Titel: Die Elektricitätswerke zu Waldenburg i. Schl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 307/Miszelle 2 (S. 287)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj307/mi307mi12_2

Die Elektricitätswerke zu Waldenburg i. Schl.1)

Eines der grössten Elektricitätswerke, welche in neuester Zeit im Deutschen Reiche errichtet werden, ist zu Waldenburg begonnen worden und kommt demnächst in vollen Betrieb.

Die Anlage ist von der Niederschlesischen Elektricitäts- und Kleinbahn-Actiengesellschaft im Mittelpunkt des niederschlesischen Bergwerksreviers errichtet worden und hat sich zur Aufgabe gestellt, die industriereiche Umgegend Waldenburgs mit Licht und elektrischer Energie für Kraftbedarf zu versehen; sie wird ihr Kabelnetz auf 35 bis 50 km Radius von der Kraftstation aus ausdehnen.

Im Laufe des Januar 1898 hat bereits der Betrieb begonnen, so dass die Stadt Waldenburg schon auf den Strassen elektrisch beleuchtet wird; die Nachbarstadt Freiburg erhält in den nächsten Wochen ebenfalls öffentliche Beleuchtung, und die übrigen Consumenten, mit etwa 500 Anschlüssen, werden noch im Laufe dieses Jahres mit Strom zu Licht- und Kraftzwecken versorgt werden. – Auch die elektrisch zu betreibende Strassen bahn wird eifrigst gefördert, so dass die erste Strecke, nach Altwasser und Sorgau, im Spätsommer dem Verkehr übergeben werden wird.

Das stattliche Werk besteht in der Hauptanlage aus der Maschinenhalle, dem Kesselhause und dem dazwischen liegenden Mittelbau; der Schornstein hat 60 m Höhe und 2,5 m obere Weite. Das Mittelgebäude ist vier Stockwerk hoch; die Räume des Hauptbaues dienen für die Transformatoren, Sicherungen u.s.w., sie enthalten Zimmer für das Personal, welches dort verpflegt wird und in den Ruhepausen sich erholen kann.

Das grösste der drei Hauptgebäude ist die Maschinenhalle von 51 m Länge, 27 m Breite und 16 m Höhe. Die Dachträger überbrücken die ganze Spannweite von 27 m, so keine Säulen zum Tragen verwendet sind.

Das Kesselhaus hat ebenfalls freitragende Dachconstruction in derselben Breite und ist reichlich mit Lichtöffnungen versehen.

Drei Hauptkabel leiten den Strom nach den verschiedenen Richtungen. Die Kraftstation ist so angelegt, dass man auf einen Radius – bis zu 50 km – hinausgehen kann.

Zum Betriebe kommen einstweilen vier Dynamo mit stehenden Dampfmaschinen von je 450 bis 500 in Gang; es ist indessen der grössere Theil der Maschinenhalle noch unbesetzt und vorläufig abgesperrt. In diesem sollen allmählich noch acht solcher Dampfdynamo zu 1000 aufgestellt werden, so dass man alsdann im Ganzen 8000 bis 10000 zur Verfügung haben wird.

Die jetzt schon aufgestellten Verbundmaschinen haben Dörfel'sche Steuerung und Schwungradregulator.

Zur Speisung dieser Dampfmaschinen dienen vorläufig sechs Dampfkessel von je 200 qm und 9 at Dampfspannung; das System derselben ist das von Doppelkesseln, unten Zweiflammrohrkessel, oben Heizröhrenkessel. In demselben Kesselhause können noch sechs solcher Dampfkessel liegen. Der vorhandene Bauplatz gestattet leicht eine Ausdehnung bis zu 28 Kesseln.

Die ganze Anlage hat Drehstrommaschinen, die mit 3000 Volt arbeiten, welche auf 5 km Entfernung direct abgegeben werden. Ueber diese Entfernung hinaus wird die Spannung auf 10000 Volt und darüber transformirt, der Strom wird in blanker oberirdischer Leitung frei geführt.

In die Ortschaften hinein wird die Hochspannung ebenfalls im Erdkabel geführt; alle ferneren oberirdischen Leitungen und solche, die dem Publicum überhaupt zugänglich sind, werden transformirt bis zu einer ungefährlichen Spannung von 120 Volt, ausnahmsweise bis zu 250 Volt.

Als Lieferanten für das ganze Betriebswerk sind folgende Fabriken ersten Ranges aufzuführen.

1) Für die Kessel und Dampfmaschinen die Carlshütte zu Altwasser.

2) Die elektrische Anlage, die Kabel, die Strassenbahnen, die Dynamo und Transformatoren wurden von Siemens und Halske A.-G. geliefert,

3) Die Röhrenleitungen und Ventile sind aus den Fabriken von Breuer und Co. in Höchst, sowie von Bendix Meyer (Oberschlesische Kesselwerke) Gleiwitz. Letztere liefern namentlich die grossen schmiedeeisernen, geschweissten Dampfröhren und Krümmer.

Die Installationen für den Anschluss der Consumenten haben die Firmen Krimping-Breslau (Siemens und Halske), Filiale Breslau der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft Berlin, Böll und Distelmann-Waldenburg, Wilhelm Mende-Waldenburg übernommen.

Technisch interessant sind noch mehrere Einrichtungen der Kraftstation, wie beispielsweise die Reinigung des für die Condensation und die Speisung der Dampfkessel dienenden Wassers, für welche Zwecke hauptsächlich Grubenwasser zur Verfügung steht, gemischt mit etwas Tagewasser. Dasselbe wird in zwei Reisert'schen Reinigungsapparaten gereinigt. Zur Kühlung und Wiederbenutzung des heissen Condenswassers ist eine Centraloberflächencondensation von Sack und Kieselbach in Düsseldorf in Thätigkeit, mittels welcher stündlich 18 cbm Wasser gekühlt und gereinigt werden können. Die Kühlwasserpumpe fördert 35 cbm Wasser in der Minute.

Zur Kühlung des Wassers ist ausserdem ein Kühlteich von 9 × 15 × 2,5 m vorhanden. Vor dem Condensator ist in der Rohrleitung ein selbsthätiges Luftventil (Construction B. Meyer-Gleiwitz) angebracht, mittels dessen diese Leitung ausgeschaltet werden kann.

Für die Versorgung der Maschinen mit Schmiermaterial ist eine Centralschmierstation im Souterrain des Hauptgebäudes angelegt. Eine elektrisch betriebene Oelpumpe zieht das Schmiermaterial aus einem Hauptbassin und drückt es nach den Dampfmaschinen. Nach dem Gebrauch wird alles Oel filtrirt und von hier, gereinigt, dem gemeinschaftlichen Oelbehälter wieder zugeführt.

Erwähnenswerth ist noch die Regelung der Dampfmaschinen auf elektrischem Wege vom Schaltbrett aus. Dies Schaltbrett von 20 m Länge ist an der Rückwand der Maschinenhalle angebracht. Von ihm aus erfolgt auch die Vertheilung des elektrischen Stromes in die verschiedenen Leitungen.

Zum Schlusse sei noch der Feuerlöschvorrichtungen gedacht, welche von einem Hochbehälter mit 25 cbm Inhalt aus so gespeist werden können, dass man jeden Theil der Gebäude beherrscht. Auch können Schläuche an die grossen Speisepumpen angeschraubt werden, welchen acht Hydranten an verschiedenen Punkten des Grundstücks zur Verfügung stehen.

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Auszüglich aus Organ des Verbandes der Kesselüberwachungs-Vereine.

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