Titel: Die Umsteuerung der Motorboote.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 307/Miszelle 1 (S. 264)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj307/mi307mi11_1

Die Umsteuerung der Motorboote.1)

Die kleinen Motorbarkassen, welche unsere Wasserstrassen und Häfen beleben, werden in der Regel von nur einem Manne bedient und sind im dichtesten Verkehr zuverlässig vor- und rückwärts lenkbar. Diese leichte Lenkbarkeit hat für den Verkehr eine hervorragende Bedeutung. Grosse Lenkbarkeit ist seit Aufnahme des Motors im Bootsbetriebe die für die Schiffstechnik zu lösende Aufgabe gewesen.

Die Umdrehungsrichtung eines Motors ist unveränderlich. Derselbe kann nicht wie die Dampfmaschine je nach Bedarf das Kurbelgetriebe und damit die Schraubenwelle vom Todtpunkte aus in die Gegenrichtung bewegen. Es fehlt dem Motor somit die Fähigkeit, ohne weiteres den Gang der Schraube von „Voraus“ auf „Halt“ und „Zurück“ zu bringen; man ist gezwungen, diese dem Motor fehlende Fähigkeit durch maschinelle Einrichtung zu ersetzen und hat zuerst zu den bekannten Wendegetrieben gegriffen, welche man zwischen Motorwelle und Schraubenwelle kuppelte. – Etwas Vollkommenes hat man damit nicht geschaffen, weil der Bootsbetrieb Anforderungen stellt, die mit Reibungs- und Zahnradanordnungen nicht zu erreichen sind. Zahnradgetriebe verzehren Kraft, machen Geräusch und sind complicirt; – Reibungsvorrichtungen sind dem Versagen und Gleiten unterworfen.

Man hat in Folge dessen mit der Umsteuerung anfänglich grössere Schwierigkeiten zu überwinden gehabt als mit der Betriebsmaschine. Da etwas wirklich Brauchbares nicht geboten wurde, hat man deshalb in den meisten Fällen von Wendegetrieben Abstand genommen und die Aenderung der Fahrrichtung in die Verstellung des Schraubenflügels gelegt.

Das Wesen der umsteuerbaren Schraubenflügel besteht darin, dass eine in einer durchbohrten Schraubenwelle befindliche Zugstange an dem einen Ende mit einer Stellvorrichtung und an dem anderen mit den Schraubenflügeln im Inneren einer hohlen Nabe derart in Verbindung gebracht ist, dass die Verschiebung der Stellvorrichtung eine Drehung der Flügel zur Folge hat.

Auf diese Weise wird die Steigung der Flügelflächen je nach Bedarf geändert und über einen gewissen Punkt hinaus ganz gewechselt. Mithin ist das mit solcher Schraube bewegte Fahrzeug durch einfache Hebelstellung vom „Vorwärtsgang“ auf „Halt“ und „Voll zurück“ zu bringen.

Das Verstellen der Schraubenflügel ist so alt, wie die Aufnahme der Schraube zur Fortbewegung von Wasserfahrzeugen. Bedeutung hat die verstellbare Schiffsschraube aber erst durch seine Aufnahme in Motorbooten erlangt, die Carl Meissner in Hamburg im J. 1892 veranlasste. – Es handelte sich bei der Aufnahme in erster Linie darum, diesen Mechanismus ebenso standfest zu machen, wie die feste Schraube mit ihrem fest eingelagerten Schafte. Mit den älteren, in Fachschriften beschriebenen Hebel- und Zahngetriebeconstructionen beginnend, hat sich durch die Anforderungen des Betriebes die Meissner'sche Bauart als betriebssicher herausgebildet.

Dem Wesen nach besteht sie in einem prismatischen Kreuzschieber im Inneren der Schraubennabe, der die Kurbelscheiben der Flügel verstellt, und eine Schiebersteuerung am Ende eines durchbohrten Theiles der Schraubenwelle, welche den Vorschub vermittelt.

Das massive Prisma an Stelle der Hebelarme oder Zahngetriebe ist standfest und betriebssicher und bietet den drehbaren Kurbelscheiben eine sichere Lagerung und Stütze, welche Verschleiss und todten Gang ausschliesst.

Die solide Schiebersteuerung aus Stahl, geführt durch ein kräftiges Gestänge, nimmt den Wasserdruck gleichmässig auf, und ist von unbegrenzter Haltbarkeit, während die Keilsteuerung anderer Systeme den Anforderungen des Betriebes in keiner Weise gewachsen ist. Der Keil schwächt die Zugstange und sein Führungsschlitz schwächt die durchbohrte Welle an der empfindlichsten Stelle derart, dass diese unvermeidlichen Schwächungen den ganzen Mechanismus unzuverlässig machen.

Die Regulirung und Feststellung der Flügelsteigung in der stets zugänglichen Schiebersteuerung anstatt im Nabeninneren ist gleichfalls ein Vorzug dieses Systems, der eine sachgemässe Ausnutzung der Maschinenkraft gewährleistet.

Die Schraubensteuerung gewinnt für jede Art von Motorbooten eine immer allgemeinere Bedeutung und Beachtung.

|264|

Vgl. D. p. J. 1895 296 * 181.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: