Titel: Deutsches Schiffbaumaterial.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1896, Band 302/Miszelle 2 (S. 191–192)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj302/mi302mi08_2

Deutsches Schiffbaumaterial.

Einer unserer ersten deutschen Schiffbauingenieure, C. Busley, äusserte sich in einem ausgezeichneten Vortrage auf der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure wie folgt:

Vielfach ist in Deutschland der Glaube verbreitet, die Marine schütze zwar unsere Colonien und den Handel, auch trage sie vielleicht zum Ansehen des Reiches nach aussen bei, im Grunde genommen seien aber doch die dafür aufgewandten Summen ein todtes Kapital. Ein werbendes Kapital im Sinne industrieller Werthe können sie selbstredend nicht sein, dass aber das seit 1873, seit General v. Stosch den Grundsatz aufstellte: „Deutsche Schiffe sollen aus deutschem Material auf deutschen Werften erbaut werden“, für unsere Kriegsschiffsbauten verwendete Geld nicht nur unsern Schiffbau zu einem blühenden gemacht, sondern auch auf grosse vaterländische Industriezweige belebend eingewirkt hat, ist eine nicht wegzuleugnende Thatsache. Von den rund 420 Millionen Mark, welche nach Ausweis der Marineetats der letzten 25 Jahre für Schiffsbauten verausgabt sind, ist ungefähr wohl der vierte Theil für Schiffs- und Kessel bleche sowie für Walzeisen bezieh. Stahl unseren rheinisch-westfälischen Hüttenwerken zugeflossen. Die vielleicht anwesenden Vertreter dieser Werke werden zugeben, dass diese Gelder in den Zeiten der wirthschaftlichen Noth am Ende der 70er Jahre nicht nur halfen, sie über Wasser zu halten, sondern auch nicht zum kleinsten Theil dazu beitrugen, dass wir heute mit berechtigtem Stolze sagen können: „Ein besseres und edleres Material, als unsere vaterländischen Werke erzeugen, wird in der ganzen Welt nicht hergestellt!“

Das Vertrauen, welches die Leitung der Marine in die Leistungsfähigkeit der deutschen Werften setzte und das diese bald glänzend rechtfertigten, trug ihnen auch das Vertrauen unserer Rheder und fremder Kriegsmarinen ein, so dass die vom Deutschen Reiche auf den Kriegsschiffbau verwendeten Millionen den heimischen Werften viele andere Millionen aus dem In- und Auslande zuführten. Diese Millionen liessen ferner in Dillingen und Essen gewaltige Werke für die Herstellung von Panzerplatten entstehen und kräftigten unsere deutsche Maschinenindustrie derart, dass sie vor der Inangriffnahme der grössten zur Zeit auf Schiffen überhaupt in Betrieb befindlichen Dampfmaschinen von rund 13000 keinen Augenblick zurückzuschrecken brauchte. Viele andere Erwerbszweige sind durch unsere schnell erstarkende Schiffbauindustrie erst ins Leben gerufen, und manche haben durch sie einen neuen Impuls erhalten, so dass heute viele Tausende von Familien, über ganz Deutschland zerstreut, ihre Existenz mittelbar oder unmittelbar dem Gelde verdanken, welches die deutschen Steuerzahler für die Marine aufwenden.

Besonders auffällig sind die Segnungen gewesen, welche der deutschen Hochseefischerei durch den kräftigen Schutz erwachsen sind, den ihr die Marine angedeihen lässt. Fremdländische Fischer werden heute in unseren Revieren kaum noch betroffen; was aber noch viel mehr werth ist: die Branntwein-Yachten, welche früher den armen Fischern leider nur zu häufig für wenige Liter elenden Schnapses den mühsamen Erwerb von Wochen abschwindelten, sind völlig aus der Nordsee verschwunden, weil sie schonungslos verfolgt und aufgebracht wurden.

Wenig bekannt dürfte die stille Arbeit sein, welche jahraus jahrein von der nautischen Abtheilung unseres Reichsmarineamtes in Bezug auf Küstenvermessung und Leuchtfeuerwesen geleistet wird. Nicht nur durchfurchen die Kiele ihrer Vermessungsfahrzeuge alljährlich im Sommer die Ost- und Nordsee, um Revisionsvermessungen und Revisionspeilungen vorzunehmen, was bei unseren an Sänden leider so reichen Küsten ganz besonders werth voll ist, ihre kartographische Abtheilung gibt auch als Frucht dieser mühevollen Arbeiten fortlaufend neue und verbesserte Seekarten der heimischen Küsten heraus. Nebenbei sind in den letzten Jahren die |192| Küstengewässer unserer afrikanischen Colonien kartographisch festgelegt worden, und augenblicklich ist die Möwe damit beschäftigt, Neu-Guinea, den Bismarck-Archipel und die Marschall-Inseln behufs Herstellung genauer Seekarten aufzunehmen. Wie sorgfältig dabei vorgegangen wird, erhellt wohl aus dem Umstände, dass ein Astronom an Bord eingeschifft ist, der vor dem Beginn der eigentlichen Vermessung eine Reihe von Punkten festlegt. Die Möwe hat ausserdem den Auftrag, unseren so rühmlich bekannten Landsmann Prof. Dohrn in Neapel mit allen ihr möglichen Hilfsmitteln bei der Anlegung einer biologischen Station im Bismarck-Archipel zu unterstützen. Beim Leuchtfeuerwesen wird jetzt darauf gedrungen, die Linsen für die grossen Leuchtthürme nicht mehr aus dem Auslande zu beziehen, sondern sie in Deutschland herstellen zu lassen. Seit langer Zeit werden Dauerversuche zur Erprobung telegraphischer und telephonischer Verbindung mit Feuerschiffen und solchen Bojen, an die sich die Schiffe legen sollen, unterhalten, und es steht zu hoffen, dass die telephonische Verbindung zwischen Schiff und Land ohne Draht demnächst gelingen wird. Eine weitere sehr ernste Arbeit erfordert heute das Compasswesen. Die eisernen Schiffe an sich und der immer mehr zunehmende Gebrauch von elektrischer Kraft, wobei der Gleichstrom wegen der grossen Scheinwerfer an Bord noch nicht zu entbehren ist, bereiten der Aufstellung von Compassen besonders in gepanzerten Commandothürmen grosse Schwierigkeiten. Man hat unter anderem den Versuch gemacht, die Magnetnadel durch eine schnell rotirende Achse zu ersetzen, was aber nicht gelungen ist. Jetzt sind bei uns Versuche im Gange, um von einer Magnetnadel, die an einem magnetisch günstigen Orte steht, eine selbsthätige und gleichzeitige Uebertragung auf eine Magnetnadel herzustellen, welche an einem magnetisch ungünstigen Orte untergebracht ist, wie dies z.B. der Compass in einem gepanzerten Commandothurm ist.

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