Titel: Neuerungen in der Papierfabrikation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 308 (S. 191–196)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj308/ar308061

Faserstoffe.
Neuerungen in der Papierfabrikation.

Von Prof. Alfred Haussner, Brünn.

(Schluss des Berichtes S. 168 d. Bd.)

Mit Abbildungen.

Für die gute Verbleiung von Kochern könnte möglicher Weise das Verfahren von Enno v. Münstermann in Ludwigshütte nach D. R. P. Nr. 85436 von Vortheil sein. Wenn sich die Angaben des Erfinders bewähren, so könnte man auf Eisen einen so festen Bleiüberzug herstellen, dass dieser sich weder durch Hämmern, Biegen, Zerschlagen u. dgl. von dem Eisen trennen lässt. Nach dem Münstermann'schen Verfahren werden die Stücke vorerst in einem verdünnten Salpetersäurebade behandelt, dann abgetrocknet und in eine zweite Beize aus Schwefelsäure, Urin und Wasser gelegt, bis die Gegenstände vollständig von Rost und Schmutz befreit sind. Dann, nach erfolgter Abtrocknung, wird das zu verbleiende Stück mit der eigentlichen Löthflüssigkeit behandelt, welche aus einem Gemische von Salzsäure, Wasser und Kaliumquecksilberjodid besteht. Dieses speciell soll die Verbindung des Metalles mit dem Blei beschleunigen. Nachdem die Stücke je nach der Beschaffenheit derselben in dieser Löthflüssigkeit eine geeignet lange Zeit gelegen waren, werden sie herausgenommen, gut abgetrocknet und ein oder mehrere Male, je nach der gewünschten Stärke der Verbleiung, in geschmolzenes Hart- oder Weichblei getaucht. Bei Schmiedeeisen und anderen Metallen soll das Bleibad mindestens eine Temperatur von 470° C. besitzen, während bei Gusseisentheilen eine höhere Temperatur verlangt wird.

Was andere Verkleidungen anbelangt, so sei hervorgehoben, dass Kocher mit Schutzkruste nach System Salomon Brüngger (vgl. 1890 276 54) in Amerika viel angewendet werden. In der Papierzeitung, 1897 S. 462, finden sich ausführliche Analysen über die hauptsächlich aus zwei Schichten (in der Nähe des Bleches und weiter im Inneren) bestehende Kruste. In der Nähe des Bleches ist die Kruste mürbe und enthält merklich Eisenoxyde, gegen das Innere zu finden sich letztere nur in höchst geringen Mengen. In ersterer findet sich überdies zum weitaus grössten Theile schwefelsaurer Kalk, in der weiter innen liegenden Partie dagegen neben schwefelsaurem auch schwefligsaurer Kalk.

Von den Verfahren zur Erzeugung von Zellstoff hat ganz in Uebereinstimmung mit den vorangegangenen Berichten das Sulfitverfahren entschieden das Uebergewicht. Es bestehen hierfür nach wie vor jene Gründe, welche schon hervorgehoben worden sind (vgl. 1896 300 28). Nicht selten werden Natron- bezieh. Sulfatzellstoffabriken aufgelassen oder in solche für Sulfitbetrieb umgewandelt, wie es jüngst bei der grossen Zellstoffabrik in Torda (Siebenbürgen) von Carl Neufeldt-Wien geschehen ist. Hierbei soll elektrischer Betrieb und auch elektrische Bleiche nach System Carl Kellner (vgl. 1892 285 26 und 1894 292 123) eingeführt werden; eine Turbinenanlage von 630 liefert die nothwendige Kraft.

Immerhin ist das Natronverfahren keineswegs als aufgegeben zu betrachten; örtliche Verhältnisse können dasselbe noch immer ökonomisch günstig gestalten. Neuester Zeit scheint man sich zu interessiren für das hierher gehörige Verfahren von Ungerer: Kochen in einer Batterie so, dass die Lauge hinter einander in mehreren Kochern arbeitet, indem sie nach und nach durch sämmtliche Kocher einer Batterie gedrückt wird. Zweifellos ist der Grundgedanke dieses Verfahrens, allmähliche Einwirkung auf die sogen. Inkrusten, ein guter.

Eigentlich auch ein Natronverfahren ist jenes von Max Coulon und Dr. Richard Godeffroy in Wien nach D. R. P. Nr. 88299. Nach dieser Erfindung soll Holz oder |192| Stroh im kalten Zustande von den Inkrusten befreit und in Zellstoff umgewandelt werden. Wenn man sich erinnert, wie viel Schwierigkeiten bisher bei dem „Kochen“, bei den vielen Versuchen, ob höherer oder niederer Druck richtiger sei, überwunden werden mussten, so fällt es wirklich schwer, an Aussichten dieses Verfahrens zu glauben. Andererseits sind aber die Namen der Erfinder solche, dass man Vertrauen entgegenbringen kann und wäre auch die Erfindung, wenn sie sich wirklich bewähren würde, von so weittragender Bedeutung, dass eine kurze Beschreibung des Verfahrens geboten erscheint. Das zerkleinerte Holz oder Stroh wird in geeigneten, womöglich mit Rührern versehenen Gefässen durch 6 bis 60 Stunden mit einer Chlorkalklösung behandelt, welche mindestens 2 Proc. freies Chlor enthält. Darauf wird das Holz in einem Holländer oder Kollergange gründlich zerfasert und dann ausgewaschen. Hierauf wird der Stoff der Einwirkung einer Lauge, welche mindestens 1 Proc. Natron enthält, überlassen in geeigneten, mit Rührern ausgestatteten Gefässen. Offenbar geht das Verfahren darauf hinaus, eine allmähliche Zerstörung der Inkrustationen durch nach ihrer Natur geeignete Mittel zu veranlassen, wie dies auch bei dem elektrischen Vorfahren von Carl Kellner (vgl. 1894 292 123) beabsichtigt ist. Es soll nach den Angaben der Erfinder aber auch der umgekehrte Weg: zuerst Natron, dann Chlor, gleich guten Erfolg gewährleisten. Natürlich muss zum Schlusse gut ausgewaschen werden, damit weder Säure noch Base in dem Stoffe zurückbleibt.

In gänzlich abweichender Art von jenen der üblichen Verfahren will Friedrich Bühler in Cassel nach D. R. P. Nr. 94467 vorgehen. Er schlägt vor, die Inkrusten durch Theeröle, Phenole und Aether derselben zu lösen. Nach den Angaben Bühler's zeigen die genannten Stoffe bei Temperaturen von über 150° C. sowohl flüssig, wie dampfförmig die Eigenschaft, die inkrustirenden Substanzen so aufzulösen, dass die Zellen selbst vollkommen frei gelegt werden, ohne dass sie selbst angegriffen werden. Es fällt wirklich schwer, daran zu glauben, dass ausser den harzartigen Körpern auch noch alle anderen, in den sogen. Inkrusten enthaltenen Stoffe durch dieses Verfahren entfernt werden und muss entschieden vor einem weiteren Eingehen abgewartet werden, ob die bis jetzt vorliegenden Angaben zutreffen.

Besonderes Misstrauen dürfte aber angebracht sein gegenüber einem Verfahren von Jakob Lappen in Appleton, welcher mit einer geheimnissvollen Substanz so günstig Zellstoff kochen will, dass dessen Selbstkosten um 50 bis 75 Proc. erniedrigt werden. Die Nachrichten, dass aus solchem Stoffe lederartige und dicke Papiersorten, welche von Schuhfabrikanten benutzt werden, herzustellen sind, lassen kaum den Schluss auf wirklichen Zellstoff zu.

Eine leider noch immer ungelöste Frage ist jene nach Unschädlichmachung der Ablaugen von Zellstoffabriken, insbesondere der in überwiegender Anzahl vorhandenen Sulfitzellstoffabriken. Noch ungelöst ist diese Frage trotz vieler Versuche, von welchen auch im Folgenden einige berührt werden sollen, und trotz des Anspornes, welchen die Zellstoffabriken selbst in dieser Richtung ausüben. Hat ja doch jüngster Zeit die Zellstoffabrik Unterkochen sogar einen Preis von 10000 M. für ein im Grossen brauchbares Verfahren ausgesetzt, das die Ablaugenfrage befriedigend löst. Begreiflich genug ist allerdings dieses Drängen auch aus den unmittelbar interessirten Kreisen. Stehen doch gar viele von den Sulfitzellstoffabriken, welche sich nicht der glücklichen Lage an einem hinreichend grossen, fliessenden Gewässer erfreuen, vor dem „Sein oder Nichtsein“. In kleinere Wasserläufe wird in der grossen Mehrzahl der Fälle die Ableitung der Ablaugen von den Behörden nicht mehr gestattet, weshalb mancherorts von Seite der Behörde die Einstellung des Betriebes direct angeordnet worden ist, an anderem Orte die Einstellung „freiwillig“ erfolgt ist, weil man den sehr strengen Vorschriften und Forderungen der Behörden aus irgend einem Grunde nicht genügen konnte. Sei es, dass die hohen Kosten des Eindampfens u. dgl. der Sulfitablaugen zu drückend waren, sei es, dass man trotz solcher Einrichtungen zum Eindampfen nicht befriedigende Erfolge erzielte, weil oft Gerüche widerlichster Art sich gerade in Folge dieser Einrichtungen fühlbar machten. Dabei muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass Stimmen unmittelbar aus der Praxis sich hören lassen, welche diese widerlichen Gerüche nicht als unvermeidliche Begleiter des Eindampfens, sondern nur als Folgen nicht ganz sachgemässen Vorgehens hinstellen. Auch 1896 300 55 wurde schon eines Mittels von Dr. Müller gedacht, diese entstehenden widerlichen Dünste unschädlich zu machen. Am richtigsten bleibt es natürlich aber immer, so vorzugehen, dass diese „Düfte“ gar nicht entstehen, was durch einen geeignet geleiteten Arbeitsgang, wie bereits angedeutet, möglich sein soll. Wenigstens behauptet dies Th. Knösel für Sulfatzellstoffabriken (vgl. Papierzeitung, 1897 S. 2).

Textabbildung Bd. 308, S. 192

Wie schon in früheren Berichten hervorgehoben, wäre es am schönsten, die Ablaugen nicht bloss durch einfache Vernichtung unschädlich zu machen, sondern womöglich die vielen organischen Verbindungen, welche in den Ablaugen in grosser Menge vorhanden sind, nutzbar zu machen. Würde man dadurch doch auch den Abwässern der Zellstoffabriken jene Stoffe entziehen, durch deren Fäulniss so viel Unannehmlichkeiten verursacht werden. Andererseits darf aber nicht vergessen werden, dass durch allfällige Herstellung von Producten aus der Ablauge im Grossen ein solcher Druck auf die Preise dieser Erzeugnisse ausgeübt werden könnte, dass dadurch wieder die ökonomische Seite der ernstesten Erwägung bedürfte.

Wie schon weiter oben bemerkt, haben wir auch |193| diesmal nur einige Schritte auf dem Wege zur Lösung dieser Ablaugenfrage zu verzeichnen. Viggo Drewsen gibt im D. R. P. Nr. 92229 einen Weg, um die schwefligsauren Abgase nutzbar zu machen, ohne die mitgerissenen Flüssigkeiten, welche durch den Kochprocess entstandene Zersetzungserzeugnisse des Holzes enthalten, in die neue Kochlauge zu bekommen. Die Abgase aus dem Kocher d0 (Fig. 39) strömen nämlich durch a1a in den Separator a0, in welchem die mitgerissenen Flüssigkeitstheile sich abscheiden und nach abwärts in das -Rohr b0 gelangen, während die schwefligsauren Gase durch Rohr b in die Laugenbottiche e geführt werden. Damit man in a0 noch einen hinreichenden Druck erhält, ist eben b0 so -förmig gekrümmt und kann eine Druckdifferenz erzielt werden, welche bestimmt ist durch die Höhenlage der Abzweigung des Ablaufrohres f. Damit dieses aber nicht etwa heberartig wirke, ist das Luftrohr g angebracht. Um in b0 jedenfalls tropfbare Flüssigkeit zu haben, finden wir den unteren Theil von b0 mit dem weiten Rohre c0 umgeben, in welchem unter Benutzung des Zuflusshahnes c und des Abflusshahnes c1 für eine Kühlwassercirculation gesorgt wird.

Um die erstickenden Dämpfe zu vermeiden, welche beim Ausblasen des Sulfitstoffes entstehen, schlägt Eugen Meurer in Palmer Falls gemäss amerikanischem Patent Nr. 592875 vor, noch bevor die Dämpfe in den Ausblasebottich gelangen, sie mit Druckwasser zu mischen und solcherart zu condensiren. Dabei wird einfach ein Rohr von einer Druckwasserquelle mit dem Ausblaserohr verbunden und sowohl der Ausblaseschieber, wie der Hahn in jenem Druckrohre gleichzeitig geöffnet.

Um bei dem Eindampfen von Sulfitzellstoffablaugen das Verkrusten der mehr weniger heiklen Heizkörper möglichst hintanzuhalten, wollen A. Kumpfmiller und E. Schultgen in Höcklingsen nach D. R. P. Nr. 83438 folgenden Vacuumapparat anwenden. Die warme Lauge kommt durch Rohr c (Fig. 40) in den Apparat, welcher mit einem Gitterwerk b oder mit kaskadenförmig über einander geordneten Schalen versehen ist; in dem unteren Theile des Apparates befindet sich eine durch Dampf oder Abdampf betriebene Heizvorrichtung. Durch das Gitterwerk b wird die Ablauge veranlasst, sich fein zu vertheilen, wobei durch die aufgewendete Wärme die Schwefligsäure ausgetrieben wird und sich unlöslicher schwefligsaurer Kalk abscheidet, der sich als Kruste auf den einzelnen Theilen des Füllkörpers festsetzt. Dadurch wird die Ablauge von den krustenbildenden Substanzen so weit befreit, dass man in den Eindampfapparaten von diesen nichts mehr zu befürchten hat. Oben führt das Rohr d Dampf und schweflige Säure dem Condensator zu. Damit nicht etwa Flüssigkeit dahin mitgerissen wird, befindet sich über dem Eintrittsrohre c noch ein Gitter werk, welches Flüssigkeitstheilchen zurückhält. Um die Flüssigkeitsbewegung zu erzielen, soll nur eine geeignete Aufstellung gewählt und die Anwendung von Pumpen vermieden werden.

Textabbildung Bd. 308, S. 193

Die Verwerthung der Sulfitablauge als Heilmittel für Tuberculose, bezieh. die Bereitung des Lignosulfits von Dr. Hartmann (vgl. 1896 300 55) scheint sich thatsächlich zu bewähren. Von der Halleiner Mutteranstalt beziehen die Inhalatorien in Reichenhall, Wiesbaden, Wien, Meran, Soden, San Remo, Nizza, Jalta, Toulon, Kopenhagen u.s.w. Lignosulfit. So erfreulich diese Hilfe für viele Kranke erscheint, so ist doch die absolute Menge von Ablaugen, welche nach dieser Richtung verwendet wird, doch nur gering, selbst dann, wenn sich diese Heilmethode noch weiter verbreitet.

Auch die beiden bekannten Erfinder Dr. Mitscherlich und D. Ekmann (vgl. 1896 300 73) haben an der weiteren Vervollkommnung ihrer Verfahren zur Nutzbarmachung der Sulfitablaugen gearbeitet. Mitscherlich erwarb die D. R. P. Nr. 86651, 93914 und 93945, welche sämmtlich die Verbesserung der Gewinnung von Klebstoffen aus den Sulfitablaugen beabsichtigen.

In eigenthümlicher Weise will H. Schmidt in Schindlers Werk nach D. R. P. Nr. 86542 die aus dem Holze hervorgegangenen Ablaugen zur Erzeugung eines „Kunstholzes“ nutzbar machen. Holzstoff, gemahlene Schneidespäne oder andere genügend zerkleinerte Holzabfälle werden mit den Ablaugen der Zellstoffkocher vermischt. Die aus dieser Masse unter starkem Drucke gepressten Gegenstände erlangen nach dem Trocknen die Eigenschaften des Holzes. Sie sollen sich hobeln, drehen, bohren, schneiden, feilen und poliren lassen, haben aber dem Naturholze gegenüber den Vorzug, dass sie specifisch leichter sind und nicht schwinden. Die als Bindemittel dienenden Zellstoffablaugen werden mehr oder weniger eingedampft oder auch mit etwas thierischem Leim versehen.

Auf dem Farbwerke Friedrichsfeld soll ein Stoff gemäss D. R. P. Nr. 90798 hergestellt werden, welchen man aus Sulfitablauge durch Fällung mit Kupfer- oder Eisensalzen erhält und der Papier wasserdicht macht.

Ueber die Verwendung des Zellstoffes zu anderen Zwecken als wie unmittelbar zur Gewinnung von Papier wurde auch schon früher berichtet (vgl. 1896 300 103 ff.).

Die Kunstseide wird entschieden in weiteren Kreisen benutzt. So werden neuestens auch aus Kunstseidenfäden durch Verkleben mit unlöslich gemachter Gelatine Bändchen erzeugt, welche ähnlich wie solche aus feinem Stroh aussehen, diese aber an Glanz und Widerstandsfähigkeit weitaus übertreffen. Aus solchen Bändchen werden dann z.B. Hüte genäht, welche sich durch ihr gefälliges Aussehen und durch Leichtigkeit auszeichnen.

Von dem an eben vorerwähnter Stelle kurz in seiner Herstellung bereits beschriebenen Zellstoffthiocarbonat von G. F. Cross hört man neuestens, dass es unter dem Namen Viscose (so benannt wegen besonderer Schlüpfrigkeit) einer ausgedehnten industriellen Verwendung zugeführt wird, dass für diesen Artikel Gesellschaften in Deutschland und England gegründet worden sind. Die gewerbliche Verwendung der Viscose beruht auf ihrer Eigenschaft, sich leicht zu zersetzen, wobei sich Zellstoff in amorpher Form abscheidet, der in Wasser unlöslich und sehr widerstandsfähig gegen chemische Einflüsse ist. Bei längerem Stehen zersetzt sich Viscose von selbst und liefert festes Zellstoffhydrat, das beim langsamen Trocknen an der Luft sein Hydratwasser verliert und steinhart wird. Die so erhaltene Masse heisst Viscoid und wird ähnlich wie Hartgummi verwendet (vgl. Papierzeitung, 1897 S. 2511).

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d) Verschiedene andere Rohstoffe.

Noch immer treten alle anderen Rohstoffe, was den Verbrauch und was Häufigkeit in der Anwendung betrifft, hinter den altbekannten Hadern und den Ersatzstoffen aus Holz zurück. Es gibt aber doch schon zu denken, wenn bereits mancherorten, und zwar mit Recht, Schutzmaassregeln gegen den übermässigen Holzverbrauch angewendet werden. Sei es, dass an der Grenze holzreicher Länder ein Ausfuhrzoll vorgeschlagen wird, sei es, dass auf andere Weise der Verkehr der Waare Holz erschwert wird, oder dass sich ganz von selbst eine gewisse Regelung nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage einstellt. Da die Holzproduction dem Holz verbrauche nicht zu folgen vermag, steigt der Preis des Holzes. Damit ist aber für die Papierindustrie ganz besonders nahe gerückt die Frage, wie lange und unter welchen Umständen die Verarbeitung des Holzes zu Papier-Surrogatrohstoffen noch lohnend ist. Weil nun bei der heutigen Cultur ein fortwährendes Steigern des Papierbedarfes, keineswegs eine Abnahme desselben, zu gewärtigen ist, so erweckt jede Nachricht über ein neues Fasermaterial, welches allenfalls geeignet sein könnte, als ein neuer Ersatzstoff wenigstens einen Theil des Bedarfes zu decken, volles Interesse in den Kreisen der Papiermacher.

Textabbildung Bd. 308, S. 194

Carisso wird eine Pflanzenfaser genannt, welche, wenn sich die von Ekman in der Papierzeitung, 1897, gegebenen Nachrichten bewahrheiten sollten, ganz wohl als Papierfaser verwendet werden könnte. Die mikroskopischen Bilder (Fig. 41) geben verschiedene Formen von Fasertheilen aus Blatt und Stengeln wieder. Wir sehen schlichte und zugespitzte, aber auch spiralförmig gekrümmte Fasern, dass man sich ganz gut vorstellen könnte, dass aus diesen allein oder gemischt mit anderen Fasern gute Papiere hergestellt werden. Die Stengel liefern besseren, helleren Stoff; doch sind die Blätter nicht unverwendbar. Die Pflanze wächst in der Umgebung von Guants in Venezuela in solchen Mengen, dass jährlich etwa 40000 t der Rohpflanze bei einem Preis von 21 M. für 1 t frei Bord im Hafen Guants leicht gewonnen werden können.

Um Altpapier gut wieder verwendbar zu machen, finden wir einen, auf den ersten Blick wenigstens, etwas absonderlich aussehenden Vorschlag von E. Moutardier und G. Picard in Virginal nach D. R. P. Nr. 88563. Danach soll grobes oder schmutziges Altpapier, aber auch Alfa, Stroh oder ähnliches Rohmaterial, um aus ihnen gutes, weisses Papier machen zu können, zuerst kalt und unzerkleinert, dann aber heiss und zerkleinert mit einer alkalischen Lauge behandelt werden, der Allylsulfid oder eine Kruziferenessenz oder endlich Knoblauchabsud beigegeben worden ist. Durch den letztgenannten Bestandtheil insbesondere soll die Entfärbung veranlasst werden.

Im amerikanischen Patent Nr. 593011 schlägt Noah Bryant in Otsego vor, die gekochte, dann gewaschene und schon durch die Waschvorrichtung in eine Art Brei verwandelte Altpapiermasse vor einer energischen, weiteren Zerkleinerung durch eine Art Knotenfang gehen zu lassen, dessen längliche Schlitze nicht besonders eng, aber doch so geformt sind, dass der Papierstoff durchgeht, aber Fremdkörper, insbesondere Metalltheilchen verschiedener Art, wie Heftklammern u. dgl., zurückgehalten werden, wodurch den eigentlichen Zerkleinerungsapparaten schonend vorgearbeitet ist.

In eigenthümlicher Weise sollen nach D. R. P. Nr. 88222 von Jakob Feierabend in Niedernhausen Papierabfälle, wie sie besonders bei der Papiermaschine durch die Längsschneider, in Buchbindereien u. dgl. entstehen, wieder nutzbar gemacht werden. Es soll eine Art nachgiebiges Verpackungsmaterial daraus gewonnen werden. Die Papierstreifen sollen auf den Seilspinnmaschinen ähnlichen Apparaten zu festgedrehten Seilen geformt, dann in Stücke von passender Länge geschnitten und endlich wieder aufgedreht werden, wodurch in Folge der bei dem vorangegangenen Zusammendrehen stattgehabten Zerknitterung ein zum Verpacken gut brauchbares Material folgt.

e) Fabrikationswasser.

Die für Papierfabriken ganz besonders wichtige Wasserfrage bezieht sich einerseits auf das Wasser, welches frisch in die Fabrikation eintritt, andererseits auf das gebrauchte Wasser, welches abgeleitet werden muss. Es scheint naheliegend, dass man dann, wenn schon besondere Vorkehrungen für die Ableitung des gebrauchten Wassers getroffen werden müssen, gleich dieses Wasser hinreichend gereinigt wieder als frisches Wasser an den Eingang zurückleitet. Und doch ist die Ausführung, wenigstens so, wie die Sache noch heute liegt, keineswegs im Allgemeinen empfehlenswerth. Der Grand hierfür ist darin zu suchen, dass durch die heute meist üblichen Verfahren zur Abwasserreinigung nur die Klärung des Abwassers angestrebt und auch vielfach erreicht wird, während keine Rücksicht genommen wird auf jene Stoffe, welche sich gelöst im Wasser befinden. Und diese letzteren in die Fabrikation zurückzuführen, ist nicht rathsam.

Für die Wasserreinigung, um frisches, brauchbares Fabrikationswasser zu erzielen, empfiehlt O. Schmidt in seinem D. R. P. Nr. 87417 ein Verfahren, wonach eisenhaltiges, dunkel gefärbtes Wasser dadurch zu reinigen ist, dass es in Behälter oder Teiche geleitet wird, in welchen man eine Pflanzenart (Anacheris) züchtet. Diese vermehrt sich unter geeigneten Bedingungen sehr rasch und nimmt Unreinigkeiten des Wassers auf. Dr. Frühling in Berlin macht dazu die Bemerkung (vgl. Papierzeitung, 1897 S. 427), dass kaum auf eine andere Weise Wasser, welches aus Moorboden stammt und dunkel gefärbt ist, so billig entfärbt und geklärt werden könne, als durch Pflanzenwucherungen. Anacheris ist jedoch nur dort wirksam, wo das Wasser auch genügend kalkreich ist. Die im Wasser schwimmenden Lebewesen müssen allerdings durch ein besonderes Kiesfilter zurückgehalten werden. Dann erhält man aber auch schönes, klares, farbloses, von Eisen und Kalk freies Wasser.

Nach dem Verfahren von Hermann Mensch in Wiesbaden nach D. R. P. Nr. 88519 werden Torf, Lohe u. dgl. dadurch geeigneter für die Klärung und Reinigung von Wasser gemacht, dass man sie vorher kocht oder dämpft. |195| Es sollen durch Einrühren der erwähnten Substanzen ganz vorzügliche Erfolge zu erzielen sein, ohne dass Chemikalien nothwendig sind. Dies dürfte wohl kaum fraglos richtig sein und könnte mehr Zutrauen gefasst werden zu dem Arbeitsgange nach D. R. P. Nr. 87417, Oscar Schmidt in Berlin, weil dieser zu dem feingemahlenen Pulver von Torf, Moor, Braunkohle u. dgl. doch noch den Zusatz geeigneter Chemikalien voraussieht.

Für die Abwässer wurde eigentlich schon weiter oben einiges, was mit der Zellstoffgewinnung unmittelbar zusammenhängt, berührt. Hier sei nun noch solches angeschlossen, was die Abwässer der Papierfabrikation mehr im Allgemeinen betrifft. Vor allem ist dafür zu sorgen, dass das in den Abwässern enthaltene Fasermaterial zurückgehalten wird. Der einfachste sicherste, aber wegen der benöthigten grossen Grundflächen nicht immer billigste Weg, dieser Forderung zu genügen, ist die Anwendung von hinreichend geräumigen Klärbassins. Etwas anderes ist es mit der Entfärbung. Da bleibt vielfach nichts übrig, als gefärbtes Abwasser, z.B. von Buntpapierfabriken, durch Zufuhr einer genügend grossen Menge reinen Wassers so weit zu verdünnen, dass die Farbe nicht mehr unangenehm wird.

Textabbildung Bd. 308, S. 195

Um die Fasern zurückzuhalten, überhaupt suspendirte Stoffe abzufiltriren, werden neuestens an manchen Orten die sogen. Wormser-Platten, hergestellt von dem Wormser Filterplattenwerk Bittel und Cie., als sehr wirksam empfohlen (vgl. Papierzeitung, 1896 S. 864). Diese Platten bestehen aus einem Gemenge von reingewaschenem Flussand und Wasserglas und werden bei 1200° gebrannt. Die Platten haben eine Stärke von 10 cm und eine Fläche von 100 × 100, 100 × 50 oder 50 × 50 cm. Nach dem Brande besitzen die Steine helle Sandsteinfarbe, gleichmassig körniges Gefüge, grosse Härte, Unveränderlichkeit und doch entsprechende Durchlässigkeit und können ohne Bedenken auch bei säurehaltigen oder schwach alkalischen Flüssigkeiten benutzt werden. Die Steine werden für Filterzwecke zu Elementen und diese zu Batterien zusammengestellt. Zwei solcher Elemente zeigt Fig. 42. Wir bemerken, dass je zwei Platten a durch eine 60 bis 80 mm breite und 20 mm starke Cementschicht b aus einander gehalten werden, wodurch Hohlräume entstehen, die durch kleine, eingefügte Rohrstücke mit einem für eine Batterieabtheilung gemeinsamen Rohre c verbunden sind. Die so gebildeten Filterelemente werden aussen von dem zu filtrirenden Wasser umflossen. Die suspendirten Bestandtheile werden an den Aussenflächen zurückgehalten, während aus den Innenräumen der Elemente das eingedrungene, geklärte Wasser abgeleitet wird. Das Fasermaterial, welches sich aussen an den Platten ansetzt, kann zeitweise abgekehrt und allenfalls nutzbar gemacht werden, ebenso wie man zeitweise durch einen, dem früher erwähnten entgegengesetzten Strom reinen Wassers die Platten selbst auswaschen kann. Ein solches Element soll im Stande sein, je nach der Beschaffenheit des Wassers 3 bis 9 cbm in 12 Stunden zu filtriren.

Textabbildung Bd. 308, S. 195

Eine hübsch durchdachte hierher gehörige Anlage ist jene nach System Tomischka, patentirt in Oesterreich-Ungarn und Deutschland und beschrieben in der Papierzeitung, 1896 S. 126.

Fig. 43 gibt eine allgemeine Vorstellung über die Anlage, Fig. 44 und 45 geben Einzelheiten. Danach kommt durch Kanal n das Abwasser in das sehr gross gedachte Sammelbecken a, dessen Sohle a1 geneigt gemacht ist. In dem grossen Becken a können die mitgerissenen Fasern sich sicher auf den Boden absetzen und bilden dort die faserigen Bestandtheile eine Art Schlamm. An der Oberfläche sind am ganzen Rande des Beckens a theilweise geneigte Filterkästen eh angebracht, durch welche das an der Oberfläche befindliche, schon durch das erfolgte Absetzen wesentlich reinere Wasser endgültig gereinigt wird, so dass hinter den Filterkästen das hindurch gesickerte Wasser ohne Bedenken in dem umlaufenden Kanäle b gesammelt und durch Kanal oder Rohr o (Fig. 43) vollständig abgeleitet wird.

Textabbildung Bd. 308, S. 195

Um die am Boden abgesetzten Theile entfernen zu können, sind Kanäle f1 gegenüber von n an mehreren Stellen vorhanden, welche gegen das Becken durch Schieber p absperrbar sind und in einen Hauptkanal f münden, der den Schlamm weiter zur Schlammgrube g (Fig. 43 und 45) führt. Weil sich auch in der Grube g an den höher liegenden Stellen noch klares Wasser absetzt, so empfiehlt |196| es sich, auch für die gesonderte Ableitung dieses Wassers zu sorgen, deshalb haben wir dort einen Filter q und Schieber d, nach dessen Eröffnung klares Wasser durch den Seitenkanal m gegen o abfliessen kann. Behälter a wird nun folgendermaassen gereinigt. Es wird einer der Schieber p geöffnet und wird in Folge dessen der in seiner Nähe befindliche Schlamm durch den Wasserdruck in a nach g gedrängt. Dies lässt man so lange geschehen, bis man bemerkt, dass reineres Wasser kommt. Dann schliesst man den offen gewesenen Schieber p und öffnet einen anderen, so dass man allmählich den Boden in a vom Schlamme befreit. Aus g befördert eine Schlammpumpe mit Rohr g0 und daran gehängtem Saugkorbe den Schlamm an jenen Ort, wo dessen Weiterarbeitung stattfindet. Nach vorliegenden Nachrichten ist es möglich, den Schlamm mit Fasern so stark anzureichern, dass er sich zu einer Entwässerung auf einer Pappenmaschine ganz wohl eignet.

Textabbildung Bd. 308, S. 196
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