Titel: v. Schroeder's Versuche über den Enthaarungsprocess durch „Schwitzen“ und durch „Aeschern“.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301 (S. 90–94)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/ar301020

J. v. Schroeder's Versuche über den Enthaarungsprocess durch „Schwitzen“ und durch „Aeschern“.

Nach mündlichen Mittheilungen und hinterlassenen schriftlichen Aufzeichnungen v. Schroeder's bearbeitet von Dr. F. H. Haenlein in Freiberg.

(Schluss des Berichtes S. 65 d. Bd.)

Beruht die enthaarende Wirkung des Kalkäschers auf seiner alkalischen Reaction oder auf der Anwesenheit von Bakterien oder auf beiden?

Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, dass bei dem Schwitzprocesse der Haut die Fäulnissbakterien eine wichtige Rolle spielen, sei es nun, dass die Bakterien bezieh. ihre Stoffwechselproducte unmittelbar die Basis der Haarwurzeln und die Malpighi'sche Schicht der Oberhaut zerstören, oder sei es, dass sie beliebige an und in der Haut haftende, leicht zersetzbare Eiweisstoffe (Reste von Blut und Fleisch u. dgl.) zur Fäulniss bringen und dass erst das hierbei entwickelte Ammoniak die Haarwurzeln und die Malpighi'sche Schicht der Epidermis angreift.

Auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Loslösung der Oberhaut nebst Haaren von der Lederhaut und der Gegenwart der Bakterien deutet schon die ausnahmslose Regelmässigkeit hin, mit welcher die Bakterien beim Schwitzprocess auftreten.

Einer exacten experimentellen Untersuchung der Frage, ob die Bakterien beim Schwitzprocess die nothwendige Voraussetzung der Lockerung der Haare und der Epidermis von der Lederhaut sind, oder ob das Schwitzen auch ohne die Anwesenheit von Bakterien stattfinden kann und letztere nur eine secundäre, wenn auch allgemein verbreitete Begleiterscheinung bilden, stellte sich freilich eine ganz ungemeine Schwierigkeit in den Weg. Diese Schwierigkeit besteht darin, die an der rohen Haut bereits vorhandenen Bakterien zu tödten, d.h. die Haut zu sterilisiren, sie dabei aber in einem Zustande zu lassen oder nach der Sterilisation wieder in einen Zustand zu bringen, der kein Hinderniss für den Eintritt der Fäulniss bildet, wenn nur die |91| äusseren (physikalischen) Bedingungen (Feuchtigkeit und Wärme) dazu gegeben sind.5)

Der oben mitgetheilte Versuch, bei welchem Hautstücke aus der Salzlösung direct mit dem Salz in die feuchte Kammer gebracht wurden und bei welchem die Lockerung von Haaren und Epidermis nicht eintrat, ist für die Frage nach einer etwaigen Bakterienwirkung beim normalen Schwitzprocess nicht entscheidend, denn der Versuch lässt es zunächst unentschieden, ob überhaupt keine lebensfähigen Bakterien mehr vorhanden waren, oder ob die etwa anwesenden durch das Kochsalz nur gehindert wurden, ihre Wirkung zu entfalten. Wenigstens muss die Möglichkeit zugegeben werden, dass etwa vorhandene Sporen durch die gesättigte Kochsalzlösung noch nicht getödtet worden waren. Geht man von der Annahme aus, dass durch die Einwirkung des Kochsalzes die Bakterien sämmtlich getödtet werden, so würde die Haut passend vorbereitet sein, um zu versuchen, ob der Schwitzprocess auch ohne Bakterien stattfinden kann, sobald es gelingt, das Kochsalz aus der Haut wieder auszuwaschen, ohne die Haut bei dieser Operation aufs Neue mit Bakterien zu inficiren. Aber selbst bei Anwendung von sterilisirtem, also bakterienfreiem Wasser ist die Gefahr einer neuen Infection wegen des nothwendigen wiederholten Oeffnens der Gefässe in hohem Grade vorhanden.

Einen experimentellen Beweis, dass der Schwitzprocess eine Bakterienwirkung ist, hat Villon6) geliefert. Er bewirkte die Sterilisation durch trockene Hitze und fand, dass die so sterilisirte Haut bei Ausschluss seiner Bacterie pilline unverändert blieb, bei Zutritt derselben aber nach einigen Tagen enthaarungsfähig wurde.

Wenn auch die Villon'schen Versuche nicht ganz einwandsfrei sind, so gilt doch die „Schwitze“ ganz allgemein als ein durch Bakterien bewirkter Fermentationsprocess, wozu übrigens auch das regelmässige Vorkommen der Bakterien auf den geschwitzten Häuten und die Analogie mit anderen Fäulnissprocessen, für welche der Beweis thatsächlich geliefert ist, berechtigt.

Etwas einfacher und bequemer liegt die Sache beim Aescherprocess, weil hier ein sorgfältiges und besonderes Auswaschen des Kochsalzes, das zur Conservirung bezieh. Sterilisirung der Haut gedient hat, nicht unbedingt nothwendig ist. Die Aescherflüssigkeit selbst dient hier als Mittel zur Auslaugung des Salzes; sie wird zwar dadurch zu einer verdünnten Salzlösung, deren Salzgehalt aber so gering ist, dass derselbe kein Hinderniss für die Aescherwirkung des Kalkes bildet, wie durch den oben mitgetheilten Versuch bestätigt wird und wie es auch in der Praxis bekannt ist.

Es wurde daher der Frage, ob das Enthaaren im Kalkäscher an die Gegenwart von Bakterien gebunden ist, oder eine reine Alkaliwirkung darstellt, oder ob beide Factoren vereinigt wirken, durch folgenden Versuch näher getreten:

Als Aeschergefässe dienten weithalsige Glasbüchsen von reichlich 1 l Inhalt, welche mit einer Aescherflüssigkeit gefüllt wurden, die aus 1 l destillirtem Wasser und 10 g gebranntem Kalk bereitet worden war. Es kam nun zunächst darauf an, die Gefässe nebst Inhalt von etwa vorhandenen lebensfähigen Bakterien zu befreien. Dies wurde nach dem Princip der fractionirten Sterilisation ausgeführt. Der weite Hals der Glasbüchsen wurde an seiner Aussenseite bis zur Mündungshöhe mit einer dicken Schicht von Salicylwatte umwickelt und mit einem umgekehrten Petri'schen Schälchen verschlossen. Die Salicylwatte wurde so dick um den Hals der Glasbüchse gelegt, dass der nach unten gekehrte Rand des Petri'schen Schälchens ringsum dicht an die Watte anschloss, ohne jedoch fest auf der Mündung der Glasbüchse aufzuliegen. Auf diese Weise war das Innere der Glasbüchse zwar bakteriendicht, aber nicht luftdicht abgeschlossen.

Eine grössere Anzahl so vorgerichteter und mit Weissäscher gefüllter Büchsen wurde nun in einen eisernen als Wasserbad dienenden Kasten gestellt, der mit einem übergreifenden Deckel verschlossen war. Der Wasserstand im Kasten war so bemessen, dass er einige Centimeter unter dem Hals der Glasbüchsen zurückblieb. Die Sterilisation der Aeschergefässe geschah nun durch Erhitzen des Wasserbades bis zum Sieden und ½ Stunde lang fortgesetztes Kochen. Nach 24 Stunden und nach 48 Stunden wurde die Operation wiederholt, so dass im Ganzen ein dreimaliges Erhitzen stattfand. Mehrmals wurden Proben entnommen, um die Sicherheit der Sterilisation durch das Plattenculturverfahren zu prüfen.

