Titel: Güterwagenumlauf.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 302/Miszelle 2 (S. 168)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj302/mi302mi07_2

Güterwagenumlauf.

Eisenbahndirector F. Sürth in Dortmund machte in einem im Verein für Eisenbahnkunde in Berlin gehaltenen Vortrage auf die grossen Unzuträglichkeiten aufmerksam, die die schnelle Abnutzung und Zerstörung der gusseisernen Achslagerkasten bei Eisenbahnwagen zur Folge haben. In dem für den Betrieb in Folge der Witterungsverhältnisse ungünstigen Jahre 1891/92 mussten für die preussischen Staatsbahnen nicht weniger als 2240000 k Lagerkastenguss neu beschafft werden. Sürth hat versucht, diese Kasten aus Mannesmannrohr herstellen zu lassen; der Versuch ist aber an den hohen Kosten gescheitert. Nachdem aber Baurath Ehrhardt in Düsseldorf sein neues Verfahren zur Herstellung von nahtlosen Hohlkörpern eingeführt hat, ist es gelungen, stählerne Achslagerkasten nur etwa 20 Proc. theurer als die gusseisernen herzustellen, die demnächst mit den letzteren in Concurrenz treten sollen.

Der Vortragende machte bei dieser Gelegenheit einige überraschende und interessante Mittheilungen über den Umlauf der Güterwagen. Nach stattgehabten Erhebungen steht ein der königl. Eisenbahndirection Essen gehöriger Güterwagen in

Saarbrücken 9 Tage,
Berlin 9–10
Breslau 13
Oesterreich 15–17
Ungarn 18

Sobald eine Zollgrenze zu überschreiten ist, vermehren sich die Tage der Dienstlosigkeit solcher Wagen. Der tägliche Verdienst eines Güterwagens (wenn man unter Berücksichtigung der Sonn- und Festtage die Zahl der Arbeitstage auf 330 setzt), berechnet sich nach den statistischen Angaben für 1894/95 auf etwa 35 M. Denn unter der Annahme, dass jeder Güterwagen mit durchschnittlich 8 t befrachtet wird, sind, da im J. 1894/95 gleich 154307559 oder täglich 467600 t Güter befördert wurden, täglich 58400 Güterwagen an der Beförderung dieser Massen betheiligt gewesen.

Der Güterwagenbestand betrug 218000 Wagen, mithin sind nicht weniger als 159600 Güterwagen täglich ohne Verdienst gewesen, d.h. das Verhältniss der täglich befrachteten Wagen zu dem nichts verdienenden stellt sich wie 1 : 2,75. Dieses Verhältniss berührt eigenthümlich die alljährlich im Herbst so viel Staub aufwirbelnde Frage des Wagenmangels und zeigt, da die unthätigen 159600 Güterwagen einen Anschaffungswerth von 477833000 M. repräsentiren, welch enorme Summen die preussische Staatsbahnverwaltung aufwenden muss, um den Anforderungen des Güterverkehrs zu entsprechen.

Dieses Verhältniss lässt des weiteren die Notwendigkeit der Verstaatlichung der Privatbahnen in nationalökonomischer Beziehung erkennen; denn bei dem derzeitigen Abkommen zwischen den Bahnen über die gegenseitige Wagenbenutzung, nach welchem Güterwagen nur in der Richtung zur Heimath beladen, sonst leer befördert, und grössere Schäden an Güterwagen nur von der Eigenthümerin beseitigt wurden, würde der heutige Verkehr mindestens eine Verdoppelung des derzeitigen Betriebsmaterials erfordern, und die nicht benutzten Güterwagen würden die Bahnhöfe derart anfüllen, dass die Aufrechterhaltung des Betriebes bei der ohnehin meist unzulänglichen Ausdehnung der Bahnhöfe in den Hauptverkehrscentren in Frage gestellt werden würde, wenn die Bahnen nicht in einer Hand, der des Staates, wären.

Unter Umständen wird einem Wagen die Möglichkeit entzogen, 18 × 35 = 630 M. lediglich wegen eines zerstörten Gusslagerkastens zu verdienen.

(Eisenzeitung.)

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