Titel: Kohlensäureindustrie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1895, Band 306/Miszelle 3 (S. 216)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj306/mi306mi09_3

Kohlensäureindustrie.

Die ausserordentliche Zunahme des Verbrauches flüssiger Kohlensäure hat längst auf die Ausnutzung der verschiedensten Kohlensäurequellen sinnen lassen. Ursprünglich war es bloss die Ausströmung natürlicher Kohlensäure, welche der Erdboden bietet, die durch Verflüssigen mit Hilfe von Maschinenkraft zur Anwendung gelangte. Da aber dadurch die Herstellung örtlich begrenzt wurde, so kam man bald darauf, die Kohlensäure aus ihrer Bindung mit Kalk, Magnesia u.s.w. zu gewinnen.

Mittlerweile ist man dazu zurückgekehrt, wieder natürliche Kohlensäure zu verwenden, wie sie der Verbrennungsprocess organischer Körper, vor allem aber die Gährung in unbegrenzten Mengen darbietet. Graeger1) hat berechnet, dass ein Stückfass Most bei der Gährung 61869 l Kohlensäure entwickelt. Eine ergiebige Quelle ist ferner die Gährung der Bierwürze. In beiden Fällen kommt es darauf an, die Kohlensäure möglichst luftfrei zu gewinnen, was dadurch erreicht wird, dass die Gährbottiche geschlossen werden. Da nun gerade die Brauereien die stärksten Verbraucher der Kohlensäure sind, so lag es nahe, die Verwendung der sonst nutzlos in die Luft entweichenden Kohlensäure anzustreben, wie es schon vor einigen Jahren die Brauerschule in München durchgeführt hat.

Bald haben die Deutschamerikaner sich der Sache bemächtigt. Die Schoenhöfer'sche Brauerei in Chicago hat ihre offenen Gährbottiche durch geschlossene ersetzt. Durch ein bewegliches Kohlensäureabführungsrohr kann jeder Bottich an die Centralleitung angeschlossen werden, die wieder an den etwa 600 cbm haltenden Gasometer anschliesst. Das entwickelte Gas kann ohne weiteres zum Carbonisiren des Bieres benutzt werden. Obgleich in der Brauerei die Kohlensäure ausserdem noch an den Flaschenfüllapparaten Verwendung findet, beträgt die benöthigte Menge Kohlensäure nur 1/12 des gesammelten luftfreien Productes, die übrigen 11/12 werden von der mitgerissenen Feuchtigkeit und den Alkoholdämpfen, sowie den aromatischen Bestandtheilen befreit, als flüssige Kohlensäure in den Handel gebracht. Die Menge beträgt bei einer Herstellung von jährlich 250000 hl Bier die Kleinigkeit von 500000 k flüssiger Kohlensäure!

Eine nicht minder wichtige Neuerung ist Dr. Raydt in Stuttgart zu verdanken. Sie besteht in der Gewinnung von Kohlensäure aus Gasgemischen in ununterbrochenem Betriebe unter Anwendung von trockenem festem Natriumcarbonat, das stets im Apparat verbleibt, sowohl für die Absorption, wie für das Abtreiben der Kohlensäure. Man hat früher Kohlensäure aus Gasgemischen in ununterbrochenem Betriebe hergestellt, indem man eine Monocarbonatlösung in Mischgefässen mit Rührwerk mit dem durch Verbrennung oder auf andere Weise gewonnenen Gasgemisch in innige Berührung brachte und sie dadurch in Bicarbonatlauge verwandelte. Man pumpte dann die letztere in Abtreibeapparate, aus denen hierauf durch Wärme die Kohlensäure entwickelt wurde. Das hatte mannigfache Uebelstände im Gefolge, vor allem, dass die Lauge in Berührung mit Röhren und Bottichen diese angriff. Raydt verwendet nun anstatt der Lauge trockenes Natriumcarbonat. Da die Soda in völlig wasserfreiem Zustande keine Kohlensäure aufzunehmen vermag, so ist die Gegenwart von Wasser unerlässlich. Die Erfahrung hat nun ergeben, dass der Process am besten dadurch ermöglicht wird, dass dem trockenen Monocarbonat eine genau abgemessene, nur für die Bicarbonatbildung hinreichende Menge von destillirtem Wasser zugesetzt wird. Es bildet sich dann glatt in dem Apparat Bicarbonat, das man bloss zu erhitzen braucht, um einen Strom Kohlensäure zu entwickeln und trockenes Monocarbonat zurückzulassen, das in der beschriebenen Weise mit neuem Gasgemisch gesättigt und wieder erhitzt wird.

Nach dem Raydt'schen Verfahren ist das trockene Carbonat auf einem System wagerechter Horden ausgebreitet. Ueber jeder Horde befindet sich ein Rohrsystem mit Löchern, durch welche eine abgemessene Menge Wasser auf den Inhalt der betreffenden Horde in fein zertheiltem Zustande gespritzt werden kann. Noch einfacher wäre freilich, wenn man, wie in der Patentschrift angedeutet ist, das Wasser in Form von Wasserdampf gleich dem Kohlensäure haltenden Gasgemische zutheilen könnte. Unter jeder Horde ist ein zweites Rohrsystem angebracht, durch das sowohl Heizgase als Wasserdampf zum Zweck der Erwärmung, ebenso auch kaltes Wasser zur Abkühlung zugeführt werden kann.

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D. Zeitschr. f. d. gesammte Kohlensäureindustrie.

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