Zur Controle und zum Vergleich wurde eine Anzahl anderer Büchsen nur mit je 1 l destillirtem Wasser gefüllt, im Uebrigen aber genau so wie die mit Aescher gefüllten am Halse mit Salicylwatte umwickelt, mit Petri'schen Schälchen bedeckt und durch dreimaliges Erhitzen im Wasserbade sterilisirt. Es konnten nun zwei parallele Versuchsreihen angestellt werden über das Verhalten der Haut 1) in reinem sterilisirtem Wasser und 2) in sterilisirtem Kalkäscher, welcher auf 1 l Wasser 10 g gebrannten Kalk enthielt.

Die zu den Versuchen dienenden Hautstücke wurden dem grossen Vorrath in der gesättigten Kochsalzlösung entnommen und kamen direct mit dem Salz in die sterilisirten Gefässe. Die Ueberführung der Hautstücke geschah mit Pincetten, die unmittelbar vor dem Gebrauch durch Ausglühen sterilisirt worden waren. Um eine Infection mit Bakterien aus der Luft während des Transportes aus dem Vorrathsgefäss in die Versuchsgefässe thunlichst zu vermeiden, wurde die ganze Operation unter einem mit Glasdach überdeckten Gehäuse vorgenommen.

Unter solchen Vorsichtsmaassregeln wurden nun am 29. Juni Nachmittags je vier von den sterilisirtes Wasser und je vier von den sterilisirten Aescher enthaltenden Büchsen mit je einem Stück Haut beschickt und die Büchsen sofort wieder geschlossen. Die Versuchsbüchsen wurden dann bei Zimmertemperatur in einem Raume aufbewahrt, der vor director Besonnung geschützt war. Der Kürze wegen sollen im Folgenden die Versuchsgefässe nach ihrem Inhalt als „Wasserbüchsen“ bezieh. als „Kalkbüchsen“ bezeichnet werden.

Am 4. Juli Vormittags 9 Uhr, also nach beiläufig 5 Tagen, wurde je eine Wasserbüchse und eine Kalkbüchse geöffnet und daraus die Hautstücke unter denselben Vorsichtsmaassregeln herausgenommen, welche beim Einbringen beobachtet worden waren. Die Büchsen selbst wurden |92| sofort wieder geschlossen, um die bakteriologische Beschaffenheit der Flüssigkeiten untersuchen zu können.

Das aus der Wasserbüchse genommene Hautstück zeigte sich weich und nicht geschwellt und war anscheinend vollständig gesund. Das Enthaaren liess sich nicht ausführen. Das Wasser hatte keinen Fäulnissgeruch.

Dagegen war das aus der Kalkbüchse stammende Hautstück prall geschwollen und übrigens offenbar ganz gesund. Das Enthaaren geschah mit grösster Leichtigkeit und auch die Grundhaare liessen sich bequem entfernen.

Die bakteriologische Prüfung der Restflüssigkeiten wurde sofort (4. Juli) begonnen und zwar in der Weise, dass zweimal je 1 cc der Flüssigkeit mit 10 cc sterilisirter Gelatine vermischt zur Beschickung von Petri'schen Schälchen verwendet wurden. Die beiden aus dem Wasser stammenden Proben mögen mit A und B, die beiden aus dem Kalkäscher genommenen mit D und E bezeichnet werden. Gleichzeitig wurden noch mit einer sterilisirten Pincette sowohl von dem in Wasser als dem im Kalkäscher gelegenen Hautstücke einige Haare abgekratzt und in je 10 cc geschmolzener Gelatine vertheilt. Hiervon wurden gleichfalls Petri'sche Schälchen gegossen, welche bezieh. mit C (Wasser) und mit F (Kalkäscher) bezeichnet werden sollen.

Die Revision am 9. Juli ergab in den Schälchen A, B und C überall ziemlich viel Bakteriencolonien, darunter einige grosse verflüssigende und mehrere kleinere festwachsende von porzellanartigem Aussehen. Diese Bakterien mussten offenbar, da die Gefässe mit den Flüssigkeiten sterilisirt worden waren, von den Hautstücken stammen, und zwar waren es solche, welche von der concentrirten Kochsalzlösung, in der die Haut zuvor gelegen hatte, nicht getödtet worden waren und sich nach dem Einbringen in das Wasser vermehrt hatten.

Die mit Aescherflüssigkeit geimpften Petri'schen Schälchen D, E und F zeigten folgenden Befund: Im Schälchen D war eine Schimmelcolonie erschienen, aber keine Bakterien; die Schälchen E und F enthielten aber einige, freilich sehr wenige, festwachsende Colonien. Die geringe Zahl derselben lässt vermuthen, dass sie nicht aus der Kalkflüssigkeit stammen, sondern während der Versuchsoperationen aus der Luft auf die Gelatine gelangt sind.

Vergleicht man den Befund zwischen Wasser und Aescherflüssigkeit, so ist bemerkenswerth, dass vom Kochsalz nicht alle ursprünglich auf der Haut sitzenden Bakterien getödtet worden waren; daher in den Schälchen A, B und C viele Bakterien. Diese vom Kochsalz verschont gebliebenen Bakterien sind aber nachträglich durch das Kalkwasser getödtet worden.

Es wird hiernach wahrscheinlich, dass der Haarlockerungsprocess im Aescher ohne die active Mitwirkung von Bakterien erfolgt oder wenigstens erfolgen kann. Diese Vermuthung wird gestützt durch folgende weitere Versuche und Beobachtungen:

Am 11. Juli Nachmittags 3 Uhr wurde wieder je eine Wasserbüchse und eine Kalkbüchse geöffnet und zunächst die darin enthaltenen Hautstücke geprüft:

Die Haut aus der Wasserbüchse erwies sich weich und nicht geschwellt, wie im vorhergehenden Falle. Die Haare sassen noch ganz fest in der Haut und liessen sich nicht entfernen. Die Flüssigkeit zeigte einen ganz schwachen, fast zweifelhaften Geruch. Die Haut aus der Kalkbüchse dagegen war stark und prall geschwollen, ohne jede Spur von Fäulniss, und das Enthaaren wurde mit grösster Leichtigkeit vorgenommen.

Die Restflüssigkeiten wurden dann beide sofort wieder bakteriologisch untersucht und zwar in der Weise, dass je 10 cc Gelatine mit verschiedenen Mengen der Flüssigkeiten vermischt wurden und dann zur Beschickung von Petri'schen Schälchen dienten. Bezeichnen wir die Einzelversuche fortlaufend mit Buchstaben, so enthielten die Petri'schen Schälchen ausser den 10 cc Gelatine: G 1 cc Flüssigkeit aus der Wasserbüchse, H 0,1 cc desgl., J 0,01 cc desgl., K 1 cc Flüssigkeit aus der Kalkbüchse, L 0,1 cc desgl. und M 0,01 cc desgl. Die Abmessung der geringen Mengen von 0,1 und 0,01 cc geschah nicht direct mit der Pipette, sondern nach vorheriger entsprechender Verdünnung mit sterilisirtem Wasser.

Bei den Petri'schen Schälchen G, H und J zeigten sich nun schon nach 2 Tagen (am 13. Juli) so viel Bakteriencolonien, dass eine Zählung derselben gar nicht ausgeführt werden konnte, und noch einige Tage später war alles völlig zerflossen.

In den Schälchen K, L und M, welche mit Flüssigkeit aus der Kalkbüchse versetzt worden waren, war am 13. Juli überhaupt noch nichts zu sehen. Am 16. Juli schienen einige wenige Colonien aufzutauchen, aber erst am 20. Juli konnte mit Sicherheit folgender Befund constatirt werden. Bei K : 6 Schimmelcolonien und 1 festwachsende Bakteriencolonie, bei L : 3 Schimmelcolonien, 1 grössere, rosafarbige und einige sehr kleine, weisse, nicht verflüssigende Bakteriencolonien, bei M : 6 Schimmelcolonien und gar keine Bakterien.

Der Befund in den Schälchen G, H und J zeigt nun offenbar, dass in der Wasserbüchse während der Zeit bis zum 11. Juli eine starke Vermehrung derjenigen Bakterien stattgefunden hatte, die, vom Kochsalz nicht getödtet, mit der Haut noch hineingekommen waren. Für die Schälchen K, L und M aber drängt sich die Vermuthung auf, dass die wenigen Keime von Schimmel und Bakterien erst bei den Operationen der Verdünnung, des Giessens u.s.w. aus der Luft hinzugerathen sind – eine Vermuthung, welche durch eine gleich nachher noch zu erwähnende Beobachtung fast zur Gewissheit erhoben wird.

Am 27. Juli wurden nun die beiden noch übrigen Kalkbüchsen geöffnet. Die Hautstücke, welche darin gelegen hatten, waren geschwellt, liessen sich sehr bequem enthaaren und zeigten sich im Uebrigen vollkommen frisch und gesund, obgleich sie nunmehr 4 Wochen in der Aescherflüssigkeit verweilt hatten.

Am 3. August, also nach beiläufig 5 Wochen, wurden auch die dritte und vierte Wasserbüchse geöffnet. Das Wasser reagirte jetzt alkalisch und besass einen ziemlich starken Fäulnissgeruch. Die Hautstücke waren weich, verdorben und verfallen, wie in einem faulen Aescher, und liessen sich nunmehr ohne jede Schwierigkeit enthaaren. Flüssigkeit und Haut waren aber jetzt beide, wie sich sogleich zeigen wird, stark bakterienhaltig.

Wenn wir die Ergebnisse der Versuche über das Verhalten der Haut in Kalkwasser und in reinem Wasser nochmals kurz einander gegenüber stellen, so finden wir, dass die Lockerung der Haare und die Loslösung der Epidermis von der Lederhaut erfolgt: im Kalkäscher in kurzer Zeit und ohne Mitwirkung von Bakterien, in reinem Wasser dagegen erst nach langer Zeit, nachdem sich die Fäulnissbakterien vermehrt und nachdem durch die Bildung |93| von Ammoniak die Flüssigkeit alkalisch geworden ist. Da die Haarlockerung demnach sowohl bei Abwesenheit als auch bei Gegenwart von Bakterien erfolgen kann, so muss man den Schluss ziehen, dass dieselben als unmittelbare und directe Ursache im Kalkäscher wenigstens überhaupt nicht in Betracht kommen, sondern dass der Uebergang der Haut in den enthaarungsfähigen Zustand lediglich eine Folge der alkalischen Reaction des Aeschers ist.

Es steht damit im Einklang, dass das Enthaaren auch vorgenommen werden kann in Lösungen, welche so stark alkalisch sind, dass von einer Lebensfähigkeit oder Lebensthätigkeit der Bakterien darin schlechterdings nicht mehr die Rede sein kann, wie z.B. in Lösungen von Soda, Potasche oder Kali- oder Natronlauge u.s.w. Das sogen. Anschärfen eines Aeschers in der Praxis, welches durch Zusatz einer der genannten Substanzen geschieht und die Haarlockerung beschleunigen soll, wirkt zunächst auch in der Weise, dass die Alkalität verstärkt wird.

Ob sich aber die erst spät eingetretene Enthaarungsfähigkeit der Hautstücke in den am 3. August geöffneten Wasserbüchsen als eine Wirkung des alkalisch gewordenen Wassers erklären lässt, oder als eine unmittelbare Wirkung specifischer Bakterien, welche die Malpighi'sche Schicht zerstören, muss mit Rücksicht auf neuerliche Versuche von Schmitz-Dumont vorläufig noch unentschieden bleiben.7)

Um den Werth oder Unwerth der Bakterien beim Aescherprocess noch weiter zu prüfen, wurde nun der Inhalt der einen am 3. August geöffneten Wasserbüchsen, der nach dem obigen Befunde offenbar reich an Fäulnissbakterien war, dazu benutzt, zu prüfen, ob diese Bakterien in der That von Kalkwasser getödtet werden.

Zu diesem Zwecke wurden zwei Versuchsreihen angestellt: 1 cc Flüssigkeit aus der Wasserbüchse wurde, nachdem diese zuvor stark geschüttelt worden war, mit 100 cc sterilisirtem Wasser verdünnt; von dieser Verdünnung wurde 1 cc wieder mit 100 cc sterilisirtem Wasser verdünnt und von dieser zweiten in derselben Weise noch eine dritte Verdünnung hergestellt, so dass die Verdünnungsgrade 0,01, 0,0001 und 0,000001 waren. Zugleich wurde noch 1 cc Flüssigkeit aus derselben Wasserbüchse benutzt, um wieder drei Verdünnungen von demselben Grade herzustellen; als Verdünnungsmittel in dieser zweiten Versuchsreihe wurde aber nicht reines Wasser, sondern sterilisirtes Kalkwasser benutzt.

Diese sechs Flüssigkeiten wurden nun in Kölbchen, die mit Baumwollpfropfen versehen waren, vom 3. bis 6. August unter häufigem Umschütteln stehen gelassen und dann zur Anlegung von Culturen in Petri'schen Schälchen benutzt, nachdem von jeder der sechs Flüssigkeiten nunmehr nochmals eine Verdünnung von 1 : 100 mit sterilisirtem Wasser hergestellt worden war. Von diesen letzteren Verdünnungen erhielt nun jedes Petri'sche Schälchen 1 cc auf 10 cc Gelatine.

Der Kürze wegen mögen die sechs Schälchen wieder mit Buchstaben bezeichnet werden und zwar die ersten drei, bei denen die Originalflüssigkeit mit Wasser verdünnt war, der Reihe nach mit N, O, P, so dass P die stärkste Verdünnung bezeichnet, die anderen drei, bei denen die Verdünnung der Originalflüssigkeit mit Kalkwasser geschah, mit Q, R, S, so dass wieder S die stärkste Verdünnung bezeichnet.

Nach 3 Tagen wurden in den Schälchen N und O zwar Bakterien bemerkt, welche indessen in der Entwickelung noch sehr weit zurück waren. Nach 5 Tagen (am 11. August) wurde eine Zählung der Colonien vorgenommen und dabei folgender Thatbestand constatirt:

Das Schälchen N enthielt so viele Colonien, dass eine Zählung unmöglich war; übrigens war die Gelatine durch einige Bakterien zum grössten Theil verflüssigt.

Im Schälchen O wurden 4176 Colonien gezählt. Im Schälchen P war an diesem Tage noch nichts zu bemerken, jedoch 4 Tage später erschienen noch nachträglich 18 Colonien.

Das Schälchen Q enthielt eine einzige Bakteriencolonie, R enthielt eine Schimmelcolonie und S war vollständig steril.

Mit diesem Befunde könnte man sich begnügen und damit den Beweis als geliefert erachten: 1) dass die Bakterien, welche von der ursprünglichen Conservirungsflüssigkeit – der Kochsalzlösung – nicht getödtet worden waren und aus dieser mit der Haut in den Kalkäscher kamen, durch den Kalk getödtet worden sind; 2) dass die wenigen Bakterien, welche in den oben mit D, E, F und K, L, M bezeichneten Versuchen erschienen waren, aus der Luft stammten und erst während der Operationen des Giessens u.s.w. hinzugekommen sind; 3) dass demnach die Lockerung der Haare und der Epidermis im Aescher nicht durch Bakterien, sondern lediglich durch den Kalk bewirkt wird.

Da indessen bei strenger Beurtheilung die Resultate immerhin nicht absolut einwandsfrei sind, so wurde noch eine neue Versuchsreihe angesetzt mit einigen unwesentlichen Abänderungen.

Zunächst wurden die Hautstücke aus der conservirenden Kochsalzlösung in 99procentigen Alkohol gebracht, damit derselbe noch weiter vernichtend auf diejenigen Bakterien einwirken sollte, welche etwa vom Kochsalz unversehrt geblieben waren. Die neuen Versuche wurden am 16. Juli Nachmittags damit begonnen, dass dreimal je zwei Hautstücke aus der Kochsalzlösung genommen, zusammen in eine Glasbüchse von 1 k Inhalt gebracht und mit 99procentigem Alkohol übergossen wurden. Der Alkohol wurde an den folgenden 3 Tagen jedesmal wieder durch frischen ersetzt, so dass die Hautstücke bis zur weiteren Behandlung im Ganzen 4 Tage in Alkohol gelegen hatten.

Am 20. Juli wurden nun von den sechs Hautstücken je drei in sterilisirtes Wasser und je drei in Kalkäscher und zwar unter genau denselben Vorsichtsmaassregeln, wie oben ausführlich beschrieben worden ist, gebracht und ebenso wie bei der vorigen Versuchsreihe weiter behandelt.

Der Kürze wegen sollen die sechs Gefässe ihrem Inhalt entsprechend wieder als „Kalkbüchsen“ bezieh. als „Wasserbüchsen“ bezeichnet werden.

Am 24. Juli wurde je eine Kalkbüchse und Wasserbüchse geöffnet, wobei sich folgender Befund ergab:

Die Haut aus der Wasserbüchse zeigte sich schlaff und nicht geschwellt, übrigens aber frisch und geruchlos und mit festsitzenden Haaren. Im Gegensatze dazu war das Hautstück aus der Kalkbüchse deutlich geschwellt und liess sich bequem und vollständig enthaaren.

Die Restflüssigkeiten beider Gefässe wurden wieder bakteriologisch untersucht durch Vermischung verschiedener Mengen der Originalflüssigkeiten mit je 10 cc Nährgelatine und Cultur in Petri'schen Schälchen.

|94|

Bezeichnen wir die Schlichen, welche zu den Einzelversuchen dienten, fortlaufend mit Buchstaben, so enthielten dieselben

α 1 cc Flüssigkeit aus der Wasserbüchse
β 0,1 cc
γ 0,01 cc
δ 1 cc Kalkbüchse
ε 0,1 cc
ζ 0,01 cc

Die Abmessung der geringen Mengen von 0,1 und 0,01 cc geschah wieder nach vorheriger Verdünnung mit sterilisirtem Wasser.

Ausserdem wurden noch der Haut aus der Kalkbüchse, bevor sie enthaart wurde, einzelne Haare mit einer frisch ausgeglühten Zange entnommen, in ein bereit gehaltenes Petri'sches Schälchen mit flüssiger Gelatine gebracht und mit einem ausgeglühten Platindraht darin verrührt. Dieser Versuch wurde zweimal angesetzt; die beiden Schälchen mögen mit η' und η'' bezeichnet werden.

Die Herrichtung dieser sämmtlichen Versuche geschah am 24. Juli.

Bereits nach 2 Tagen (26. Juli) waren in den Schälchen α, β und γ viele Colonien erschienen; wegen ihrer Kleinheit wurde aber von einer Zählung noch Abstand genommen. Am folgenden Tage (27. Juli) war ihre Menge bei α, und β bereits so gross, dass eine Zählung nicht mehr ausgeführt werden konnte; γ ergab 382 Bakteriencolonien, worunter viele grosse verflüssigende.

Die Revision der Schälchen δ, ε, ζ und η ergab am 26. und 27. Juli einen durchaus negativen Befund. Am 4. Tage (28. Juli) zeigte sich

bei δ nichts,
ε
„ ζ 2 Colonien,
η' 1 Schirnmelcolonie,
η'' nichts,

Am 6. Tage (30. Juli) wurde beobachtet:

bei δ 2 Bakteriencolonien,
ε nichts,
ζ 1 Bakteriencolonie und 1 Schimmelcolonie,
η' 1 Schimmelcolonie,
η'' 1 „

Inzwischen und zwar am 26. Juli waren wieder je eine Wasserbüchse und eine Kalkbüchse geöffnet worden, wobei sich Folgendes ergab:

Die Haut, welche in Wasser gelegen hatte, war nicht anders beschaffen als die 2 Tage früher dem Wasser entnommene, und die Haare sassen noch ganz fest. Die Haut aus der Kalkbüchse aber war gut geschwellt und liess sich vorzüglich enthaaren.

Auch diesmal wurden bakteriologische Prüfungen angestellt mit den Restflüssigkeiten und mit einzelnen Haaren in ganz analoger Weise wie vorher. Die einzelnen Punschen Schälchen enthielten demnach:

ϑ 1 cc Flüssigkeit aus der Wasserbüchse,
ι 0,1 cc
χ 0,01 cc
λ 1 cc Kalkbüchse,
μ 0,1 cc
ν 0,01 cc
ο' und ο'' je einige in der Gelatine vertheilte einzelne Haare
von dem der Kalkbüchse entnommenen Hautstück.

Der bakteriologische Befund war folgender: Schon nach 2 Tagen waren bei ϑ, ι und χ so massenhafte Colonien erschienen, dass eine Zählung unmöglich war, und am 4. Tage (30. Juli) war alles total zerflossen. Bei den mit Aescherflüssigkeit angestellten Versuchen war bis zum 3. Tage noch keine Colonie erschienen. Am 4. Tage zeigte sich bei λ eine Schimmelcolonie, bei μ, ν und ο nichts. Am 6. Tage wurde beobachtet:

bei λ 1 Schimmelcolonie und 1 Bakteriencolonie,
μ nichts,
ν
ο' 1 Schimmelcolonie und 1 Bakteriencolonie,
ο'' 2 Schimmelcolonien „ 1 „

Nach diesen Ergebnissen wurde auf die Untersuchung der dritten Wasser- und Kalkbüchse verzichtet.

Beide Versuchsreihen zusammengehalten haben nun unzweifelhaft zwei für die Gerberei wichtige Thatsachen ergeben, nämlich, dass bei einer in Wasser untergetauchten Haut die Lockerung der Haare und Epidermis nicht sogleich stattfindet, auch wenn zahlreiche Bakterien vorhanden sind, sei es nun wegen Mangel an alkalischer Reaction oder sei es wegen unterdrückter Entwickelung specifischer die Malpighi'sche Schicht zerstörender Bakterienarten; dass dagegen die Haare und die Epidermis sich schnell und gleichmässig von der Lederhaut trennen lassen durch Behandlung der Haut mit Kalkwasser, selbst wenn gar keine Bakterien vorhanden sind.

Hieraus rechtfertigt sich aber weiter der Schluss, dass die Vorbereitung der Haut zum Enthaaren durch den Aescherprocess von Bakterien überhaupt unabhängig und nur eine Wirkung der alkalischen Reaction des Kalkes ist.

Wenn Villon an dem schon mehrfach angeführten Orte8) an den Satz: „L'échauffe est une fermentation particulière causée par un microbe déterminé“ unmittelbar den folgenden reiht: „L'épilage à la chaux est causé par la même fermentation“ und dazu weiterhin noch hervorhebt, dass „la peau ne se dépile pas en présence de la chaux après sterilisation“, so steht dies mit den v. Schroeder'schen Versuchsergebnissen in Widerspruch und kann nicht mehr aufrecht erhalten werden.

|91|

Als geeignete Mittel zur Sterilisation der Haut ohne weitere Veränderung derselben haben sich nach neueren Versuchen von Schmitz-Dumont das xanthogensaure Kali und die Dämpfe von Schwefelkohlenstoff erwiesen. – D. p. J. 1896 300 S. 142.

|91|

Villon, l. c. S. 487.

|93|

D. p. J. 1896 300 S. 139.

|94|

l. c. S. 487.

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