Titel: Metallstaub-Arten und -Wirkungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 306/Miszelle 6 (S. 167–168)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj306/mi306mi07_6

Metallstaub-Arten und -Wirkungen.

Mit der Bekämpfung des Metallstaubes hat man sich bisher weniger beschäftigt, vielleicht deshalb, weil man seine gefährliche Natur nicht so allgemein erkennt, da die Gesundheitsschädigung nicht so schnell und augenfällig auftritt.

Es kommen für uns besonders in Betracht: der Gusseisenputzereistaub, der Gusseisendrehstaub, der Nadelschleifereistaub, Bronzestaub, Messingschleifstaub, Messingdrehstaub und Bleistaub.

Gusseisenputzereistaub zeigt deutliche Plättchenform und zerstäubt schwer. Unter dem Mikroskop zeigt er zumeist scharfkantige, manchmal spitze, dunkle Eisentheilchen, daneben glashelle, durchsichtige, äusserst spitze Quarztheilchen vom Gussande.

Der Gusseisendrehstaub ist fein, fasst sich aber derber an, zeigt grössere Plättchenform als der Putzereistaub und zerstäubt leichter als dieser. Das mikroskopische Bild zeigt Plättchen mit zerfransten Rändern, zuweilen längliche Stückchen, gebogen und vielfach zerrissen. Bei stärkerer Vergrösserung finden wir viele Stückchen mit deutlich hobelspanartiger Form, vielfach gebogen, verschlungen, mit scharfen, hakenartigen Spitzen und zerfetzten Rändern.

Bei dem Nadelschleifereistaube sind deutlich die hakenförmig gebogenen, an den Rändern zerfransten Theile ausgeprägt, und zwar kommen diese Theile häufiger vor als beim Gusseisendrehstaub, ausserdem zeigt sich hier eine grössere Anzahl mitunter recht grosser, zumeist scharfkantiger Quarztheile.

Bronzestaub zeigt goldgelbe feine Plättchen und viele andere Bestandtheile, als Holzstückchen, Fasern u.s.w. Der eigentliche Staub ist leichter zerstäubend, da die Plättchen äusserst fein sind, sie sind an den Rändern zerrissen. Daneben finden sich Quarztheilchen mit theilweise abgerundeten Rändern, vom Polirmittel herrührend, dann Messingschleifstaub, der durch Bearbeitung mit einer Tuchscheibe erzeugt ist. Derselbe besteht der Hauptsache nach aus sehr dünnen Plättchen, welche an den Rändern zerrissen sind und scharfe Kanten und Ecken besitzen. Bei Anwendung von Schleifscheiben mit Schmirgelpulver entsteht ein gröberer Staub und in diesem finden sich auch die eckigen Körner des Schmirgelstaubes.

Messingdrehstaub. Die feinen Theilchen dieses sonst ziemlich groben Staubes haben Aehnlichkeit mit dem von der Nadelschleiferei erzeugten, auch hier finden wir zahlreiche spiessige Theile, theilweise hakenförmig gebogen, dann Plättchen mit scharfen Ecken.

Der Bleistaub besteht aus sehr dünnen Plättchen, nebst derben kleinen Körperchen und viel feinem Sand. Die Formen sind zumeist abgerundet; scharfe Theile fehlen hier gänzlich.

Betrachten wir das Resultat dieser mikroskopischen Untersuchungen der Metallstaubarten, so finden wir, dass der Staub der Nadelschleiferei und der Messingdreherei verheerend auf den Organismus einwirken muss, da er sich mit seinen scharf gewundenen Haken an den Schleimhäuten festsetzt und auch |168| durch den erfolgten Hustenreiz nicht entfernt werden kann. Ihm zunächst reiht sich in Bezug auf Schädlichkeit der Gusseisenputzereistaub an; derselbe wirkt durch seine spitzen Quarztheilchen, während der Bronzestaub durch seine spiessigen Theilchen schadet.

Von geringerer Schädlichkeit dürfte sich der Messingschleifereistaub erweisen, da er keine besonders verletzenden Formen aufweist. Der Bleistaub wirkt, obgleich er in Folge seiner äusseren Beschaffenheit die Athmungsorgane weniger afficirt, dadurch schädlich, dass er aus der Lunge im Wege der Aufsaugang in den Kreislauf des Blutes gelangt und so die bekannten Vergiftungserscheinungen hervorruft. Es liegt aber nahe, dass ein hierdurch (Bleikolik, Bleilähmungen u.s.w.) geschwächter Organismus mehr zu phthisischen Erkrankungen neigt als ein normaler Körper.

Betrachten wir nun die Gewerbe, bei welchen die Arbeiter Metallstaub einathmen, so finden wir, dass die Schmiede und Schlosser, welche nicht besonders durch den Staub zu leiden haben, auch nur wenig von Krankheiten der Athmungsorgane belästigt werden. Einen grösseren Procentsatz an Lungenerkrankungen haben die Feilenhauer aufzuweisen. Am meisten sind dem Metallstaube (gemischt mit Polirmittelstaub) die Metallschleifer ausgesetzt. Wie gefährlich in dieser Beziehung der Stahlstaub wirkt, ersehen wir aus englischen Berichten, nach welchen 69 Proc. dieser Arbeiter an sogen. „Schleiferasthma“ leiden und 69 Proc. das vierzigste Lebensjahr nicht erreichen.

Wie günstig nun die Staubabsaugung zu wirken vermag, zeigt, dass in deutschen Fabriken, in welchen für Staubabsaugung vorgesorgt ist, bei den Nähnadelschleifern eine mittlere Lebensdauer von 50 Jahren constatirt wurde, hingegen in englischen Fabriken, in welchen der Staubabsaugung keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde, eine mittlere Lebensdauer von 35 bis 40 Jahren festgestellt worden ist. Hieraus ergibt sich die dringende Pflicht, alle Metallwerkstätten mit ausreichenden Ventilationsanlagen zu versehen, und glücklicher Weise besitzt ja unsere Technik auf diesem Gebiete vortreffliche Apparate.

Die Gefährlichkeit des Metallstaubes wird übrigens auch durch die Berichte der Krankenkassen bestätigt. Wir finden in allen Gewerben, bei welchen die Arbeiter Metallstaub einathmen müssen, eine höhere Erkrankung der Athmungsorgane. Dies tritt besonders bei den Goldschlägern hervor, bei welchen von je 100 Mitgliedern 14,9 an Athmungsorganen erkrankten, während für alle Gewerbe im Durchschnitte von je 100 Mitgliedern nur 7 gezählt werden.

Die Tuberculose zählt bei den Goldschlägern mit 3,8 von 100 Mitglieder, während der Durchschnitt für diese Krankheit nur 2,0 beträgt. Auch bei den Giessern finden wir eine höhere Erkrankungszahl für die Athmungsorgane. Es dürfte dies seinen Grund aber darin haben, dass diese Arbeiter den giftigen Metalldämpfen ausgesetzt sind und dass hierdurch die Athmungsorgane bedeutend in Mitleidenschaft gezogen werden. Was den Bronzestaub betrifft, muss noch erwähnt werden, dass dieser chronische Nasenentzündung und oberflächliche Geschwüre der Nasenschleimhaut hervorruft. Als zwingende Folgerung drängt sich auf, dass er eine gleiche schädliche Wirkung auf die Bronchialschleimhaut ausüben dürfte.

Zur Kennzeichnung der Schädlichkeit des Schleiferstaub es sei noch mitgetheilt, dass, wenn in Solingen von je 1000 Personen überhaupt 19,6 starben, die Zahl der Eisenarbeiter 23,0 und der Schleifer sogar 30,4 betrug. Das Durchschnittsalter war für Solingen bei der gewöhnlichen Bevölkerung 54 Jahre, bei den Eisenarbeitern 48,3 Jahre und bei den Schleifern nur 39,4 Jahre. Diese Zahlen stammen allerdings aus dem Anfange der achtziger Jahre, wo allgemein die Fürsorge auf gewerbehygienischem Gebiete erst im Entstehen war. Seitdem hat sich Vieles gebessert. (Gewerbefreund.)

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