Titel: Die elektrisch geläuteten Glocken der Georgenkirche in Berlin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 307/Miszelle 4 (S. 288)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj307/mi307mi12_4

Die elektrisch geläuteten Glocken der Georgenkirche in Berlin.

Nach einer Mittheilung des Regierungsrathes Schrey in der Bauzeitung vom 19. Februar und in Glasers Annalen ist in der vom Geheimen Regierungsrath Otzen erbauten St. Georgenkirche in Berlin ein Geläute aufgehängt, welches wegen seiner mechanischen Läutevorrichtung Beachtung verdient. Die Vorrichtung ist, ebenso wie das Gusstahlgeläute selbst, von dem Bochumer Verein für Bergbau- und Gusstahlfabrikation geliefert, und ihre Erfindung dem Werke patentirt worden; es ist unseres Wissens die erste praktische Ausführung des Gedankens, schwere Kirchenglocken statt von Menschenhand durch ein Maschinengetriebe läuten zu lassen.

Das Läuten schwerer Glocken von Hand ist mit grossen Kosten, mit Umständlichkeiten und auch selbst mit Gefahren verbunden, was zu einer an sich unerwünschten Einschränkung der Benutzung der mit sehr hohen Kosten beschafften Glocken führt (z.B. im Kölner Dome, in der Kaiser Wilhelm-Gedächtnisskirche in Berlin). Solche Glocken mechanisch zu läuten, erschien dem Bochumer Vereine deshalb schon seit längerer Zeit eine lösenswerthe Aufgabe. Der Form des Getriebes, welche in der Georgenkirche ausgeführt wurde, gingen verschiedene andere vorauf, die zwar auch zum Gegenstand von Erfindungspatenten gemacht worden, aber über eine Prüfung auf Ausführbarkeit nicht hinausgekommen sind. Bei dem in der Georgenkirche ausgeführten Getriebe ist am rechtsseitigen Ende der Trieb welle eine Riemenscheibe aufgekeilt, durch welche von einem 10pferdigen, von der Firma Siemens und Halske gelieferten Elektromotor aus der Antrieb derart erfolgt, dass die Welle minutlich etwa 160 Umdrehungen macht. Die drei Seiltrommeln, je eine für jede Glocke, sind lose auf der Welle. Rechts dicht neben diesen Seiltrommeln sitzen fest mit der Welle verbundene Reibscheiben oder Mitnehmerscheiben. Diese Reibscheiben drehen sich also mit der Welle beständig um; jede der lose sitzenden Seiltrommeln muss sich ebenfalls mitdrehen, sobald man sie gegen die zugehörige Reibscheibe presst. Wenn letzteres geschieht, so wird das Glockenseil, welches mit einem Ende auf der Seiltrommel befestigt ist, aufgewickelt. Da das andere Ende dieses Seiles am Schwunghebel der Glocke befestigt ist, so schwingt die Glocke, wenn das Seil auf die Trommel aufgewickelt wird. Nun ist aber die Bewegung der Glocke eine hin und her gehende, da sie doch auch zurückschwingen muss, während die Welle der Maschine sich gleichmässig weiter umdreht. Es handelt sieb nun darum, die Seiltrommel rechtzeitig von der Reibscheibe abzulösen, damit der Rückschwung der Glocke stattfinden kann, wobei diese Seiltrommel die entgegengesetzte Drehrichtung annehmen muss. Da ferner das Verbinden und Ablösen genau mit den Schwungzeiten der Glocke übereinstimmen muss, so ist die Einrichtung so getroffen, dass die Glocke selbst, wenn sie in der Mitte des Schwunges angelangt ist, ein Excenter hebt, welches durch einfache Zwischengetriebe das Anpressen der Seiltrommel gegen die Reibscheibe und ebenso das rechtzeitige Wiederablösen von derselben bewirkt. Ein besonderes Rückzuggewicht hält die Seiltrommel und auch das Seil dermaassen in Spannung, dass keine Unordnung in der Seilführung entstehen kann.

Die Einrichtung arbeitet tadellos. Um das Läuten einzuleiten, muss von Hand das Ein- und Auskuppeln der Seil- und Reibscheiben so lange allmählich fortgeführt werden, bis der Ausschlag der Glocken die normale, zum Klöppelanschlag erforderliche Weite erreicht hat; alsdann besorgt das Getriebe selbst das weitere Läuten. Dieses Anläuten von Hand kann von einem Manne, mit einer der Glocken beginnend, in 1 bis 1¼ Minute für alle drei Glocken durchgeführt sein, so dass sie dann fortwährend zusammen erklingen. Die Lösung ist vom wirthschaftlichen sowohl als vom technischen Standpunkte eine sehr beachtenswerthe zu nennen.

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