Titel: Die erste Acetylen-Fachausstellung in Berlin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 308 (S. 217–220)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj308/ar308068

Beleuchtung.
Die erste Acetylen-Fachausstellung in Berlin.1)

Bericht von Franz Peters.

Mit Abbildungen.

Der Gedanke, zum ersten Mal öffentlich zu zeigen, wie weit es die junge Acetylen-Industrie in ihrer etwa 3jährigen Entwickelung gebracht hat, rührt von A. Tenner her. Er hat ihn mit grosser Energie ins Werk gesetzt und mit viel Umsicht in kurzer Zeit eine wohl gelungene Ausstellung geschaffen. Das Einbauen hat Fr. Goehde geleitet. Diesen beiden in Verbindung mit Kurt E. Rosenthal und Henking gelang es, in 5 Tagen die Ausstellungsgegenstände der mehr als 60 Firmen in der 3500 qm grossen Halle übersichtlich und wirkungsvoll unterzubringen.

Die mehr als 25000 Besucher, die in den wenigen Tagen die Ausstellung besichtigten, haben wohl alle den Eindruck mitgenommen, dass die Acetylen-Industrie schon jetzt eine Macht geworden ist, mit der die anderen Beleuchtungs-Industrien zu rechnen haben, und die eine kraftvolle Weiterentwickelung verheisst.

Den Hauptraum der grossen Halle nahmen die Acetylenentwickelungsapparate ein. Die im Betriebe befindlichen waren auf Verfügung der Polizei ausserhalb des Gebäudes in einzelnen Bretterverschlägen aufgestellt. Nächst diesen Apparaten beanspruchten das meiste Interesse die Acetylenbrenner und sonstigen Beleuchtungsgegenstände. Ihnen schlössen sich Heiz- und Kochapparate der verschiedensten Art und Acetylengasmotoren an. Ferner waren Roh- und Endproducte der Calciumcarbidfabrikation, Elektroden, Werkzeuge und Maschinen zum Baue von Acetylenentwicklern, Apparate und Instrumente zur Untersuchung des Acetylens und eine Auswahl der einschlägigen Litteratur vertreten.

1) Acetylenentwickelungsapparate.

Die ausgestellten Acetylenentwickler lassen sich in zwei Klassen unterbringen. Bei denen nach dem einen Hauptsystem tritt das Wasser zum Calciumcarbid, die nach |218| dem anderen arbeiten mit Zuführung des Calciumcarbids zum Wasser. Bei den Apparaten der ersten Klasse strömt das Wasser entweder von unten zum Carbid, oder es tropft von oben auf den gasliefernden Stoff auf. Der untere Wasserzutritt erfolgt zu kleineren Carbidbehältern, die entweder neben oder über einander angeordnet sind. Praktisch am wenigsten zu empfehlen wird das Tropfsystem sein, da das Wasser und auch das Acetylen sich stark erhitzen, und eine Wasserkühlung kaum möglich ist. Die untere Zuführung von Wasser zum Carbid dürfte bei richtiger Construction der Apparate der weitesten Anwendung fähig sein, während die auf der Einschüttung von Carbid ins Wasser basirten Constructionen wohl hauptsächlich nur für grosse Centralen in Betracht kommen, da die plötzliche Entwickelung der grossen Gasmenge auch die Anbringung eines entsprechend umfangreichen Gasometers voraussetzt, um den hohen Anfangsdruck unschädlich zu machen.

Nach den am meisten angewendeten Principien hat die Deutsche Acetylengas-Gesellschaft m. b. H. (Berlin) vier verschiedene Apparate gebaut und ausgestellt, die sie „Orion“ nennt. Am meisten in Gebrauch, einfach und praktisch ist „Orion I“, bei dem der Wasserhahn automatisch durch das Sinken und Steigen der Gasometerglocke geöffnet und geschlossen wird und eine grössere Nachvergasung durch Anbringung mehrerer Vergaserabtheilungen vermieden ist. Die Vergaser sind liegende Cylinder, über denen sich Kühlkästen befinden. Das Wasser fliesst aus dem Reservoir je nach der Stellung eines Zuführungsrohres in verschiedene Abtheilungen einer Mulde, von denen die eine Hälfte mit den Vergasern, die andere mit den Kühlern bezieh. Reinigern in Verbindung steht. Sobald ein Vergaser ausgenutzt ist, greift eine an der Gasglocke des Gasometers befestigte Klinke an einen Hebel, der das Einlaufrohr über das nächste Fach der Vertheilungsmulde drückt. Zur grösseren Sicherheit des Betriebes ist an jedem Apparat ein Ueberdruckventil angebracht, das zugleich Manometer ist.

Auch die „Hera“, Internationale Gesellschaft für Acetylenbeleuchtung (Berlin), bringt bei ihren Acetylenanlagen, von denen solche für 5, 10, 20, 50 und 100 Flammen ausgestellt waren, statt eines grossen Entwicklers mehrere kleine an. Der Wasserzulauf zu den Carbidbehältern erfolgt durch Löcher in den Seiten wänden, die von einem zum anderen Entwickler in stufenweise ansteigender Höhe angebracht sind. Die Gasometerglocke ist durch Gewichte beschwert. Beim Steigen stösst sie gegen über ihr hängende Gewichte und hebt auch diese. In diesem Augenblicke entsteht unter der Glocke eine kleine Druckerhöhung, die, rückwärts wirkend, das Wasser in den Entwicklern nach unten drängt. Es steigt erst wieder zu dem Einlauf loche, wenn die Glocke so weit gesunken ist, dass die Gewichte nicht mehr aufliegen. Die Druckdifferenzen machen die Einschaltung eines Regulators zwischen Reservoir und Rohrleitung nothwendig. Der vom Acetylen mitgerissene Wasserdampf wird in einer Condensationsschlange im Inneren des Reservoirs verdichtet.

In den wesentlichsten Merkmalen mit dem beschriebenen übereinstimmend ist der Acetylengasapparat, den die Metallwerke Bruno Schraum, G. m. b. H. (Ilversgehofen-Erfurt), in sehr solider und geschmackvoller Ausführung darboten. Die Mulde, die das Carbid aufnimmt, ist in mehrere Fächer getheilt, die nach einander von dem Wasser angefüllt werden. Damit beim Oeffnen und Auswechseln der Mulde kein Gas entweichen und Luft so gut wie gar nicht eintreten kann, ist der obere Theil des Entwicklers durch eine Scheidewand abgeschlossen. Die Regulirung der Wasserzuführung geschieht ohne Ventile und Ketten durch den Gasdruck. Wenn das Gasometer mit einer bestimmten Menge Gas gefüllt ist, belastet es sich durch ein kleines Gewicht. Die hierdurch entstehende geringe Drucksteigerung sperrt den Wasserzufluss sofort ab.

Aehnlich wie „Orion I“ arbeitet der Apparat „Mars“, den die Deutsch-Oesterreich-Schweizerische Acetylengesellschaft (Lindau i. B.) ausgestellt hatte, durch Ueberschwemmung je einer Entwickelungskammer mit Wasser. Die Aehnlichkeit zeigt sich auch darin, dass Wasservertheiler für die verschiedenen Vergaser angebracht sind. Ist das Carbid in einem Vergaser ausgenutzt, so sinkt die Gasglocke so tief, dass der automatische Wasserregulator durch eine an der Glocke angebrachte Schere auf den nächsten Vergaser umgeschaltet wird. Die Vergasungsschubladen sind ringsherum mit einem Wasserkühlgefässe, das oben einen offenen Füllkasten hat, versehen. Da keine Hähne, sondern nur Wasserverschlüsse vorhanden sind, und die Umschaltung bei der Wasserzuführung automatisch arbeitet, können kaum Fehler bei der Bedienung vorkommen. Sollte dennoch die Gasometerglocke einmal über die normale Höhe steigen, so öffnet sich im Gasometer automatisch eine Röhre, und durch ein damit zusammenhängendes, unten austretendes Rohr kann das Gas ins Freie strömen. Ausgestellt war ein Apparat für 10 bis 15 und einer für 60 Flammen.

Die Sächsische Acetylengas-Industrie Dan. Heinr. Balz und Co. (Dresden-Gruna) setzt in den Entwickler zur Aufnahme des Carbids einen doppelwandigen Korb aus starker Drahtgaze, der am Boden einen Konus hat, und misst die zur Vergasung nothwendige Wassermenge durch ein besonders construirtes Ventil ab. Durch diese Gesammtanordnung sollen trockene Rückstände erzielt werden, die zur Mörtelfabrikation verwendbar sind. Aus den Entwicklern gelangt das Gas durch weite Röhren in einen getheilten Condensraum, von diesem wieder in grossen Röhren durch das Wasser in das Gasometer, in den anderen Theil des Condensraumes und dann in die Leitung.

F. Ringwald ordnet in einem gemeinsamen Wasserbehälter mehrere senkrecht stehende Gaserzeugungsretorten an. Diese nehmen das Carbid in durchlöcherten Blechkörben auf und werden danach durch einen Bügelverschluss luftdicht abgeschlossen. Wird ein von aussen erreichbarer Handgriff nach rechts gedreht, so tritt Wasser von unten in eine Retorte und überschwemmt sofort die ganze Menge Carbid. Das entwickelte Acetylen strömt durch Rohre, die unter Wasser münden, in eine zu zwei Dritteln gefüllte Vorlage und weiter durch ein über dem Wasser endigendes Rohr zum Gasometer. Das Wasser in der Vorlage dient als automatischer Gasabschluss, so dass also jede Retorte von der anderen unabhängig ist und man nach Belieben mit einem oder mehreren Entwicklern arbeiten kann. Ist die Gasentwickelung beendigt, so wird der erwähnte Handgriff nach vorn gedreht, und dadurch das Kalkwasser entleert. Bei Linksdrehung fliesst das Wasser aus dem Kühler. Die Nachfüllung von Wasser erfolgt von der Vorlage aus automatisch durch eine Schwimmervorrichtung.

|219|

Nach den Angaben von Franz Vörös construirte Entwickelungsapparate führten Armin und Franz Steiner (Budapest) vor. Zwischen den Wasserbehältern c und m (Fig. 1) bewegt sich die Gasometerglocke d. Der innere Cylinder wird durch das Rohr e gefüllt. Unter den Wasserbassins liegen die Carbidretorten a und a1. Zu ihnen fliesst beim tiefsten Stande der Gasometerglocke d aus dem Behälter m durch das Rohr h Wasser. Das Acetylen entweicht durch die Röhren b und b1 und hebt die Glocke. Dabei wirkt die an ihr befestigte Zahnstange i auf das Zahnrad k derartig, dass das Ventil v geschlossen wird. Aus dem Gasometer streicht das Acetylen erst durch Rohr f in den Trockner und Reiniger g und dann nach der Verbrauchsstelle.

Textabbildung Bd. 308, S. 219

Bei dem „Victoria”-Acetylengasapparate, den Carl Imme jun. (Berlin) ausstellte, drückt beim Sinken der Gasometerglocke ein innen an ihr befestigtes Gewicht auf eine Taucherglocke, deren Gehäuse mit dem Gasometer communicirt. Das die Taucherglocke überfluthende Wasser tritt durch ein Rohrsystem in den ersten Carbidkasten eines Entwicklers und überschwemmt diesen. So kommen alle kreisförmig angeordneten Kästen des ersten Erzeugers nach einander zur Entwickelung. Dann übersteigt das Wasser ein drehbar gelagertes Schleifenrohr und strömt in einen zweiten Entwickler, dessen Inhalt ebenso nach und nach aufgebraucht wird. In der Zwischenzeit kann die Carbidpatrone des ersten Entwicklers wieder neu beschickt werden.

Das Princip des Kipp'schen Apparates verwenden „Orion II“ der Deutschen Acetylengas-Gesellschaft m. b. H. (Berlin), die von Ludwig Rümelin (Graz) ausgestellten Entwickler, an denen der Berichterstatter Neues nicht entdecken konnte, und der „Helios“-Apparat von Meissner und Co. (Chemnitz i. S.), der auch nichts weiter als eine constructiv gute Ausführung des erwähnten Princips darstellt. Wie die Gasentwickelung wird auch ein Sicherheitsventil durch Wasser automatisch geregelt. Es öffnet sich und lässt das Gas in die Luft entweichen, wenn der Druck über 8 cm Wassersäule steigt. Auch das nachentwickelte Gas wird ins Freie geführt. Die Entwickler stehen in einem grösseren Bassin mit Wasser.

Wohl am zahlreichsten waren die für kleinere Anlagen sehr empfehlenswerthen Apparate vertreten, bei denen das Wasser, von unten aufsteigend, allmählich das etagenweise angeordnete Calciumcarbid zersetzt.

Emile Engasser (Colmar i. E.) setzt in den Entwickler einen aus fünf Etagen bestehenden Carbidbehälter ein und verschliesst dann den Deckel fest. Bei unterem Stande der Gasometerglocke wird durch einen Hebel der Hahn am unteren Wassereintrittsrohr geöffnet und dadurch der unterste Carbidbehälter mit Wasser überschwemmt u.s.f. Der Inhalt eines Behälters reicht gerade zum Füllen der Gasometerglocke aus. Sollte zu viel Calciumcarbid hineingeschüttet sein, so würde der Ueberdruck das Ventil an einem Wassersiphon öffnen und das Wasser hinausdrängen, so dass das überschüssige Gas entweichen könnte. Dann schliesst sich das Ventil wieder selbsthätig.

Bei den Apparaten der Acetylen-Industrie-Gesellschaft, G. m. b. H. (Berlin), wird ein Cylinder, der die mit zehn Tellern versehene Calciumcarbidpatrone aufnimmt, von zwei äusseren, 60 mm tiefer hinabgehenden Cylindern mit gemeinschaftlichem Boden umgeben. Das Wasser tritt erst in den äusseren Cylinder, fällt über die Oberkante des mittleren Cylinders, steigt dann vom Boden des inneren in die Höhe und benetzt die mit Carbid gefüllten Teller der Reihe nach. Eine über die beiden mittleren Cylinder gesetzte Glocke trägt einen Dom, der von einem Wassermantel umgeben ist, zur Sammlung und Fortführung des Acetylens. Es streicht dann durch Reinigungsmassen, die sich auf dem Siebboden von vier Cylindern befinden, und tritt endlich in das Gasometer. Dessen Glocke schliesst und öffnet beim Auf- und Niedersteigen die Wasserzufuhr durch zwei Klinken. Ausser einem 400flammigen, im Betriebe vorgeführten Apparate war ein 60- und ein 15flammiger, letzterer ohne Reiniger, vertreten.

Textabbildung Bd. 308, S. 219

Eine ganz ähnliche Wasserführung zeigten die von F. Butzke und Co. (Berlin) ausgestellten Apparate „Universal“, die für eine grösste Leistung von 140 Flammen im continuirlichen Betriebe eingerichet werden können.

Der Entwickler b (Fig. 2) besteht aus zwei oder mehr Abtheilungen, die je einen Behälter x aufnehmen. In diesem befindet sich ein Rahmengestell u mit Carbidkasten v. Die Seitenwände des auf x aufsitzenden Deckels s schieben sich zwischen Entwickler- und Behälterwand ein. Lässt man durch das Trichterrohr o auf s Wasser auffliessen, so gelangt es zwischen Entwickler b und Deckel s nach unten, steigt zwischen den Seiten wänden von s und x nach oben, fällt auf den Boden von x und hebt zunächst den untersten Carbidkasten v, bis sein weiteres Steigen durch den Rahmen u verhindert wird. Dann versinkt er durch das eintretende Wasser und entwickelt seinen Inhalt vollständig. Das Gas strömt durch das mit den Hähnen r und f verschliessbare Rohr g zunächst nach dem Wasserabscheider c und von hier nach der Auffangglocke. Bei deren Verlassen geht es noch durch einen Reiniger. Beim Steigen der Glocke hört der Zug an einem Hebel, der einen Hahn im Wasserzuflussrohre bethätigt, auf; ein am anderen Hebelarme angebrachtes Gewicht kommt zur Wirksamkeit und schliesst den Hahn. Lässt die Gasentwickelung nach, so öffnet die Glocke beim Sinken durch Zug an dem Hebel den Hahn wieder, Wasser strömt zu, überschwemmt einen frischen Carbidbehälter u.s.f. Ist der Inhalt aller in einem Rahmen angebrachten Kästen ausgenutzt, so steigt das Wasser über die Scheidewand in die nächste Abtheilung und verbraucht deren Inhalt nach und nach. Währenddem |220| schliesst man den Hahn f der ersten Abtheilung, öffnet den Lufthahn r, lässt durch q das Wasser ablaufen, hebt s ab und nimmt den Rahmen u mit den Carbidkästen zur Reinigung heraus. Sollte sich in der Gasometerglocke ein Ueberschuss an Gas ansammeln, so schiebt sich ihr mittleres Führungsrohr zwischen ein in der Glocke unter Wasser tauchendes Doppelrohr ein und bewirkt durch Wasserverschluss eine Dichtung. Das überschüssige Gas entweicht dann durch das Führungsrohr.

(Fortsetzung folgt.)

6. bis 20. März 1898.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: