Titel: Befestigungsschrauben für Feinmechanik und Elektrotechnik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301/Miszelle 4 (S. 71)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/mi301mi03_4

Befestigungsschrauben für Feinmechanik und Elektrotechnik.

Seit ungefähr 4 Jahren haben die Mechaniker und Elektrotechniker Deutschlands beschlossen, ein einheitliches nach dem metrischen System hergestelltes Gewinde zur allgemeinen Einführung zu bringen. Der Grund zu diesem Beschluss war das grosse Chaos von allerhand Gewinden, das zu einer unerträglichen Verwirrung geführt hatte. Dazu kam noch, dass das bisher gebräuchliche englische Gewinde für feinere Schrauben zu grob war. So z.B. haben die bisherigen westfälischen Kluppen für 3,5 mm Bolzendurchmesser etwa 36 Umgänge auf den englischen Zoll. Das neu eingeführte Gewinde ist feiner und zweckentsprechender und hat eine Steigung von 0,6 mm; das macht 42,3 Umgänge auf den englischen Zoll.

Unter der Bezeichnung Ring- und Scherenkluppen für Uhrmacher, welche bekanntlich zum allerwenigsten von diesen gebraucht werden, sondern auch in der Elektrotechnik und der Feinmechanik ganz allgemein Anwendung finden, sind Backen für 2 bis 8 mm je ein halbes Millimeter steigend vorgesehen. Die Gewinde dieser noch allgemein im Handel befindlichen Kluppen sind aber nicht Millimetergewinde, sondern altes englisches Gewinde, welches heute in der Elektrotechnik und Feinmechanik keine Anwendung mehr finden soll. Die meisten Fabriken haben bereits das Millimetergewinde angenommen. Die Kluppenfabrikanten und Eisenwaarenhandlungen scheinen aber hiervon noch keine rechten Kenntnisse zu haben; denn in kaum einer Eisenwaarenhandlung des grossen Berlin, selbst den grössten Werkzeughandlungen erhält man Kluppen mit Millimetergewinde. Wohl kann man vereinzelt theuere Gewindekluppen für Millimetergewinde auftreiben, aber der sehr theuere Preis (27 M. und mehr) schreckt die Käufer ab, so dass die sich lieber mit alten englischen Gewinden behelfen, das sie, Kluppe mit 8 Gewinden, überall in guter Qualität für etwa 6 M. kaufen können.

Es macht für den Fabrikanten nicht die geringste Mühe mehr, englisches oder Millimetergewinde einzuschneiden. Es lässt sich daher die sogen. Ringkluppe für Uhrmacher zu demselben Preise in eine Ringkluppe für Elektrotechnik, d.h. mit Millimetergewinde herstellen und zu demselben Preise verkaufen. Warum dies bis jetzt noch so wenig geschehen zu sein scheint, liegt wohl mehr an der Unkenntniss der Eisenwaarenhandlungen einerseits, als andererseits auch der Käufer selbst, die sich recht häufig in diesem Punkte selbst im Unklaren sind. Es kommt dies daher, weil die bisherigen Kluppen allerdings für Bolzendurchmesser in Millimeter gemacht sind. Der Käufer sowohl wie der Verkäufer ist daher fast immer der ganz irrigen Ansicht, deshalb auch Millimetergewinde zu kaufen und zu verkaufen. Dadurch entstehen fortwährende Verwechselungen und unliebsame Auseinandersetzungen.

Einer derjenigen Männer, welcher sich um die Einführung des Millimetergewindes Jahre hindurch bemüht und dessen Bemühung endlich von Erfolg gewesen ist, war der verstorbene Dr. Löwenherz, Geh. Regierungsrath in der physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Berlin-Charlottenburg. Ihm zu Ehren hat der vierte deutsche Mechanikertag im December 1892 in München beschlossen, das neue Millimetergewinde „Löwenherzgewinde“ zu nennen. Diese Bezeichnung hat sich gut eingeführt und ist deshalb zu empfehlen, weil sie jeden Irrthum ausschliesst.

Die bisherigen Kluppen für Uhr- und Büchsenmacher u.s.w. enthalten gewöhnlich folgende Backen:

5/16'' engl. = 8,2 mm Zahl der Gänge für 1'' engl. = 18
¼'' „ = 6,6 „ „ „ „ „ 1'' „ = 20
5,5 „ „ „ „ „ 1'' „ = 24
4,0 „ „ „ „ „ 1'' „ = 28
3,5 „ „ „ „ „ 1'' „ = 36
3,0 „ „ „ „ „ 1'' „ = 42
2,5 „ „ „ „ „ 1'' „ = 48
2,0 „ „ „ „ „ 1'' „ = 54

Man erkennt auf den ersten Blick, dass diese Zusammenstellung ganz unrationell ist, denn die Zusammenstellung von 5/16 und ¼'' engl. mit den übrigen Nummern passt nicht hierher. Sie ist aber insofern für die Werkstätte praktisch, als 5/16 und ¼'' engl. ungemein häufig gebraucht werden und auch in Zukunft noch immer in jeder Werkstätte nothwendig sind.

Die Gewinde der übrigen Nummern aber sind durch das Löwenherzgewinde veraltet. Wir meinen daher, dass in Zukunft alles englische Gewinde, d.h. von ¼'' aufwärts, für die gewöhnliche schräge und andere Kluppen vorbehalten sein müsse, dass aber für die Feinmechanik und Elektrotechnik die Ring- und Scheerenkluppe ausschliesslich Löwenherzgewinde führen solle.

Das Löwenherzgewinde ist nach folgendem System construirt:

a) Gangformwinkel: 53°8'. Abflachung: aussen und innen je ⅛ der Ganghöhe (oder der idealen Gangtiefe).

b) Abmessung:

Durchmesser Steigung Kernstärke
mm mm mm
10 1,4 7,9
9 1,3 7,05
8 1,2 6,2
7 1,1 5,35
6 1,0 4,5
5,5 0,9 4,15
5 0,8 3,8
4,5 0,75 3,375
4 0,7 2,95
3,5 0,6 2,6
3 0,5 2,25
2,6 0,45 1,925
2,3 0,4 1,7
2 0,4 1,4
1,7 0,35 1,175
1,4 0,3 0,95
1,2 0,25 0,825
1 0,25 0,625

Für den gewöhnlichen Werkstättengebrauch in der Elektrotechnik genügen die Bolzenstärken von 7 mm bis 3 mm. Die gröberen Nummern werden seltener gebraucht, ebenso die ganz feinen unter 2 mm. Eine gute Zusammenstellung wäre auch die mittlere Lage von 5 mm bis 2 mm.

Wie schon bemerkt, ist uns wohl bekannt, dass theuere Kluppen mit Löwenherzgewinde im Handel zu haben sind; es wäre uns aber auch erwünscht zu wissen, ob die westfälischen Fabrikanten bereits die Ringkluppe mit Löwenherzgewinde zu demselben Preise oder einem ähnlichen liefern, wie die englischen Gewinde. Es wäre dies wohl an der Zeit. Auch wäre es an der Zeit, endlich mit dem alten Gewinde nach und nach aufzuräumen.

Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch erwähnen, dass die Preislisten der Eisenwaarenhandlungen Kluppen mit „Mikrometergewinde“ enthalten. Das sogen. Mikrometergewinde hat mit dem Millimetergewinde gar nichts gemein, als eine ähnlich klingende Bezeichnung, die zur Irreführung geeignet ist. Das sogen. Mikrometergewinde basirt auf dem amerikanischen Sellersgewinde und hat einen Gangformwinkel von 60° (Löwenherz hingegen 53° 8'). Das Mikrometergewinde ist in Deutschland ganz und gar ungebräuchlich. Wer es kauft, kennt es offenbar nicht und erhält etwas ganz anderes, als er bedarf und brauchen kann. Dasselbe sollte möglichst bald aus allen Werkzeughandlungen entfernt und die Backen durch solche des allein gangbaren Löwenherzgewindes ersetzt werden.

(Eisenztg.)

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