Titel: Die Ursache des sogen. Wurmfrasses im Holz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301/Miszelle 4 (S. 119–120)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/mi301mi05_4

Die Ursache des sogen. Wurmfrasses im Holz.

Neuere Untersuchungen über die Physiologie der Holzgewächse haben Ergebnisse von praktischer Bedeutung zu Tage gefördert.

Die nachstehenden Ausführungen mögen zeigen, wie nützlich es wäre, wenn der Pflanzenphysiologe die sogen. „Nebenergebnisse“ seiner Forschungen denjenigen zugänglich machte, welche zu ihrer praktischen Verwerthung berufen sind. An einem Beispiel sei gezeigt, was in dieser Richtung erreicht werden könnte.

Nach den Beobachtungen von Émile Mer (Compt. rend., T. 67 S. 694 ff.) ist stärkereiches Holz am meisten dem Wurmfrass |120| ausgesetzt; er folgert daraus, dass die Stärke des Holzes den Insecten als Nahrung dient. In der That ist das von den Insecten aus dem befallenen Holze herausbeförderte Holzmehl stets frei von Stärke. Zu einem Versuche stellte Mer Scheiben aus Eichenholz 3 Jahre hindurch an einem Orte auf, an welchem sie dem Wurmfrass sehr ausgesetzt waren. Aus einzelnen Scheiben war zuvor die Stärke vollständig, aus anderen nur theilweise entfernt worden, während die übrigen den normalen Stärkegehalt besassen. Die Scheiben waren während des Versuchs in regellosem Durcheinander aufgestellt. Nach Ablauf der Versuchszeit zeigten sich die Versuchsobjecte nach Maassgabe ihres Stärkegehaltes von den Insecten angegriffen: die stärkereichen Scheiben waren gänzlich zerfressen, die stärkeärmeren nur wenig, die stärkefreien dagegen waren vom Wurmfrass verschont geblieben.

Es ist wahrscheinlich, dass Versuche mit anderen Hölzern das gleiche Resultat ergeben haben würden. Jedoch darf nicht übersehen werden, dass in bestimmten Fällen neben der Stärke Stoffe vorhanden sein oder sich bilden können, welche geeignet sind, die schädlichen Insecten fernzuhalten. Diese Vermuthung lässt sich nur durch Versuche entscheiden, deren bisher keine veröffentlicht worden sind, obschon sie in Folge von Mer ausgeführter Untersuchungen so nahegelegt wurden.

Mer beobachtete, dass bei Entrindung des Stammes 3 oder 4 Monate vor dem Fällen die Stärke aus der entrindeten Region völlig verschwindet. Eine derartige Entstärkung lässt sich sogar schon durch eine einfache Ringelung von mehreren Centimetern Länge in der oberen Stammhälfte erreichen unter der Voraussetzung, dass die etwa sich neu bildenden Triebe entfernt werden. Als geeignetste Zeit für die Vornahme der Ringelung bezeichnet Mer das Frühjahr (Ende Mai).

Die Mer'schen Vorschläge zur Entstärkung des Holzes können für die Praxis nicht in Betracht kommen, weil ihre Ausführung zu kostspielig und umständlich sein würde.

Diese künstliche Entstärkung ist indess in vielen Fällen entbehrlich, weil sie von der Natur auch ohne künstliche Anregung herbeigeführt wird. – Die Kiefer, welche während des Sommers reich an Stärke ist, verwandelt diese im Herbste in Fett und bleibt ein „Fettbaum“ bis zum Frühjahr. Bei der Buche findet das Umgekehrte statt. Um diese Hölzer stärkefrei zu bekommen, hätte man also nur nöthig, sie zu fällen, bevor die Stärkebildung eintritt.

Allein sichere Angaben über den Zeitpunkt, an welchem die Stärkebildung eintritt, lassen sich zur Zeit für unsere einheimischen Nutzhölzer nicht machen, weil ausreichende Untersuchungen nicht vorhanden sind. Wir wissen nur, dass sich jene Umwandlungen innerhalb einer Vegetationsperiode mehrmals vollziehen können, dass ihr Eintritt von Witterungseinflüssen abhängig ist, dass sich die fraglichen Umwandelungen in bestimmten Fällen innerhalb weniger Tage vollziehen. Eine Linde in der Umgebung von Stuttgart strotzte von Fett am 13. März 1894; bei der Untersuchung am 30. März zeigte sich, dass das Fett verschwunden und an seine Stelle Stärke und Glykose getreten waren. Ende April 1894 war eine Buche an demselben Standort noch reich an Stärke, Mitte Mai bereits reich an Fett, während Stärke nur noch spurenweise vorhanden war.

Die in Rede stehenden Verhältnisse wurden von den Pflanzenphysiologen bisher nur zum Zweck der Lösung wissenschaftlicher Fragen verfolgt; dagegen ist auf die Bedürfnisse des praktischen Lebens im Allgemeinen keine Rücksicht genommen worden. In den wenigen Fällen, in denen letzteres geschah, sind die Ergebnisse der pflanzenphysiologischen Forschung kaum über den engen Kreis der Fachgenossen hinaus bekannt geworden.

Ohne Zweifel ist eine planmässige, umfassende Untersuchung unserer Nutzhölzer in Bezug auf die im Vorstehenden berührten Fragen von praktischem Werth. (Nach einer Mittheilung von M. Fünfstück in Baumaterialienkunde, Heft 1 S. 12.1))

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Baumaterialienkunde, Internationale Rundschau, Organ des Internationalen Verbandes, 1. Jahrg., von Prof. H. Giessler, Stuttgart. (Verlag von Stähle und Friedel.)

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