Titel: Ueber Fortschritte auf dem Gebiete der Gerberei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 297 (S. 40–44)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj297/ar297016

Ueber Fortschritte auf dem Gebiete der Gerberei.

Von Dr. Johannes Pässler in Freiberg i. S.

(Fortsetzung des Berichtes S. 19 d. Bd.)

In der Litteratur sind eine grosse Anzahl von Monographien der einzelnen Gerbmaterialien, sowie wissenschaftliche Untersuchungen über dieselben erschienen, von denen hier nicht alle, sondern nur die wichtigsten aufgeführt werden sollen. Kunz13) bespricht ausführlich die Gerbmaterialien, welche Chile selbst producirt (Lingue-, Ulmo- und Prumorinde, Algarobilla). Arnaudon14) stellt in einer kleinen Publication die Reactionen des Algarobillagerbstoffes zusammen und Zölffel15) veröffentlicht in seiner Promotionsschrift die Resultate seiner Studien über die Gerbstoffe der Algarobilla und der Myrobalanen. Der Berichterstatter16) kommt bei seinen Untersuchungen der Eichentriebe mit den Blättern und der schwächsten Zweige zu dem Ergebniss, dass es falsch ist, die Eichenschälschläge vor Ausbruch der Blätter zu führen, wie dies jetzt meistens geschieht. Bei späterer Schälung, etwa Ende Mai bis Ende Juni, ist es nämlich möglich, ausser der ebenso gerbstoffreichen Rinde noch die jungen Triebe mit den Blättern zu gewinnen, deren Gerbstoffgehalt fast einer Eichenrinde mittlerer Qualität gleichkommt. Diese jugendlichen Gebilde könnten mit den schwächeren Zweigen entweder als nahrhaftes Viehfutter oder zur Herstellung von Gerbebrühen verwendet werden. Lack und Landsberger17) analysirten die Eicheln und deren einzelne Theile unserer heimischen Eiche und fanden, dass der Gerbstoffgehalt derselben wesentlich geringer ist als bei den Valoneen und noch nicht dem einer Eichenrinde mittlerer Qualität gleichkommt. Als der gerbstoffreichste Tb eil erwiesen sich die Kerne, während die Becher viel gerbstoffärmer waren. Die Eicheln unserer heimischen Eiche werden sich nach diesen Ergebnissen kaum als Gerbmaterial verwenden lassen, besonders wegen des hohen Gehaltes der Kerne an Stärkemehl, welches bei der heissen Extraction störend wirken würde. A. Bartel18) findet bei seinen Untersuchungen, dass der Gerbstoffgehalt der Eichenrinde während der verschiedenen Monate des Jahres nicht variirt, was bereits auch von anderer Seite19) wiederholt ermittelt und ausgesprochen worden ist, aber leider von vielen Forstleuten und den meisten Gerbern nicht als richtig anerkannt wird. Da die Unveränderlichkeit des Gerbstoffgehaltes der Rinde innerhalb der verschiedenen Jahreszeiten thatsächlich erwiesen ist, wäre es rationell, aus bereits erörterten Gründen die Schalung erst nach Ausbruch und Entwickelung der Blätter vorzunehmen. Bartel findet ferner, dass der Gerbstoffgehalt in der Stammrinde der Eiche, solange selbige noch nicht rissig oder borkig ist, vom Fusse des Stammes aus nach oben hin procentisch ziemlich regelmässig abnimmt und dass diese Abnahme des Gerbstoffes sich dann auch weiter bei der Astrinde bemerkbar macht. Die gleichen |41| Resultate hatte v. Schroeder19) bereits früher gefunden. Da durch wiederholte Untersuchungen definitiv festgestellt war, dass sich während der verschiedenen Jahreszeiten der Gerbstoffgehalt der Rinde nicht ändert, so würde auch das Maitre'sche System20) der Schälung der Rinden zu jeder Jahreszeit mittels Dampf bei Eichenrinden anwendbar sein. Dasselbe hat jedoch bis jetzt keine ausgedehnte Verwendung gefunden, weil die Schälkosten ziemlich hoch sind und die Vortheile dieser Methode dadurch illusorisch werden.

Eitner21) untersuchte die Blätter des Sumachbaumes während der verschiedenen Monate des Jahres und fand, dass der Gerbstoff zunächst mit fortschreitender Entwickelung der Blätter zu einem Maximum ansteigt, dann aber wieder fällt und stationär bleibt. Die Zeit des Gerbstoffmaximums fällt Anfang Juli, vor Eintritt der Blüte, weswegen Eitner vorschlägt, den Sumach stets zu dieser Zeit zu ernten; ferner empfiehlt er, die Trocknung nicht bei directem Sonnenlichte vorzunehmen, da durch dasselbe eine Zersetzung des Gerbstoffes stattfinden soll. Eitner22) hat auch Untersuchungen über die Veränderungen der Gerbmaterialien bei verschiedener Behandlung und Aufbewahrung ausgeführt und findet, dass die Gerbmaterialien im feuchten Zustande bei Berührung mit Luft eine Abnahme des Gehaltes an Gerbstoff und löslichen Nichtgerbstoffen erfahren. Bei Wiederholung dieser Versuche mit sterilisirtem Material ergab sich eine viel geringere Abnahme dieser Stoffe, woraus geschlossen werden muss, dass diese Zersetzungen hauptsächlich durch Fermente bewirkt werden. Die Abnahme des Gerbstoffgehaltes trotz Sterilisation glaubt Eitner der Einwirkung der Wärme beim Sterilisiren zuschreiben zu müssen. Bei weiteren Versuchen studirte Eitner die Einwirkung des Lichtes auf lufttrockene und auf befeuchtete Gerbmaterialien, wobei sich ergab, dass das Licht auf den Gerbstoffgehalt trockenen Materials keinen Einfluss hat, bei feuchtem Material dagegen bewirkt es eine unverkennbare starke Abnahme des Gerbstoffgehaltes und eine bedeutende Nachdunkelung. Das Verhalten des Gerbstoffes in Gerbebrühen, in denen in Folge von Gährungserscheinungen sich Säuren bilden, untersuchten v. Schroeder und Bartel23); diese Autoren fanden, dass dabei innerhalb der Versuchsdauer keine Abnahme des Gerbstoffes, wohl aber eine mit der Vermehrung von Säure gleichen Schritt haltende Abnahme der Nichtgerbstoffe eintrat. Diese und die Eitner'schen Resultate sind nicht vollständig mit einander in Einklang zu bringen, da angenommen werden muss, dass dieselben Fermente, die sich auf den Gerbmaterialien vorfinden und nach Eitner bei Gegenwart von Feuchtigkeit den Gerbstoff theilweise zersetzen, bei kalter Extraction in die Brühen gelangen und daselbst ebenfalls eine Zersetzung des Gerbstoffes bewirken müssen; nach den Versuchen der genannten Autoren konnte aber eine Abnahme des Gerbstoffgehaltes in den Brühen während der Gährung nicht nachgewiesen werden. Haenlein24) hat übrigens direct den Nachweis geliefert, dass, zunächst in Bezug auf Eichen- und Fichtenrinde, auf dem Gerbmaterial und in den daraus hergestellten Gerbebrühen sich dieselben Mikroorganismen vorfinden, und hat aus denselben eine grössere Anzahl theils bekannter, theils unbekannter Mikroorganismen isolirt, von welchen er vor allem eine noch unbekannte, sehr charakteristische Bakterienart eingehend studirte. Diese Art, welche Haenlein als Bacillus corticalis bezeichnete, zersetzt die zuckerartigen Stoffe der Fichtenrinde und bildet aus denselben organische Säuren unter gleichzeitiger Entwickelung von Wasserstoff und Kohlensäure. Es muss mit Freuden begrüsst werden, dass dieser Autor seine Untersuchungen nach dieser Richtung fortsetzt, denn es ist zu hoffen, dass gerade die Bakteriologie auf dem Gebiete der Gerberei noch viel leisten wird. Haenlein hat mit seinen Studien ein Gebiet betreten, welches bis jetzt vollständig vernachlässigt war.

Eine werthvolle Zusammenstellung über die verschiedensten Gerbmaterialien und über die gesammte Litteratur, aus welcher an dieser Stelle nur die wichtigsten Arbeiten der letzten Jahre aufgeführt worden sind, ist in dem Trimble'schen25) Werke The Tannins erschienen.

Seit Einführung der Brühengerbung, welche später noch behandelt werden wird, hat man aus ökonomischen Rücksichten die verschiedensten Gerbmaterialien auf rationelle Weise extrahirt und die erhaltenen Auszüge concentrirt; auf diese Weise werden meistens in besonderen Fabriken die sogen. „Gerbextracte“ hergestellt, welche entweder flüssig, teigförmig oder fest in den Handel kommen und gewissermaassen „concentrirte Gerbmaterialien“ darstellen, da sie procentisch gerbstoffreicher als die betreffenden Rohmaterialien sind. Solche Extracte, welche sich aus obigem Grunde namentlich für den Versandt eignen, werden vorzugsweise hergestellt aus Eichen- und Kastanienholz, Quebrachoholz und Fichtenlohe, seltener aus anderen Gerbmaterialien. Der grössten Beliebtheit erfreut sich der flüssige Eichenholzextract, welcher fast ausschliesslich in Slavonien aus dem Kernholze der dort in grossen Mengen vorhandenen Eichen hergestellt wird; derselbe zeichnet sich vor allen Dingen durch seine Leichtlöslichkeit aus und kann deswegen auch von Gerbern, die primitive Einrichtungen besitzen, zum Verstärken der Brühen benutzt werden. Der Fichtenloheextract wurde bis jetzt von einer Fabrik in Klagenfurt hergestellt, welche aber nicht zu reüssiren vermochte, weil sich dieser Extract zu hoch im Preise stellte. Der Kastanienholzextract, welcher fast ausschliesslich in Frankreich erzeugt wird, ist billiger als der Eichenholzextract und wird deswegen oft unter diesem Namen in den Handel gebracht. Quebrachoextract wird in grossen Mengen in der Gerberei verwendet. Zwei Extracte, welche schon lange für Färbezwecke in Europa importirt werden, dienen jetzt auch Gerbezwecken, und zwar sind dies der Gambier oder Würfelkatechu und der Katechu oder Terra japonica. Neuerdings bringt Amerika auch Canaigreextract in den Handel, über welchen vorläufig nur wenig Erfahrungen vorliegen. Die übrigen Extracte, wie die des Sumachs, der Myrobalanen, des Dividivi u.s.w., spielen in der Gerberei eine nur untergeordnete Rolle.

Wenn diese Extracte bei ihrer Herstellung keinem weiteren Reinigungsprocesse unterworfen werden, so liefern dieselben beim Auflösen fast immer trübe und sehr dunkle Brühen, welche dem Gerber nicht erwünscht sind. Zur Verhütung dieser Erscheinung klärt und entfärbt der |42| Extractfabrikant seine Brühen, für welchen Process eine grosse Menge verschiedener, zum Theil patentirter Methoden vorgeschlagen worden sind, die theilweise als recht unzweckmässige zu bezeichnen sind. Viele glauben nämlich, dass in den Extracten neben farblosen Gerbstoffen mehr oder minder beträchtliche Mengen Farbstoffe enthalten sind, welche beide durch chemische Mittel von einander getrennt werden können. Es ist dies eine ganz falsche Ansicht; es muss angenommen werden, dass die Gerbstoffe der verschiedenen Gerbmaterialien eben verschieden gefärbt sind und dass im Allgemeinen der schwerlösliche Gerbstoff eines Gerbmaterials stärker gefärbt ist als der leichtlösliche: die Gerbstoffe sind also zugleich die Farbstoffe. Sucht man demnach in einer Gerbebrühe mit Hilfe chemischer Mittel eine Entfärbung bezieh. Aufhellung herbeizuführen, so werden stets auch Gerbstoffverluste eintreten, wie dies auch bei den meisten Entfärbungsmethoden der Fall ist. Es wird also unmöglich sein, Gerbmaterialauszüge ohne bedeutenden Gerbstoff vertust wesentlich aufzuhellen; es empfiehlt sich aber, aus derartigen Gerbstofflösungen durch Bildung eines geringen, sich schnell absetzenden Niederschlages und nachherige Filtration die feinen suspendirten Substanzen, wie Holzfäserchen und den ausgeschiedenen schwerlöslichen Gerbstoff zu entfernen; geringe Gerbstoffverluste werden auch selbst hier nicht umgangen. Die bei den folgenden Verfahren benutzten Substanzen sind meist solche, welche mit Gerbstoffen unlösliche Niederschläge geben, die die übrigen suspendirten Substanzen mit zu Boden reissen. Gillard, P. Monnet und Cartier26) klären mit dem wässerigen Auszuge der Kleie von Cerealien. Delvaux27) benutzt zur Klärung Strontianverbindungen, Landini28) Bleinitrat und Fölsing29) Kaliumantimonoxalat oder ein anderes wasserlösliches Antimonsalz. Schenk30) setzt behufs Entfärbung dem Gerbmaterialauszuge erst eine Lösung von schwefelsaurer Thonerde und dann eine Barythydratlösung zu. Roy31) entfärbt mit Ferro- oder Ferricyankaliumlösung und Fontenilles und Desormeaux32) verwenden für diesen Zweck Oxalsäure und Eiweisslösung. A. und H. Sinan33) schlagen vor, die Entfärbung durch Zusatz von Blut oder einer Eiweissubstanzlösung zu bewirken, was früher bereits Gondolo empfohlen hat. Nach Austen34) sollen helle Gerbmaterialextracte erhalten werden, wenn man zu den Auszügen ein Alkalinitrit hinzusetzt. Alle diese zur Entfärbung von Extracten vorgeschlagenen chemischen Methoden sind demnach solche, bei welchen grosse Verluste an Gerbstoff auftreten werden.

Fölsing (D. R. P. Nr. 55114) löst zur Entfärbung der Gerbebrühen Chlornatrium und Oxalsäure in denselben auf und leitet alsdann einen elektrischen Strom durch die Flüssigkeit.

Der Wirkungswerth der verschiedenen Gerbmaterialien wurde früher nach Methoden ermittelt, die sich in den letzten Jahren meistens als vollständig unbrauchbar erwiesen haben, und zwar weil sie nicht unter einander übereinstimmende Resultate und auch nicht wirkliche Gewichtsprocente lieferten. Zu diesen Methoden, welche jetzt nicht mehr angewendet werden und welchen wir eine grosse Anzahl falscher Gerbstoffgehalte in der Litteratur verdanken, gehören die von Davy, Hammer, Fehling (mit den Abänderungen von Müller, Hartig, Schulze), Wagner, Handtke, Fleck, Mittenzwei, Jean u.s.w. Einigermaassen zufriedenstellende Resultate lieferte schliesslich die modificirte sogen. Löwenthal'sche Methode, die im Princip eigentlich von Monier herrührt. Die Modifikation zu dieser Methode erfolgte von Seiten Neubauer's und später durch v. Schroeder.35) Mit Hilfe der v. Schroeder'schen Abänderung der Löwenthal'schen Titrirmethode, bei welcher der Titer auf ein sehr reines Tannin gestellt wird, können bei peinlicher Einhaltung der Vorschrift Resultate erhalten werden, welche für ein und dasselbe Gerbmaterial sehr wohl vergleichbar sind, aber wirkliche Gewichtsprocente sind die Procente Gerbstoff-Löwenthal nicht. Dieselben können erst durch Ermittelung gewisser Umrechnungsfactoren in solche übergeführt werden. Solange keine bessere Methode existirte, musste man sich mit derselben behelfen, so gut es eben ging. Diese Methode verlangt vor allen Dingen, dass derjenige, der nach ihr arbeitet, sich eine gewisse Fertigkeit im Titriren erworben hat; dennoch zeigten die von verschiedenen Chemikern gefundenen Resultate bei gleichem Material mitunter beträchtliche Differenzen.

Dem Bestreben, eine wirklich zuverlässige Gerbstoffbestimmungsmethode auszuarbeiten, ist es gelungen, eine solche in der sogen. „indirectgewichtsanalytischen Methode“ zu finden, deren einwurfsfreies Princip ist: man bestimmt in einer gerbstoffhaltigen Lösung die darin enthaltene organische Trockensubstanz vor und nach dem Ausfällen mit Haut und bringt die Differenz als gerbende Substanzen in Rechnung. Diese Methode rührt ursprünglich von Simand und Weiss36) her und ist später von diesen und anderen wesentlich verbessert worden, so dass mit derselben jetzt sehr gute Resultate erhalten werden. Zur Vorbereitung für die Analyse ist es nothwendig, die Gerbmaterialien vollständig zu extrahiren, was am vortheilhaftesten im Koch'schen Extractionsapparat37) vorgenommen wird; die sonstigen, für diesen Zweck empfohlenen Apparate besitzen verschiedene Nachtheile. Näheres darüber und über die ganze Methode findet sich in Böckmann, Chemisch-technische Untersuchungsmethoden (Berlin, Julius Springer, 3. Aufl.). Ueber die Art der Extraction der Gerbmaterialien für die Analyse haben v. Schroeder und Bartel38) umfangreiche Untersuchungen angestellt. Es wäre wünschenswerth, wenn in die neue Litteratur nur Angaben über Gerbstoffgehalte aufgenommen würden, die nach der indirect gewichtsanalytischen Methode ermittelt worden sind. Es ist bei diesem Verfahren nothwendig, dass das zum Ausfällen des Gerbstoffes verwendete Hautpulver eine gewisse Reinheit besitzt und möglichst wenig lösliche Bestandtheile enthält; darauf hat Koch39) ganz besonders hingewiesen und wiederholt sind in den Fachschriften |43| Methoden zur Herstellung solcher reinen Producte angegeben worden.40)

Vor einigen Jahren schlug Gantter41) eine neue Titrirmethode vor, bei welcher er die Gerbmaterialauszüge in saurer Lösung mit Chamäleonlösung titrirte und den Titer der letzteren auf reines Tannin stellte, v. Schroeder und der Berichterstatter42) unterzogen dieses Verfahren einer genauen Prüfung und fanden, dass dieselbe der modificirten Löwenthal'schen Methode mindestens gleichkommt, aber nicht die gewichtsanalytische Methode ersetzen kann.

Früher wurde allgemein angenommen, dass die gewichtsanalytische Methode sich nur in frisch hergestellten Gerbstofflösungen, aber nicht in solchen, in welchen sich durch Gährung Säuren gebildet haben, also in sauren Gerbebrühen, ausführen lässt. Meerkatz43) hat deswegen empfohlen, die Sauerbrühen nach der Neutralisation mit einem Ueberschuss von Bariumcarbonat nach der gewichtsanalytischen Methode zu untersuchen, indem er annahm, dass dadurch keine Ausfällung von Gerbstoff erfolge. Bartel44) weist jedoch nach, dass dabei bedeutende Mengen von Gerbstoff ausgefällt werden und deswegen das Meerkatz'sche Verfahren unbrauchbar sei. Der Berichterstatter45) hat durch eine Versuchsreihe festgestellt, wie gross überhaupt die Fehler sind, wenn man Sauerbrühen nach theilweiser Entfernung der freien Säuren durch Eindampfen nach der gewichtsanalytischen Methode analysirt, und kommt dabei zu dem Resultate, dass die Fehler gar nicht bedeutend sind, weswegen diese Methode mit der erwähnten Modification auch auf saure Gerbebrühen angewandt werden kann.

Da der Gehalt der Gerbebrühen an Säure von grosser praktischer Bedeutung ist, so hat man zur Bestimmung desselben verschiedene Methoden ausgearbeitet. Kohnstein und Simand46) schlagen eine gewichtsanalytische Bestimmung der freien Säuren vor, während Koch47) dies für zu zeitraubend und nicht den Bedürfnissen entsprechend hält. Koch hat deswegen ein titrimetrisches Verfahren empfohlen, welches sich gut bewährt und sehr rasch zum Ziele führt; trotzdem ist dasselbe ungerechtfertigter Weise von Meerkatz und Simand48) bemängelt worden, welche Angriffe jedoch Koch49) zurückweist.

Ein einfaches Verfahren gibt v. Schroeder50) den Praktikern in der sogen. „Spindelmethode“ (oder einfachen Methode zur Bewerthung der Gerbmaterialien) in die Hand, mit welcher auch der Gerber selbst arbeiten kann und welche ihn in den Stand setzt, die Qualität unserer gebräuchlichsten Gerbmaterialien auf einfache und schnelle Weise zu bestimmen. Diese Methode hat sich in der Praxis sehr gut bewährt.

Ueber den durchschnittlichen Wassergehalt der verschiedenen Gerbmaterialien, auf welchen die übrigen Analysenresultate stets berechnet werden sollen, liegen die umfassenden Untersuchungen von v. Schroeder51) und über die Zuckerbestimmung und über die Zuckergehalte der Gerbmaterialien, Gerbextracte, Gerbebrühen u.s.w. die von v. Schroeder; Bartel und Schmitz-Dumont52) vor. Die letztere Arbeit enthält eine kritische Besprechung der bis jetzt vorgeschlagenen Zuckerbestimmungsmethoden, bespricht den Werth der Zuckerbestimmung in Gerbmaterialien für die gerberische Praxis und gibt die mittleren Zuckergehalte der verschiedenen Gerbmaterialien an.

In neuerer Zeit sind zwei Verfahren patentirt worden, nach welchen aus den Sulfitcelluloselaugen angeblich der aus dem Holze stammende Gerbstoff für die Gerberei nutzbar gemacht werden soll. Man ist hierbei von der falschen Ansicht ausgegangen, dass jedes Holz nicht unwesentliche Mengen Gerbstoff enthalte, welche bei der Behandlung nach dem Sulfitverfahren bei der Cellulosefabrikation in Lösung gehen müssten; aber gerade das für die Cellulosefabrikation am meisten verwendete Fichtenholz ist im technischen Sinne als gerbstoffrei zu betrachten. Es ist deswegen unerklärlich, dass die Sulfitlaugen wesentliche Mengen Gerbstoff enthalten sollen, zumal auf die Entfernung der gerbstoffhaltigen Rinde vor der Zerkleinerung des Holzes grosse Sorgfalt gelegt wird, und die Bildung von Substanzen, welche auf die thierische Haut gerbend wirken, während des Sulfitprocesses, ist auch kaum anzunehmen. Vorläufig muss erst abgewartet werden, wie diese neuen vegetabilischen Gerbstoffe sich bewähren; bis jetzt ist wenig darüber berichtet worden. Nach Mitscherlich53), von welchem das eine dieser Patente herrührt und welcher aus diesen Abfall äugen zugleich auch einen Klebstoff und einen gährungsfähigen Körper gewinnen will, werden die Sulfitlaugen direct oder nach der Neutralisation mit Kalk der Osmose unterworfen, wobei der Gerbstoff nicht durch die Membran geht. Nach Bindung des mit dem Gerbstoffe gebundenen Kalkes durch Schwefelsäure oder Oxalsäure verwendet man die rückständige Lösung direct zum Gerben oder man concentrirt dieselbe durch Eindampfen und verwerthet das erhaltene Product wie einen Gerbextract. Die anderen Stoffe werden auf besondere Weise gewonnen. Nach den Angaben des Inhabers des zweiten Patentes, Carl Opl54), sollen die in den Sulfitlaugen enthaltenen Gerbstoffe im Gegensatze zu unseren gewöhnlichen Gerbstoffen wasserlösliche Verbindungen mit Thonerde, Eisen- und Chromoxyd bilden, die gerbende Eigenschaften besitzen. Diese Verbindungen werden durch Zusatz der schwefelsauren Salze der obigen Metalle erhalten und die dabei entstehenden Lösungen sollen direct oder im eingedickten Zustande wie die gebräuchlichen Gerbstoffextracte verwendet werden. Ein endgültiges Urtheil über die Tauglichkeit dieser Gerbstoffe lässt sich noch nicht fällen, weil zu wenig praktische Erfahrungen darüber vorliegen.

b) Weissgerberei (Gerbmaterialien).

Die ursprünglichen Gerbmaterialien in der Weissgerberei und in den ihr nahestehenden Zweigen (Glacé- und Kidgerberei) sind der Kalialaun, das Kochsalz, Mehl und Eidotter. Es machte sich auch hier wie überall das Bestreben geltend, diese Hilfsstoffe durch billigere Surrogate zu ersetzen. Nachdem von Knapp nachgewiesen worden |44| war, dass der gerbende Bestandtheil des Alauns die Thonerde bezieh. die schwefelsaure Thonerde ist, wurden als Ersatzmittel Ammonalaun, Natronalaun und schwefelsaure Thonerde vorgeschlagen. Die ersten beiden eignen sich nicht für den gewünschten Zweck, weil sie eben nicht billiger sind und theilweise unvortheilhafte Eigenschaften besitzen; wohl aber sollte die wohlfeile schwefelsaure Thonerde, seitdem dieselbe schon seit einer Reihe von Jahren frei von Schwefelsäure und Eisen Verbindungen im Handel zu haben ist, mehr als bis jetzt anstatt des Alauns in der Weissgerberei verwendet werden. Die essigsaure Thonerde, welche auch von verschiedenen Seiten empfohlen wurde, ist vorläufig noch zu theuer.

Das Hauptbestreben der Weissgerber ging dahin, die in der Glacé- und Kidgerberei in ausserordentlich grossen Mengen erforderlichen Eidotter durch eine billigere Substanz zu ersetzen. Es wäre wünschenswerth, wenn dies gelingen würde, damit nicht ein so wichtiges und vorzügliches Nahrungsmittel für einen derartigen technischen Zweck in so grossen Mengen verwendet werden müsste. Bis jetzt ist diese Frage jedoch noch nicht endgültig gelöst und immer daran gescheitert, dass es nicht gelungen ist, eine künstliche, so günstige Fettemulsion hervorzubringen, wie wir sie in dem natürlichen Eidotter besitzen. Als Ersatzmittel für Eidotter wurden vorzugsweise Oele, wie Mandelöl, Olivenöl u.s.w., vorgeschlagen, welche zur besseren Emulsionirung mit Lösungen von Dextrin, Leim, Gummi arabicum oder ähnlichen Substanzen gut verrührt werden sollen. Man verwendet in manchen Fabriken derartige Gemische zum theilweisen oder vollständigen Ersatz der Eidotter, erzielt damit aber nie Primaqualitäten. Es lassen sich derartige Surrogate wohl ganz gut zur Herstellung geringer Qualitäten der genannten Lederarten verwerthen, aber höhere Ansprüche dürfen nicht an sie gestellt werden. Vor etwa 2 Jahren ist unter dem Namen „Eitnerin“ ein Eidotterersatz auf dem Markte erschienen. Trotz der grossen Bedeutung, welche die Erfindung eines derartigen Surrogates für die Weissgerberei haben würde, hat man selbst in Fachkreisen über eventuelle Erfolge oder Misserfolge mit diesem Präparate nichts in Erfahrung bringen können. Die betreffende Fabrik, welche das Eitnerin herstellte, hat inzwischen liquidirt und es scheint sich Niemand gefunden zu haben, welcher die Fabrikation fortsetzt.

c) Sämischgerberei.

Die Gerbmaterialien der Sämischgerberei, also die verschiedenen Thrane, sind in der Hauptsache dieselben geblieben wie früher, wie überhaupt das ganze Gebiet der Sämischgerberei in der Neuzeit wenigen Aenderungen unterworfen gewesen ist. Von wissenschaftlicher Seite sind durch Eitner mehrere Arbeiten über Thrane als Gerbmaterialien für Sämischgerberei geliefert worden, von denen die eine erwähnt sein soll. Eitner55) prüfte das Gerbevermögen von Robben-, Dorsch-, Wal- und Haithran und fand, dass sich nur Dorschthran vollkommen zur Sämischledererzeugung eigne, während der Robben- und Walthran ein minderwerthiges Product und Haithran überhaupt kein Leder liefere. Eitner machte hierbei auch Versuche, den Thran durch Elaïn, Vaselinöl und reinen Moëllon zu ersetzen; mit Hilfe der ersten beiden wurde ein Product erhalten, welches sich durch ein Fettlösungsmittel wieder entgerben lässt, was bei einem mit Moëllon, ebenso wie bei einem mit Thran gegerbten Leder nicht der Fall ist.

d) Mineralgerberei (Gerbmaterialien)
und
e) Gerberei diverser Lederarten, wie Fettgarleder, Crownleder, Transparentleder u.s.w.

Die in der Ueberschrift aufgeführten Zweige der Gerberei sind erst neueren Ursprunges, weswegen wir auf die daselbst verwendeten Gerbmaterialien zugleich bei der weiter unten folgenden Besprechung der zugehörigen Gerbeverfahren zurückkommen werden.

(Fortsetzung folgt.)

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Gerberzeitung, 1891 S. 100.

|40|

Monit. scient., 1893 Bd. 5 S. 107.

|40|

Berlin, 1891, Norddeutsche Buchdruckerei und Verlagsanstalt.

|40|

Tharandter forstl. Jahrbuch, 1891 Bd. 41 Heft 2.

|40|

Deutsche Gerberzeitung, 1893 Nr. 9.

|40|

Tharandter forstl. Jahrbuch, 1891 Bd. 41 Heft 2.

|40|

Die Schälung von Eichenrinden zu jeder Jahreszeit mittels Dampf nach dem System von J. Maitre, von W. Wohmann, Neubauer und. C C. A. Lotichius. Wiesbaden, 1873, C. W. Kreidel.

|41|

Die Schälung von Eichenrinden zu jeder Jahreszeit mittels Dampf nach dem System von J. Maitre, von W. Wohmann, Neubauer und. C C. A. Lotichius. Wiesbaden, 1873, C. W. Kreidel.

|41|

Tharandter forstl. Jahrbuch, 1890 Bd. 40 S. 203.

|41|

Der Gerber, 1892 S. 51.

|41|

Der Gerber, 1892 S. 245; 1893 S. 1.

|41|

Deutsche Gerberzeitung, 1890 Nr. 67, 69, 71, 73, 74 und 75.

|41|

D. p. J. 1894 291 * 186 209. Tharandter forstl. Jahrbuch. 1893 Bd. 43 S. 56.

|41|

Philadelphia, J. B. Lippincott Company, Band I: 1892; Band II: 1894.

|42|

Französisches Patent Nr. 206060.

|42|

Französisches Patent Nr. 210204.

|42|

D. R. P. Nr. 56304.

|42|

D. R. P. Nr. 53398.

|42|

D. R. P. Nr. 71309.

|42|

D. R. P. Nr. 71638.

|42|

D. R. P. Nr. 71777.

|42|

Englisches Patent Nr. 22480.

|42|

Amerikanisches Patent Nr. 495768.

|42|

Bericht über die Verhandlungen der Commission zur Feststellung einer einheitlichen Methode der Gerbstoffbestimmung: Cassel, 1885, Theodor Fischer.

|42|

Der Gerber, 1886 S. 1 bis 3, S. 26 bis 28, S. 39 bis 41.

|42|

Deutsche Gerberzeitung, 1893 Nr. 1.

|42|

D. p. J. 1893 289 113; 1894 291 259.

|42|

D. p. J. 1891 280 141, 159.

|43|

Deutsche Gerberzeitung, 1892 Nr. 56.

|43|

Zeitschrift für angewandte Chemie, 1889 Heft 20 S. 377 bis 380.

|43|

D. p. J. 1890 277 361.

|43|

Der Gerber, 1889 Nr. 350.

|43|

D. p. J. 1891 280 233.

|43|

D. p. J. 1895 295 141.

|43|

Der Gerber, 1885 S. 98.

|43|

D. p. J. 1887 264 395.

|43|

Der Gerber, 1887 Nr. 316; 1888 Nr. 323 und 324.

|43|

D. p. J. 1887 267 459.

|43|

Selbstverlag des Verfassers, 1890.

|43|

D. p. J. 1894 292 284.

|43|

D. p. J. 1894 293 229, 252, 281, 297.

|43|

D. R. P. Nr. 72161.

|43|

D. R. P. Nr. 75351.

|44|

Der Gerber, 1893 S. 243 und 256.

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