Titel: Eine neue Verwendung von Elektromotoren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 297/Miszelle 8 (S. 95)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj297/mi297mi04_8

Eine neue Verwendung von Elektromotoren.

Auf dem der Actiengesellschaft Lauchhammer gehörigen Eisenwerke in Gröba bei Riesa kommt gegenwärtig eine Maschine zur Aufstellung, die allen Fachleuten das lebhafteste Interesse abgewinnen wird. Das Beschicken der auf genanntem Werk befindlichen Martin-Oefen mit etwa 250 Centner Eisen, welches sich täglich achtmal wiederholt, ist eine ausserordentlich Zeit raubende und anstrengende Arbeit, weil die betreffenden Leute dicht an die Thür des Ofens treten müssen, in dem eine Temperatur von etwa 2000° herrscht. Vier Mann brauchen im Durchschnitt drei Stunden zu einer Beschickung und müssen namentlich im Sommer sehr stark unter der Hitze leiden, die den Ofenthüren, gleichzeitig zum Nachtheile des Ofens selbst bezieh. des Betriebes; entströmt. Mit der oben erwähnten Beschickungsmaschine bewirkt ein Mann durch mühelose Bewegung von vier Hebeln die ganze Arbeit in kaum dem zehnten Theile der Zeit, so dass man durch diese Maschine nicht nur eine wesentliche, für die Gesundheit werthvolle Ersparniss an Arbeitskräften, sondern auch eine erhöhte Leistungsfähigkeit des Ofens erzielt.

Anstatt dass das Material, welches aus altem Eisen in den verschiedensten, oft sperrigen Formen und von allen möglichen Grössen besteht, nach der Hütte gefahren und ein zweites Mal in einzelnen Stücken in die Hand genommen wird, um in den Ofen geworfen zu werden, ladet man dasselbe gleich auf dem Hofe in eiserne Mulden, deren drei oder vier auf einem kleinen Wagen liegen. Die Wagen fahren als ein Zug mittels eines elektrischen Motors vor den Ofen; auf einem zweiten parallel laufenden Gleise bewegt sich die eigentliche Beschickungsmaschine, ein grosser Wagen, auf dem ein grösserer und drei kleinere Elektromotoren, durch einen Mann gesteuert, der in etwa 6 m Entfernung vom Ofen durch die Hitze in keiner Weise belästigt wird, alle Handgriffe ausführen kann, durch welche der Inhalt der Mulden in den Ofen befördert wird.

Der Beschickungswagen fährt, durch einen Hebel in Gang gesetzt, schnell vor eine der Mulden, ein langer eiserner Schwengel tritt heraus, erfasst die Mulde, hebt sie vom Wagen, fährt damit vor die Thür des Ofens, schiebt die Mulde hinein, schüttet durch eine Umdrehung den Inhalt aus, zieht sich ebenso schnell wieder zurück und legt die leere Mulde an ihren früheren Platz.

Der erforderliche Mechanismus ist sehr einfach; da jede der einzelnen Bewegungen durch einen besonderen Elektromotor, der rückwärts wie vorwärts laufen kann, bewirkt wird.

Eine Dynamo bewegt den Wagen parallel zur Front der Oefen nach beiden Seiten, eine zweite streckt den Schwengel heraus und zieht ihn zurück, eine dritte ganz kleine bewirkt die Drehung der Mulde, und eine vierte wesentlich stärkere Dynamomaschine besorgt das Heben und Senken des Schwengels mit der am Ende befindlichen geladenen Mulde, deren Inhalt bis 20 Centner wiegen kann.

Die Maschine ist nach einer in Amerika gemachten Skizze auf dem Eisenwerke Lauchhammer construirt und ausgeführt worden, und ist die zweite der Art, welche überhaupt existirt; die elektrischen Einrichtungen sind von der Firma Actiengesellschaft Elektricitätswerke (vorm. O. L. Kummer und Co.), Dresden, geliefert. Um die Bedienungsmannschaften an die Handhabung zu gewöhnen, hatte man in Lauchhammer die Vorderfront eines Ofens aus Holz hergestellt und an Ketten aufgehängt, damit bei etwaigen Fehlgriffen nicht die Zerstörung irgend eines Theiles erfolge. Es erwies sich aber, dass intelligentere Leute ungemein rasch vollständige Controle über die Maschine erlangten, so dass sie die einzelnen Bewegungen trotz der durch die Verhältnisse bedingten und der Maschine geflissentlich verliehenen Schnelligkeit mit Sicherheit in irgend einem gewünschten Punkte unterbrechen konnten.

Jede Bewegung wird durch Vor- oder Zurücklegen eines Hebels eingeleitet und unterbrochen, beim Einschalten der grössten Dynamo tritt ausserdem selbsthätig noch die elektrische Auslösung einer Bremse ein, die ein Herabgehen der bedeutenden Last verhindert, welche in dem Schwengel selbst und der daran hängenden Last von Mulde mit Inhalt besteht.

Diese elektrische Beschickungsmaschine zeichnet sich vortheilhaft dadurch vor anderen, in Amerika angewendeten, mit Dampf, Presswasser oder Pressluft angetriebenen aus, dass sie nicht so viel Raum wegnimmt und den Ueberblick der ganzen Anlage nicht hindert; das Wesentliche in der praktischen Verwendbarkeit ist aber der Umstand, dass der Löffel, wenn man so sagen soll, mittels dessen das Material in den Ofen befördert wird, nicht fest am Schwengel ist, sondern dass der letztere einzelne Mulden erfasst, die irgendwo im Werke geladen und der Beschickungsvorrichtung zugeführt werden können.

(Glaser's Annalen.)

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