Titel: Ueber die Fortschritte der Photographie und der photographischen Reproductionsverfahren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 300 (S. 15–20)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj300/ar300005

Ueber die Fortschritte der Photographie und der photographischen Reproductionsverfahren.

Von J. M. Eder und E. Valenta.

(Letzter Bericht 1894 Bd. 291 S. 18, 41, 93 und 116.)

Mit Abbildungen.

Photographische Objective und Apparate.

Die Fabrikation von photographischen Objectiven hat in den letzten Jahren, wie wir in unseren Referaten wiederholt zu constatiren Gelegenheit hatten, einen nie geahnten Aufschwung genommen. Die einzelnen optischen Institute überbieten sich in sinnreichen Constructionen, welche (abgesehen von den einfachen Landschaftslinsen) aus Doublets mit zweifach, dreifach oder sogar vierfach verkitteten Hälften bestehen.

Berthiot in Paris bringt seit 1894 ein Objectiv in den Handel, das er Eurygraphe extrarapide nennt; grösste Oeffnung ⅙. So viel aus den Zeichnungen1) zu entnehmen ist, handelt es sich um dieselbe Objectivtype, welche bereits Zeiss einführte.2) (Diese Objective dürften die „Anastigmate“, „Rapidantiplanete“3), „Doppelanastigmate“, „Collineare“4) wohl schwerlich erreichen. Anm. d. Ref.)

Dennis Taylor empfiehlt eine vereinfachte Form von photographischen Tripletobjectiven5), mit denen er grosse Helligkeit und Schärfe zu erzielen angibt; an Stelle der Blendencorrection will er die Ebnung des Bildfeldes nur durch eine Concavlinse erzielen. Die Linsen des Taylor'schen Triplets („rapide landscape triplet“) sind theils Silicatcrown-, theils Barytcrownglas (ohne Flintglas); die wirksame Oeffnung ist f/5,6.

Darlot in Paris bringt eine Einstelloupe von sehr praktischer Form auf den Markt, indem er bei dieser Loupe am unteren Ende der Fassung einen beweglichen Ring (in der Richtung senkrecht zur optischen Achse drehbar) anbringt, was von Vortheil ist, wenn man am Bildrande scharf einstellt, wo die Strahlen sehr schief einfallen, weshalb das Bild nur dann mit der Loupe hell sichtbar ist, wenn man die optische Achse derselben in die Richtung der Strahlen bringt.6)

Unter dem Namen Photocorrector beschreibt Van der Weyde eine Vorrichtung, welche den Zweck hat, die Grössenverhältnisse von Theilen eines Gegenstandes im künstlerischen Sinne zu verändern. Dies wird durch Einschaltung eines linsenartigen Körpers in der Camera (vor oder nach dem Objective) erreicht.7) (Englisches Patent.)

Zur Vermeidung von Unscharfen bei Reproductionsaufnahmen durch Erschütterung sind in Amerika Hängevorrichtungen für die Cameras, sogen. „Schwingcameras“, in Anwendung gekommen. Bei diesen Vorrichtungen sind Camera und Objectträger mit einander fest verbunden und das Ganze entweder an federnden Balken aufgehangen oder auf Wagenfedern angebracht, welche auf einem fahrbaren Gestelle aufruhen.8)

Dr. R. Krügener in Bockenheim hat eine neue Reisecamera |16| construirt, welche sich durch compendiöse Form und Stabilität auszeichnet. Die Camera bildet bei dieser Construction das Etuis, dessen gegenüberliegende Deckel als Gleitfläche für Vorder- und Hintertheil dienen, während das auf dem Stativ befestigte Mittelstück (Rahmen) alle Theile aufnimmt (Fig. 1) und die Deckel bezieh. Grundbretter nach beiden Seiten abstützt, so dass selbst bei längerem Auszuge, z.B. 63 cm bei der 13 × 18 Camera, eine grosse Stabilität erzielt wird.9)

Textabbildung Bd. 300, S. 16
Textabbildung Bd. 300, S. 16

Für Rasteraufnahmen verwendet man in Amerika verstellbare Cassetteneinlagen, welche für verschiedene Platten- und Rasterformate geeignet sind, sowie man die Distanz zwischen empfindlicher Platte und Raster variiren kann. Die Scovil und Adam's Company in New York bringt sie (seit 1894) in den Handel. Wie Fig. 2 zeigt, ist einerseits ein verschiebbarer Holzrahmen angebracht, während andererseits mit Schrauben und Klammern das Festklemmen erfolgt (sogen. „Photo Engravers, Adjustable Screen Plerk-Holder“). (Aehnliche vortreffliche Cassetten macht der Camerafabrikant Wanaus in Wien in vorzüglicher Ausführung. Anm. d. Ref.)

Momentapparate tauchen alljährlich eine grosse Anzahl am Markte auf, um nach kurzem Dasein wiederum zu verschwinden und anderen Constructionen Platz zu machen. Ein sehr kleiner derartiger Apparat ist der Photoret, welcher die Grösse einer Taschenuhr hat und Films für sechs Aufnahmen enthält; derselbe kann vielleicht unter Umständen als wirkliche „Detectivcamera“ Dienste leisten.

Textabbildung Bd. 300, S. 16

Richard Brandauer in Stuttgart liess unter Nr. 74792 vom 27. April 1893 in Deutschland einen photographischen Serienapparat mit nur einem Objective patentiren. Die lichtempfindlichen Platten g sind zwischen den auf dem Umfange einer Scheibe C angeordneten Ständern l angeordnet. Bei der Drehung der Scheibe C wird das an der Camerawand verschiebbar gelagerte und durch eine Feder f (Fig. 3) beeinflusste Objectiv von Vorsprüngen a der Scheibe C mitgenommen und vor einer Belichtungsöffnung D vorbeigeführt. Nach dem Vorbeiführen wird das Objectiv freigegeben, nachdem vorher eine durch einen Mitnehmer k (Fig. 4) bewegte Verschlusscheibe s ausgelöst wurde, und die Objectivöffnung verdeckt.10)

Photometrie.

Zu wissenschaftlichen photometrischen Untersuchungen benutzt man heute allgemein die Hefner-Alteneck'sche Amylacetatlampe; in Deutschland rechnet man nach Vorschlag der physikalisch-technischen Reichsanstalt eine englische Kerze = 1,14 Hefner-Lampe.11) Abney spricht sich desgleichen zu Gunsten der Amylacetatlampe aus.12)

M. Abel construirte ein chemisches Actinometer, „Le Perpetuel“. Dasselbe beruht auf der Eigenschaft des Chlorsilbers, sich in Berührung mit Chlorwasser in einer verschlossenen Röhre am Lichte zu färben und im Dunklen wieder zu entfärben. Das kleine Instrument besteht aus einer Röhre, welche Chlorsilber enthält; daneben ist in dem Kästchen ein Streif mit Normalfärbung angebracht. Man exponirt das Chlorsilber dem Lichte und beobachtet nun die Zeit, welche erforderlich ist, dass das Chlorsilber die Vergleichsfarbe annimmt. – Das angelaufene Chlorsilber regenerirt sich von selbst in kürzester Zeit wieder.13)

Textabbildung Bd. 300, S. 16

Ein für photochemische Zwecke höchst brauchbares Sensitometer construirte Prof. Scheiner.14) Dieser Apparat, welchen er Universalsensitometer nennt, beruht auf dem Principe der rotirenden Scheiben mit Ausschnitten. Wird eine mit einem Ausschnitte versehene Scheibe in Rotation versetzt, so wird das hindurchgehende Licht nach Maassgabe der Grösse des Ausschnittes geschwächt. Dr. Scheiner vertheilt das Licht derart, dass einer gegebenen Strecke auf jeder Stelle des Radius das gleiche Intensitätsverhältniss entspricht. Es nimmt die Helligkeit in 20 Feldern des Apparates um 1,27 zu, so dass sich folgende Intensitätsscala ergibt:

Nr. Intensität Nr. Intensität Nr. Intensität Nr. Intensität
1 1,00 6 3,36 11 11,3 16 37,9
2 1,27 7 4,28 12 14,4 17 48,3
3 1,62 8 5,45 18 18,3 18 61,6
4 2,07 9 6,95 14 23,4 19 78,5
5 2,64 10 8,86 15 29,8 20 100,0

Als Lichtquelle benutzt Scheiner eine Benzinlampe B (Fig. 5) bei constanter Flammenhöhe, welche an dem Drahtringe |17| d abgelesen wird; jedoch wird nur ein kleiner Theil der Flamme durch den 1 mm breiten, wagerechten Spalt s freigelassen. Die Flamme befindet sich in einem rothen Cylinder z, der vorn eine Oeffnung zum ungehinderten Durchlassen des Lichtes besitzt. Der Cylinder ist stets beizubehalten. Die Versuche werden in der Dunkelkammer gemacht.

Der Haupttheil des eigentlichen Sensitometers (Fig. 5) besteht nun in der rotirenden Scheibe S mit Ausschnitt a; sie wird durch ein kleines Kurbelrad K mit Schnurlauf durch Handbetrieb in schnelle Rotation versetzt. Hinter der Scheibe ist die Cassette C angebracht, welche folgende Einrichtung besitzt: Auf der vorderen Seite, dicht hinter dem Cassettenschieber r, ist eine Metallplatte eingesetzt, welche auf die Länge des Scheibenausschnittes 20 äquidistante, rechteckige Oeffnungen o enthält. Unmittelbar hinter dieser durchbrochenen Scheibe folgt eine dünne Platte aus Gelatine, auf welche ein alle Rechtecke durchquerender undurchsichtiger Strich gezogen ist und sodann die Zahlen von 1 bis 20 zur Numerirung der Rechtecke eingetragen sind. Direct auf die Gelatine wird die photographische Platte (Format 3 × 9) mit der empfindlichen Schicht aufgelegt.

Wird nun der Apparat in Thätigkeit gesetzt, so erhält das Rechteck am Umfange der Scheibe nur den hundertsten Theil des Lichtes, welches auf das am anderen Ende der Cassette gelegene Rechteck fällt. Für die dazwischen liegenden Rechtecke ist das Licht in dem Verhältnisse von 1,27 von Rechteck zu Rechteck vertheilt. Die Distanz der Flamme von der empfindlichen Platte beträgt Im; sie ist gegeben durch eine Kette, welche Lampe und Sensitometer verbindet. Diese Distanz, sowie die Dimensionen von Spalt und Ausschnitt sind so gewählt, dass für Platten mittlerer Empfindlichkeit bei einer Expositionszeit von 1 Minute noch bei den mittleren Rechtecken eine Spur von Lichtwirkung stattfindet; für sehr unempfindliche Bromsilberplatten erfahren die ersten drei bis vier Rechtecke noch eine Lichtwirkung, während bei den bisherigen empfindlichsten das letzte Rechteck noch nicht erreicht wird. Das Kurbelrad wird in der Secunde ein- bis zweimal herumgedreht; es vollführt dann die Scheibe in der Minute 400 bis 800 Rotationen.

Der Apparat eignet sich zur Lösung folgender Fragen:

1) Bestimmung der absoluten Plattenempfindlichkeit. Man liest die letzte sichtbare Sensitometernummer ab oder vergleicht die mittelstarken Töne.

2) Bestimmung des Einflusses wenig verschiedener Expositionszeiten auf die Dichte des Silberniederschlages.

3) Einfluss verschiedener Entwickelungsarten auf die Kraft der Bilder.

4) Chemische Intensitäten der verschiedenen Lichtquellen.

Hierzu sei bemerkt, dass nach Eder's Vorschlag (Phot. Corresp., 1894) die Gelatinefolie weggelassen wird, weil diese ein absorbirendes Mittel ist. Ferner erscheint es zweckmässig, jedem Instrumente die Reductionszahl der abgeblendeten Benzinlampe auf Hefner-Alteneck's Normal-Amylacetatlampe beizugeben.

H. Hinterberger in Wien ermittelte diese Relation und fand, dass die Scheiner'sche Benzinlampe mit Schlitzblende (Distanz der Kettenlänge) 1/45 der chemischen Wirksamkeit der Amylacetatlampe (Distanz 1 m) für Bromsilbergelatineplatten zukomme.15)

Eine sehr handliche Vorrichtung, welche den Zweck hat, jederzeit ermitteln zu können, von welcher Seite her ein beliebiges Object zu jeder Tages- und Jahreszeit beleuchtet wird, um die zur photographischen Aufnahme günstigste Tageszeit in Erfahrung zu bringen, ist von Prof. A. Steinhauser in Wien construirt worden. Derselbe nennt das kleine Instrument Actinosemantor.

Textabbildung Bd. 300, S. 17

Es besteht, wie Fig. 6 zeigt, aus einer Blechdose mit abhebbarem Deckel, welche in der Mitte einen zur Orientirung dienenden Compass, weiter fünf über einander liegende Cartonscheibchen 1, 2, 3, 4 und 5 enthält. Fig. 7 stellt die Dose sammt Compass von oben gesehen dar, wenn Scheibchen 5 zu oberst liegt. Auf dem Scheibchen sind radiale, an ihren Endpunkten mit 12, 1, 2, 3 u.s.w., nach der anderen Seite hin mit 11, 10, 9 u.s.w. bezifferte Linien verzeichnet, welche, sofern das Scheibchen orientirt ist, den Schatten darstellen, den ein im Scheibchenmittelpunkt zu denkender Verticalstab auf die wagerechte Scheibchenfläche, bezüglich zu den Stunden 12, 1, 2, 3 u.s.w., sowie 11, 10, 9 u.s.w. Uhr werfen würde. Die Scheibe ist richtig gestellt (orientirt), wenn der kleine links und nächst der 12 Uhr-Schattenlinie befindliche Pfeil (Declinationsstrich) die Verlängerung der Magnetnadelachse bildet und die Pfeilspitze nach Norden weist.

Da sich die Richtung der Schattenlinien für die einzelnen Tagesstunden im Laufe des Jahres (wegen steter Aenderung der Sonnendeclination) von Tag zu Tag ändert, so sind fünf solche Schattenscheibchen vorhanden, von welchen jedes, streng genommen, nur ein oder zwei (am Scheibchen angegebene) Tage im Jahre vollkommen richtig ist, aber doch ohne Bedenken eine mehr oder weniger lange Reihe von Tagen benutzt werden kann.

Textabbildung Bd. 300, S. 17

Aus den gleichfalls auf den einzelnen Scheibchen angegebenen Zeiträumen, innerhalb welcher sie zu gebrauchen sind, ergibt sich, dass im Laufe des Jahres auf einander folgend zur Verwendung kommen: Scheibchen Nr. 1, dann 2,3,4,5, hierauf wieder 4, 3, 2, 1. Das jeweilig im Gebrauch stehende liegt zu oberst, der Wechsel erfolgt nach Abnahme des Dosendeckels.

Aus den Schattenlinien ist es nun selbstverständlich leicht, den Schluss zu ziehen, einerseits bezüglich der Richtung, in welcher die umliegenden Objecte zu den verschiedenen Tagesstunden und Jahreszeiten vom Licht getroffen werden, andererseits bezüglich der Himmelsrichtung, in |18| welcher der Beobachter jeweilig die Sonne bei bedecktem Himmel oder bei Vorhandensein sie verdeckender Körper zu suchen hätte.

An dem Instrumente ist ferner noch eine kleine Vorrichtung angebracht, welche es gestattet, durch Anvisiren den Höhenwinkel von Objecten, welche Schatten werfen (Berge, Häuser u.s.w.), zu ermitteln, und sind Tabellen beigegeben, mittels deren dieser Factor ins Bereich der Berechnung gezogen werden kann.16)

Photochemie und Spectralanalyse.

Abney stellte Versuche bezüglich der Abweichungen von der Regel: die Stärke der photographischen Wirkung ist gleich dem Producte von Belichtung und Lichtintensität, an. Der genannte Autor fand, dass, während bei hoch empfindlichen Platten die obige Regel fast zutrifft, die Abweichungen von derselben um so grösser werden, je geringer die Empfindlichkeit der Platten wird. Abney constatirte ferner, dass bei intermittirender Belichtung die chemische Wirkung auf photographische Platten eine geringere ist als bei einer gleich langen, nicht unterbrochenen Belichtung.17)

Ueber die photographischen Eigenschaften der Verbindungen des Molybdäns, Wolframs und des Chroms schrieb Niewenglowsky18), über jene der Vanadiumsalze Lumière19), doch dürften diese Salze wohl kaum für praktische Zwecke Verwendung finden (Anna. d. Ref.).

Thorpe, Hummel und Perkin20) stellten Versuche über die Einwirkung von Licht auf gefärbte Zeuge an, bei welchen auch der Einfluss der Beizen in Betracht gezogen wurde.

J. Jolly21) in Dublin studirte den Einfluss der Temperatur auf die Empfindlichkeit der Trockenplatten. Temperaturschwankungen von 0 bis 30° C. haben, wie Eder nachwies, keinen Einfluss auf die Empfindlichkeit von Bromsilbergelatineplatten, dagegen wird die Empfindlichkeit dieser Platten bedeutend geringer, wenn die Temperatur auf – 80° C. sinkt. Jolly kühlte die Rückseite einer Platte mittels fester Kohlensäure und Schnee zur Hälfte ab und erwärmte die andere Hälfte während der Belichtung. Die kalte Hälfte ergab bei der Entwickelung nur geringe Lichtwirkung, die warme dagegen entwickelte sich kräftig. – Noch stärker ist die Differenz bei orthochromatischen Platten. Die orthochromatische Wirkung ist, wie Jolly mittels Spectrum aufnahmen constatirte, bei stark gekühlten Platten eine sehr geringe, so dass solche Aufnahmen fast jenen auf gewöhnlichen Platten entsprechen.

Sehr interessante Versuche, betreffend die Wirkung von Farbensensibilisatoren in Bromsilbercollodionemulsionen, stellte Dr. G. Eberhard22) an.

Neue Sensibilisatoren für Bromsilbergelatinetrockenplatten beschrieben Eder und Valenta.23)

Von den untersuchten blaustichigen Rose bengale-Sorten erwies sich das Tetrajodtetrachlorfluoresceïn als das am günstigsten wirkende Präparat. Die sensibilisirende Wirkung dieses Körpers erhebt sich zu einem Maximum im Grüngelb vor der Fraunhofer'schen Linie D und lässt eine deutlich sensibilisirende Wirkung bei D ¼ C erkennen.

Es wurden einige Rhodamine untersucht, unter denen Rhodamin 3 B der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen a. Rh. sich als ein guter Sensibilisator erwies. Der genannte Farbstoff ist Tetraäthylrhodaminäthylester. Das Maximum der Sensibilisirung, welche durch Baden der Bromsilbergelatineplatten in verdünnten Lösungen dieses Körpers erreicht wird, liegt bei E ¾ D und erstreckt sich die sensibilisirende Wirkung bis D ½ C. Noch günstiger gestaltet sich die Wirkung bei Tetrachlortetraäthylrhodaminchlorhydrat und beim Tetrachlortetraäthylrhodaminäthyläther. Die sensibilisirende Wirkung dieser Farbstoffe reicht bis DC bezieh. DC. Ferner wurde ein von der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen hergestelltes Präparat: Nitrilorhodamin, untersucht, dessen sensibilisirende Wirkung bis ins Orangeroth D ½ C reicht.

Bei diesen Farbstoffen ist die relative Blauempfindlichkeit grösser als bei Erythrosin oder Rose bengale.

Als gute Sensibilisatoren für den grünen Spectralbezirk wurden Acridingelb und Acridinorange befunden. Das erstere verhält sich günstiger. Der untersuchte Farbstoff war Diamidodimethylacridinchlorhydrat von A. Leonhardt in Mühlheim (Hessen); es wurde ein geschlossenes Spectrum von D ½ E bis gegen das Violett erhalten; deshalb dürfte sich dieser Farbstoff vortheilhaft als Sensibilisator bei Spectralarbeiten und zu Zwecken von Aufnahmen für den Dreifarbendruck erweisen.

Eder und Valenta veröffentlichten eine Reihe von Spectraluntersuchungen, welche von den Genannten mit Hilfe der Photographie durchgeführt worden waren.24)

Sie untersuchten die Absorptionsspectren farbloser und gefärbter Gläser, mit Berücksichtigung des Ultravioletts. Das Spectrum des Kaliums, Natriums und Cadmiums bei verschiedenen Temperaturen und „die verschiedenen Spectren des Quecksilbers“. Es wurden die Absorptionsspectren der neuen Jenenser Glassorten mittels des Quarzspectrographen photographirt. Ferner wurden die Spectren von farbigen Glasflüssen bekannter Zusammensetzung untersucht, wobei es sich zeigte, dass diese Spectren der Kundt'schen Regel gehorchen. Von den oben genannten Elementen wurden Flammen-, Funken- und Bogenspectren untersucht. Die Mascart'schen, sowie Kayser und Runge'schen Numerirungen der Cadmiumlinien wurden rectificirt. Eder und Valenta entdeckten ferner ein neues Bandenspectrum des Quecksilbers; das Linienspectrum dieses Elementes wurde sichergestellt. Da das Molekül des Quecksilberdampfes nur aus einem Atome besteht, so ergibt sich aus den obigen Beobachtungen die Unhaltbarkeit der Lockyer'schen Theorie der Bandenspectren, welche derselbe dem Molekül zuschreibt, und Wüllner's Theorie wird hiermit hinfällig.

Anwendung der Photographie zu wissenschaftlichen Zwecken.

Die photographische Aufzeichnung der Deformationen des Eisenbahngleises beim Passiren eines Zuges wurde von Baudirector Ast der „Kaiser Ferdinand-Nordbahn“ in Wien und von Ingenieur Boschan in sehr gelungener Weise durchgeführt.

|19|

Es handelte sich um die Feststellung der Verticalbewegung zweier Schienenenden an einer Stossverbindung während des Passirens eines Zuges.

Die Aufnahmen erfolgten auf einer Platte, welche sich hinter einem schmalen Spalt fortbewegte, so dass also die Vorgänge in einer und derselben Verticalebene ununterbrochen aufgezeichnet wurden. Als Marken dienten Keile, die mit dem Rücken in die Schienenköpfe eingeschraubt und an den Schneiden versilbert waren. Die Beleuchtung dieser Marken geschah mit Hilfe eines Spiegels. Um den Apparat möglichst vor den Erschütterungen zu schützen, unter denen beim Vorübersausen des Zuges das Erdreich in weitem Umkreise zu leiden hat, wurde die Camera auf einem Pfeiler angebracht, der frei in einem 9 m tiefen Schachte aufgeführt und ausserdem durch dicke Filzplatten isolirt war.25) – Gelegentlich der 66. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Wien (1894) war eine ausgezeichnete derartige photographische Aufnahme, Darstellung der Deformationen des Eisenbahngleises unter dem Einflüsse der dynamischen Beanspruchung durch einen darüberfahrenden Zug, ausgestellt, wozu Regierungsrath Ast bemerkte: Die vorliegenden Bilder betreffen Beobachtungen am Schienenstoss. – Der obere Linienzug gibt die Verticalbewegungen jenes Schienenendes, welches in der Fahrtrichtung als erstes liegt; der darunter befindliche Linienzug die Verticalbewegungen des anderen (aufnehmenden) Schienenendes, während die beiden untersten Linien die Einsenkung eines neben der Schiene in den Untergrund eingetriebenen Pflockes darstellen. – Die Doppellinie hat den Zweck, einen Maasstab für die Einsenkungen zu geben, indem die beiden Schneiden dieser Marke zwischen den äussersten Rändern genau 5 mm messen. Es ergibt sich eine 2½ fache Vergrösserung der Einsenkungen.

In Fig. 8 ist dieser Apparat abgebildet; es ist eine Camera im Plattenmaasse von 30 × 40 cm mit einem Balgauszug von 2,5 m Länge und mit einem Zeiss-Anastigmat, Serie II Nr. 11, versehen.26)

Textabbildung Bd. 300, S. 19

Bei der Construction handelte es sich hauptsächlich darum, die photographische Platte an einer Spaltvorrichtung mittels eines regulirbaren Uhrwerkes vorbeigleiten zu lassen. Die Breite des Spaltes beträgt 2 mm. Die Geschwindigkeit der Plattenverschiebung ist aus dem am unteren Rande ersichtlichen Secundenmaasstab zu entnehmen, indem sich dieser Theil des Schlitzes durch eine elektromagnetische Contactvorrichtung von Secunde zu Secunde abwechselnd schliesst und öffnet. – Zur vibrationsfreien Aufstellung des photographischen Apparates wurden die tragenden Piloten in einen 3 m tiefen Brunnen geschlagen. (Von den vorzüglich gelungenen, von Regierungsrath Ast und Ingenieur Boschan hergestellten Situationscurven befinden sich einige in den Sammlungen der k. k. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproductionsverfahren in Wien.)

Vernon Boys beschäftigte sich mit ähnlichen Versuchen, wie selbe seiner Zeit von Prof. Mach in Prag mit grossem Erfolge angestellt wurden, um fliegende Geschosse zu photographiren und die dabei auftretenden Erscheinungen zu studiren. Boys verwendet zur Beleuchtung einen sehr kurz andauernden, äusserst intensiven elektrischen Funken, welchen er mit Hilfe einer kräftigen Influenzmaschine unter Verwendung eigenartiger Condensatoren erhielt und der mit Sicherheit genau in dem Augenblicke überspringt, in dem das Geschoss die Drähte passirt und verbindet. Die Anordnung zeigt Fig. 9.

Textabbildung Bd. 300, S. 19

Der grosse Condensator a ist eine auf beiden Seiten mit Platinblech belegte Glasplatte, b ist eine kleine Leydener Flasche, c die Nebenschliessung, ein in Salzlösung getränkter Faden. Das Geschoss d fliegt in der Nähe der photographischen Platte e vorüber. Mach wandte eine grosse Sammellinse und eine besondere photographische Camera zur Herstellung seiner Bilder an. Beides fehlt hier und kommt das Bild lediglich dadurch zu Stande, dass, während der Funke überspringt, sich das Schattenbild der Kugel von der hell erleuchteten Fläche e scharf abhebt. Die ganze Vorrichtung ist in einem Kasten lichtdicht verschlossen angebracht. Das Gewehr ist ausserhalb desselben befindlich. Die ganze Vorrichtung ist sehr einfach. Die damit von Boys erzielten Resultate sind überraschend gute.27)

A. Londe beschreibt im Bull. Soc. franç., [2] Bd. 9 S. 572, einen neuen Aufnahmeapparat für medicinische Zwecke, mittels welchem man eine Serie von Momentbildern (Chronophotographie) herstellen kann; er besteht aus zwölf Cameras mit elektrisch auszulösenden Momentverschlussen. In der Originalabhandlung sind die Instrumente im Detail beschrieben.

Die Photographie im Krankenhause. Die Salpêtrière, das grosse Krankenhaus in Paris, ist durch eine freigebige Geldbewilligung des Municipalrathes in den Besitz eines photochronographischen Apparates gelangt, der den Zweck hat, schnellere oder langsamere Bewegungen der Patienten in ihre Elemente zu zerlegen. Es ist zu diesem Apparate ein Freilichtatelier gebaut, um mit möglichst grossen Lichtmengen arbeiten zu können.

Der Apparat ist sehr ingeniös construirt. Er besteht in einer 24 × 30 Camera mit zwölf ganz gleichen Darlot'schen Objectiven von 10,5 cm Brennweite. Die Camera ist dementsprechend in zwölf Kämmerchen eingetheilt. Die Cassette enthält eine Platte 24 × 30, worauf zwölf Bilder 7 × 7 entstehen. An jedem Objective ist ein Momentverschluss, der durch einen dazu gehörigen Elektromagneten ausgelöst wird. Jeder Momentverschluss ist durch eine |20| Kurbel auf fünf verschiedene Schnelligkeiten einzustellen. Auch die Gesammtzeitdauer der zwölf auf einander folgenden Expositionen ist durch einen elektrischen Metronom genau regulirbar. Durch den Druck auf eine Birne werden die zwölf Momentverschlüsse in gleichen Intervallen nach einander durch den elektrischen Strom ausgelöst. Je nachdem man den Metronom einstellt, erhält man Serienaufnahmen von Bewegungen, die zwischen Bruchtheilen einer Secunde und mehreren Minuten variiren können.28)

Ueber die Photographie im Dienste der Justiz schrieb Bertillon in Paris ein Buch, welches vor Kurzem in deutscher Sprache erschienen ist.29) Der Verfasser beschreibt das bewährte System der Identificirung mittels anthropometrisch-photographischer Methoden, wie dasselbe seit Jahren im Identificationsbureau der Polizeipräfectur in Paris zur Durchführung gelangt. Dieses System wird gegenwärtig auch in Hamburg zur Wiedererkennung von Personen eingeführt und liefert vorzügliche Resultate.30)

Mikrophotographie.

J. W. Gifford31) bespricht in einer Abhandlung „An Inexpensive Screen for Monochromatic Light“ die verschiedenen Methoden, um monochromatisches Licht zu erhalten, und gibt derjenigen der Anwendung von geeigneten Lichtfiltern den Vorzug. Gifford empfiehlt als Lichtfilter, welches nur grünblaues Licht durchlässt: Lösungen von „Malachitgrün“, welche etwas Pikrinsäure enthalten. Diese Filter lassen ausser einem für gewöhnliche Platten unwirksamen Streif im Roth A bis B nur Licht von dem Spectralbezirke zwischen der Fraunhofer'schen Linie E und F durch.

Man kann das Benzaldehydgrün nach Bedarf in Alkohol, Wasser oder Glycerin auflösen und in dünnen planparallelen Glaswannen in den Strahlengang einschalten.

H. G. Piffard32) beschreibt in einem kleinen Aufsatze die Fortschritte in der Herstellung von Mikroskopobjectiven. Er empfiehlt, sich solcher Objective zu bedienen, welche für D adjustirt sind, und dazu Platten zu verwenden, welche für die Spectralregion um D sensibilisirt wurden, wobei natürlich die Beleuchtung des fraglichen Objectes mit eben solchem Lichte (gelben Strahlenfiltern) geschehen muss. (Für schwer aufzulösende Objecte ist diese Methode nicht zu empfehlen.)

Die Mailander Firma F. Koristka bringt zwei neue mikrophotographische Apparate und ein neues Objectiv, welches dieselbe als „Semiapochromat“ bezeichnet, in den Handel. Das Objectiv ist eine homogene Immersion (1/15 Zoll).

Um eine gewisse Tiefenperspective und Plastik, wie wir sie beim Betrachten von Schnittobjecten unter Auf- und Abbewegen der Mikrometerschraube am Tubus erzielen, mit Hilfe der Mikrophotographie zu erhalten, empfiehlt C. Borden33) ein Verfahren, welches darin besteht, zwei über einander liegende, aber nicht an einander stossende Schichten zu photographiren und die beiden Bilder durch gleichzeitige Betrachtung im Stereoskop zu einem einzigen zu vereinigen.

Einen sehr brauchbaren Apparat für mikrophotographische Zwecke, wenn es sich um massige Vergrösserungen handelt, hat H. Hinterberger in Wien construirt. Derselbe besteht aus einer sogen. Präparirloupe, welche ein Objectiv von kurzer Brennweite (etwa ein Hartnak'sches von f = 20 mm) trägt. Ueber diesem Mikroskope ist, auf vier Metallsäulen verstellbar befestigt, die Balgcamera senkrecht angebracht. Insbesondere für von oben zu beleuchtende Objecte (kleine Samen u.s.w.) und massige Vergrösserungen (bis 30malig) ist der compendiöse Apparat sehr zu empfehlen.

Ein Werk von Dr. Neuhauss, welches in der Encyklopädie der Photographie (W. Knapp, Halle a. S.) als achter Band 1895 erschienen ist: Die Mikrophotographie und die Projection, behandelt dieses Thema in klarer und fasslicher Weise und ist als kurze Anleitung zur Herstellung von Mikrophotographien und Projectionsbildern bestens zu empfehlen.

(Schluss folgt.)

|15|

Bull. Soc. franç., 1894 S. 251.

|15|

Siehe Eder, Handb. d. Photogr., 2. Aufl. I. Bd. S. 145.

|15|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 346.

|15|

Siehe unser Refer. in D. p. J. 1895 295 43.

|15|

Brit. Journ. of Photogr., 1894.

|15|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 351.

|15|

Photogr. Mittheil., Bd. XXI S. 32.

|15|

Photogr. Mittheil., Bd. XXI S. 264 und 274.

|16|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 107.

|16|

Photogr. Chronik, 1894 3. Beilage.

|16|

Journ. f. Gasbel., 1894.

|16|

Phot. News, 1894 S. 499.

|16|

Le Moniteur de la Photogr., 1894 S. 105.

|16|

Zuerst beschrieben in der Zeitschrift für Instrumentenkünde, Juni 1894.

|17|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 396.

|18|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 398.

|18|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 123, 129 und 174.

|18|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 29.

|18|

Desgl. S. 65.

|18|

Chem. Centralbl., 1894 S. 906.

|18|

Brit. Journ. of Photogr., 1894 S. 953.

|18|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 250.

|18|

Photogr. Corresp., 1894.

|18|

Druckschriften der kaiserl. Akad. d. Wiss. in Wien, 1894 und 1895.

|19|

Wiener photogr. Blätter, 1894.

[Anmerkungszeichen zu dieser Fußnote fehlt im Text.] |19|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 441.

Anmerkungszeichen zu dieser Fußnote fehlt im Text.
|19|

Eder's Jahrb. f. Photogr. f. 1895, S. 443.

|20|

Bullet. de la Soc. franç. de Photogr., 1893 S. 572; Photogr. Wochenbl., 1894 S. 24.

|20|

Encyklopädie der Photographie, W. Knapp, Halle a. S. 1895.

|20|

Siehe auch die Abhandlung von Dr. Gross in Graz über diesen Gegenstand (Deutsche Photographenzeitung, 1894 S. 258).

|20|

Journ. Roy. Mikr. Soc., 1894 S. 164.

|20|

Amer. Journ. Med. Sci., Bd. 106.

|20|

Stereoscopic Photomicrographie, Amer. Micr. Journ., XIV S. 329.

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