Titel: Ueber das Ausmaass der Gewölbe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1897, Band 304/Miszelle 4 (S. 47–48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj304/mi304mi02_4

Ueber das Ausmaass der Gewölbe.

Für das Ausmaass der Gewölbe (bei Bauanschlägen und Abrechnungen) sind in den Bedingungen für die Ausführung der Staatsbauten in den verschiedenen Ländern ganz verschiedene Vorschriften gegeben, die wesentlich von einander abweichen und theilweise unanwendbar oder nur für gewisse Gewölbegattungen anwendbar sind.

So bestimmen z.B. die badischen Vorschriften: „Die innere sichtbare abgewickelte Wölbungslinie, von Kämpfer bis zu Kämpfer gemessen, gibt das Breitenmaass für die kubische Ausrechnung. Für das Dickenmaass gilt die mittlere Gewölbestärke bei abgetreppten Gewölben.“

Welches ist z.B. bei einem böhmischen Gewölbe über unregelmässigem Grundriss die „innere sichtbare abgewickelte Wölbungslinie“ und welches ist das Längenmaass der zu berechnenden Fläche, um hiernach das Cubikmaass feststellen zu können?

Die württembergischen Vorschriften bestimmen: „Das Gewölbe wird nach seinem wirklichen Cubikmaass berechnet.“ Es wäre sehr interessant, zu erfahren, in welcher Weise bei einem stark gebusten Kreuzgewölbe oder bei dem erwähnten böhmischen Gewölbe die Festsetzung des „wirklichen Cubikinhaltes“ erfolgt und ob die Feststellung der Massen ohne Differenzen zwischen der Bau Verwaltung und dem Unternehmer abgeht?

Die technischen Vorschriften für die Universitätsbauten in Strassburg bestimmen, dass die Gewölbe für 1 qm der überdeckten Fläche bezahlt werden. Dieses Verfahren ist einfach, lässt aber völlig unberücksichtigt, ob das Gewölbe im Stichbogen mit mehr oder weniger Pfeilhöhe, im Halbkreis oder im Spitzbogen erstellt wird, so dass selbst bei derselben Gewölbegattung der Preis je nach der Pfeilhöhe verschieden ist und sofort ungültig wird, wenn im Laufe der Bauausführung die Pfeilhöhe gegenüber der ursprünglichen Annahme eine Aenderung erfahren sollte.

Die preussischen Vorschriften verlangen: „Flache Gewölbe (d. i. Stichbogengewölbe) werden in der durch die Kämpferlinie gelegten Ebene gemessen, für Halbkreisgewölbe wird das 1½ fache, für Spitzbogengewölbe das doppelte dieser Flächen |48| gerechnet.“ Bezeichnet man die vom Gewölbe überdeckte Fläche mit F, so wird hiernach in Rechnung gestellt:

1) bei Stichbogengewölben die Fläche = F,
2) Halbkreisgewölben = F (1 + ½),
3) Spitzbogengewölben = F (1 + 1).

Hier ist also wohl der Form des Gewölbes Rücksicht getragen, aber nicht den verschiedenen Pfeilhöhen bei den Stichbogen- und den Spitzbogengewölben. Auch ist nicht einzusehen, warum bei einem gedrückten, nur wenig vom Halbkreis abweichenden Bogen die doppelte Grundfläche, bei einem hohen Stichbogen dagegen nur die einfache Grundfläche der Berechnung zu Grunde gelegt werden soll, während doch diese beiden vom Halbkreis wenig abweichenden Bogen diesen bedeutenden Unterschied weder im Materialaufwand noch im Arbeitslohn bedingen.

Bei den Halbkreisgewölben bildet die in Rechnung zu stellende Fläche nahezu die abgewickelte Laibungsfläche des Gewölbes, und es dürfte sich hiernach empfehlen, die Fläche als Function aus Spannweite und Höhe zu ermitteln, indem die Grundflache multiplicirt wird mit , wobei die Werthe bei dem Tonnen- und dem Klostergewölbe nach dem grössten Querschnitt, bei allen übrigen Gewölben nach dem grössten Wand- oder Gurtbogen bestimmt werden; dies ist zulässig, da im Allgemeinen das Verhältniss zwischen Pfeilhöhe und Spannweite des Gurtbogens nicht wesentlich verschieden ist von jenem des Gewölbes selbst (nach der Diagonalen gerechnet), und es hierbei doch nur darauf ankommt, einen Werth festzulegen, mit dem die Grundfläche zu vervielfältigen ist, um eine Fläche zu erhalten, die der wirklichen Gewölbelaibungsfläche wenigstens annähernd entspricht. Zweifel über die Art der Berechnung sind dabei ausgeschlossen.

Es wären somit beispielsweise in Rechnung zu stellen:

1) bei einem beliebig gestalteten Flach-
bogengewölbe mit einem grössten
Wand- oder Gurtbogen von ¼ Pfeil-
höhe



= F (1 + 0,25),
2) bei einem beliebig gestalteten Gewölbe
mit halbkreisförmigem Wandbogen

= F (1 + 0,50),
3) bei einem beliebig gestalteten Gewölbe
mit gleichseitigem Spitzbogen als
Wandbogen


= F (1 + 0,87).

Aenderungen in der Pfeilhöhe haben sofort eine Aenderung der in Rechnung zu stellenden Fläche zur Folge, so dass bei gleichen Gewölbestärken und bei derselben Gewölbegattung ein Grundpreis für die verschiedenen Pfeilhöhen gültig bleibt.

Der Gewölbeputz wird dann ebenso berechnet.

Vielleicht gibt diese Mittheilung den Fachgenossen Veranlassung, sich über den Vorschlag zu äussern, damit die jetzt theilweise unhaltbaren Bestimmungen verbessert werden.

(Dr. Warth in der Deutschen Bauzeitung.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: