Titel: Elektrische Bahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 306 (S. 279–281)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj306/ar306075

Elektrische Bahnen.

Mit Abbildungen.

Stromabnehmer für elektrische Bahnen mit Untergrundleitung.

Die vorliegende Einrichtung der Union Elektricitätsgesellschaft in Berlin (D. R. P. Nr. 89846) bezweckt, den Stromabnehmer selbsthätig aus dem Kanal herauszubewegen, sobald sich in demselben ein Hinderniss vorfindet.

An dem Längsträger des Wagenuntergestelles ist das Böckchen b befestigt (Fig. 1 und 2), an welchem mittels der Bolzen cc1 die Hebel dd1 drehbar um c bezieh. c1 angeordnet sind. Der Stromabnehmer e ist durch die Bolzen ff1 an den Hebeln dd1 so aufgehängt, dass die letzteren sich um die Bolzen drehen und die geraden Verbindungslinien mit einander ein Parallelogramm bilden, so dass der Stromabnehmer parallel geführt ist.

Textabbildung Bd. 306, S. 279

Mit dem Hebelarm d ist fest verbunden der Hebelarm g, an welchem eine zum Perron führende Stange h zwecks Bewegung des Stromabnehmers angreift, und der Hebelarm i, dessen unteres Ende in den Schlitz hineingreift, durch welchen der Stromabnehmer zur Contactschiene im Leitungskanal eingeführt, wenn der Pflug in Arbeitsstellung gebracht wird.

An dem Längsträger ist ferner ein Halter befestigt, |280| welcher die Feder n mit dem Gelenk o trägt. Letzteres ist mit einer Kerbe und einem Schlitz versehen, in welchen der mit dem Hebel i fest verbundene Bolzen r leicht verschiebbar eingreift. Bringt man den Stromabnehmer durch Verschiebung der Stange h vom Perron aus von der Ruhestellung (Fig. 1) in die Arbeitsstellung (Fig. 2), so wird der Bolzen r auf dem Kreisbogen s bewegt, die Feder gespannt und die Kerbe des Gelenkes greift über die mit dem Halter m fest verbundene Stütze t, so dass der Stromabnehmer in dieser Stellung verbleibt und nicht von der Feder gehoben Werden kann, so lange nicht das Gelenk o von der Stütze t entfernt wird.

Bewegt sich nun der Wagen in der Richtung des Pfeiles und stösst hierbei der Hebel i gegen ein im Schlitz eingekeiltes Hinderniss, so wird der Hebel dig um den Bolzen c und der Hebel d1 um den Bolzen c1 gedreht. Der Bolzen r bewegt sich zurück und löst dadurch die Arretirvorrichtung der Feder aus, nachdem der Bolzen r das Gelenk o verschoben hat. Die Feder ist nun frei und überträgt ihre Kraft auf die Hebel, wodurch der Stromabnehmer wieder in die Ruhestellung gebracht wird.

Bewegt sich der Wagen in einer dem Pfeile P× entgegengesetzten Richtung, so stösst das im Schlitz befindliche Hinderniss an den Hebel i1 und der Stromabnehmer wird in der oben angegebenen Weise ebenfalls in die Ruhestellung versetzt.

Durch Anziehen der Stange vom Perron aus kann auch die Ausschaltung des Contactpfluges jederzeit bewerkstelligt werden, so dass man im Stande ist, den Stromabnehmer während der Bewegung des Wagens in und ausser Betrieb zu setzen. Der am Contactpflug befestigte Stromabnehmer ist federnd angebracht, so dass er sich beim Einführen und Herausziehen des Contactpfluges umlegt, um den Kanalschlitz zu passiren.

Stellwerk für Zungenweichen von Stromzuleitungskanälen elektrischer Bahnen.

Bei den bisherigen Weichen für offene, unterirdische Stromzuführungskanäle hat sich als nothwendig erwiesen, die Weichenzunge bedeutend kräftiger und in Folge dessen schwerer herzustellen als die der gewöhnlichen Strassenbahnweiche, weil die Zunge nur an ihrem Drehpunkt und an ihrer Spitze unterstützt ist, in der Mitte dagegen freitragen und daher genügende Höhe und Breite aufweisen muss. Ein Uebelstand bei dieser schweren Zunge war bisher der, dass das Umlegen derselben mittels des gewöhnlichen Weichenstellhakens, dessen sich die Strassenbahnschaffner bedienen, nicht mehr gut möglich war. Es hat sich ferner als nothwendig herausgestellt, die Zunge in ihren Seitenstellungen zu arretiren, um ein nur Halbstellen der Weiche und eine daraus resultirende Kanalschlitzverengung zu vermeiden.

Man hat aus diesem Grunde bisher beim Umstellen einer Weiche zuerst die auf der einen Seite gelegene Arretirvorrichtung lösen, die Zunge umstellen und die Arretirvorrichtung auf der anderen Seite wieder schliessen müssen.

Die Union Elektricitätsgesellschaft in Berlin (D. R. P. Nr. 91769) hat nun eine Weiche construirt, welche durch zwei in dem Strassenniveau liegende Hebel derart gestellt und gleichzeitig arretirt wird, dass beim Umlegen derselben der auf der einen Seite der Zunge belegene Schalthebel mittels eines Hakens angehoben und mit dem Fusse wieder in seine alte Lage zurückgetreten wird.

In Fig. 3 sind mit b1 und b2 die seitlichen Zungenanlagestücke, in welche sich die Kanalzunge a hineinlegt, bezeichnet. Um den Punkt p2 ruht drehbar der Stellhebel c2, und zwar mit seiner Oberkante im Strassenniveau und mit seiner nach rechts unten zeigenden Verlängerung einen Bolzen l2 gabelförmig umfassend. Dieser Bolzen ist in fester Verbindung mit dem Stösser d2.

In der gezeichneten Stellung greift die Arretirung e2 mit einem Sperrzahn in eine an der unteren Fläche der Zunge belegene Aussparung derart ein, dass die Zunge nicht eher umgestellt werden kann, als bis dieser Sperrzahn nach unten gedrückt wird.

Das Umlegen geschieht nun in der Weise, dass man mit einem Haken in das am linken Ende des Hebels c2 gezeichnete Loch von der Strassenoberfläche aus eingreift, den Hebel mittels dieses Hakens nach oben zieht, den gabelförmigen Ansatz desselben in Folge dessen nach links bewegt und somit eine Verschiebung des Stössers bewirkt.

Letzterer drückt nun zunächst auf eine abgeschrägte Nase des Hebels g2 in der Weise, dass der Arretirungszahn aus der Aussparung der Zunge herausgedrückt und das Gegengewicht angehoben wird. In seiner weiteren Bewegung trifft sodann der Stösser auf die Zunge a, stösst dieselbe nach links heraus, wobei zunächst mittels des abgeschrägten Sperrzahns des Hebels g1 letzterer heruntergedrückt wird; sobald die Zunge sich in ihrer normalen Linksstellung befindet, schnappt derselbe in die vorerwähnte Aussparung der Zunge ein und arretirt dieselbe. Durch seine Linksverschiebung muss der Stösser aber gleichzeitig die Kuppelstange i ein Stück nach links verschieben, indem die Verlängerung des Bolzens l2 auf den Ansatz k der Stange i trifft, letztere zwingt, den letzten Theil des Weges, welchen d2 zurücklegt, mitzumachen und somit die Zunge z gleichfalls nach links zu verstellen.

Textabbildung Bd. 306, S. 280

Der Weichensteller tritt, nachdem dies geschehen ist, mit dem Fuss auf den Hebel c2, bringt ihn dadurch wieder in seine frühere Lage und zieht den Stösser in Folge dessen so weit in die gezeichnete Lage zurück, dass der Schlitz r wieder vollständig frei ist. Die Stange i und in Folge dessen auch die Zunge z verbleiben in ihrer Linksstellung. Will man nun die Zunge aus der Links- |281| in die Rechtsstellung haben, so ist der Vorgang derselbe. Der Weichensteller hebt den Hebel c1 mit einem Haken aus seiner Lage, löst dadurch erst die Arretirung g1 aus, stösst durch Stösser d1 die Zunge nach rechts hinaus und stellt die Arretirung durch selbsthätiges Einschnappen des Zahnes g2 her. Gleichzeitig mit dem Hinausdrücken der Zunge nach rechts wird aber auch die vorher in der Linksstellung befindliche Kuppelstange i durch die Zunge selbst nach rechts hinausgedrückt und damit gleichzeitig die Zunge z umgelegt.

Stromabnehmereinrichtung für elektrische Bahnen mit gemischter Stromzuführung.

Bei elektrischen Bahnprojecten grösserer Städte tritt häufig die Nothwendigkeit ein, auf derselben Betriebsstrecke theilweise oberirdische und theilweise unterirdische Stromzuführung einzurichten, da die Durchführung der oberirdischen Stromzuführung durch die verkehrsreichsten Strassen und Plätze nicht gestattet wird. Die Strecke, für welche die unterirdische Stromzuführung anzuwenden ist, ist meist kurz gegenüber der Gesammtlänge der Betriebsstrecke. Die Techniker für elektrische Bahnen haben daher immer auf ein Mittel gesonnen, wie man die Ausrüstung sämmtlicher Wagen mit Stromabnehmer für unterirdische Stromzuführung vermeiden könne.

Textabbildung Bd. 306, S. 281

Die im Folgenden beschriebene Einrichtung von Siemens und Halske (D. R. P. Nr. 91961) scheint geeignet, in vielen Fällen als willkommenes Auskunftsmittel zu dienen. Auf der Strecke mit unterirdischer Stromzuführung wird an beiden Enden eine Ausweichung angelegt; der Kanal wird in das eine Gleis b (Fig. 4 bis 9) dieser Ausweichung ungefähr auf Wagenlänge hineingeführt. In diesem letzten Theil des Kanals ist die unterirdische Contactleitung stromlos. Das Ende der oberirdischen Contactleitung reicht noch über diesen stromlosen Theil der unterirdischen hinweg. Auf dem stromlosen Theil des Kanals wird ein kleines Fahrzeug aufgestellt, das mit einem Stromabnehmer für unterirdische Stromzuführung ausgerüstet ist, sowie mit Vorrichtung zur elektrischen Kuppelung mit dem Motorwagen. Das Fahrzeug kann entweder dieselbe Spurweite haben wie die Motorwagen; alsdann müsste das Ausweichegleis, auf welchem es steht, an solcher Stelle angelegt sein, dass der Contactwagen kein Hinderniss für den Verkehr bildet. Ist dies nicht möglich, so können die Dimensionen des Contactwagens derart verkleinert werden, dass er mit seinen vier Rädern nur auf den beiden Schienen läuft, welche den Schlitz des Kanals begrenzen. Es kann alsdann die Einrichtung getroffen werden, dass seitlich von dem Kanal in der Ausweichung ein Kasten mit Deckel in das Strassenpflaster eingelassen ist, in welchen man den nicht im Gebrauch befindlichen Stromabnehmer versenken kann.

Der Betrieb würde sich wie folgt gestalten: Der von der Strecke mit oberirdischer Stromzuführung ankommende Wagen wird mit dem Contactwagen elektrisch gekuppelt und schiebt denselben vor sich her, indem er noch Strom von der Oberleitung erhält, bis über die Isolationsstelle in der unterirdischen Contactleitung hinweg. Alsdann erhält der Motorwagen seinen Strom von dem Contactwagen zugeleitet und durchfährt mit demselben die Strecke mit unterirdischer Stromzuführung. Am Ende derselben angelangt, wird der Contactwagen losgekuppelt und auf das mit Leitungskanal versehene Ausweichgleis geschoben, während der Motorwagen durch das andere Ausweichgleis seine Fahrt fortsetzt. Sobald der nächste Wagen in der anderen Richtung kommt, wiederholt sich der beschriebene Vorgang in der anderen Richtung.

Textabbildung Bd. 306, S. 281

Von den Figuren stellt 4 die Ubergangsstelle von der oberirdischen zur unterirdischen Stromzuführung vor, auf welcher sich der mit dem Contactwagen a0 schon gekuppelte Motorwagen b0 befindet. Die elektrische Kuppelung ist mit e bezeichnet, die unterirdische Contactleitung mit bb, das isolirte Stück der letzteren mit aa, das Kabel, welches die Verbindung zwischen der oberirdischen und unterirdischen Leitung darstellt, mit f. Die Fig. 5 bis 9 stellen die verschiedenen Stadien des Betriebs auf der unterirdischen Strecke dar.

Diese Einrichtung hat den Vortheil, dass die Motorwagen nicht sämmtlich mit Stromabnehmern für unterirdische Stromzuführung ausgerüstet zu werden brauchen, was bei grosser Wagenzahl sehr ins Gewicht fällt, und dass das Herausnehmen des Stromabnehmers aus dem Kanal, sowie das Hineinsenken in denselben bei den Uebergangsstellen fortfällt.

Rr.

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