Titel: Beiträge zur Kenntniss des Schwitzprocesses in der Gerberei.
Autor: Schmitz-Dumont, W.
Fundstelle: 1896, Band 300 (S. 139–144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj300/ar300033

Beiträge zur Kenntniss des Schwitzprocesses in der Gerberei.

Von Dr. W. Schmitz-Dumont.

Mit Abbildungen.

In Nachstehendem mögen einige bakteriologische Beobachtungen mitgetheilt sein, welche bei Vorversuchen zu einer umfassenden Bearbeitung der in den Gerbereien zum Enthaaren der Häute durch die „Schwitze“ üblichen Methoden gemacht wurden.

In der Schwitze liegt ein Fäulnissprocess vor, also ein durch Mikroorganismen, Bakterien, eingeleiteter und fortgeführter Vorgang. Durch denselben soll die zwischen Epidermis und der eigentlichen Lederhaut (Corium) liegende, die Haarwurzel umkleidende und festhaltende Zellschicht, Malpighi'sche Schicht, zerstört werden, so dass die Haare ihren Halt in dem Hautkörper verlieren und abgeschabt werden können. Es ist nun die Kunst des Gerbers, den Fäulnissprocess so zu leiten, dass die gewollte Wirkung erreicht wird ohne eine Schädigung der Haut durch zu weit gehende Fäulniss. Unter diesem Gesichtspunkte ist man bestrebt, den Verlauf dieses Enthaarungsvorganges durch gesteigerte oder verminderte Temperatur, Zufuhr von Feuchtigkeit oder Behandeln der Häute mit antiseptischen Mitteln zu reguliren (vgl. Eitner: „Antiseptik in der Gerberei“, Der Gerber, XV). Obgleich die Fäulniss auf beiden Seiten der Haut entsteht, so ist es doch eine eigenthümliche Thatsache, dass sie zuerst auf der Haarseite eine merkliche Wirkung ausübt, und zwar auch dann, wenn auf der Fleischseite nicht durch Einreiben von Kochsalz oder anderen antiseptischen Mitteln die Fäulniss gehemmt wird.1)

Die Bakterien dringen auf der Haarseite durch die Oeffnungen der Schweiss- und Fettkanäle ein und verflüssigen vorerst die Malpighi'sche Schicht. Bei den unten erwähnten Versuchen wurde stets beobachtet, dass, wenn durch den Fäulnissprocess die Haare gerade so weit gelockert waren, dass sie durch leichten Druck mit einem Messerrücken entfernt werden konnten, die Epidermis scheinbar unzerstört in Fetzen mit den Haaren abgeschabt wurde und die Narbe der Haut völlig unberührt sich zeigte. Auf der Fleischseite dringen die Mikroorganismen wahrscheinlich durch die Blut- und Lymphgefässe in das Innere der Haut und beginnen von hier aus die Hautsubstanz zu zerstören. Wenigstens wurde hierauf deutend bei einigen Versuchen, in denen Hautstücke in feuchter Kammer der völligen Zersetzung überlassen wurden, die Erscheinung constatirt, dass die Structur der Fleischseite noch keine ersichtliche Veränderung zeigte, als bereits der Hautkörper stark zusammengefallen und an den Rändern schmierig ausgelaufen war. Es ist kein Zweifel, dass die Zerstörung der Hautsubstanz, die einen vortrefflichen Nährboden für Bakterien darstellt, durch eine grosse Anzahl verschiedener Arten Fäulnisserreger, wenn nicht durch alle, bewirkt wird. Daher erscheint es zunächst als eine fragliche Behauptung, |140| wenn A. M. Villon2) angibt, eine specifische Mikrobe, Bactérie pilline von ihm genannt, aufgefunden zu haben, durch welche die Enthaarung der Häute bei dem Process des Schwitzens verursacht wird. Villon beschreibt diese Bactérie pilline als eine Mikrobe vom Genus Bacterium (vgl. Fig. 1 F); sie ist aerob, lebt von der Haarsubstanz (pilline) und verwandelt dieselbe in Leucin, Tyrosin, Buttersäure, Margarinsäure und Ammoniak, welch letzterer Coriin lösen und dadurch die Haut schwellen soll. Sie lebt auf der Oberfläche der Haut und wird fast nie in der aus der Haut sickernden Flüssigkeit gefunden. Villon hat dieses Bacterium in Reinculturen auf ammoniakhaltiger Gelatine gezogen – der Ammoniakzusatz sollte die Entwickelung anderer Bakterien verhindern –, hat mit diesen Reinculturen sterilisirte Hautstücke geimpft und als Folge dieser Infection Ammoniakentwickelung und Ablösung der Haare von der Haut festgestellt.

Es liegt auf der Hand, dass diese Thatsachen für eine Verbesserung des Schwitzprocesses von besonderer Bedeutung werden können, sobald sie durch eingehende und wiederholte Prüfung gegenüber dem einzigen von Villon ausgeführten Versuch bestätigt werden.

Villon sterilisirt die zur Verwendung kommende Haut in der Weise, dass er haartrockene Hautstücke in einen Glaskolben brachte, den Hals desselben nach Art der Pasteur-Kolben auszog und das so vorbereitete Gefäss 1 Tag lang auf 50°, schliesslich 10 Minuten auf 110° C. erhitzte. Nun wurde der Kolben zugeschmolzen und erkalten gelassen. Unter allen Kautelen wurde kaltes, steriles Wasser in den erkalteten Kolben gebracht, wodurch die eingetrocknete Haut binnen 8 Tagen wieder zu ihrem ursprünglichen Volum aufquoll. 1 Monat blieb der Kolben bei 20° C. im Brütofen, ohne dass sich Ammoniak entwickelt, die Haare gelockert oder die Haut verändert hätte. Dass die sterile Beschaffenheit dieses Hautstückes und nicht etwa eine durch die Erhitzung herbeigeführte Veränderung desselben hier die Fäulniss ausschloss, bewies Villon durch ein anderes, in gleicher Weise erhitztes, aber nicht in einem Kolben obiger Art befindliches Hautstück. Dieses quoll in destillirtem Wasser auf wie das vorerwähnte, und 4 Tage später löste sich das Haar ab, war Ammoniak in der Flüssigkeit und die Bactérie pilline lebend auf der Haut vorhanden. Ein wie oben vorbereitetes steriles Hautstück wurde nach 15tägigem Verweilen in dem zugegebenen sterilen Wasser durch Einbringen einer Reincultur des Villon'schen Bacteriums in den Kolben inficirt. Nach 5 Tagen ging das Haar ab und die Flüssigkeit enthielt Ammoniak.

Gegenüber der grossen Resistenz, welche Fäulnissbakterien bezieh. deren Sporen oder Dauerformen gegen Hitze zeigen, schien es nicht recht wahrscheinlich, dass das von Villon angewandte, mit verhältnissmässig schwacher Hitze wirkende Verfahren stets eine sichere Sterilisirung erzielen kann. Zur Klärung dieses Punktes wurde dieses Verfahren näher geprüft. An Stelle der Glaskolben wurden Glasbüchsen von etwa 500 cc Inhalt verwandt. Ihr Hals wurde mit Verbandwatte fest umwickelt, in solcher Dicke, dass eine passende Glasschale mit flachem Boden und dazu senkrechter Wandung, zum Verschluss über die Oeffnung geschoben, fest sich an die Watte Wickelung anschloss. Die Watte wurde überdies noch mit 1procentiger Sublimatlösung durchtränkt und so ein jede Inficirung der Büchse von aussen verhindernder, aber der Luft freien Aus- und Eintritt gewährender Verschluss des Gefässes erreicht.

Derartig hergerichtete Büchsen wurden in grösserer Anzahl mit 300 cc Wasser gefüllt, an drei auf einander folgenden Tagen je 1 Stunde in strömendem Dampf sterilisirt. Eine andere Anzahl, die ohne Wasser sterilisirt war, wurde mit frischen, gesunden, das Haar fest haltenden Hautstücken von 10 cm Länge und 5 cm Breite beschickt, dann, wie von Villon geschehen, 24 Stunden einer Temperatur von 50° ausgesetzt, schliesslich 10 Minuten auf 110° erhitzt. Die Hautstücke waren durch diese Behandlung selbstverständlich stark zusammengeschrumpft, hart und hornig geworden. Sie wurden zu dreien auf sieben der ersterwähnten Büchsen mit sterilem Wasser vertheilt. Jeder dieser Büchsen wurde vor dem Einbringen der Haut mittels einer sterilisirten Pipette 1 cc Wasser entnommen und dieses mit 10 cc 15procentiger Fleischpeptongelatine zu einer Plattencultur verarbeitet, um sich über die Sterilität des Wassers zu vergewissern. Die Büchsen standen hierbei, um das Hineinfallen von Keimen möglichst zu vermeiden, unter einer grossen, wagerecht aufgestellten, mit Sublimatlösung frisch gewaschenen und feucht gelassenen Glasplatte, wurden zur Einführung der Pipette schräg geneigt und der Deckel nur so weit, als zur Einführung der Pipette nöthig, gelüftet. Unter den gleichen Vorsichtsmaassregeln wurden die Hautstücke mit einer frisch ausgeglühten Zange in die wassergefüllten Büchsen übertragen. Sechs weitere Büchsen wurden in gleicher Weise geöffnet und je 10 cc Nährbouillon zu dem sterilisirten Wasser gegeben. Dieselben sollten zur Controle für die Keimfreiheit des Wassers während der Versuchsdauer dienen, sowie einen Beweis geben, dass die beim Oeffnen der Büchsen und Einbringen der Hautstücke beobachteten Vorsichtsmaassregeln eine Inficirung bei diesen Manipulationen verhüten. Bouillon wurde ihnen zugesetzt, um eventuell nicht abgetödteten Mikroben Nährstoff zur Entwickelung zu bieten, wie dies durch die Haut in den Versuchsbüchsen geschehen war. Bei Nichteinhaltung dieser Bedingung war immerhin, wenn auch in sehr geringem Grade, die Möglichkeit gegeben, dass vorhandene Fäulnisskeime in den Controlbüchsen aus Mangel an Nahrung zu Grunde gingen, während sie sich in den Versuchsbüchsen entwickeln konnten.

Die sieben Versuchs- und sechs Controlbüchsen wurden nun bei einer Temperatur von 20 bis 26° C. sich selbst überlassen. 3 Tage später drang bei zweien durch die Wattewickelung ein stark fauliger Geruch hervor. Beim Oeffnen derselben fanden sich die Hautstücke weich und schwach gequollen vor, in der einen Büchse waren an sämmtlichen Stücken die Haare gelockert, so dass sie leicht ausgezupft werden konnten, in der anderen sassen die Haare an zwei Stücken noch fest. Von der Haar- sowie Fleischseite abgeschabter Schleim Hess unter dem Mikroskop mit Sicherheit zwei Arten Bakterien, eine kleinere, sehr bewegliche, oft zu zwei und drei an einander gereihte, und eine sehr grosse, unbewegliche, in Ketten vorhandene, sowie Mikrokokken verschiedener Grösse, zum Theil sehr beweglich, erkennen. Plattenculturen Hessen diese Formen noch deutlicher hervortreten. Im Laufe der folgenden 5 Tage zeigten |141| sich bei weiteren vier Büchsen die gleichen Erscheinungen. Das letzte, bis zu dieser Zeit geruchlos gebliebene Gefäss wies, nach Verlauf von 10 Tagen geöffnet, scheinbar noch unveränderte Haut auf; es Hessen sich jedoch in dem von der Haut abgeschabten Schleim gleichfalls bewegliche Bakterien auffinden. Der Schleim, auf Gelatine geimpft, lieferte zahlreiche verflüssigende Colonien.

Von den sieben mit Proben des sterilen Wassers angesetzten Plattenculturen waren nach Verlauf von 10 Tagen drei völlig intact, drei wiesen am Rande ein bis zwei Schimmelcolonien auf und eine ebenfalls am Rande zwei Bakteriencolonien. Nach diesem Befund ist das Wasser als steril anzusehen und keinenfalls kann die starke Bakterienentwickelung auf den Hautstücken auf Inficirung durch das Wasser zurückgeführt werden. Nun wurden zum Schluss der Versuchsreihe von dem Wasser der Controlbüchsen je 1 cc zu einer Plattencultur angesetzt. Nach 5 Tagen waren fünf Platten noch steril, die sechste enthielt zwei randständige Schimmel- und eine Bakteriencolonie, ein hinreichender Beweis, dass eine nachträgliche Infection durch das sterile Wasser, sowie durch obige Manipulationen beim Eintragen der Hautstücke nicht eingetreten war.

Nach diesen Versuchen war von dem von Villon angewandten Verfahren keine unbedingte, sichere Tödtung der Fäulnisskeime auf der Haut zu erwarten, und es wurde nun versucht, dies durch Anwendung von antiseptischen Mitteln zu erreichen. Für vorliegende Zwecke mussten dieselben, abgesehen von sicherer Tödtung der Fäulnissorganismen, folgenden Ansprüchen genügen: 1) die Haut in keiner Weise verändern, 2) leicht aus der Haut auswaschbar sein.

Aus diesen Gründen verbot sich von vornherein Anwendung von Säuren, Alkalien, Salzen der Schwermetalle und Phenole, dagegen schienen xanthogensaures Kali, Schwefelkohlenstoff und Toluol recht geeignet. Zunächst wurde xanthogensaures Kali auf seine Brauchbarkeit untersucht, ausgehend von der Erwägung, dass Schwefelkohlenstoff, ein starkes Bakteriengift, im xanthogensauren Kali in einer in Wasser leicht löslichen und leicht abspaltbaren Form enthalten sei.

5 cm breite und 10 cm lange Stücke einer frischen, gut gereinigten, völlig gesunden, nicht haarlässigen Kuhhaut wurden einerseits in sterilisirten feuchten Kammern bei Zimmertemperatur sich selbst überlassen, andererseits auf luftdicht verschliessbare Glasbüchsen mit verschieden starker Lösung von xanthogensaurem Kali vertheilt und darin während verschieden langer Zeiten belassen. Zur Entfernung der von der Haut aufgesaugten Salzlösung wurde jedes der letzteren Hautstücke unter Beobachtung aller Vorsichtsmaassregeln gegen nachträgliche Infection, wie bei den oben beschriebenen Versuchen angegeben, in eine Glasbüchse mit 500 cc sterilisirtem Wasser gegeben, unter häufigem Umschwenken 24 Stunden darin belassen und dann in gleicher Weise in einer zweiten und dritten Büchse mit sterilem Wasser behandelt. Nach diesen Vorbereitungen wurden sie in sterilisirte feuchte Kammern gebracht.

Die nicht mit xanthogensaurem Kali behandelten Stücke, vier an der Zahl, am 17. September 1894 in die feuchten Kammern gebracht, verhielten sich wie folgt: Am 19. September entwickelten sie einen schwachen Geruch, der sich bis zum 21. zu intensivem Geruch nach faulem Käse verstärkte. Die Haare Hessen sich in diesem Stadium durch leichten Druck mit einem Messerrücken abschaben. Der Narben erschien noch unverletzt. Der zwischen den Haaren haftende Schleim enthielt zahllose Bakterien und Kokken von sehr verschiedener Form und Grösse, zum Theil sehr beweglich; auf der Fleischseite waren sichtlich weit weniger Mikroorganismen vorhanden. Die Temperatur hatte in dieser Zeit zwischen 16 und 22° C. geschwankt. Am 24. September begannen die Hautstücke an den Rändern breiig aus einander zu laufen und bis zum 30. November waren alle völlig verfault. Dies beweist, dass die benutzte Haut genügend mit Fäulnisskeimen inficirt war, um als Versuchsobject zu dienen.

Es wurden nun drei parallele Versuche angestellt mit Hautstücken, welche 12 bis 48 Stunden in 1-, 0,5- und 0,25procentigen Kaliumxanthogenatlösungen gelegen und wie oben angegeben ausgewaschen worden waren.

Erster Versuch: Vier mit 1procentiger Lösung 12 Stunden behandelte Stücke wurden am 21. September in feuchte Kammern gebracht; dieselben waren weder aufgequollen, noch zusammengefallen, sondern sahen wie völlig unveränderte frische Haut aus. Am 3. October tritt bei drei Stücken Ammoniakgeruch auf; am 5. October ist derselbe wesentlich stärker geworden, bei gelüftetem Kammerdeckel lassen sich von drei Stücken mittels eines ausgeglühten Platinspatels die Haare leicht abstreichen; das vierte, kaum merkbar nach Ammoniak riechende hält die Haare fest. Die abgeschabten Haare sind völlig unverletzt; die Haarzwiebel lässt unter dem Mikroskop keine Beschädigung erkennen; stellenweise haften an den Haaren grössere Fetzen der Epidermis. Der mit den Haaren abgekratzte Schleim (die zerstörte Malpighi'sche Schicht) enthält zahlreiche, sehr bewegliche Mikroorganismen, scheinbar alle von gleicher Art. Der Versuch blieb nun bis zum 30. November unberührt stehen. An diesem Tage war von Ammoniakgeruch nichts mehr zu merken; die Haut schien sich nicht weiter verändert zu haben, verhielt sich gegen Druck elastisch wie frische Haut; der Narben hatte intactes Aussehen bewahrt, nur am Rande waren die Stücke sehr schwach graulich verfärbt; Bakterien waren nur spärlich auf den Stücken vorhanden. Als bis zum 17. December keine sichtliche Veränderung an diesen Hautstücken auftrat, wurde dieser Versuch aufgegeben.

Zweiter Versuch: Vier Hautstücke, 48 Stunden in 0,5procentiger Lösung belassen, wurden wie im ersten Versuch ausgewaschen und am 21. September in feuchte Kammern gebracht. Es traten genau dieselben Erscheinungen wie oben ein. Am 3. October konnte Ammoniakgeruch deutlich constatirt werden, der sich in den nächsten Tagen verstärkte; zwischen dem 5. und 8. October wurden die Haare abschabbar, dann verlor sich der Ammoniakgeruch und am 17. December, dem Ende des Versuches, zeigte die Haut gleichen Befund wie im ersten Versuch; von dem Narben nun abgeschabte Theilchen auf Fleischpeptongelatine übertragen gaben nur in einem von zwölf geimpften Röhrchen (von jedem Hautstück drei Röhrchen abgeimpft) nach 5 Tagen eine schwache Bakteriencultur.

Dritter Versuch: Derselbe wurde in gleicher Weise angestellt mit vier in 0,25procentige Lösung eingelegten Hautstücken, wovon zwei 48, die anderen beiden nur 12 Stunden mit der Flüssigkeit in Berührung gewesen |142| waren. Dieser Versuch nahm bei drei Hautstücken ganz den nämlichen Verlauf wie bei den vorhergehenden. Das vierte zeigte am 5. October deutlichen Fäulnissgeruch und ergab bei mikroskopischer Untersuchung die Anwesenheit verschiedenartiger Bakterien und Kokken. Dieses Stück wurde aus dem Versuche ausgeschaltet, da bald Verfall und Verflüssigung desselben eine misslungene Tödtung der die Haut zerstörenden Fäulnisskeime anzeigte. Die übrigen hielten sich in den feuchten Kammern, abgesehen von den entfernten Haaren, unverändert. Am 17. December wurden von ihnen von dem Narben, sowie von der Fleischseite abgeschabte Theilchen auf zwölf Röhrchen mit Fleischpeptongelatine übertragen; nach 5tägigem Stehen bei 20° C. waren in keinem derselben Bakterien oder Schimmelbildungen entstanden.

Eine weitere Anzahl Hautstücke blieb in den verschiedenen Lösungen von xanthogensaurem Kali vom 17. September 1894 bis zum 3. Februar 1895, vier sogar bis zum 2. März 1896 liegen, ohne dass die Haut äusserlich erkennbare Veränderungen erlitten hätte. Sie zeigte noch rein weisse Farbe, die Haare sassen fest, sie fühlte sich voll und elastisch an, ohne merklich geschwellt zu sein. Am 4. Januar 1895 wurde eine Anzahl dieser Hautstücke wie oben ausgewaschen und in feuchte Kammern gebracht; am 3. Februar waren sie noch völlig unverändert und es Hessen sich mit Hilfe des Mikroskopes auf ihnen keine lebenden Mikroorganismen mehr auffinden.

Bereits oben wurde erwähnt, dass die durch xanthogensaures Kali bei 12- bis 48stündiger Einwirkung nicht abgetödteten Bakterien scheinbar alle der gleichen Art angehörten. Es bestätigte sich dies durch Culturen, welche von den verschiedenen Hautstücken abgeimpft wurden, sobald die Haare abgeschabt werden konnten. Mit der Platinöse wurde von dem auf dem Narben bezieh. zwischen den Haaren sitzenden Schleim in 12procentige Fleischpeptongelatine übertragen. Die einzelnen Colonien der Plattenculturen zeigten unter dem Mikroskop mit sehr seltenen Ausnahmen das gleiche Gesammtbild, im Anfangsstadium runde bis ovale, in auffallendem Licht weissliche, in durchfallendem schwach bräunlich gefärbte Gebilde, die sich sowohl im Innern als auf der Oberfläche der Gelatineplatte entwickelten. Die im Innern liegenden Colonien zeigten sich ab und zu, besonders bei Temperaturen unter 20° C, in eigenthümlicher Wurst- oder Darmform (Fig. 1B). Weiter wachsend trieben die punktförmigen Colonien vom Rande aus, an der Oberfläche der Gelatine schnell, im Innern langsam ästig verzweigte Kanäle (Fig. 1A), von denen aus die Verflüssigung des Nährbodens schnell erfolgte. Bei Temperaturen über 20° ging die Bildung dieser Kanäle oft so rapide vor sich, dass über Nacht die ganze Platte mit einem dichten Netzwerk (Fig. 1C) bedeckt bezieh. durchzogen wurde und dann schnell sich verflüssigte. Unter dem Mikroskop mit starker (800- bis 1000facher) Vergrösserung betrachtet, zeigten diese Kanäle sich als neben einander liegende Ketten von kleinen Kokken (Fig. 1D). Sobald die Gelatine verflüssigt oder Theile einer solchen Kette in Wassertropfen gebracht wurden, zerfielen diese Ketten in kürzere Glieder von zwei bis zehn und mehr Kokken (Fig. 1E). Während die einzelnen Kokken sich lebhaft wirbelnd bewegten, war bei den Ketten eine schlängelnde oder hin und her wackelnde Vorwärtsbewegung vorhanden, die bei Complexen von zwei bis fünf noch recht lebhaft war, dann aber mit zunehmender Länge der Kette sich schnell verlangsamte. Die lebhafte Vorwärtsbewegung der meist zu zwei und drei an einander gereihten Kokken erweckte den Eindruck, als lägen hier Stäbchenformen vor; unter der Oelimmersion lösten sich dieselben jedoch zu Kokkenformen auf. Villon gibt nicht an, welche Vergrösserung der Abbildung seiner Bactérie pilline zu Grunde liegt. Dieselbe (Fig. 1F) zeigt punktförmige Gebilde (Kokken), sowie Stäbchen und Fäden. Vielleicht hätten sich die letzteren beiden bei stärkerer Vergrösserung auch zu Ketten von Kokken aufgelöst. Die Identität der hier beobachteten, als ein Streptococcus zu bezeichnenden Form mit der Bactérie pilline ist demnach nicht ausgeschlossen. Villon gibt zwar an, dass seine Mikrobe im Gegensatz zu den Fäulnissbakterien von der Haarsubstanz lebt, während im vorliegenden Falle die Haare unberührt blieben und die Malpighi'sche Schicht das ausschliessliche Nährsubstrat zu sein schien; doch belegt er seine etwas unwahrscheinliche Angabe durch keine diesbezüglichen Beobachtungen oder Versuche. Im Uebrigen stimmen die Lebensfunctionen der beiden Formen überein.

Textabbildung Bd. 300, S. 142

Die Resultate der vorstehenden Versuche fassen sich nun zu Folgendem zusammen:

Durch verdünnte Lösungen von xanthogensaurem Kali (1 bis 0,25 Proc.) werden die auf der behaarten Haut vorhandenen Mikroorganismen bei längerer Einwirkung sämmtlich getödtet, ohne dass die Haut selbst bei halbjährigem Verweilen in der Flüssigkeit in merklicher Weise verändert würde. Auch bei kürzerer Einwirkung dieses Antisepticums, 12 bis 48 Stunden, werden die Fäulnisskeime vernichtet; doch bleibt in diesem Falle ein Streptococcus lebensfähig, welcher durch Zerstörung der Malpighi'schen Schicht die Haare aus dem Hautkörper löst. Diese Art entwickelt Ammoniak ohne merkliche Mengen anderer riechender Körper und stirbt wahrscheinlich, ohne den Hautkörper anzugreifen, in den Zersetzungsproducten der Malpighi'schen Schicht ab. Die Identität dieses Mikroorganismus mit einer bereits bekannten Form (abgesehen von der Bactérie pilline) zu prüfen, muss weiteren Versuchen überlassen werden. So weit die bezüglichen Veröffentlichungen |143| verfolgt werden konnten, ist dieser Streptococcus durch die auffallende Entwickelung seiner Colonien zu einem vielfach verschlungenen Netzwerk von den bekannten Arten verschieden.

Ob nur dieser einen Form die zerstörende Wirkung auf die Malpighi'sche Schicht ohne Verletzung der übrigen Hautbestandtheile eigenthümlich ist, oder ob auch andere Bakterien eine derartige, speciell dem Schwitz verfahren günstige Rolle spielen können, bleibt noch zu untersuchen, desgleichen ob wirklich nur die Malpighi'sche Schicht das Nährsubstrat für diesen Streptococcus abgibt, oder ob ein Aufzehren der übrigen Haut durch Absterben dieser Bakterie in ihren Stoffwechselproducten -verhindert wird.

Noch sei auf ein anderes Verfahren aufmerksam gemacht, das gegenüber der Abtödtung der Mikroorganismen auf der Haut durch xanthogensaures Kali für Herstellung steriler Hautstücke sich als weit geeigneter erwies. Man setzt die entsprechend gereinigten Stücke in feuchten Kammern den Dämpfen von Schwefelkohlenstoff aus. Hier wurde folgende Vorrichtung benutzt. Eine grosse Glasschale mit flachem Boden wurde 1 cm hoch mit Wasser gefüllt, dem 2 Proc. Schwefelsäure zur Abtödtung aller hineingelangenden Keime zugesetzt war. Ein aus Glasstäben angefertigter, mit vier etwa 5 cm hohen Füssen versehener Rost wurde hineingestellt, in die Mitte desselben ein Schälchen mit Schwefelkohlenstoff und darum herum die Hautstücke gebracht. Eine übergestülpte, in dem Wasser stehende Glasglocke mit weitem Tubus schloss den Kammerraum ab. In den Tubus war ein drei Glasröhren und ein Thermometer tragender Gummistopfen gesetzt. Die eine dieser Röhren reichte in das Schälchen und ermöglichte Füllung und Entleerung desselben ohne Lüftung der Glocke. Die zweite schnitt dicht unter dem Stopfen ab und setzte sich in eine mit Watte dicht gefüllte Röhre fort. Die dritte erstreckte sich bis unter den Rost und war ausserhalb der Glocke mit zwei 2 m langen, zu je einer Spirale von 15 cm Höhe aufgewundenen Glasröhren verbunden. Die der Glocke zunächst liegende Spirale befand sich in einem als Wasserkühler dienenden Glasgefäss, die andere, 1 mm weite, aus schwer schmelzbarem Glas in einem kupfernen Luftbade. An die letztere schloss sich noch eine als Luftfilter dienende, mit Watte dicht gefüllte Röhre an. Diese Vorrichtung diente dazu, sterile Luft durch Ansaugen an der zweiten Röhre in die feuchte Kammer zu führen. Nachdem die Hautstücke 8 Tage in der Kammer der Wirkung der Schwefelkohlenstoffdämpfe ausgesetzt gewesen, wurde das Luftbad über 300° erhitzt und der Wasserkühler in Thätigkeit gesetzt, um die beim Durchstreichen durch die heisse Spirale sterilisirte Luft wieder auf gewöhnliche Temperatur zu bringen. Nun wurde durch die erste Röhre, bei geschlossener zweiter, der Schwefelkohlenstoff aus dem Schälchen entleert und dann nach Verschluss der ersten Röhre anhaltend ein langsamer Luftstrom durch die Kammer gesaugt, um die Schwefelkohlenstoffdämpfe zu entfernen. Während eines Monates veränderten sich die Hautstücke in der Kammer in keiner erkennbaren Weise, ein genügender Beleg für die völlige Abtödtung der Fäulnisskeime durch dieses Verfahren. Einige der Hautstücke, nun in eine zahlreiche Bakterien enthaltende Flüssigkeit (aus einem Fauläscher) getaucht und dann in feuchte Kammern gebracht, wurden schon nach 2 Tagen von rapider Fäulniss ergriffen. Die Haut hatte also durch die Einwirkung des Schwefelkohlenstoffes nichts an ihrer günstigen Beschaffenheit als Nährboden für Bakterien verloren. Dass die Haut vor obiger Behandlung reichlich Fäulnisskeime enthielt, zeigten andere Stücke, welche gleichzeitig in feuchten Kammern durch Fäulniss zerstört wurden.

Leider konnten die gewonnenen Resultate anderer Arbeiten halber nicht weiter verfolgt werden. Sie bringen indess schon auf dieser Anfangsstufe eine weitere Stütze für die Richtigkeit der Beobachtung Villon's, dass durch bestimmte Bakterien (ob durch eine oder mehrere Arten ist, wie gesagt, noch zu entscheiden) die Haare aus der Haut gelöst werden.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Versuche schliesslich die Einführung von Reinculturen dieser enthaarenden Bakterien in den Schwitzprocess zur Folge haben werden. Jedenfalls werden sie aber dem Gerber durch eine rationelle Desinfection der Häute Mittel an die Hand geben, die eigentlichen Fäulnisserreger abzutödten bezieh. so in ihrem die Haut zerstörenden Wachsthum zu schwächen, dass die Haarung auch ohne die bisher erforderliche sorgfältige Ueberwachung des Schwitzens durch jene gutartigen Bakterien sich fehlerlos vollzieht. So könnten zum Beispiel die in den Schwitzkammern aufgehängten Häute durch Dämpfe von Schwefelkohlenstoff oder ähnlichen in Dampfform wirkenden antiseptischen Stoffen sterilisirt und nach Verdrängung dieser Dämpfe durch sterile Luft mit in Wasser vertheilten Culturen der enthaarenden Bakterien überrieselt werden. Bei der Sterilisation, wie bei dem Haarungsprocess würde die Kammertemperatur auf dem Optimum des Bakterienwachsthums zu halten sein, wodurch sowohl die Abtödtung der Fäulnisskeime als auch der Verlauf des Haarungsprocesses durch die betreffenden Bakterien wesentlich beschleunigt würde.

Textabbildung Bd. 300, S. 143

Die Einrichtung eines diesem Zwecke dienenden Schwitzraumes Hesse sich nach dem Principe der oben beschriebenen feuchten Kammer ohne grosse Schwierigkeiten und Kosten bewerkstelligen, etwa wie Fig. 2 im Querschnitt zeigt. A ist ein Kasten aus Eisenblech, dessen Dimensionen der Anzahl zu schwitzender Häute anzupassen wäre. Dieser Kasten, durch geeigneten Anstrich luftdicht gemacht, wird durch Flaschenzüge gehoben, um die Häute auf Rahmen B aufzuhängen. Zum Abschluss der Aussenluft senkt sich der Kasten in die Rinne C ein. Dieselbe wird mit Wasser, welches ein Antisepticum enthält, gefüllt; zugleich erhält dies Wasser in der Kammer die nöthige Feuchtigkeit. Die Rinne sowohl wie der Kammerboden wären aus wasserdichtem Material (Cementboden, der zweckmässig mit zähem Mineralöl gut durchtränkt werden könnte) zu fertigen. Durch D würde die sterile Luft an- und durch E abgesaugt werden; zwecks schnellerer Wirkung des Luftstromes würde auf D ein wagerechtes Siebrohr aufzusetzen |144| sein. Die Sterilisirung der vorher durch ein geeignetes Luftfilter streichenden Luft Hesse sich in einem Röhrensystem erreichen, welches in die Heizung des Dampfkessels bezieh. in dessen Mauerung eingelassen würde. Der Schwefelkohlenstoff würde am besten in einer dem Kammerraum entsprechenden Menge durch eine Zerstäubungsvorrichtung von aussen in die geschlossene Kammer vertheilt. Die Inficirung der sterilisirten Häute schliesslich mit den betreffenden Reinculturen geschähe in der Weise, dass die Culturen, in Wasser vertheilt, mit Hilfe eines über den Häuten angebrachten Röhrensystems F auf diese niedergerieselt würden.

|139|

J. T. Wood: „Fermentation in the leather-industry“, The Leather Manufacturer (New York), 1894 S. 61.

|140|

Traité pratique de la fabrication des cuirs et du travail des peaux. Paris 1889. Verlag von Baudry et Cie. S. 484 bis 487.

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