnen, weswegen erst weiter unten bei der Betrachtung der Extracte darauf näher eingegangen wird.

Das wichtigste Gerbholz ist entschieden das Quebrachoholz, welches auch in Deutschland innerhalb kurzer Zeit zu ausserordentlicher Bedeutung gelangt ist. Dieses Gerbmaterial, welches das Kernholz des namentlich in Argentinien heimischen Loxopterigium Lorentzii darstellt, kam zuerst Anfang der 70er Jahre nach Europa, und die Einfuhr |23| desselben hat sich seit etwa 12 Jahren rapid gesteigert. In Deutschland wurden im J. 1882 nur 1200 t, im J. 1888 16600 t und im J. 1893 39000 t importirt. Dieses Gerbmaterial (der Gerbstoffgehalt schwankt zwischen 16 und 26 Proc.) konnte sich trotz seiner zum Theil ungünstigen Eigenschaften (rothe Farbe des damit hergestellten Leders, Schwerlöslichkeit des Gerbstoffes) so rasch einbürgern, weil der Preis desselben ein sehr niedriger war und die deutsche Lederindustrie dadurch in Stand gesetzt wurde, der grossen Concurrenz der nordamerikanischen Hemlockleder und der südamerikanischen Valdivialeder einigermaassen mit Erfolg zu begegnen und diese Leder, welche in Amerika wegen der niedrigen Preise der Häute und der Gerbmaterialien (in Nordamerika Hemlockrinde, in Südamerika Linguerinde) sehr billig hergestellt werden und früher den europäischen Ledermarkt überschwemmten, einigermaassen zurückzudrängen. Die Erfolge, die in der ersten Zeit mit Quebrachoholz erzielt wurden, waren aber recht schlechte, was damit zusammenhing, dass man die Eigenschaften desselben noch nicht genügend kannte. Vor allen Dingen waren zuerst die damit hergestellten Sohlleder von so schlechter Qualität, dass dieselben noch jetzt in einem schlechten Rufe stehen. Erst mit der Zeit erkannte man, dass das Quebrachoholz ein Gerbstoff ist, welcher, für sich allein angewandt, sich nur zur Herstellung von Oberleder, namentlich von Rossleder, eignet, und dass es bei der Herstellung von schwereren Lederarten, wie Sohlleder, mit anderen Gerbmaterialien, wie besonders Fichtenrinde, combinirt werden muss, um bessere Qualitäten zu erhalten. Die gerberische Praxis hat es jetzt unter Benutzung ihrer eigenen Erfahrungen so weit gebracht, dass sie mit Hilfe des billigen Quebrachogerbstoffes bei richtiger Combination mit anderen Gerbstoffen gute, marktfähige Qualitäten herstellt, wenn auch zugegeben werden muss, dass sich dieselben nicht als vollständig gleichwerthig den mit Eichenlohe gegerbten Sohlledern an die Seite stellen können, aber dafür sind sie auch im Preise niedriger. Auf die vortheilhafte Combination des Quebrachoholzes mit der Fichtenlohe hat v. Schroeder12) wiederholt hingewiesen.

Durch die vielfache Verwendung des Quebrachoholzes als Gerbmaterial sah sich in Deutschland ein Theil der Eichenlohe producirenden Eichenschälwaldbesitzer und derjenigen Gerber, welche fast ausschliesslich mit Eichenlohe arbeiten, in ihrer Existenz bedroht und begann eine Agitation gegen dieses Gerbmaterial, welche darin gipfelte, auf dasselbe einen so hohen Einfuhrzoll zu legen, dass die Verwendung überhaupt unmöglich werde. Trotz einer lebhaften Gegenagitation hat daraufhin der Deutsche Reichstag im April 1895 den Beschluss gefasst, auf Quebrachoholz und alle überseeischen Gerbstoffe, soweit sie nicht in der Färberei oder einem anderen Zweige der chemischen Industrie Verwendung finden, einen Einfuhrzoll zu legen. Es bleibt zunächst abzuwarten, ob der Bundesrath diesem Beschlusse zustimmen wird; sollte dies geschehen, so würde die Durchführung desselben in der obigen Fassung auf viele Schwierigkeiten stossen, zugleich würde es eine principielle Aenderung der früheren Handelspolitik sein, nach welcher alle Rohstoffe für die heimische Industrie zollfrei eingehen sollen. Diese Maassregel würde sicherlich für diejenigen, die den Zoll angeregt haben, nicht den gewünschten Erfolg haben, aber auf der anderen Seite dem grössten Theile der deutschen Lederindustrie empfindlichen Schaden zufügen, indem demselben dadurch das billigste Gerbmaterial ausserordentlich vertheuert werden würde und er in Folge dessen mit dem Auslande nicht mehr würde concurriren können. Der Vorwurf, dass das Quebrachoholz den Preis der Eichenlohe wesentlich herabgedrückt habe, ist ungerechtfertigt; der Fall des Preises der Eichenlohe hat bereits vor der Einfuhr des Quebrachoholzes begonnen. Ein Zoll auf Gerbmaterialien würde sich auch nur dann rechtfertigen lassen, wenn Deutschland seinen Bedarf an Gerbmaterial selbst produciren könnte, was aber nicht annähernd der Fall ist; etwa zwei Drittel des Gesammtbedarfes an Gerbmaterialien muss Deutschland aus dem Auslande beziehen.

Die Blätter des Sumachbaumes, welche man früher in der Gerberei fast ausschliesslich zur Herstellung der feineren Saffianleder verwendete, werden jetzt vielfach in der Lohgerberei benutzt, um fertig gegerbte Leder, welche möglichst weich und hell werden sollen, geschmeidiger und heller zu machen. Zu diesem Zwecke werden die Leder entweder einige Zeit mit Sumachbrühe in einem Walkfasse gewalkt oder auf einige Tage in eine derartige Brühe eingelegt.

(Fortsetzung folgt.)

|20|

„Natur und Wesen der Gerberei und des Leders“, D. p. J. 1858 149 305 und 378.

|20|

Ann. Chim. Phys., [4] 20, 309.

|20|

D. p. J. 1858 149 298; Wiener Akademie-Berichte, Bd. 30 S. 37 und Bd. 39 S. 308.

|20|

D. p. J. 1872 205 143.

|21|

D. p. J. 1893 287 258 u. 283.

|21|

Charles Vincent: La Fabrication et le Commerce des Cuirs et des Peaux, Paris 1877 bis 1879, Theil II S. 80 bis 108. M. A. Muntz: Etudes sur la peau.

|21|

Deutsche Gerberzeitung, 1892 Nr. 62 bis 67.

|21|

D. p. J. 1893 288 214.

|21|

Der Gerber, 1884 Nr. 1.

|21|

Deutsche Gerberzeitung, 1893 Nr. 88 und 93; 1894 Nr. 46 und 48.

|22|

Bulletin Nr. 7 of the Arizona Agricultural Experiment-Station.

|23|

Deutsche Gerberzeitung, 1889 Nr. 74 und 75.

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