Titel: Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 306/Miszelle 2 (S. 46–47)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj306/mi306mi02_2

Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte.

In der am 20. September eröffneten 69. Tagung in Braunschweig hielt Prof. Dr. Richard Meyer in Braunschweig einen Vortrag über „Chemische Forschung und chemische Technik in ihrer Wechselwirkung“. Ausgehend von den zur Zeit geltenden Grundanschauungen über die Atomverkettung der organischen Verbindungen beschrieb Redner das Benzol als die Muttersubstanz der „aromatischen Verbindungen“, Die von Kekulé vor 30 Jahren gelehrte Auffassung des Benzolatoms, als eines geschlossenen Ringes, innerhalb dessen die sechs Kohlenstoffatome symmetrisch an einander gelagert sind, an deren jedem sich wieder ein Wasserstoffatom anlagert, warf Licht auf eine Menge bis dahin unverständlicher Erscheinungen und führte zur Auffindung weiterer ringartig aufgebauter Verbindungen. In erster Reihe zog die Farbentechnik Nutzen aus seiner Theorie. Sie hatte längst das Fuchsin dargestellt; aber über dessen Zusammensetzung konnte nun erst die Wissenschaft Licht bringen. Nachdem die Induline, Safranine und andere Farbstoffe ihrem chemischen Aufbau nach erforscht waren, gewann man eine Vorstellung von der eigentlichen Ursache der Färbung; man erkannte, dass diese an das Vorkommen |47| gewisser Atomgruppirungen geknüpft ist, und nannte diese Gruppen deshalb Chromophore. Im Besitze dieser Erkenntniss vermochte man dann planmässig nach weiteren Farbstoffen, ja nach bestimmten Farbentönen zu suchen, die auf der Palette des Färbers noch fehlten. Aehnlich war ermittelt worden, dass die Fluorescenz mancher Stoffe durch gewisse „fluorophore“ Atomgruppen bedingt wird u.s.w. Solcher Art arbeiteten sich nun Wissenschaft und Technik in die Hände. Immer neue Aufgaben stellte die Technik und immer neues Licht ergoss die so angeregte Wissenschaft in noch dunkle Gebiete. Der Steinkohlentheer lieferte der Technik eine unerschöpfliche Fundgrabe organischer Verbindungen; unter diesen Verbindungen hat neben dem Benzol namentlich das Thiophen grössere Bedeutung erlangt. Ganz besonders erleichtert wurden diese Fortschritte durch die Patentgesetzgebung. Von den etwa 90000 Patenten, die im Deutschen Reiche bislang ertheilt sind, betreffen 3000 die organisch-chemische Technik. Auf anderen Gebieten der Chemie ist die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Praxis kaum minder lebhaft, als in der Farbenindustrie. Aus dem Steinkohlentheer sind in neuerer Zeit zahlreiche Heilmittel und Antiseptica dargestellt worden, die nähere Beziehungen zwischen Chemie und Medicin herbeiführten: Carbolsäure, Salicylsäure, Antipyrin, Phenacetin, ferner Chloral, Sulfonal und viele andere, deren Ursprung auf die Alkoholindustrie zurückführt. An der Pflege dieser jungen und doch so werthvollen Beziehungen wird in den Laboratorien der chemischen Fabriken mit dem gleichen Eifer gearbeitet, wie in den klinischen und pharmakologischen Instituten, und schon beginnt man nicht mehr rein empirisch, sondern bewusst, ganz wie bei der Ermittelung neuer Farbstoffe, nach Heilmitteln ganz bestimmter Wirkung zu suchen. Denn es haben sich auch hier schon Beziehungen zwischen chemischer Constitution und physiologischem Verhalten der Medicamente ergeben. Weiter sind die Stoffe zu erwähnen, die im lebenden thierischen Organismus erzeugt werden und dem modernsten Zweige der Medicin angehören, die Impf- und Serumpräparate – Tuberkulin, Diphtherieheilserum u.s.w. Die grossen Theerfarbenfabriken haben bald die Bedeutung dieser neuen Richtung erkannt; der Thierversuch ist ein Hilfsmittel der chemischen Industrie geworden. Auch mit der Photographie steht die chemische Technik in Wechselwirkung; sie lieferte ihr eine Menge neuer „Entwickler“, und auch hier ist es schon möglich gewesen, gewisse Beziehungen zwischen dem Aufbau der chemischen Verbindungen und ihrer Fähigkeit, zu „entwickeln“, aufzudecken, womit wieder eine lange bekannte Erscheinung unter wissenschaftliche Gesichtspunkte gebracht ist. Ebenso reges Leben herrscht auf anderen Gebieten chemischer Technik. Die Zuckerindustrie, die Gährungsgewerbe und auch die anorganische Grossindustrie sind in lebhafter Entwickelung begriffen und haben manche werthvolle Frucht für die Wissenschaft gezeitigt. So ist die Kenntniss der physiologischen Thätigkeit des Hefepilzes auf gährungstechnischem Boden erwachsen. Allgemein bekannt endlich ist der grosse Aufschwung der Elektrochemie, die ganz neue Anschauungen über die Natur der galvanischen Stromerzeugung hervorgerufen hat.

Im zweiten allgemeinen Vortrag führte Prof. Dr. Waldeyer-Berlin die Versammlung auf das Gebiet der Biologie, das wir hier jedoch, als der Technik ferner liegend, übergehen.

In der Abtheilung Pharmacie und Pharmakognosie hielt Dr. Carl Dieterich einen ausführlichen Vortrag über die Werthbestimmung der Colanuss und des Colaextractes.

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