Titel: Elektrische Arbeitsübertragung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 308/Miszelle 2 (S. 220)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj308/mi308mi10_2

Elektrische Arbeitsübertragung.

Ein hervorragendes Beispiel für die Verwendung elektrischer Arbeitsübertragung in Fabriken anstatt der Transmission der Arbeit durch Wellen und Seile bietet die Uhrenfabrik der Gebrüder Junghans in Schramberg. Dieses Geschäft, das grösste seiner Art, mit einer Jahresproduction von über 1 Million Uhren, beschäftigt gegenwärtig 1881 Arbeiter, und war seit einer Reihe von Jahren durch die stetige Zunahme des Umfangs seiner Production fortgesetzt gezwungen, Neubauten zu errichten, welchen die nöthige Betriebskraft aus einer gemeinsamen Kraftquelle, einer liegenden Kuhn'schen Zweicylindermaschine von 250 , mittels Seil- und Wellentransmissionen zugeführt wurde. Rücksicht auf örtliche Verhältnisse und der Wunsch, etwaige durch die übertragenden Theile verursachte Betriebsstörungen auf ein möglichst kleines Gebiet zu beschränken, veranlassten, der Frage näher zu treten, ob die bisherige Uebertragungsweise nicht zweckmässig durch elektrische Uebertragung mit besonderem Elektromotor für jede Abtheilung der Fabrik ersetzt werden könnte. Es lag um so näher, an die Verwendung der Elektricität zu motorischen Zwecken zu denken, als die Beleuchtung der Fabrik schon eine bedeutende elektrische Energie beanspruchte und eine Verlegung des durch eine ungenügende Wasserkraft betriebenen Elektricitätswerks für die Beleuchtung der Stadt Schramberg nach der Fabrik in Aussicht genommen werden musste. Die der Elektricitäts-Actiengesellschaft vormals Schuckert und Co. in Nürnberg übertragene Ausführung gestaltete sich folgendermaassen:

Eine stehende Dreicylinderdampfmaschine von Kuhn in Stuttgart-Berg mit Condensation, welche bei 120 minutlichen Umdrehungen etwa 750 besitzt und von zwei Kuhn'schen Grosswasserraumkesseln mit 12 at Ueberdruck und zusammen 306 qm Heizfläche gespeist wird, ist mit einer Gleichstrom-Nebenschlussdynamo Type AF 500 der Elektricitäts-Actiengesellschaft vormals Schuckert und Co. gekuppelt. Dieser Gleichstromgenerator liefert bei 245 Volt 2040 Ampère mit einem Wirkungsgrad von 93 Proc. Ein zweiter Generator AF 92 von derselben Firma, welcher bei 400 minutlichen Umdrehungen 245 Volt und 375 Ampère mit 91 Proc. Wirkungsgrad, also mit 137 Arbeitsaufwand ergibt, wird – unmittelbar neben dem Dampfmaschinenraum – durch Riemen von einer Turbine angetrieben, Letztere erhält ihr Wasser aus einem etwa ½ km entfernten Sammelweiher her mit 60 m Gefälle und ihre Leistung schwankt zwischen 150 und 125 . Diese beiden Kraftmaschinen geben ihre elektrische Energie an die Sammelschienen einer Schalttafel ab, welche den Ausgangspunkt der Kraft- und Lichtleitungen zu den einzelnen Räumen der Fabrik sowie des städtischen Leitungsnetzes bilden. Die Kraftleitungen führen zu Elektromotoren mit 240 Volt Spannung und zwar sind vorhanden:

1 Motor mit 76 ,
4 Motoren mit je 58
4 Motoren mit je 43
1 Motor mit 26
2 Motoren mit je 18
1 Motor mit 15
1 Motor mit 0,5 in den Lichtleitungen
mit 120 Volt.

Jeder der 240voltigen Motoren ist für eine grössere Gruppe von Arbeitsmaschinen bestimmt, auf die er seine Leistung durch Riemen und Wellen überträgt.

Die Lichtleitungen in der Fabrik sowie die Stadtleitungen sind nach dem Dreileitersystem angeordnet; die Spannungstheilung in 2 × 123 Volt erfolgt durch eine Accumulatorenbatterie von der Accumulatorenfabrik A.-G. in Hagen i. W. mit 136 Zellen, und – da diese mit grossen Gelassen versehenen Zellen zunächst nur auf 72 Ampère Entladestrom und 360 Ampère-Stunden Capacität ausgebaut sind, um nach Bedarf erweitert zu werden – durch zwei Ausgleichsdynamomaschinen. Zur Ladung der Batterie ist in sinnreicher, der Elektricitäts-Actiengesellschaft gehörender Schaltung eine Zusatzmaschine beigefügt. Da die Fabrik vom Mittelpunkt der Stadt Schramberg eine Entfernung von etwa 1 km besitzt, so war zur Vermeidung zu theuerer Leitungen ein grösserer maximaler Spannungsverlust in den Speiseleitungen in Aussicht zu nehmen (auf jeder Seite des Dreileitersystems 14 bis 15 Volt; um bei geringem Stromverbrauch, also kleinem Spannungsverlust in den Leitungen, die Lampen nicht durch zu hohe Spannung zu schädigen, wurde ein selbsthätig wirkender Hauptstromspannungsregulator in jedem Dreileiterbezirk gelegt, der durch künstliche Widerstände die zu hohe Spannung jeweilig wegnimmt. Zur Zeit sind in Fabrik und Stadt 2100 Glühlampen und 15 Bogenlampen eingebaut.

Der Betrieb gestaltet sich einfach und wirthschaftlich, wozu die Wasserkraft wesentlich beiträgt, indem sie den Abendlichtbetrieb der Stadt und die in den späten Abendstunden zu vollziehende Accumulatorenladung übernimmt. Die Stärke der Arbeitsquellen ist so hoch gegriffen, dass die beschriebene Neuanlage eine genügende Sicherung gegen Störung in sich selbst trägt; eine weitere Ersatz- und Hilfskraft, welche eine Unterbrechung des Betriebes durch Störungen in den Kraftquellen beinahe zur Unmöglichkeit macht, liegt darin, dass die eingangs erwähnte 250pferdige (starke Mehrbelastung ertragende) Dampfmaschine mit einem Theil der früheren Kraftübertragung sowie mit vier zum Theil ohnehin in Betrieb befindlichen Kesseln von 8 at Ueberdruck und einer gesammten Heizfläche von 400 qm jederzeit betriebsbereit steht, so dass in kürzester Frist ein irgendwie ausfallender elektrischer Generator mit unwesentlichen Einschränkungen ersetzt wäre. Es sei hierbei bemerkt, dass jede Minute Betriebsstörung die tägliche Production um 8 Uhren vermindert.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: