Titel: Die Fortschritte der Zuckerindustrie in dem ersten Halbjahre 1895.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 297 (S. 109–116)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj297/ar297029

Die Fortschritte der Zuckerindustrie in dem ersten Halbjahre 1895.

(Letzter Bericht Bd. 296 * S. 140 und 163.)

Mit Abbildungen.

1) Die Rübenzuckerfabrikation.

Auf die Wichtigkeit der Rübenculturversuche nicht nur für die Landwirthschaft allein, sondern auch für die Zuckerindustrie haben wir bereits in dem Berichte1) über „Die Fortschritte der Rübenzuckerindustrie in den Jahren 1893 und 1894“ hingewiesen. Es nehmen daher Düngungs- und Culturfragen auf den verschiedenen Versammlungen der Vereine für Rübenzuckerindustrie einen hervorragenden Platz ein, ebenso wie man auch den Rübenkrankheiten und der Rübensamenzucht grosse Aufmerksamkeit zuwendet. Strohmer, Briem und Stift2) studirten den Einfluss des Ackerbodens auf die Samenproduction der Zuckerrübe und fanden, dass der Einfluss des Factors Boden bei der Rübensamenproduction nicht nur in der Quantität und Qualität der geernteten Samenknäule zur Geltung kommt, sondern auch in den aus diesen Samen erwachsenen Rüben, also den ersten Nachkommen der Mutterrüben. Dieselben3) stellten auch weitere Untersuchungen über die Stoffbildung und den Nährstoffverbrauch der Zuckerrübe im zweiten Wachsthumsjahre an, welche die Resultate früherer Versuche bestätigten und im heurigen Jahre ihre Fortsetzung in normaler Ackererde finden sollen.

Ueber die Culturversuche mit Beta im Jahre 1894 und über Beobachtungen an Wildformen auf natürlichen Standorten liegen ausgedehnte Untersuchungen von E. v. Proscowetz4) vor, wobei Beta maritima L. und Beta vulgaris S. zum Anbau kamen.

J. Vychinski5) hat über die Beziehungen zwischen dem Zuckerreichthum der Rübe und dem Blattcharakter zahlreiche Versuche angestellt und Beziehungen bezüglich der Farbe der Blätter, der Anzahl ihrer Ringe (es sind hierbei die concentrischen Ringe der Anhaftung der Blätter an die Wurzeln gemeint), ihrer Anordnung und ihrer Formen zu dem Zuckergehalt der Rüben gefunden.

In eingehender Weise legt Frank6) die Resultate seiner neuen Untersuchungen über Phoma Betae nieder, eine Krankheit, durch welche der deutsche Rübenbau in den letzten Jahren grosse Verluste erlitten hat. Frank studirte genau das Wesen und die Ursache der Krankheit und kommt zu dem Schluss, dass Phoma Betae ein in den Rübenböden wahrscheinlich sehr verbreiteter Pilz ist, der jedoch auf Böden mit genügender Feuchtigkeit und in Jahren mit ausreichenden Niederschlägen für die Rübenpflanzen so gut wie ungefährlich ist. Durch die weiteren Forschungen Frank's wurden auch die Lebensweise dieses Pilzes klargelegt und diejenigen Bekämpfungsmittel in den Kreis der Untersuchungen gezogen, welche Aussicht auf Erfolg haben und im Bereich praktischer Möglichkeit liegen. Auch Hollrung7) beschäftigte sich mit dieser Pflanzenkrankheit, wie er überhaupt die im Jahre 1894 an der Zuckerrübe beobachteten Krankheitserscheinungen übersichtlich zusammengestellt hat. Von demselben Forscher8) liegen auch weitere Versuche zur Bekämpfung der Rübenmüdigkeit durch Kalisalze vor, aus welchen hervorgeht, dass die Kalidüngung unter gewissen Verhältnissen lindernd einzugreifen im Stande sein wird; nicht angängig ist es jedoch, dieselbe als Specificum für die Rübenmüdigkeit anzusprechen.

Betreffs des Wurzelbrandes, dieser weit verbreiteten Rübenkrankheit, steht E. Karlson9) auf dem Standpunkte, dass dieselbe einzig und allein durch parasitische Pilze hervorgerufen wird, deren Sporen sich schon auf der Samenkapsel, wohin sie durch den Wind von dem Rübensamenfelde oder auch von den benachbarten Feldern getragen werden, befinden. Der Wurzelbrand ist eine Schwächlichkeits-, Entartungskrankheit der Rübe und eine directe Folge forcirter Stecklingszucht im Zusammenhang mit der ganzen Richtung der Samencultur aus Stecklingen, welche die natürlichen Bedürfnisse der Pflanze unberücksichtigt lässt und einzig und allein auf die möglichst billige Samenproduction gerichtet ist. Karlson plädirt daher für rationelle Samenzucht.

Die von Karlson verfochtenen Ansichten dürften zu einer Polemik, namentlich von Deutschland aus, führen.

Ueber Einmiethungsversuche mit Zuckerrüben liegen Untersuchungen von H. Claassen10) vor, welche den Werth der verschiedenen Einmiethungsverfahren in einwurfsfreier Weise darlegen. Bei der Bedeutung und Wichtigkeit des Einmiethens der Rüben für die spätere Verarbeitung in der Fabrik geben wir die von Claassen gefundenen Resultate in ihren Hauptzügen wieder: Ueberall, wo Regen oder Feuchtigkeit zu den Rüben gelangen kann, nehmen sie meistens an Gewicht zu oder doch nur sehr wenig ab; wo keine Feuchtigkeit hinzugelangt, nehmen die Rüben stets an Gewicht ab. Je grösser die Wärme des Miethenraumes ist, desto grösser ist der Gewichtsverlust. Jede Lüftung der Miethen bewirkt je nach ihrem Grade eine mehr oder weniger starke Gewichtsabnahme. Die Grösse der Gewichtsveränderungen hängt wesentlich von der Witterung vor und nach der Ernte ab. Für eine gute Erhaltung der Rüben in den Miethen ist eine hauptsächliche Voraussetzung, dass sie frisch, gesund und nicht abgewelkt sind; sie sollen nicht zu früh, wenn möglich bei kühler Temperatur eingemiethet werden.

Der wirkliche Zuckerverlust gleichartiger Rüben hängt hauptsächlich von der Temperatur, der Feuchtigkeit und der Lüftung ab. Je höher die Temperatur, je grösser der Wechsel zwischen Feuchtigkeit und Trockenheit und je stärker die Lüftung ist, desto grösser ist der Zuckerverlust. Der wirkliche Zuckerverlust ist am kleinsten in ganz kleinen, mit Erde bedeckten Haufen (0,006 bis 0,007 Proc. für den Tag), dann folgen die Haufenmiethen (0,010 bis 0,012 Proc.), die wenig durchlüfteten Miethen (0,012 bis 0,017 Proc.) und schliesslich die grosse und ziemlich warm eingedeckte Erdmiethe (0,019 Proc.). Jeder anhaltende Wechsel in der Aussentemperatur macht sich in allen Miethen bemerkbar, in den unbedeckten Haufenmiethen und in den der Luft zugänglichen |111| Stellen am schnellsten. Die durch Athmung erzeugte Wärme hielt die Miethentemperatur in den Haufenmiethen um 2,5 bis 2,7°, in der Luftmiethe um 2,5° und in der nicht ventilirten Erdmiethe um 7° höher, als die um 8 Uhr Morgens gemessene Lufttemperatur.

Durch die Zersetzungsproducte des Zuckers und durch die Umwandlungsproducte anderer Rübenbestandtheile vermehrt sich die Menge des bei der Verarbeitung in den Säften gelöst bleibenden organischen Nichtzuckers. Ein Theil desselben bildet mit Kalk lösliche Salze, die durch Kohlensäure nicht zerlegt werden, so dass der Kalkgehalt der Säfte steigt.

Bei niedrigen Zuckerpreisen machen sich kostspielige Einmiethungsanlagen nicht bezahlt. Für Gegenden mit nicht zu kalten November- und Decembermonaten entspricht die Haufenmiethe in ihren verschiedenen Grössen am besten den Anforderungen, welche man für die Masseneinmiethung an die Fabrik stellen muss. Für den Landwirth bleibt die nicht zu grosse und richtig behandelte Erdmiethe das beste Einmiethungsverfahren.

In den folgenden Betrachtungen seien nun die wichtigsten Neuerungen der Technik hervorgehoben.

Zur Frage: Ueber die Bildung von Invertzucker bei der Diffusion und die Bedingungen derselben, hat L. Beaudet11) verschiedene Untersuchungen ausgeführt. Versuchsreihe I sollte feststellen, ob sich bei normalem Diffusionsbetrieb Invertzucker bildet, und wurde die Frage verneint; in einem Falle wurden sogar in den Rüben verhältnissmässig mehr reducirende Substanzen als in dem Diffusionssaft gefunden. Da sich Beaudet dieses Resultat nicht erklären kann, so werden die Versuche in der nächsten Campagne ihre Fortsetzung finden. Bei Versuchsreihe II wurde zu ermitteln gesucht, ob sich bei unterbrochenem Betrieb der Diffusionsbatterie Invertzucker bildet. Der Betrieb blieb 5, 8 und 9 Stunden eingestellt. Beaudet schliesst nun aus den Ergebnissen der zweiten Versuchsreihe, dass eine Zerstörung von Zucker in einer Diffusionsbatterie dann stattfindet, wenn die Arbeit während einer gewissen Zeitdauer unterbrochen wird. Die Menge der reducirenden Substanzen nimmt bedeutend zu, je länger die Unterbrechung der Arbeit dauert. Beaudet hatte ferner beobachtet, dass in den Säften und Syrupen nur geringe Mengen von Kalksalzen vorhanden waren; zur Zeit aber, wo der Betrieb wegen Reparaturen u.s.w. auf 6 bis 8 Stunden eingestellt werden musste, wurden bei der Wiederaufnahme der Arbeit bedeutende Mengen von Kalksalzen in den Syrupen constatirt. Das Maximum dieser Mengen wurde dann erreicht, wenn der während der Einstellung des Betriebes in der Batterie verbleibende Saft zur weiteren Verarbeitung kam. Beaudet schliesst nun, dass diese Invertzuckerbildung ihren Haupteinfluss in einer Erhöhung der Menge der Kalksalze in den Säften, Syrupen und Füllmassen äussert.

Einen einfachen Schnitzel- oder Pülpefänger benutzt H. Claassen12), der im Princip dem Melichar'schen Apparate ähnlich ist und ohne erhebliche Kosten in jeder Fabrik selbst angefertigt werden kann. Vorausgesetzt ist nur, dass der Diffusionssaft in besonderen Messkästen gemessen wird. In diesem Messgefäss ist der Schnitzelfänger F eingebaut, wie aus Fig. 1 ersichtlich ist. Der konische Theil ist aus Eisenblech hergestellt und auf den Boden des Messgefässes M aufgeschraubt. Der cylindrische Theil ist aus gelochtem Eisenblech, hat einen Durchmesser von 500 bis 600 mm und eine Höhe bis zur Oberkante des Messgefässes. Die Löcher des Eisenbleches sollen einen Durchmesser von höchstens 1 mm haben und möglichst nahe zusammenstehen, damit der freie Querschnitt recht gross wird. Wenn der Diffusionssaft von der Batterie in das Messgefäss gedrückt wird, so gelangt er zuerst in den Siebcylinder und läuft durch die Löcher hindurch, während die Schnitzelstückchen und Fasern zurückgehalten werden. Ist das Messgefäss gefüllt, so wird der Saft nach den Vorwärmern abgelassen und es lösen sich bei dem Abzug die angesetzten Rüben fasern los und sinken entweder mit dem Saft hinunter oder bleiben gelockert an der Siebwand hängen. Durch die periodischen Füllungen und Entleerungen wird eine derartige Reinigung des Siebes erzielt, dass jede weitere unnöthig ist. Ist eine Runde der Diffuseure abgedrückt, so öffnet man (bei geschlossenem Saftventil der Diffusion), wenn der Inhalt des letzten der Diffuseure der Runde zur Hälfte hoch gedrückt ist, ganz kurze Zeit das Ventil für den Pülpeabzug. Der Saft schiesst alsdann aus dem Inneren des Schnitzelfängers durch das konische Stück hinaus und reisst sämmtliche darin aufgefangene Pulpe mit. Den aus dem Pülpefänger abgezogenen Saft mit den Schnitzelfasern u.s.w. leitet man zweckmässig in den eben mit Schnitzeln frisch beschickten Diffuseur. Sollte sich einmal das Sieb verstopfen, so ist die Reinigung mit Bürsten sehr einfach, weil der Schnitzelfanger oben offen ist.

Textabbildung Bd. 297, S. 111

Claassen benutzt den Apparat seit zwei Campagnen mit befriedigendem Erfolg.

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Ueber die Einwirkung von Gerbsäuren auf Rübensäfte berichtet neuerdings O. Vibrans13), nachdem er der Meinung ist, dass die Abscheidung von organischen Bestandtheilen aus Rübensäften durch Gerbsäure nicht vollständig zu verwerfen ist, denn man kann immerhin darin einen Vortheil erblicken, wenn es gelingt an organischem Nichtzucker ärmere Zucker zu erzeugen, schon in Hinsicht auf das deutsche Nichtzucker-Rendement. Die Anwendung des Tannins in der Scheidestation ist eine beschränkte. Bei zu hohem Kalkgehalt wird das Tannin durch Kalk zersetzt; es bilden sich, ausser noch nicht genau bekannten Verbindungen, Humussubstanzen, die den Saft färben und verschlechtern. Werden Rübensäfte bis zur Neutralität mit Kohlensäure saturirt und dann Gerbstoff hinzugesetzt, so ist letzterer theilweise im Ueberschuss, löst den entstehenden Niederschlag, und der Ueberschuss von Gerbstoff muss wieder durch neue Fällungsmittel beseitigt werden, die dann dem Saft wieder neue Verunreinigungen zuführen. Die Versuche haben am Schluss ergeben, dass das Tannin eine annähernd so günstige Wirkung wie die Scheidung eines Rübensaftes mit Kalk nicht ausübt. Auch gegenüber der Reinigungswirkung durch Tannin und andere Saftverbesserungsmittel ist der Kalkeffect stets vorherrschend.

Es wäre übrigens Zeit, die Verwendung des Tannins in der Zuckerfabrikation, sei es zur Reinigung oder zur Klärung von Zuckersäften, endgültig zu den Todten zu werfen, nachdem es durch andere wohlerprobte Mittel vollständig ersetzt werden kann. Dazu kommt noch, dass es ausserordentlich schwierig ist, im Handel optisch inactives Tannin zu erhalten; jede andere Sorte ist aber speciell für die Zuckerfabrikation unbrauchbar.

Ueber das elektrische Saftreinigungsverfahren von Schollmeyer, Behm und Dammeyer liegt ein ausführlicher Bericht von A. Baudry14) vor, und zwar nach Versuchen, die in der russischen Zuckerfabrik Stepanofka durchgeführt wurden. Da die Versuche, sowie die Einrichtung genau beschrieben werden, so dürfte eine eingehendere Wiedergabe von Interesse sein, um so mehr, als sich über dieses Verfahren noch wenig fremde Stimmen geäussert haben.

Die tägliche Verarbeitung in Stepanofka beträgt ungefähr 450000 k Rüben, welche 5000 bis 5200 hl Diffusionssaft ergeben. Die Installation war einfach und wenig kostspielig, da der Dynamo direct durch Transmissionen betrieben wurde – ein Verfahren, welches sich aber nicht empfiehlt. Der Dynamo hatte zwei Collectoren, und die Spulen waren mit dickem Draht umsponnen. Seine Leistungsfähigkeit war 200 Ampère bei einer elektromotorischen Kraft von 6 Volt. Im Betrieb war seine Leistungsfähigkeit näher 50 als 100 Ampère, und zwar in Folge des Widerstandes des Niederschlages, welcher unaufhörlich die Elektroden bedeckte, obwohl die Stromrichtung unzähligemal, um den Niederschlag zu entfernen, gewechselt wurde. Ein grosses Reservoir von cylindrischem Querschnitt (ein alter Melangeur) war in vier Abtheilungen getheilt, welche hinter einander lagen; in jeder der Abtheilungen 2, 3 und 4 war eine Gruppe von fünf Zinkelektroden in der Weise angebracht, dass sie methodisch mit dem Saft in Berührung waren, welcher von der Abtheilung 1 kam, in welche wieder der Saft aus dem Vorwärmer floss. Die Zinkelektroden, 15 an der Zahl, besassen eine totale Oberfläche von 84,6 qm. In jeder Gruppe von fünf Elektroden waren drei Platten mit dem positiven, zwei mit dem negativen Pol verbunden, oder umgekehrt, wenn die Stromrichtung gewechselt wurde. Der Diffusionssaft kam nach Passirung eines Pülpefängers in die Vorwärmer, wo er auf 80° C. gebracht wurde, und von da in die Abtheilung 1 des Reservoirs, in welchem ihm so viel Kalk zugesetzt wurde, dass er ungefähr 2,5 g CaO auf 1 l enthielt. Indem der Saft seinen Weg fortsetzte, kam er in Berührung mit der Elektrodengruppe der Abtheilung 2, dann successive in die Abtheilungen 3 und 4, und dann endlich zur ersten Saturation. Die Saftbewegung war eine stetige. Jede Abtheilung war mit einem Ablassventil versehen, durch welches von Zeit zu Zeit der gebildete Niederschlag abgelassen wurde. Diese Niederschläge wurden nach Anwärmung und Zugabe von ein wenig Kalk direct über Kroog'sche Filterpressen getrieben. Der elektrolysirte Saft wurde, wie gewöhnlich, nach Zugabe von 1,75 Proc. Kalk (welches eine Verminderung von 20 bis 30 Proc. gegen früher ergibt) saturirt, war nach dem Verlassen der Filterpressen klar, sehr wenig gefärbt, verdampfte mit grosser Leichtigkeit, und der Dicksaft verliess, selbst am Ende der Fabrikationsperiode, das Quintuple-effet mit einer Stärke von 30° Bé., während es in derselben Epoche des vorhergegangenen Jahres schwierig war, ihn stärker als mit 25° Bé. zu erhalten, und zwar in Folge von Incrustationen, welche in der erwähnten Epoche immer stärker auftraten. Die Füllmassen waren trocken, wenig gefärbt und schleuderten sich leicht; nichtsdestoweniger war es aber nicht möglich, eine Erhöhung des Rendements und der Qualität des Zuckers zu constatiren. In Russland erzeugt man nämlich nur Zucker von sehr hoher Reinheit in Form von „Sandzucker“. Es ergab sich aber doch eine Verbesserung der Arbeit, da man zur Anwendung von geringeren Kalkmengen, zum Aussaturiren von mehr Kesseln in der Stunde und zur Erzielung eines Saftes von besserer Qualität angelangt war. Baudry hat nun gefunden, dass die Reinigung des Saftes unter dem Einfluss folgender drei Factoren stattgefunden hat: 1) Temperatur, 2) Kalk und 3) Elektrolyse. Es scheint nun, dass die Elektrolyse in derselben Weise wie der Kalk wirkt, wenn letzterer von einer entsprechenden Temperatur unterstützt wird, und dass es dieselben Substanzen sind, welche angegriffen werden. Die Elektrolyse wirkt auf dieselben organischen Substanzen wie der Kalk, ohne jedoch dieselbe Energie wie jener bei einer Temperatur von 80° C. zu besitzen. Die Erfinder des Verfahrens empfehlen, die Säfte während der Elektrolyse auf eine Temperatur von 65° R., entsprechend 81° C., zubringen. Es erübrigte daher noch, den Einfluss der Temperatur des Saftes vor der Elektrolyse zu studiren und zu sehen, ob eine Erhöhung der Temperatur der Reinigungswirkung nicht günstig sei, in Folge des weniger grossen Widerstandes, welche der Saft dem elektrischen Strome entgegenstellt. Die Versuche constatirten deutlich, dass eine Erhöhung der Temperatur auf 90 bis 95° C. ungünstig gewirkt hat, nachdem sogar eine Verminderung der Reinheit, in Folge Wiederlöslichwerdens eines Theiles des Niederschlages, welcher sich vorher durch Einwirkung von Kalk und Wärme gebildet hat, eingetreten ist.

Der Einfluss der Elektrolyse ist aber unzweifelhaft, da an Tagen, wo der Dynamo stillstand, es zur regelmässigen Arbeit nothwendig war, die Menge des Kalkes zu erhöhen. Zu Ende der Campagne waren die Füllmassen, |113| welche vom elektrolysirten Safte herkamen, trocken, wenig gefärbt und enthielten 0,161 g organisch-sauren Kalk, während diejenigen der gewöhnlichen Arbeit dunkler waren und 0,210 g organisch-sauren Kalk enthielten.

Die Abläufe der beiden Füllmassen enthielten 0,382 bezieh. 0,510 g organisch-sauren Kalk. Es scheint also, dass die Elektrolyse (welche durchaus nicht im Stande ist, so viel organischen Nichtzucker zu entfernen, wie die vorhergehende Scheidung, welche sie im Verfahren Schollmeyer begleitet) sowohl auf gewisse organische Verbindungen, welche der Kalk in derselben Zeit nicht vollständig zerstört, als auch auf einen Theil des fällbaren oder durch Kalk bei passender Temperatur zerstörten organischen Nichtzuckers einwirkt. Das Verfahren von Schollmeyer ist sicherlich modificationsfähig, aber auch so wie es ist, kann es den Zuckerfabrikanten gute Dienste leisten. Sein hervorragendstes Verdienst ist, eine bemerkenswerthe Kalkersparniss zu gestatten (25 bis 30 Proc.), wenn man es mit einer vorhergehenden Scheidung combinirt, wie es die Erfinder empfehlen.

Baudry spricht sich also für das Verfahren in günstiger Weise aus. Manche Versuchszahlen, die er gibt, können aber nur mit grossem Bedenken aufgenommen werden; denn z.B. eine Reinheit eines elektrolysirten Saftes von 99,40 Proc. ist, wenn nicht irgendwelcher Druckfehler vorliegen sollte, überhaupt nicht discutabel.

Gegenüber dem Angriffe, welchen das elektrische Reinigungsverfahren erfahren hat und welcher dasselbe für unbrauchbar erklärt, erwidert Dammeyer15), dass sich die von ihm getroffene Einrichtung der elektrischen Anlage in der Zuckerfabrik Ottleben in der Campagne 1894/95 ganz vorzüglich bewährt hat. Die Durchschnittsanalyse der Füllmasse des ersten Productes (mit elektrischer Scheidung) und mit 2 Proc. Kalkzusatz betrug:

Zucker 89,3
Organischer Nichtzucker 3,07
Salze 2,65
Wasser 4,98.

Als Parallelversuch wurde 14 Tage ohne elektrische Scheidung gearbeitet und ergab die Füllmassenanalyse bei 3 Proc. Kalkzusatz:

Zucker 86,8
Organischer Nichtzucker 4,31
Salze 3,31
Wasser 5,58.

Bei den Nachproducten zeigte sich bei den mit elektrischer Scheidung behandelten Säften entschieden der Vortheil in der Mehrausbeute, sowie in der schnellen Krystallisation. Dammeyer bemerkt schliesslich, dass er, wenn die elektrische Scheidung nach seinen Angaben eingerichtet wird, bestimmte Garantien über Mehrausbeute, weniger Kalkverbrauch und Erzielung eines höheren Rendements des Zuckers sämmtlicher Producte übernimmt.

Die continuirliche Saturation findet in Frankreich immer mehr Verbreitung. Der continuirliche Saturateur16), System H. Vivien, in der Zuckerfabrik Calonne-Ricouart in Anwendung, setzt sich aus einem System von krummlinigen Rühren zusammen, welche in Querschnitt und Grösse der beabsichtigten Verarbeitung angepasst sind. Dieselben sind, je nachdem es der einzelne Fall verlangt, entweder wagerecht oder schräg im inneren Raum des Saturateurs angeordnet. Der mittels Klappen geregelte Eintritt von Saft und Kohlensäure erfolgt gleichzeitig durch eine Rohrverzweigung, welche mit der Hauptleitung des Saftes und des Gases verbunden ist. Gegenüber dem Safteintritt befindet sich eine eigenthümliche Vorrichtung, welche den Zweck hat, den vorher mit Kalk behandelten Saft zu zertheilen, um eine directe Berührung desselben mit dem Saturationsgas in einer dünnen Schicht zu ermöglichen. Diese Vorrichtung besteht in einem länglichen Kegel, welcher zwischen den Klammern der Rohre des Saturateurs befestigt ist. Das Gas hat dieselbe Wegrichtung wie der Saft, und dadurch wird eine gleichförmige Ausnützung desselben gesichert. Die Gasabsorption wird noch durch eine beim Saftaustritt aufrecht stehende Säule unterstützt oder einfach dadurch, dass man eine der Rohrabzweigungen nach aufwärts krümmt, so dass ein gewisser Druck auf die im Apparat eingeschlossene Flüssigkeit entsteht, und auf diese Weise die Entleerung des Saturationsgases, welches weniger dicht ist als der Saft, nach seiner Einwirkung beschleunigt. In Folge dieser diversen Einrichtungen erhält man in einigen Minuten eine vollständige Saturation, wobei weder ein Verlust an Gas, noch eine Alteration des Saftes und eine starke Schaumbildung eintritt, da sich die Operation im geschlossenen Gefäss vollzieht. Der Diffusionssaft wird in ein Gefäss gebracht, wo man die Scheidung vornimmt; eine Pumpe bringt alsdann den geschiedenen Saft direct in den Saturateur oder in ein geeignetes Gefäss. Man regulirt den Eintritt von Saft und Gas in der Weise, dass der Saft den Apparat ungefähr ⅘ saturirt verlässt; alsdann wird fertig saturirt, und zwar entweder in dem Gefäss, wo der Apparat eingerichtet ist, wenn man die ununterbrochene Arbeit vorzieht, oder aber im benachbarten Gefäss, wenn man die continuirliche Arbeit angenommen hat.

Im ersten Falle ist es nöthig, einen Apparat in jedem Saturateur anzubringen, im zweiten Fall genügt ein einziger Apparat vollkommen. Ueberdies kann man die Saturation im Saturateur selbst vollständig zu Ende führen. Das vorliegende System besitzt noch ausserdem den Vortheil, dass man den Apparat nicht nur bei der ersten und zweiten Saturation anbringen kann, sondern dass er sich auch zur Reinigung und Entfärbung der Säfte durch schweflige Säure oder andere chemische Agentien anwenden lässt. In der Zuckerfabrik Calonne-Ricouart (Pas de Calais) hat man mit diesem Apparat sehr schöne Erfolge erzielt. Die Fabrik hat in der vergangenen Campagne 47 k Kohle auf 1000 k Rüben weniger verbraucht, als in der vorhergegangenen, wobei die Qualität der verwendeten Kohle dieselbe war. Man muss einen grossen Theil dieser Ersparniss dem Umstand zuschreiben, dass das Niederschlagen des Schaumes mit Dampf durch die Anwärmung des Saftes im Saturateur selbst überflüssig war, wodurch bei der Schnelligkeit der Arbeit, welche ein Abkühlen der Säfte verhinderte, ein weiteres Aufwärmen unnöthig wurde. Die Reinigungs- und Erhaltungskosten sind gleich Null, und hat der Apparat die ganze Campagne, ohne aus einander genommen oder gereinigt zu werden, functionirt. Nur die Dampfschnattern wurden wie gewöhnlich demontirt, doch wird es in der Zukunft leicht sein, diese kleine Unbequemlichkeit zu umgehen.

