Titel: Kleinere Mittheilungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 299 (S. 168)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj299/mi299is07

[Kleinere Mittheilungen.]

Ministerielle Vorschriften für die Berechnung eiserner Brücken.

Das Centralblatt der Bauverwaltung hat in Nr. 46 Jahrgang 1895 Vorschriften des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten veröffentlicht, welche für die Berechnung neuer Eisenbahnbrücken in Preussen gelten sollen. Die neuen Bestimmungen sind sinngemäss auch auf die von der Eisenbahnverwaltung auszuführenden Strassenbrücken anzuwenden.

Die Vorschriften erstrecken sich nur auf die Belastungsannahmen und zulässigen Beanspruchungen, während im Uebrigen die Wahl der Rechnungsverfahren und die Art der Querschnittsermittelung frei gestellt ist.

Als Verkehrslast soll ein Zug von zwei Locomotiven in ungünstigster Stellung mit einseitig angehängten Güterwagen angenommen werden. Das Gewicht der fünfachsigen Locomotive ist auf 60 t, das des dreiachsigen Tenders auf 33 t, der zweiachsigen Güterwagen auf 24 t festgesetzt. Locomotiven nebst Tender beanspruchen eine Gesammtlänge von 16,32 m, die Güterwagen von 6,6 m. Der grösste Achsdruck der Locomotiven beträgt 14 t. Für Brücken unter 3,3 m, für Quer- und Schwellenträger ist ausserdem die Rechnung mit einer Achse von 16 t und zwei weiteren Achsen von 14 t durchzuführen.

Unter Zugrundelegung obiger Belastungsannahmen sind für frei aufliegende Balkenbrücken innerhalb der Stützweiten von 1 bis 140 m für ein Gleis bei bestimmten Stützweiten die Maximalbiegungsmomente ermittelt und tabellarisch zusammengestellt. Durch einfache Interpolation lassen sich für alle zwischenliegenden Stützweiten aus dieser Tabelle die Maximalmomente entnehmen. In einer zweiten Tabelle sind für bestimmte Bruchtheile von 0 bis 0,5 der freien Stützweite die Verhältnisszahlen zusammengestellt, welche sich durch Division der grössten Momente in den verschiedenen Querschnitten eines Trägers durch das Maximalmoment in Trägermitte ergeben. Für eine zwischen 1 und 140 m liegende Stützweite braucht man also nur aus der ersten Tabelle das Maximalmoment zu entnehmen, um dann durch Multiplication mit den entsprechenden Verhältnisszahlen der zweiten Tabelle sofort das grösste Moment für jeden Trägerquerschnitt zu ermitteln.

Eine dritte Tabelle dient zur Berechnung der grössten Querkraft in einem bestimmten Querschnitte der Balkenträger von 1 bis 140 m Stützweite.

Die Resultate sind sowohl für Querkräfte als Momente graphisch aufgetragen derart, dass man für zwischenliegende Stützweiten die Momente bezieh. Querkräfte aus den Zeichnungen unmittelbar abgreifen bezieh. ablesen kann.

Als Grenze der Genauigkeit für die Ausrechnungen soll im Allgemeinen ½ vom Hundert als ausreichend gelten.

Weitere Bestimmungen sind hinsichtlich Berücksichtigung des Winddruckes, der Fliehkraft bei Brücken in Curven, der Bremskraft bei Brücken in Steigungen, der Wärmeschwankungen gegeben. Für Zugglieder der Hauptträger sind die zulässigen Beanspruchungen mit wachsender Stützweite von 10 bis 150 m für Flusseisen ohne Rücksicht auf Winddruck zu 800 bis 1050 k/qc mit Berücksichtigung des Winddrucks zu 1000 bis 1300 k/qc anzunehmen, während für Schweisseisen diese Werthe um 10 vom Hundert zu ermässigen sind. Für die Druckglieder sind die gleichen Beanspruchungen zulässig, jedoch müssen diese Stäbe ausserdem nach der Euler'schen Formel eine fünffache Sicherheit gegen Zerknicken bieten.

Bei vollwandigen Trägern sind die entsprechenden Beanspruchungen niedriger zu nehmen und zwar wird für Hauptträger kleiner Brücken eine Beanspruchung von 750 bezieh. 700 k/qc für Flusseisen bezieh. Schweisseisen zugelassen. Für Quer- und Längsträger sind diese Beanspruchungen je nach Art der Auflagerung der Schienen mit Rücksicht auf die Stösse noch weiter herabzusetzen.

Weitere Bestimmungen betreffen die Glieder der Wind- und Eckverbände und die Nietverbindungen. Bezüglich der Art der Berechnung ist noch bemerkt, dass die durch die Steifigkeit der Knotenpunkte und durch den festen Anschluss der Längs- an die Querträger und der letzteren an die Hauptträger hervorgerufenen Nebenspannungen in der Regel nicht berücksichtigt zu werden brauchen.

Durch diese Vorschriften wird nun auch in der Berechnung und Prüfung der Entwürfe zu neuen Eisenbahnbrücken eine wünschenswerthe Gleichmässigkeit in den Hauptgesichtspunkten erzielt werden, nachdem bereits im März v. J. eingehende, allgemein gültige Vorschriften für die Prüfung ausgeführter eiserner Brücken im Bereiche der preussischen Staatseisenbahnverwaltung erlassen worden sind. (Nach Deutsche Bauzeitung vom 29. Januar 1896.)

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