Titel: Die elektrische Beleuchtung am Kaiser Wilhelm-Kanal.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301/Miszelle 5 (S. 71–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/mi301mi03_5

Die elektrische Beleuchtung am Kaiser Wilhelm-Kanal.1)

Wirklicher Geheimer Rath Baensch berichtet über diesen Gegenstand im Centralblatt der Bauverwaltung vom 30. Mai 1896:

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Die elektrische Beleuchtungsanlage am Kaiser Wilhelm-Kanal, welche von der Actiengesellschaft Helios in Köln-Ehrenfeld ausgeführt worden ist, hat während und nach der Ausführung die Fachkreise vielfach beschäftigt. Da die Aufgabe, einen 98 km langen Weg elektrisch zu beleuchten, bisher noch nicht gestellt worden war, so wurde zunächst die Ausführbarkeit einer solchen Anlage mannigfach bestritten, jedenfalls aber sollten die Sicherheit und Wirthschaftlichkeit des Betriebes fraglich sein. Nachdem die Anlage aber nunmehr ¾ Jahre unter dem Einfluss der verschiedenen Jahreszeiten im Betrieb gewesen ist, lassen sich Wirkung, Betriebssicherheit und Wirthschaftlichkeit beurtheilen.

In Brunsbüttel und Holtenau ist die Beleuchtung der Innenräume, der Schleusenmauern und Plätze eine reichliche; auch die Hafenleuchten und die Signallichter genügen ihrem Zweck vollkommen. Bei der Kanalstrecke sollte eigentlich von einer „Beleuchtung“ nicht die Rede sein, da weder die Absicht bestand, noch die Mittel aufgewandt werden sollten, die 98 km lange Strecke im eigentlichen Sinne zu „beleuchten“. Es handelte sich vielmehr von Anfang an nur um deutliche Markirung der Fahrstrasse während der Nacht. Dieser Zweck ist durch die getroffene Anordnung so vollkommen erreicht, dass der Kanal des Nachts ebenso sicher befahren werden kann wie am Tage. Die Sicherheit des Betriebes ist so gross, dass irgend welche Unterbrechungen in den Maschinenstationen und den örtlichen Beleuchtungsanlagen bei Brunsbüttel und Holtenau überhaupt noch nicht vorgekommen sind; auch die Streckenbeleuchtung hat dank der sehr einfachen Leitungsanlage eine hohe Betriebssicherheit. Die Leitung besteht nämlich auf jeder Kanalseite nur aus zwei Drähten, und deshalb sind selbst während andauernder schwerer Stürme Berührungen und Verschlingungen der Drähte, also Kurzschlüsse, nur ganz ausnahmsweise aufgetreten.

Bei Kreuzungen mit den Luftleitungen der kaiserlichen Post und zum Zweck der Unterführung unter dem Kanal und den anschliessenden Wasserläufen mussten die Luftleitungen durch unterirdische Kabel ersetzt werden. An den Anschlussstellen dieser Kabel traten in Folge der hohen Spannung und der grossen Leitungslängen erhebliche Ladungserscheinungen auf, welche sich, den Witterungsverhältnissen entsprechend, theilweise derart verstärkten, dass an den Kabelanschlüssen in Folge der Entladung eine Erwärmung und damit verbunden eine Gefährdung der Isolation mehrfach vorkam. Diese Störungen betrafen indessen stets nur einen Theil der Kanalbeleuchtung auf einer Seite, was für die Schiffahrt zwar unbequem war, obwohl auch die Beleuchtung auf einer Seite ohne Unterbrechung durchgeführt werden konnte.

Die Beseitigung dieser Vorkommnisse bot erhebliche Schwierigkeiten. Es scheint jetzt jedoch gelungen zu sein, diese Schwierigkeiten zu überwinden, so dass die Anlage auch in dieser Beziehung den zu stellenden hohen Anforderungen genügt. Uebrigens sind alle Maassnahmen derart getroffen, dass eine möglichst schleunige Beseitigung aller etwaigen Betriebshindernisse gewährleistet ist.

Die Wirthschaftlichkeit des Betriebes entspricht den Erwartungen vollkommen. Von der gesammten in den Betriebsanlagen für die Strecke erzeugten elektrischen Energie gehen trotz der grossen Länge der Strecken in den Leitungen, Inductionsspulen und Transformatoren nur etwa 26 v. H. verloren, die im Licht nicht zur Geltung kommen.

Dass Handelsdampfer den Kanal nicht bei Nacht durchfahren wollen, kommt nicht mehr vor. Kriegsschiffe ziehen aber überhaupt zumeist die Tagesfahrt vor, ohne jedoch auf die Nachtfahrt absichtlich zu verzichten. Nach alledem muss man die ganze Anlage, wie sie von der Actiengesellschaft Helios hergestellt ist, als eine vortrefflich gelungene Ausführung bezeichnen, durch welche die Kanalverwaltung in allen ihren Anforderungen vollständig befriedigt worden ist.

-r.

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Vgl. 1896 299 216.

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