Titel: Kieselguhr.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 301/Miszelle 3 (S. 192)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj301/mi301mi08_3

Kieselguhr.

Die beiden Namen Kieselguhr und Infusorienerde sind insofern charakteristisch, als der erstere über die chemische Zusammensetzung, der letztere über die Abstammung Auskunft gibt Kieselguhr enthält in den verarbeiteten Handelssorten neben kleinen Mengen von Kalk, Magnesia, 6 bis 15 Proc. Feuchtigkeit und 80 bis 92 Proc. Kieselsäure, besteht also fast aus reiner Kieselsäure, abstammend aus den Kieselpanzern mikroskopisch kleiner Infusorien (Diatomeen). Die Formen lassen sich unter dem Mikroskop deutlich erkennen. Die gleichen Gattungen kommen noch heute lebend im Schlamm oder Schlick der Nordseeküsten vor, so dass anzunehmen ist, die grossen Kieselguhrablagerungen der norddeutschen Ebene stammen aus jenen Zeiten, in welchen das Meer weite Strecken des heutigen Deutschlands bedeckte. Dass auch das Gebiet der Lüneburger Haide einst unter dem Meeresspiegel lag, davon ist man durch mancherlei geologische Anzeichen überzeugt. Die Ablagerung im Gebiete der Haide sind von sehr verschiedener Mächtigkeit bis zu 20 m und mehr. Namentlich in den ausgedehnten Gruben im „Luhethale“. Aus der festen Kieselguhr werden Stücke abgesprengt und calcinirt, aus welchen die Handelsfirma Reye in Hamburg Dochte fertigen lässt. Da diese Dochte unverbrennlich sind, so verwendet man zur Herstellung von Spiritusglühlampen jetzt Kieselguhrdochte, schon aus dem Grunde, weil Kieselguhr gegen Hitze isolirt und Lampenbassins beim Brennen der Lampe möglichst wenig erwärmen. Weil Kieselguhr auf 1 cbm 41000 Millionen Röhrchen haben soll, so kann auch Kieselguhr beinahe sein volles Volumen an Brennflüssigkeit in sich aufsaugen. Spiritus- und Erdöl-, Koch- und Leuchtapparate sind auch mittels Kieselguhrdocht auf ungeahnt billige und praktische Weise herzustellen; Explosionen und Verschütten von Brennflüssigkeiten können nicht mehr vorkommen, sofern man Kieselguhrdochte benutzt. Die Kieselguhr hat jetzt schon vielfache Verwendung. Ausser der Dynamitfabrikation ist Kieselguhr nothwendig für das Baufach zum Isoliren der Fussböden, Gewölbe und Fehlböden gegen Eindringen der Hitze, Kälte und zum Abschneiden des Schalles, Einschüttung der Eiskellerwände, Wein- und Bierkeller, Markthallen, Eiswaggons, Eisschränke, Telephonzellen, Hohlwände der Eisenconstruction, welche isolirt werden sollen; auch unter Kaminplatten legt man Kieselguhr zum Schütze der Marmorplatte. Die Hohlwände der Backöfen werden ebenfalls mit Kieselguhr isolirt. Eine Kieselguhrwärmeschutzmasse ist leicht herzustellen. Geldschrankfabrikanten gebrauchen Kieselguhr, um die Geldschränke feuersicher zu stellen. Ausser zu antiseptischen Präparaten gebraucht man Kieselguhr zur Filtration von Wasser und anderen Flüssigkeiten, z.B. schleimiger Zuckersäfte, Oele, Spiritus, Wein u.s.w. Der Landwirth gebraucht Kieselguhr zur Consistentmachung flüssiger Düngstoffe, Compost zu bedecken und als Wiesendünger u.s.w. Auf Grund eines Patentes stellt die Firma G. W. Reye und Söhne in Hamburg auch aus den Originalkieselguhrfelsen praktische Feueranzünder her, welche stets wieder benutzt werden können, indem man nur nöthig hat, sie immer nach Gebrauch wieder in Erdöl zu legen. Ferner auf Grund des Gebrauchsmusterschutzes einen Löscher für Tinte, der mit Genauigkeit frische Schrift ablöscht, selbst grosse Tintenflecke. Ausserordentlich schönes Putz- und Polirmittel feinster Qualität wird aus demselben hergestellt, um Metallen sofort Hochglanz zu verleihen. Feuersichere Asbestkieselguhranstrichfarben und Kitt u.s.w., Diatomeencement. Proben von Kieselguhr und auch eine Broschüre kann man von der Firma G. W. Reye und Söhne in Hamburg, Frankenstrasse 28, Besitzerin der ältesten Kieselguhrgrube, Neu-Ohe bei Unterlass in Lüneburg, beziehen. (Nach Deutsche Kohlenzeitung durch Oesterreichische Zeitschrift.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: