Titel: Einheitliche Stenographie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 306/Miszelle 4 (S. 167)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj306/mi306mi07_4

Einheitliche Stenographie.

Ueber die Einigungsbestrebungen auf dem Gebiete der Stenographie bringen die Tageszeitungen Folgendes:

Die stenographischen Kreise beschäftigt gegenwärtig lebhaft ein Ereigniss, das einen ganz neuen Abschnitt in der weiteren Entwickelung der Kurzschrift bedeutet und auch die Aufmerksamkeit der den stenographischen Systemgestaltungen Fernstehenden beanspruchen dürfte: das ist die Vereinigung mehrerer grosser stenographischer Schulen auf ein System, das als Einigungssystem von den Gesammtvertretungen dieser Schulen bereits angenommen worden ist. Um die Bedeutung dieses Schrittes würdigen zu können, muss man bedenken, dass bisher jede Neuerung in der stenographischen Systemfortbildung gleichbedeutend war mit einer neuen Spaltung der vorhandenen Schulen. Jeder Erfinder eines Systems ging selbständig mit der Gründung einer eigenen Schule vor, suchte Anhänger für diese zu werben, und da er natürlich hierbei auf den Wettbewerb der anderen Schulen stiess, so hat sich zwischen diesen verschiedenen Schulen ein heftiger Wettstreit erhoben, und wenn dieser Wettstreit auch auf der einen Seite die gute Wirkung gehabt hat, den Eifer rege zu halten, so hat er den Gedanken an die Verallgemeinerung der Stenographie zur Umgangsschrift doch vorerst ganz unausführbar erscheinen lassen, ja selbst die Einführung der Stenographie als Unterrichtsgegenstand verzögerte sich wegen der Verschiedenheit der Systeme. Hier bahnt eine Einigung mehrerer Systeme eine vollständige Umwälzung an. Es wird ein vielversprechender Anfang auf einem Wege gemacht, der dazu führen kann, die Stenographie zu einer Volksschrift zu machen. Die Einigung ist zwischen drei stenographischen Schulen geschlossen worden, der Stolze'schen, den Anhängern des Systems Schrey und denen des Systems Veiten. Ein besonders dazu eingesetzter Einigungsausschuss hat auf Grund sorgfältiger Prüfung aller einschlägigen Verhältnisse ein gemeinsames System ausgearbeitet, das als „Vereinfachte Deutsche Stenographie (Einigungssystem Stolze-Schrey!)“ an Stelle dieser Systeme tritt. In dem neuen System ist das Gemeinsame der drei anderen enthalten, und dabei sind die besonderen Vorzüge eines jeden nach Möglichkeit verwerthet worden; man ist aber auch unbefangen genug gewesen, manches Gute aus anderen Systemen hinzuzuthun. Die Praktiker erkennen jetzt schon an, dass man damit gleich gute Leistungen wie mit den bisherigen Systemen erreichen kann. Die vereinfachte Kurzschrift nähert sich mehr der gewöhnlichen Schrift, sowohl wegen der Durchführung der Einzeiligkeit, als auch durch geeignete Auswahl der einzelnen Zeichen. Gleichzeitig ist die symbolische Vocalbezeichnung einheitlicher als bisher gestaltet worden, und auf Formenschönheit der Schrift Bedacht genommen. Das System hat somit die Vorzüge leichter Erlernbarkeit, guter Lesbarkeit und praktischer Brauchbarkeit. Es tritt mit einer ansehnlichen Anhängerschaft in die Werbethätigkeit ein, und das hier gegebene Beispiel der Einigkeit wird auch da auf die Dauer seine Wirkung nicht verfehlen. Das System lehnt sich den anderen Schulen mehr an, als vordem die Einzelsysteme, und man darf hoffen, dass es der Vorläufer zu einem allgemeinen Einheitssystem sein wird. (Papierzeitung.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: