Titel: Neu dargestellte Carbide.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301/Miszelle 5 (S. 24)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/mi301mi01_5

Neu dargestellte Carbide.1)

Der Name Carbid kam vor etwa Jahresfrist in Aller Mund, als ein leicht verfolgbarer Darstellungsweg des Calciumcarbids entdeckt worden war und die Eigenschaft dieser Kohlenstoffverbindung, sich in Berührung mit kaltem Wasser unter Ausscheidung von Acetylengas zu zersetzen, industrielle Hoffnungen auf gewerbliche Verwendung erweckt hatte. Die Darstellung weiterer Carbide oder Carburete verdanken wir insbesondere Henri Moissan. Wie genannter Forscher nachwies, wächst das Bestreben des Kohlenstoffs, sich an Metalle und Metalloide anzuschliessen, mit steigender Temperatur und vermag derselbe zahlreiche, wohl bestimmte krystallinische Verbindungen mit Metallen zu bilden. Von diesen lassen verschiedene, so insbesondere diejenigen des Chroms, des Molybdäns und des Titans gar keine Einwirkung auf Wasser von gewöhnlicher Temperatur erkennen, andere dagegen zersetzen sich in kaltem Wasser schnell zu Metalloxyd und gasförmigem Kohlenwasserstoff. Die Natur des letzteren ist nicht überall die gleiche. Reines Acetylengas liefern die nach der Formel C2R constituirten krystallinischen Carbide der Erdalkalien; auch das in neuester Zeit von Moissan dargestellte Lithiumcarbid (C2Li) thut dies und entspricht darin den krystallisirten Carbiden des Calciums, Bariums und Strontiums. Das Aluminiumcarbid (C3Al4) dagegen und das Carbid des Gluciniums oder Berylliums (CGl2) geben Methangas.

Gewisse Carbide aber besitzen nun, wie H. Moissan in Comptes rendus, 1896 S. 274, berichtet, ein davon ganz abweichendes Verhalten, indem bei ihrer Zersetzung nicht nur ein Kohlenwasserstoff, sondern mehrere von verschiedener Art entstehen. Es sind dies das Urancarbid, dasjenige des Ceriums und auch das des Mangans. Das Urancarbid von der Formel C3Ur2 ist ein metallglänzender krystallinischer Körper von 11,28 spec. Gew., der etwas weniger hart als Bergkrystall ist und, ebenso wie das Uraniummetall, mit einem anderen harten Materiale geschlagen, brillante Funken gibt, beim unvorsichtigen Pulvern im Achatmörser Feuer fängt und weiter brennt.

Bei seiner Zersetzung in kaltem Wasser geht etwa der dritte Theil des in ihm enthaltenen Kohlenstoffes in eine gasförmige, an Methan reiche Verbindung über, während die übrige Masse des Kohlenstoffes ein Gemenge von flüssigen und festen Kohlenstoffverbindungen und von bituminösen Substanzen liefert. Nach Moissan ist diese Entstehung mannigfaltiger Gebilde den Polymerisationserscheinungen zuzurechnen und entspricht den ähnlichen Vorgängen, welche Berthelot in seinen Untersuchungen der pyrogenen Zersetzung von Kohlenwasserstoffen beschrieben hat.

In gleicher Weise liefert Ceriumcarbid von der Formel C2Ce mit kaltem Wasser ein Gemenge von gasförmigem Acetylen, Aethylen und Methan mit mehr condensirten flüssigen und festen Kohlenwasserstoffverbindungen.

Wie Moissan betont, erscheinen diese Vorgänge deshalb von Bedeutung, weil man hier nur durch Einwirkung von kaltem Wasser auf eine Metallverbindung, welche nicht organischen Ursprungs ist, zugleich gasförmige, flüssige und feste Kohlenwasserstoffe enthält. Auf dem Wege zur rein chemischen Darstellung solcher Substanzen, zu deren Gewinnung man bislang vom organischen Lebensprocess gelieferten Rohstoff bedurfte, ist hierbei ein bedeutender Schritt vorwärts gemacht worden.

Das Mangancarbid Mn3C, von dessen Darstellung Moissan in Comptes rendus, Nr. 8, berichtete und das er im elektrischen Ofen bei 1500 bis 3000° aus einem Gemenge von 200 Thl. Manganoxyd mit 50 Thl. Zuckerkohle gewann, zeigt ein wiederum etwas abweichendes Verhalten; dieser sich schon an der Luft zersetzende Körper von 6,89 Dichte bildet nämlich, wenn er rein ist, mit Wasser von gewöhnlicher Temperatur nur ein Gasgemenge, das zur Hälfte aus Methan, zur anderen Hälfte aus Wasserstoff besteht. Der Umwandelungsvorgang stellt sich dar nach der Formel

Mn3C + 6H2O = 3Mn (HO)2 + CH4 + H2.

Noch neueren Datums sind die Mittheilungen über Carbide, welche sich zum Theil ähnlich wie die oben gekennzeichneten Uran- und Cercarbide verhalten, zum Theil aber neue Räthsel aufgeben; jene hat Moissan in Gemeinschaft mit Etard, diese mit Lengfeld dargestellt. Erstgemeinte sind die in durchsichtigen Krystallen ausgebildeten Carbide von Yttrium und Thorium (C2Y und C2Th), jenes von 4,13, dieses von 8,96 Dichte. Das Yttriumcarbid zersetzt sich in kaltem Wasser zu weissem Ytteroxydhydrat und einem an Acetylen reichen Gemenge von gasförmigen Kohlenwasserstoffen mit etwas Wasserstoff (71,8 Proc. Acetylen, 19 Methan, 4,6 Aethylen und 4,7 Wasserstoff), wogegen das Thoriumcarbid in diesem Falle mehr Wasserstoff und weniger Acetylen liefert, nämlich 47,7 Proc. Acetylen, 29,3 Methan, 5,7 Aethylen, 17,1 Wasserstoff und eine geringe Menge flüssiger und fester Kohlenwasserstoffe. – Die zweite Andeutung bezieht sich auf ein neu gewonnenes Carbid des Zirkoniums; ein anderes Carbid von der Formel C2Zr hatte vorher schon Troost innerhalb des elektrischen Lichtbogens bei einem schwachen Strom von 35 Ampère und 70 Volt dargestellt; nun ist bei noch geringerer Hitze, ausserhalb des Lichtbogens, das Carbid CZr in grauen, metallisch glänzenden Krystallen erhalten worden, welche an Härte dem Rubin beinahe gleichkommen und sich nicht, weder in feuchter noch in trockener Luft und bis zu 100° erwärmt, verändern. Daher zersetzen sie sich auch nicht im Wasser, weder im kalten noch im warmen. (Nach O. L. in Stahl und Eisen)

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Vgl. 1893 289 * 164.

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