Die Fabrik verarbeitete um ein Drittel mehr Rüben; man erzielte ausserdem eine grosse Ersparniss an Gas, |114| Kalkstein und Koks. Ferner verhinderte der Apparat ein übermässiges Schäumen und Wärme Verluste bei der Saturation und ermöglichte dadurch eine grosse Ersparniss an Fett und Brennmaterial. Schliesslich hat man eine bessere Reinigung der Säfte und eine höhere Ausbeute an Füllmasse und Zucker erzielt, als im Vorjahr. Die Vortheile dieses Verfahrens sind sehr werthvoll, um so mehr, wenn man die einfache und billige Installation in Rechnung zieht, welche sich an den in jeder Fabrik vorhandenen Apparaten anbringen lässt.

L. Jesser hat seine umfangreichen Studien über Alkalitäten17) weiter fortgesetzt und speciell Versuche mit Rohsäften angestellt, welche aber noch lange nicht abgeschlossen sind und keine sicheren Schlüsse auf die Zusammensetzung des Nichtzuckers zulassen. Bezüglich dieser Abhandlung muss auf das Original verwiesen werden.

Unter dem Titel Bericht über die Diffusionsversuche des Vereinslaboratoriums hat Herzfeld in den Vorjahren eine Reihe von Versuchen veröffentlicht, welche mit auf eigener kleiner Batterie erzeugtem Diffusionssaft vorgenommen wurden. Obgleich diese Versuche das engere Gebiet der Arbeit auf der Batterie bereits überschritten haben, so wurde des Zusammenhanges der Arbeiten wegen der Name „Diffusionsversuche“ beibehalten. Betreffs der Versuche der Campagne 1894/95 liegen die Resultate vor, und beantwortete Herzfeld18) die Frage: Finden bei der Scheidung unbestimmbare Verluste statt? Die Versuche der vergangenen Campagne bezweckten in erster Linie einen Vergleich von in dritter Saturation mit schwefliger Säure und mit Kohlensäure behandelter Säfte, und da vorauszusehen war, dass dabei charakteristische Unterschiede in der Zusammensetzung der Dünnsäfte nicht hervortreten würden, wurde der Saft im Vacuum zur Dicksaftconsistenz eingedampft. Die Versuche waren aber leider unbrauchbar, da nämlich nur directer Dampf von etwa 130° C. zu Heizzwecken auch für den ersten und zweiten Körper zur Verfügung stand und sich in Folge dessen beim Verdampfen ein sogen. Polarisationsverlust einstellte. Interessant ist aber die Beobachtung, dass wider Erwarten die geschwefelten Säfte bei genau gleicher Phenolphtalein-Alkalität des Dünn- und Dicksaftes wesentlich besser in der Farbe ausfielen, als die entsprechenden nur mit Kohlensäure behandelten. Diese Beobachtung steht mit den Herzfeld'schen älteren an künstlichen Säften, sowie mit den Ansichten anderer Chemiker im Widerspruch. Die Erscheinung kehrte aber an den natürlichen Säften so regelmässig und ausnahmslos wieder, dass an der Thatsache, für welche es schwer fällt, eine wissenschaftliche Erklärung zu geben, nicht zu zweifeln ist. Die Versuche haben aber nach einer nebenbei bearbeiteten Richtung hin ein positives Resultat ergeben. Es wird nämlich gegen die Trockenscheidung nicht selten eingewendet, dass in Folge Zuckerzerstörung beim Löschen des Kalkes im Saft grössere Zuckerverluste stattfinden müssten, und gerade die Angst vor solchen ist es, welche manche Fabrikanten abhält, sich dem Verfahren zuzuwenden. Um diese Frage zu prüfen, wurde eine Reihe quantitativer Scheideversuche nach verschiedenen Verfahren ausgeführt, wobei die Menge des ein- und ausgeführten Polarisationszuckers genau ermittelt wurde. Aus den Resultaten kann man nun schliessen, dass ein nennenswerther Polarisationsverlust bei der sogen. kalten nassen Scheidung nicht stattfindet. Aber auch bei der Trocken Scheidung ergibt sich als Gesammtresultat, dass nennenswerthe sogen. unbestimmbare Polarisationsverluste nicht stattgefunden haben. Wenn nun unter Umständen bei anderem Rübenmaterial grössere Polarisationsverluste bei der Scheidung auftreten können, so kann man annehmen, dass solche alsdann nicht von Zerstörung der Saccharose durch Kalk herrühren.

Die Frage der Trocken- oder nassen Scheidung hat überhaupt zu einem regen Meinungsaustausch geführt, der, nachdem sich Stimmen aus beiden Lagern erhoben, zur Entscheidung der Streitfrage nur förderlich sein kann. In der vergangenen Campagne hat O. Köhler19) mit aus dem Betriebe entnommenem Diffusionssaft Scheideversuche mit Trockenkalk und Kalkmilch im Laboratorium durchgeführt. Die Trockenscheidung geschah in einem Gefäss, in welchem sich ein Sieb in Muldenform zur Aufnahme des Kalkes befand; der Kalk war vollständig von der Flüssigkeit bedeckt und wurde unter dem Sieb gerührt. Bei der Kalkmilchscheidung wurde frisch bereitete Kalkmilch von 20 bis 22° Bé. verwendet. Sowohl bei der Trocken- als auch bei der Nasscheidung wurden neun Versuche bei verschiedener Scheidewärme (60 bis 90° C.) durchgeführt; die Procente Kalk (CaO) schwankten von 2,0 bis 2,5 Proc.

Bei Anwendung von Kalkmilch wurden nun Säfte erhalten, welche eine höhere Reinheit und weniger organischen Nichtzucker enthielten, als die mit Trockenscheidung erhaltenen Säfte. Da bei allen Versuchen während des Löschens mit Kalk im Saft inmitten des Kalkes Temperaturen von 100° C. nachgewiesen wurden, so ist es leicht möglich, dass diese hohen Wärmegrade einige organische Substanzen gelöst halten; diese Ansicht findet gewissermaassen dadurch ihre Bestätigung, dass bei sehr gutem und sich schnell löschendem Kalk, wobei die hohe Temperatur nicht so lange auf den Saft einwirkt, Säfte erhalten werden, welche gleiche oder sehr wenig verschiedene Zusammensetzung mit den Kalkmilchsäften haben. Bei Anwendung des Trockenkalkes ist eine bestimmte Zeit des Rührens bedingt; die scheinbar besseren Ergebnisse der Trockenscheidung sind dann wohl darauf zurückzuführen, dass der Kalk längere Zeit auf den Saft einwirken kann, während bei der früheren Arbeit der Scheidesaturation schon bei Beginn der Kalkmilchzugabe Kohlensäure eingeleitet wurde und hierdurch wahrscheinlich ein Theil des Kalkes nicht so energisch einwirken konnte. Durch die Einführung der Trockenscheidung gewinnt man nur die Kosten für das aus der Kalkmilch mehr zu verdampfende Wasser, nimmt aber auf der anderen Seite eine Verschlechterung der Säfte mit in Kauf. Köhler hat ferner die Beobachtung gemacht, dass sich die durch Trockenscheidung erhaltenen Säfte röthlich färbten, während dies bei der Kalkmilchanwendung nie geschah. Dieselbe Erscheinung trat auch im Betrieb ein. Er ist nun der Meinung, dass bei Gegenwart von Invertzucker in den Rübensäften während der Trockenscheidung Zersetzungsproducte desselben auftreten, welche sich mit den im Saft gelöst befindlichen Eisensalzen verbinden und die röthliche Farbe der Säfte |115| hervorrufen, während dies bei Anwendung von Kalkmilch nicht oder nur in ganz geringem Maasse geschieht.

N. Rydlewski20) hat in Parallelversuchen zwischen Trockenscheidung und Kalkmilchscheidung die Scheideversuche Köhler's wiederholt und sogar noch schlechtere Säfte bei Anwendung von Trockenkalk erzielt. Die Versuche wurden im Laboratorium durchgeführt und dazu Pressaft verwendet. Bei der Scheidung mit Kalkpulver stieg die Temperatur der Säfte um 10° C. und mehr, so dass sie in den meisten Fällen 100° C. und noch darüber betrug. Darin ist wohl auch der Grund der Vermehrung des organischen Nichtzuckers in allen aus trocken geschiedenen Säften dargestellten Füllmassen zu suchen. Bei der zweiten Saturation schäumten die mit Kalkpulver geschiedenen Säfte sehr stark, während die mit Kalkmilch versetzten gar nicht oder nur sehr wenig schäumten. Die Füllmassen, welche aus den nach 15 Minuten langem Einwirken und Rühren von Kalkpulver und Kalkmilch aussaturirten Säften dargestellt wurden, waren bedeutend heller als die Füllmassen der nach dem Kalkzusatz sofort aussaturirten Säfte; ferner waren die Füllmassen der durch Kies filtrirten Säfte heller, als die ohne dritte Filtration erhaltenen. Am hellsten waren aber die Füllmassen der durch Knochenkohle filtrirten Säfte. Konnte man bei den angeführten Füllmassen keine grossen Farbenunterschiede erkennen, die zu Gunsten der Kalkmilchscheidung oder zu Ungunsten der Trockenscheidung sprachen, so war dies bei den Füllmassen der durch Knochenkohle filtrirten Säfte in hervorragendem Maasse der Fall. Die Füllmassen der mit Kalkpulver behandelten Säfte waren strohgelb, während die mit Kalkmilch behandelten wasserhell waren. Dieser Farbenunterschied muss zu Ungunsten der Trockenscheidung in Bezug auf die dunklere Färbung der Füllmassen sprechen. Sämmtliche Versuche erwiesen aber in deutlicher Weise, dass bei der Trockenscheidung etwas Zucker zersetzt wurde, denn bei allen diesen Versuchen wurde bei der Trockenscheidung der organische Nichtzucker vermehrt, der Zuckergehalt dagegen verringert.

H. Claassen21) behauptet nun gegenüber den Versuchen von Köhler, dass deren Ausführung wesentlich von derjenigen Herzfeld's verschieden ist, in Folge dessen ein Vergleich beider Arbeiten in Bezug auf die Trockenscheidung durchaus unzulässig ist. Ferner weist er auf Grund der Köhler'schen Zahlen nach, dass die Versuche vielfach widersprechende Resultate ergeben haben und daher nur beweisen, dass die von Köhler angewendete Trockenscheidungsmethode, welche als eine schlechte bezeichnet werden muss, meistens weniger gute Säfte ergibt, als die Kalkmilchscheidung. Die Arbeit von Köhler gibt einen erneuerten Anlass, darauf hinzuweisen, dass die Arbeit mit der Trockenscheidung nicht ganz so einfach ist, wie es den Anschein hat. Es gehören dazu Vorrichtungen zur gleich massigen Vertheilung des Kalkes im Saft, ein gutes Rührwerk, ferner sollen die Sieb- oder Rostflächen nicht zu nahe an der Oberfläche des Saftes liegen. Der Erfolg bei Einführung der Trockenscheidung in die Praxis äussert sich zunächst darin, dass die Producte nicht in merklicher Weise von denjenigen der Kalkmilchscheidung verschieden sind, ferner in einer merklichen Ersparniss an Kalk, in dem Fortfall der lästigen Kalklöschstation, in einer leichten Saturation und in einer wesentlichen Ersparniss an Kohlen, welche gegenüber einer Verwendung von ungefähr 2½ Proc. Kalk in Form von Kalkmilch ½ bis ¾ Proc. Kohlen auf Rüben berechnet ausmacht. Am Schluss bemerkt noch Claassen, dass auch die Resultate der Versuche von Rydlewski mit denen des grossen Betriebes nicht übereinstimmen und sich theilweise selbst widersprechen.

Gegenüber den Ausführungen Claassen's erwidert zuerst Rydlewski22), indem er darauf hinweist, dass die Arbeitsweisen, welche er, Köhler, Herzfeld und Bodenbender eingehalten haben, verschiedene waren. Wenn daher auch die Resultate verschiedene waren, so stimmten sie doch darin überein, dass stets eine Vermehrung des organischen Nichtzuckers und eine Verminderung der Reinheit eintrat. Wie weit dies aber in dem grossen Fabrikbetriebe zutrifft, muss durch Parallelversuche untersucht werden.

Köhler23) verwahrt sich gegenüber dem Vorwurf Claassen's, dass seine Versuchsausführung eine falsche war. Der Unterschied zwischen seinen und Herzfeld's Versuchen liegt darin, dass Herzfeld mit chemisch-reinem Kalk gearbeitet hat, welcher schnell und leicht löschte, während Köhler mit Betriebskalk arbeitete, welcher theilweise längere Zeit zur Scheidung bedurfte. Wenn Claassen auf einen unlösbaren Widerspruch in den Analysen hinweist, so erwidert darauf Köhler, dass sich solche Widersprüche in den Ergebnissen von Herzfeld, Bodenbender und Rydlewski finden.

In dieser Streitfrage äussert sich Herzfeld24) in einer Abhandlung: Ueber die Ursache der Misserfolge bei der Trockenscheidung, sowie der Graufärbung der Rohzucker, indem er aufmerksam macht, dass bei der Trockenscheidung viel leichter als bei der nassen unlöslicher Zuckerkalk gebildet wird. Sobald derselbe in der nachfolgenden Saturation nicht vollständig zerlegt wird, müssen natürlich die trocken geschiedenen Säfte, da ihnen Zucker entzogen ist, schlechtere Quotienten zeigen, als die der nassen Scheidung entstammenden. Die Graufärbung des Rohzuckers bei der Trockenscheidung ist nicht auf eine mangelhafte Scheidung, sondern gleichfalls auf mangelhafte Saturation zurückzuführen, eine Erscheinung, welche nicht mit der gleichen, noch häufigeren, welche durch Uebersaturation hervorgerufen wird, zu verwechseln ist. Es bleiben nämlich sowohl Eisenoxydsalze als besonders Eisenoxydulsalze in Lösung, wenn nicht Gelegenheit ist, durch genügende Kohlensäurezufuhr dieselben als Carbonate zu fällen. Enthält der Schlamm Zuckerkalk, so wird den Säften dann noch nachträglich bei der Filtration wieder Kohlensäure entzogen und die Flüssigkeit dadurch befähigt, gefälltes Eisen wieder zu lösen. Jedenfalls ist es sicher, dass das gelöste Eisen nicht bei der Scheidung, sondern bei der nachfolgenden Saturation gefällt wird, und dass, wenn dieselbe sorgfältig zu Ende geführt wird, ohne einerseits Zuckerkalk im Schlamm zu lassen oder andererseits überzusaturiren, auch bei der Trockenscheidung eisenfreie Säfte und damit Rohzucker von gesunder Farbe erhalten werden müssen.

Da die Versuche von Herzfeld und auch von Köhler |116| mit Betriebskalk fortgesetzt werden, so dürfte es dann zu einer Klärung der Streitfrage kommen.

(Fortsetzung folgt.)

|110|

D. p. J, 1895 296 140.

|110|

Oesterreichisch-ungarische Zeitschrift für Zuckerindustrie und Landwirthschaft, 1895 XXIV 8. 25.

|110|

Ibid. 1895 XXIV S. 279.

|110|

Ibid. 1895 XXIV S. 227.

|110|

Bulletin de l'association des chimistes de sucrerie et distillerie, 1894/95 XII S. 383.

|110|

Zeitschrift des Vereins für die Rübenzuckerindustrie des Deutschen Reiches, 1895 XXXXV S. 157.

|110|

Zeitschrift des Vereins für die Rübenzuckerindustrie des Deutschen Reiches, 1895 XXXXV S. 189.

|110|

Ibid. S. 294.

|110|

Ibid. S. 434.

|110|

Ibid. S. 204.

|111|

Bulletin de l'association des chimistes de sucrerie et distillerie, 1895 XII S. 506.

|111|

Centralblatt für die Zuckerindustrie der Welt, 1895 III S. 448.

|112|

Die deutsche Zucker Industrie, 1895 XX S. 82.

|112|

L'alcool et le sucre, 1895 III S. 104.

|113|

Die deutsche Zuckerindustrie, 1895 XX S. 433.

|113|

La sucrerie indigène et coloniale, 1895 XXX S. 179.

|114|

Oesterreichisch-ungarische Zeitschrift für Zuckerindustrie und Landwirthschaft, 1895 XXIV S. 299.

|114|

Zeitschrift des Vereins für die Rübenzuckerindustrie des Deutschen Reiches, 1895 XXXXV S. 474.

|114|

Die deutsche Zuckerindustrie, 1895 XX S. 478.

|115|

Die deutsche Zuckerindustrie, 1895 XX S. 610.

|115|

Centralblatt für die Zuckerindustrie der Welt, 1895 III S. 726.

|115|

Die deutsche Zucker Industrie. 1895 XX S. 682.

|115|

Ibid. S. 715.

|115|

Zeitschrift des Vereins für die Rübenzuckerindustrie des Deutschen Reiches, 1895 XXXXV S. 491.

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